Der deutsche Michel und der homo oeconomicus

Der deutsche Michel und der homo oeconomicus
@ Don Alphonso: Schöner Beitrag, bis auf jenen Satz vielleicht: „…und die Stabilität des hiesigen Banksystems, das nicht etwa wegen der Sparer an sich, sondern eher wegen dummdreister Zockerei mit ihrem Geld auf anderen Märkten beinahe vor die Hunde gegangen wäre.“ Gut gemeint vielleicht, aber die Situation stellt sich ein wenig komplexer dar. Lange vor der Krise las ich in der Zeitung – vielleicht war es die, mit den vielen klugen Köpfen hinter -, dass das deutsche Finanzkapital (diesen Begriff verwendete man aus begreiflichen Gründen so nicht!) sich gegenüber dem US-amerikanischen im Nachteil sähe, und zwar (und da laust einem geradezu der Affe, wenn man sieht, dass das angesichts der Milliardenpleite zu Lasten der Zukunftssicherung von Millionen Amerikaner wirklich ernst gemeint war), weil der Deutsche im Gegensatz zum Amerikaner sein Geld lieber aufs Sparkonto trüge, anstatt es in Form von Aktien, Wertpapieren, Zertifikaten, Derivaten und anderen mehr oder weniger riskanten Papierchen solchen Firmen wie Enron und Co. in den wohlfeilen Rachen zu schieben. Dieses Geld wäre genau die „Spielmasse“ (auch dieser Begriff fiel nicht), die man benötige, um sich auf dem internationalen Parkett besser zu positionieren, aber nicht als Geld, sondern als Kapital. Es wäre geradezu ärgerlich, sein Geld so nutzlos rumliegen zu lassen. Selbst die ja wohlweislich nach unten korrigierte Verzinsung jener Sparkonten, könnte die Deutschen keines besseren belehren. Dann kam die Krise! Und mit dieser eine nun ins gigantische gehende Verschuldung des Steuerzahlers, womit man indirekt endlich den Zugriff auf diese Sparkonten erhalten haben mag – zumindest perspektivisch, noch nicht wirklich. Mag sein, dass der deutsche Sparer sich klüger verhält als der Amerikaner, aber erstens sehen das die Banken keineswegs so, und zweitens hat er daher auch keine Chance, der Sparer. Vor allen Dingen ist die Stabilität des deutschen Bankensystems mitnichten auf jene Sparermentalität zurück zu führen, denn das billige Geld auf den Konten als solches scheint den Banken nichts zu bedeuten. Ja im Gegenteil, es wird den deutschen Sparern der Vorwurf gemacht, dass die deutschen Banken deswegen so relativ bedeutungslos wären, weil sie eben die Option das Spargeld zu kapitalisieren so nicht hätten. Also Stabilität auf niedrigstem Niveau, das in etwa wäre daraus die Erkenntnis!
Nun ja, der homo oeconomicus ist offensichtlich kein so deutscher Staatsbürger, wie der sprichwörtliche „Michel“. Und vielleicht finden wir noch heraus, ob ihm das mehr nützt als schadet. Die Krise ist ja noch nicht zu Ende.

Damit die Soldaten überleben
@Strobl: Grüße Sie, schön dass Sie mal rein schauen. Muss Ihnen aber leider widersprechen. Natürlich kann eine Gesellschaft als Ganzes sparen, auf Kosten anderer – Gesellschaften! Und das ist auch der Punkt, um den es unter dem Stichwort Finanzindustrie letztlich geht. Es wird nicht wirklich Geld aus Geld gemacht – so nur die Ideologie, die verkürzte Version. Es wird den anderen nur weggenommen, sinnigerweise denen, die ehe schon nichts haben – außer billige Arbeitskraft. Und da sind wir beim Thema: Geld das anderen weg genommen wird, müssen die verdienen, die keines haben. Theoretisch ist das also möglich, was uns hier versprochen wird, aber der Pferdefuß darin ist jene imperialistische Logik, die, die nämlich unterschlägt, dass die Voraussetzung dafür sein müsste, dass andere Gesellschaften, also jene, die selbst ihre Arbeiter ausbeuten, sich von uns ausbeuten ließen – und zwar auf Dauer. Verspricht man also eine sichere kapital-gedeckte Rente einem Volk, dessen eigene Arbeitskraft dafür vermutlich nicht ausreicht, dann verspricht man nicht mehr und nicht weniger als eine aggressive imperialistische Politik, eine solche, die einen Wechsel enthält, welcher zur gegebenen Zeit als Krieg eingelöst werden wird.

Das ist im Übrigen auch die unterschlagene Seite eines „Methusalemkomplotts“ bei einem Frank Schirrmacher. Denn selbstredend kann eine Nation aus lauter „Rentnern“ ernährt werden, vorausgesetzt, die Profite, die da aus den „Coupons geschnitten werden“ (Karl Marx zum seinerzeitigen besonderen Charakter der französischen Couponschneiderbourgeoisie, bzw. auch Lenin in „Der Imperialismus als höchstes Stadium des Kapitalismus“, zum „Rentnerstaat“, der dort als „Staat des parasitären Kapitalismus“ bezeichnet wird), sind groß genug, um ein ständiges Heer mitzutragen, ein solches, das (und wir sehen an dem Konsumkapitalismus-USA, wie das funktioniert) jedes außenpolitische Problem mittels Krieg zu lösen hätte, bzw. mit der Drohung eines solchen. Und diese Soldaten müssten alles gekaufte und gut bezahlte Söldner sein, denn das eigene Volk wäre ja wohl für solche Dienste schon überaltert.

Der Punkt ist also der, dass es geht, nur, zu welchen Bedingungen. Die Vorstellung nämlich, dass der Westen (wer auch immer das in Zukunft sei!) ein unantastbares Monopol auf die Hochtechnologie hätte, ein solches also, was es ihm ermöglicht, den Rest der Welt auf Dauer unter seine Knute zu zwingen, will heißen: diese auf ewig rückständig zu belassen – wodurch also Extraprofite erst möglich werden -, ist als eine friedliche Perspektive nicht möglich. Denn diese Option bedeutet für diese Völker Hunger, Tod, Hungerrevolten, Bürgerkrieg, Krieg, ja Untergang. Und wir müssen nicht all zu weit in die Geschichte zurück gehen um zu erfahren, wie genau das nicht passieren wird.
Die sog. „Weltordnungskriege“ (einschließlich des Krieges gegen den „Terrorismus“) sind im Grunde schon der Beginn jener kriegerischen Auseinandersetzungen, die von nun an nicht mehr aufhören werden.

Es wird also Zeit zu begreifen, dass wir uns hier nicht mehr über (binnen-)ökonomische Konzepte unterhalten, sondern längst um politische wie ideologische, auf jeden Fall aber um militärisch konnotierte. Und dass die Frage von Krieg und Frieden darin die politische Hauptfrage ist, dürfte so klar sein, wie die Tatsache, dass Krieg und proletarische Revolution – in welcher Form auch immer – darin den Hauptinhalt dieser Epoche ausmachen, und nicht der Wechsel zwischen Wachstum und Krisen. Die Rente ist allein deswegen nicht sicher, weil das Kapital alle Reserven mobilisieren, also alles zu Kapital machen wird, um diesen Krieg zu bestehen. Vielleicht wird gar die Horrorvision eines antiken Sparta am Horizont aufziehen, nämlich dann, wenn wieder „unwertes Leben“ aussortiert werden wird, damit die Soldaten überleben.

Getrieben ja!, doch reaktionärer denn je!
@Strobl: Wenn Sie mit dem Satz „man kann auch dem Ausland den Schuldenteil aufs Auge drücken“ recht haben, und Sie haben darin recht, dann können Sie darin eben nicht recht haben, wenn sie schreiben: „die Staaten selbst verfolgen im engeren Sinn kein eigenes Interesse mehr, sondern sind schlicht Getriebene der internationalen Finanzmärkte“, denn wer drückt den den anderen „den Schuldenteil aufs Auge“?

Selbstredend ist die Imperialismustheorie Lenins oder gar Hilferdings so nicht mehr ganz aktuell – und harrt daher ihrer Weiterentwicklung. Aber „getriebener der internationalen Finanzmärkte“ zu sein, heißt eben auch: getriebener des Finanzkapitals“. Denn nicht nur sollte das Finanzkapital heute ein wenig anders zu begreifen sein als zu Lenins Zeiten, sondern es sollte auch nicht nur als Subjekt zu verstehen sein. Objektiv betrachtet sind Finanzmarkt und Finanzkapital identisch, denn das Subjekt Finanzkapital (soweit man davon überhaupt reden kann, denn eigentlich gibt es nur die Bourgeoisie als Klasse) ist heute ein anderes als vor 100 Jahren. Wenn wir heute von Finanzkapital reden, dann meinen wir vor allem jene „Managerklasse“, die sich erst nach dem 2. Weltkrieg heraus gebildet hat, und die nicht so recht ins Bild des Kapitalisten passen mag. Aber auch hierin zeigt sich die Tendenz zur Auflösung der Klasse als Subjekt. Manager sind formal betrachtet Angestellte, wenn auch als solche privilegierte. Es wundert nicht, dass solche Manager sich von privilegierten, sprich: verbürgerlichten Funktionären eines „Sozialismus“ kaum noch unterscheiden (hierin zeigt sich auch die spontane Verwandtschaft zwischen Sozialismus und Kapitalismus und eben die Notwendigkeit den Sozialismus bewusst, planmäßig und durch den Klassenkampf im Sozialismus herbei zu führen, wenn man nicht immer wieder im Kapitalismus landen will).

Heute ist das Kapital „transnational“ (ein Begriff von Robert Kurz – Das Weltkapital -; Sie wissen, dass ich Robert Kurz nur eingeschränkt zitiere), d. h. vor allem als Finanzkapital losgelöster von der Realproduktion eines Landes, eines bestimmten Landes und damit auch von der staatlichen Form, als das vielleicht zur Zeit Lenins erkennbar gewesen wäre. International, also transnational, ist das Kapital natürlich nicht als losgelöst zu betrachten, aber es wird beherrscht von den Investments, und diese wiederum treiben die Realproduktion in den Selbstmord (in den „Autokannibalismus“ – Robert Kurz). Letzteres bedeutet nicht nur, das Realkapital zu virtualisieren, sondern ist auch der Grund dafür, warum das Kapital niemals ganz international sein kann, denn in diesem Konflikt zwischen Realkapital und virtuellem Kapital vollzieht sich das, was Nietzsche mit der „Immer-Wiederkehr-des-Gleichen“ bezeichnete. Es ist ein nicht lösbarer Konflikt, jedenfalls nicht innerhalb des Kapitalismus. Auch daher kann das Kapital niemals als ein „vollständiges Monopol“ auftreten (Lenin), denn gäbe es das vollständige Monopol, wäre der Markt und damit das Kapital obsolet.

Es gibt da eine Tendenz hin, wie es im Übrigen die zur Auflösung der Klassen und des Staates natürlich gibt, aber infolge dieses Konflikts können so nur alle ökonomischem Vorbedingungen für den Sozialismus immer besser heraus gearbeitet werden, denn diese werden jedesmal – im politischen Bereich – auch wieder zerstört. Die Gesellschaft kommt nicht vom Fleck, trotz ihrer ökonomischen Weiterentwicklung. Mir kommt da spontan immer das Bild von der Kuh in den Sinn, die jedes Mal, wenn der Eimer mit ihrer Milch voll ist, den Eimer umtritt, und damit den Melkvorgang von neuem provoziert.

Investments sind Ausdruck der Herrschaft des Marktes über die Klasse. Das bedeutet aber nicht, dass die Klasse als Subjekt kein widerständiges Element mehr beinhaltete. Wir erleben das in der politischen Atmosphäre als Widerspruch zwischen Konservativen und Liberalen (auch die Sozialdemokraten teilen sich in diese Fraktionen) – zum Beispiel. Und das bedeutet somit auch nicht eine Ende des Klassenkampfes (wie erwähnter Robert Kurz nämlich annehmen möchte), weil das nämlich Auswirkungen hat auf die Lage der arbeitenden Klasse, deren Möglichkeiten oder Beschränkungen. – Auch diese schwankt immer mehr zwischen ihrer Auflösung und Stabilisierung, wie wir das gegenwärtig als „Prekariat“ erkennen können.

Aber genau so treibt das Kapital wider Willen, nämlich sich als ökonomische Bewegung und die Arbeit als politische in die Richtung Sozialismus. Und doch genau dort, gibt es eine Grenze, die ökonomisch nicht überschritten werden kann, und wenn sie politisch nicht überschritten wird, die Barbarei provoziert. Daher kann auch der Staat, obwohl er obsolet zu sein scheint, nicht vollständig verschwinden; denn er ist immer noch das Vollzugsorgan der herrschenden Klasse – letztlich ihr Repressionsapparat. Und doch gibt es da Differenzen im Kapital, wobei das Finanzkapital, gewissermaßen, als das lebendigste, das flexibelste, das „fortschrittlichste“ (nicht affirmativ gemeint!) zu verstehen ist. Es ist nämlich jenes, das den Auflösungsprozess des Kapitals – und damit auch des Staates – am stärksten vorantreibt (und somit auch den Klassenkampf, wie die ganze Gesellschaft, an deren extremsten Polen).

Solches und ähnliches hat Lenin in seiner berühmten Schrift „Der Imperialismus das höchste Stadium des Kapitalismus“ (Werke, Bd. 9) grundsätzlich heraus gearbeitet. Und es zeigt sich jetzt erst, wie aktuell diese Schrift ist. Und ich empfehle sie daher, zur Lektüre – definitiv heute noch! Vor allen Dingen, weil er darin genau analysiert hat, wie jenseits all dessen der Sozialismus lauert (ja geradezu wartet, aber einem nicht in den Schoß fällt). Überhaupt vieles, was wir im Moment mit mehr oder weniger Unverständnis beobachten, wie z. B. jenes „sozialistische Krisenszenarium“ (Ein Kampfbegriff gerade derer, die den Kapitalismus in diese Richtung am weitesten getrieben haben – den Liberalen) wird dort als evident beschrieben, nämlich, und hier bezugnehmend auf Marx, weil nämlich genau dies die einzig „fortschrittliche Seite“ des Kapitalismus ist, nämlich dessen Selbstinfragestellung. „Fortschrittlich“, sich selbst auflösend, und dies wider Willen, „getrieben“ ja!, gewissermaßen ökonomisch, in Richtung all dessen, was er am meisten fürchtet; aber daher eben reaktionärer in der Konsequenz denn je, will heißen: aggressiver denn je, politischer denn je!

Ein Maximum gegen Instrumentalisierung
@Köstlich: Düster ja, nicht „köstlich“. Und diese Inspiration dürfen wir nicht von den Herrschenden, also denen, die die Söldner ausschicken, erwarten, aber auch nicht von denjenigen, die da massakriert werden; denn solche Widersprüche sind antagonistisch. Inwieweit es noch kluge Lösungen geben kann, die ein Massenschlachten verhindern, weiß ich nicht, vermutlich bin ich nicht so klug, doch weiß ich eines: Radikal müssen wir sein, solange es geht vor allem im Denken, dann aber auch im Handeln, denn Resignation kommt ganz bestimmt nach dem Schlachten! Für mich sind also Radikalität und Inspiration kein Gegensatz, so wenig wie Bildung und Organisation der Massen. Und beides zusammen bildet ein Maximum dessen, was wir gegen Instrumentalisierung tun können.

Der Deutschen Lieblingsdialektik: Die Revolution durch die Konterrevolution
@HansMeier555: Obwohl Ihr Ansatz nicht falsch ist, muss ich Sie leider enttäuschen, und ich komme aus der Branche, daher weiß ich, wovon ich nun rede. Mit Einführung des SGB II, bzw. XII ist der Paradigmenwechsel vollzogen worden. Über Jahrzehnte war das sog. Friedenserhaltungsgebot die eigentliche Sozialhilfephilosophie, also lieber ein paar Arbeitsunwillige durchgefüttert – auf Kosten der Kommunen -, als zu riskieren, dass zu vielen Omas der Schädel eingeschlagen wird (bzw. zu viele Gefängnisse gefüllt sein müssen, mit Kleinkriminellen).

Das war auch die Zeit, in der ein Sachbearbeiter, mit seinem „Ermessensspielraum“, der König unter den Kollegen seiner Gehaltsstufe war: alles ist möglich, ist nur eine Frage der Begründung, hieß es. Und wer die besten Begründungen für die aberwitzigsten Finanzierungen geliefert hat, der fand sich irgendwann sogar auf der Beförderungsschiene. Das Problem dabei war, dass das genau so wenig sozial gerecht war, wie überhaupt die Sozialhilfe. Die glaubten, dass Sozialhilfe das ist, was ihre rechtlichen Begründungen versprachen, von wegen „Menschenwürde“ oder gar „Einzelfallgerechtigkeit“, die sahen sich schnell getäuscht, vor dem Schreibtisch, wie dahinter.

Die Menschenwürde war so verhandelbar, wie im Einzelfall nur denkbar. Dass das allerdings noch mal überboten werden wird, konnte sich damals kaum einer vorstellen. Doch HartzIV belehrte alle eines besseren. Nun ist das Thema Menschenwürde gar kein Verhandlungsthema mehr, so wenig wie die Einzelfallgerechtigkeit. Und der Sachbearbeiter darf den „Kunden“, so heißt der jetzt, nicht mehr Klient, wohl knebeln, aber nur noch dies, denn er ist ohne Ermessensspielraum. Beide haben verloren, der König ist ohne Macht und der Kunde enteignet. Was wir haben, ist ein scheinbar durch und durch verrechtlichtes System, das in Wahrheit die Willkür des Systems (eben nicht mehr nur eines einzelnen Sachbearbeiters) zur rechtlichen Grundlage hat. Und dass die Omas nun wieder ein paar auf den Deckel bekommen können, das wird voll einkalkuliert.

Nur mit einem haben sie nicht gerechnet, mit den besonderen Interessen der Sozialrichter, die, die eben keine Verwaltungsrichter mehr sind, jenen also, die das Zivilrecht gar nicht kannten, und die nun meutern, wohlgemerkt, die Richter, nicht all zu sehr die Kunden, ob der Prozessflut (nicht so sehr ob des eklatant ignoranten Umgangs mit dem Zivilrecht).

Wenn es also demnächst mal wieder vorwärts gehen sollte, mit der Menschenwürde, in diesem Bereich, dann nur, weil die Würde der Sozialrichter unantastbarer ist als die von Verwaltungsrichtern.
Merken wir uns das; denn das lief ja auch schon bei den Ärzten so. Nicht weil der Kunde des Gesundheitswesens schlichtweg enteignet wurde – er zahlt Beiträge ohne entsprechende Gegenleistung -, nein, weil die Techniker des Systems ihre Würde erkannt haben wollen, will heißen: sich nicht auch noch enteignen lassen.
Bedauerlicherweise sind solche Standesinteressen eben nicht gleich zu stellen mit Klasseninteressen, daher ist der Tenor all solcher Proteste entsprechend, nämlich eigentlich reaktionär. Und wir sehen, wie das läuft: die Ärzte werden zufrieden gestellt, nicht die „Kunden“. Gleiches werden wir mit dem Sozialrecht erleben!
Und doch scheint das die deutsche Gerechtigkeit nicht sonderlich zu schänden, denn des Deutschen Lieblingsdialektik war schon immer eine Revolution durch die Konterrevolution. Bismarck lässt grüßen.

Die Lust faul zu sein
@Köstlich: Ich kenne auch 2-3 Leute aus meiner persönlichen Umgebung, die vordergründig betrachtet, als „arbeitsunwillig“ einzustufen wären, und dienstlich kenne ich noch mehr, und doch halte ich das nicht für die ganze Wahrheit, sondern nur für eine zufällige Perspektive, bedingt durch meine Sicht und durch die Menge der angebotenen Möglichkeiten. Ich halte es für ein grundsätzlich kritisch zu betrachtendes, nämlich erkenntniskritisches, Phänomen, dass wir immer glauben, dass das, was wir selber erleben, mehr der Wahrheit entspräche, als das was wir nicht persönlich kennen. Denn auch umgekehrt betrachtet, kenne ich persönlich keinen einzigen Millionär, der ein Steuerbetrüger wäre, doch will ich denen glauben, die das belegen können. Im übrigen kenne ich persönlich im Moment überhaupt keinen Millionär, kann also eine solche Erfahrung gar nicht zu Hilfe nehmen.
„Steuerbetrüger“ und „Arbeitsunwillige“ sind gesellschaftlich zu begreifende Kategorien. In Gesellschaften, in denen es keine Steuern und keine Arbeit gibt, gibt es sie beide nicht!
Außerdem bin ich ganz sicher, dass die Gründe dafür, warum der eine nicht arbeiten möchte und andere Steuern hinterzieht erheblich komplexer sind, als Sie und ich uns in zwei, drei Sätzen zusammen reimen können, und selbst diese wären wohl nicht die ganze Erklärung für beide Phänomene, und daher auch nicht eine ausreichende Grundlage für schnelle Konzepte, wie man damit umzugehen hätte. – Auf jeden Fall aber ist die „Arbeitsverpflichtung“, zumindest im Kapitalismus, wo es demgegenüber auch kein Recht auf Arbeit gibt, eine derart vordergründige, dass sie von vorneherein als taugliches Konzept ausscheidet!
Und im Bezug auf den „Steuerbetrug“ ist es interessant festzustellen, wie wenig abwertend ein solcher „begriffen“ wird, im Gegensatz zur „Arbeitsunwilligkeit“. Und das wiederum zeigt uns den Pferdefuß: ist doch im Falle von Steuerbetrug unterschwellig die Vorstellung mit verbunden, dass da zumindest mal Leistung, Leistungsbereitschaft, vorgelegen haben muss, bevor man dem Staat seinen Anteil hiervon vorenthalten möchte. Solches wird gesellschaftlich grundsätzlich höher geachtet als pure Arbeitsverweigerung, obwohl letzterem möglicherweise ein ähnliches Motiv zugrunde liegt. Der Arbeitsunwillige, kann keine Steuern hinterziehen, er wird nie welche zahlen können, daher verweigert er der Gesellschaft – dem Staat -, den Anteil von vorneherein – durch Leistungsverweigerung. Und dahinter liegt die nächste Erfahrung, nämlich, dass man in seinem Leben niemals soviel verdienen könnte, dass man eine ähnliche Anerkennung wie der Steuerhinterzieher erhalten würde. Der so immer Gefrustete reagiert nun mal anders als der ständig Erfolgreiche! Das Urteil, das wir uns daher bilden, ist niemals frei von Ideologie, der Ideologie, die unserer gegebenen Gesellschaftsordnung zugrunde liegt, zugrunde liegen scheint. Denn wer will schon wirklich sicher sein, dass seine Perspektive der ideologischen Matrix wirklich zu hundert Prozent entspricht? Sind es doch immer nur fragmentierte Anteile, deren wir uns versichern.
Unsere Perspektive ist eine – und als solche wohl notwendigerweise – verbogene, eine also, die von der Schwerkraft des durchschnittlichen gesellschaftlichen Denkens geformt ist. Leider hat uns Einstein dafür keine Formel gegeben.
Übungsfrage: Wie würden Sie jemand nennen, der ein Buch schreibt, einen Bestseller vermutlich: „Meine Lust an der Faulheit“, ein Buch, das vielleicht einiges an Arbeit gemacht hat? Ist dieser Mensch nun als arbeitsunwillig, als „faul“ zu bezeichnen?
Ich denke, dass dahinter ein großes philosophisches Problem steckt, und ich erwarte nicht, dass Sie mir darauf antworten.

Selbstreferentiell
@Dosto: Sie haben da völlig recht, nur habe ich das auch so nicht gemeint. Sondern, dass „man“, d.h. das durchschnittliche Bewusstsein, davon ausgeht, das sozusagen wohlwollend unterstellt. Ein solches „Wohlwollen“ ist natürlich auch selbstreferentiell, denn es rechtfertigt die eigenen ideologisch konnotierten Vorurteile. Man will es so haben, denn es bildet die Grundlage für die Identität. Das ist eine ideologische Matrix, die hält sich noch lange, auch wenn mittlerweile fast Jedermann weiß, dass sie im realen Leben überholt ist.

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  • Von Kommunisten sind nicht gegen Konsumwachstum am 29. Dezember 2010 um 15:00 Uhr veröffentlicht

    […] interessiert den einzelnen Kapitalisten herzlich wenig. Daher kommt es ja, dass in Krisenzeiten „sozialistische“ Konzepte so florieren. Aber eben nur die Verluste werden sozialisiert. Soweit der Konsum gefördert wird, […]

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