Nietzsches Unterton

Nietzsches Unterton
@Don Alphonso: Wow, den Jünger schieben Sie zur Seite, den Spengler zitieren Sie! Wo liegt da die Logik? Oder ist es nicht doch so, wie ich ja erst kürzlich behauptete, nämlich, dass es „wenig Sinn (mache) einen Jünger heraus zu nehmen“, und man daher auch den Spengler da lassen kann, wo all die anderen schon sind? – Oder ist es der Nietzscheanische Unterton im Spengler, der Ihnen „den Stachel löckt“?
Man kann natürlich auch mit dem Teufel spielen, um ihn als einen solchen vorzuführen. Nur sollte dem Publikum – und einem selber – das klar sein, sonst ist man ein Verführer/Selbstverführer. So gewisse Selbstzerstörungstendenzen sind ja nicht nur in eines Nietzsches Wahn zu erkennen – der Syphilis wegen, vermutlich -, sondern auch schon in der bürgerlichen Sozialisation angelegt, von wegen des „schlechten Sohnes aus gutem Hause“, nicht wahr?
Solch Rebellentum endet dann hin und wieder auch wiederum in der – „Selbstkarikatur“

Der Held und der Knecht
@Don Carlos/Don Alphonso: Spengler war im Prinzip das, was ein Sloterdijk heute ist, ein radikaler Apologet des „Abendlandes“/des „Innenraums des Kapitals“/Sloterdijk. Und insofern die abendländische Kultur eine Stadtkultur ist, ist sie als solche hervorgehoben, als „Hochkultur“. Der Chauvinismus/der Sozialdarwinismus darin ist so unverkennbar wie eines Sloterdijks Affirmation der bürgerlichen Klasse als eine privilegierte. Denn „Hochkultur wird hier nicht als eine Frage der hohen Kultur, sondern der Vormacht verstanden. Spengler verträgt sich gut mit der Blut- und Bodenideologie der Nazis, insofern die „höhere Rasse“ hier zu Hause ist, hier ihren Wohlstand pflegt, auf heimischen Boden, als heimische Rasse. Die „ironische Brechung“ mit diesem Zitat fällt mir etwas schwer zu erkennen. Es sei denn, man stellt die Naziideologie ganz generell als „ironische Brechung“ ihrer selbst in den Raum, als absurde (Selbst-)Verkennung. So wie ja auch hier – und insoweit stimmt der Einwand von Don Carlos wiederum – der Selbstwiderspruch offenkundig ist. Man huldigt dem Adel, verteidigt aber das bürgerliche Abendland, die bürgerliche Ideologie eben in ihrer damals modernsten Ausprägung – als Sozialdarwinismus.

Vielleicht sollte man begreifen, dass die bürgerliche Ideologie, nicht nur die Nabelschau des bürgerlichen Subjekts ist, sondern zugleich die Ideologie, die die letzte Klassengesellschaft verinnerlicht, eine Gesellschaft, die sich ihres nahen Endes sehr wohl bewusst ist. Nietzsche war in diesem Sinne der letzte bürgerliche Philosoph; in dem er diese Betrachtung konsequent zu Ende führte. Dass eine solche – dann unkritische – Affirmation – zum Wahnsinn führen muss, liegt eigentlich auf der Hand. Und die Materialisierung eines jenen Wahnsinns finden wir in den imperialistischen Kriegen und natürlich im Faschismus – in dieser Selbstvernichtungsmaschinerie malthusianischen Zuschnitts. Gleiches gilt für all die, die diese Linie fortsetzen. Jünger zum Beispiel lebte diesen Wahn aus, als Söldner einer fremden Macht. In seiner Semantik spürt man die Zuspitzung der Abstraktion bis hin zur „Auflösung“, der Auslöschung des Gegensatzes, ja den Nihilismus. Schauen wir uns „Der Arbeiter“ an. Die Dinge/die gesellschaftlichen Verhältnisse sind nicht mehr benennbar, Technik, Mensch, Ideologie, Objekt und Subjekt werden zu „Gestalten“ verschmolzen. Nicht die Klasse der Arbeiter vermag er zu erkennen, sondern die abstrakte und solchermaßen metaphysische Gestalt des Arbeiters; eine Gestalt, die jeder annehmen musste, da sie ihm als Matrix gilt.

Nicht Kritik an der Klassengesellschaft war sein Ding, sondern Verherrlichung dessen, was in dieser zum absoluten Wahn geworden ist. Die Selbstverkennung des bürgerlichen Subjekts als Schöpfer, welches sich ja nun schon mehrfach als solches blamiert hatte, wird in jene „Gestalt“, die ebenso ihr Produkt wie ihr Gegenüber ist – ihr Klassengegner nämlich – positiv projiziert und hypostasiert. Der Arbeiter wird nicht als der Prolet gesehen, der sich von Ausbeutung und Unterdrückung zu befreien hätte, wenn er zu sich selbst kommen will, will heißen: die ganze Gesellschaft in eine neue Epoche transformieren möchte, sondern als der eigentliche Schöpfer – sogar seiner selbst -, dies aber nicht als Subjekt der Geschichte, wie als Objekt des Kapital – denn das wäre die sozialistische Version – sondern als Geschichte selbst, in absoluter Identität von Objekt- und Subjektsein. Metaphysischer geht es nicht. Was bei den Nazis „das Völkische“ ist, oder bei Ortega „die Massen“ sind, ist bei einem Jünger „die Gestalt“. Abstrakter ist dann eigentlich nur noch der „Strukturalismus“, welcher sich dann aber konsequent wegbewegt von jeglicher Historisierung, jeglichen Subjekts. Nietzsche ist somit der „Held“, denn Urvater aller bürgerlicher Philosophien in der Postmoderne, insbesondere des Strukturalismus, des Existenzialismus…, und Spengler ist sein Knecht.

Spengler lässt grüßen
@Driver: Die klassische chinesische Philosophie ist – mit Konfuzius beginnend – in etwa so alt wie die antike griechische Philosophie. Hier in typisch kulturchauvinistische Weise davon zu reden, dass China (oder Japan) die Worte Philosophie bzw. Subjekt aus dem Westen importieren mussten, ist ein Rückfall in viktorianische Arroganz. Spengler lässt grüßen.

faz.net/blogs/stuetzen/archive/2009/12/04/vom-see-bis-zum-brennenden-wagen

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3 Trackbacks

  • Von Wie der gebogene Stachel eines Skorpions am 31. Dezember 2009 um 13:45 Uhr veröffentlicht

    […] – Gezwungenermaßen ging er dann den Weg des Antifaschismus, des Demokraten wider Willen, wie ein Jünger hingegen, unbeirrt, aber raffiniert verpackt, den anderen Weg einschlug, den des […]

  • Von A-soziales Gelage am 29. März 2010 um 23:09 Uhr veröffentlicht

    […] immer der Kleinbürger sich laust… @Don Carlos: Oh ja, ich ahnte es, „Spengler“, da ist er wieder, denn hierzu die Keule drauf: „Frecher Geschichtsrevisionismus“, bzw. […]

  • Von „Der Bourgeois“ ist der andere Begriff für „den Juden“ am 13. Mai 2010 um 20:49 Uhr veröffentlicht

    […] der Haltung der Klassen hierzu, ist die Grundlage für diesen wie jenen Futurismus. Eines Jüngers „Der Arbeiter“ ist so ein Ausdruck hiervon. Die Technik ist schöpferisch, denn sie gestaltet, […]

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