Entgrenzt im Krieg

Entgrenzt im Krieg
Die Iraner nennen das „Taroff“, und es ist das Spiel das verhindern soll, dass man sein „Gesicht verliert“. Das wird dort so ernst betrieben, dass es dann, wenn unbedingt der Gast doch das „letzte Stück“ nehmen soll, es mit der Bitte kommt: „Aber ohne Taroff – bitte“, worauf dann aber der Gebetene antworten könnte: „Ich mache keinen Taroff“, und es geht so weiter…

Was sagt uns das? Dass der Orient bei uns noch nicht all zu lange begraben ist, also in „tieferen Schichten“ (Der gordische Knoten, Ernst Jünger) zu suchen wäre und somit keine geografische sondern eine historische Grenze markiert. Der Orient ist einfach die ältere Schicht, nicht die im Osten liegende, nicht die, die uns das „Morgenland“ begrenzt.

Und es ist durchaus möglich, dass es unsere Kriegsgenerationen gewesen sind, die diese Grenze überschritten haben, im Massensterben, im Massenmorden, im maschinell betriebenen Töten, im Kannibalismus, im Angesicht der Barbarei nicht enden wollender Gewalttaten und Blutströme.

Und das wäre sicherlich auch eine interessante These im Bezug auf den von uns doch so verinnerlichten „Abstand“ zum „vormodernen Orient“, der Rechtmäßigkeit unserer aufgeklärten Welt.

Auch hier könnte uns Jünger eine Hilfe anbieten. So ist ihm der Unterschied zwischen Krieg im Orient und Okzident der, dass, wenn in einem orientalischen Gemetzel der König fällt, der Krieg zu Ende ist, nämlich dessen Zweck damit auch, während es im Okzident heißt: der König ist Tot, es lebe der König – und das Gemetzel geht weiter.

Hier wird eine wichtige Grenze überschritten, die sog. vormoderne Kulturen immer beachteten und die ihnen womöglich auch ein so langes Überleben sicherten, da ein sinnloses, nämlich endloses, Massenmorden unmöglich wurde.
Der Krieg war niemals Selbstzweck sondern zu Ehren des Königs, zu dessen Ruhm und nur durch diesen zum Ruhm der Krieger veranstaltet. Ohne einen König war ein Krieg ein reines Räubergemetzel, ein schandhaftes Verbrechen.

Die beiden – modernen – Weltkriege besiegelten endgültig die Grenze zwischen Orient und Okzident, sie markieren eine historische Schranke, die seitdem nicht mehr hintergehbar ist, auch nicht mehr für den „Orient“, womit dieser eigentlich gestorben wäre, begraben.
Sind sie doch nicht nur der zweifelhafte Grund unseres erreichten Abstandes zum Orient, ob dessen falschen Stolzes bzgl. dessen erreichten Schamlosigkeit, sondern auch das Kainsmal in einer ansonsten Gesichtslosigkeit, abstraktes Mal in einer abstrakt gewordenen Wirklichkeit. Grenzenlos sind wir, entgrenzt das Böse, wie natürlich auch das „Gute“. Das Gute erhält seinen Sinn nicht mehr im Verhältnis zum Bösen, sondern als „anstatt des Bösen“.

Das „Böse“ und das „Gute“ sind somit getrennt. Nur so kann es zu solchen Kriegen kommen, wie den US-amerikanischen „Krieg gegen das Böse“.
Im Orient ist das Böse mit dem Guten immer vereint und sich darin wechselseitig begrenzend.
Wenn im Orient das Böse entgrenzt wird, dann ist das immer ein Beleg für den Sieg der Moderne. Und das wäre identisch mit grenzenlosem Gesichtsverlust, der nicht mehr zu heilen geht, der nur mit Blut gewaschen, nämlich in einem revolutionären Aufstand bereinigt werden kann.

Im Orient führt der Gesichtsverlust also womöglich zum Krieg, und ein solcher würde ihn beenden, im Okzident wäre die nackte Not, der Hunger vielleicht, ein ausreichender Grund, und ein jener wäre ohne ein Ende denkbar.

Nicht mehr zu gewinnende Kriege
@G. Schoenbauer: Das „gesellschaftliche“ und das „individuelle“ beim Gesichtsverlust sind nicht wirklich zu trennen. „Ehrverlust“ ist sowohl gesellschaftlicher als auch individueller Provenienz. „Scham“ mag den individuellen Bereich markieren, „Ehre“ hat gesellschaftliche Bedeutung.

Wie so schön in dem von „Tiger“ präsentierten Gedicht (von wem ist das eigentlich?), ist der „geadelt“, der Ehre hat, der nicht nur den Hunger befriedigt/der ja auch in aller Regel keinen Hunger hat/braucht um Nahrung aufzunehmen (in diesem Sinne ist „Adel“ durchlässig, nicht unbedingt an die Klasse/den Stand gebunden, aber sehr wohl an eine Erziehung, die womöglich gar nicht die eigenen Klassenbedürfnisse reflektiert).

Und wie im Krieg geht es darum „Sieger“ zu sein. „Taroff“ ist die alltägliche, die individuell erscheinende, Form eines gesellschaftlichen Spiels, das eigentlich sowenig Spiel ist wie individuell-privat, sondern „Krieg“, nämlich aller gegen alle. Allerdings, der, der sich geschlagen gibt, muss das Gesicht bewahren, dafür ist das Taroff geschaffen (auch um die gesellschaftliche Relevanz zu schützen, Zerstörungen der Gesellschaft zu vermeiden).
Man lässt sich ein gutes Stück entweder solange aufschwätzen, bis der Aufschwätzende einem geradezu auf Knien darum bittet, das hebt den eigenen Status, oder man lehnt höflich (hin und wieder auch beleidigt, letzteres wenn der Aufschwätzende die Form, den Stil, nicht gewahrt hat, also den Status verletzt hat) ab.

Es gibt bzgl. solcher „Spiele“ viele Witze, die das auch kompensieren, was im realen Spiel nicht erlaubt ist – Ehrverletzung, Statusbegrenzung, Beleidigung. So macht man Witze über Leute, die unter Zuhilfenahme der Taroffspielregeln ihre „Nahrungsreste“ loswerden, bzw. über die Leute, die solches erfuhren, als „Gäste“ (auch antisemitisch konnotiert, wie sich denken lässt, Stichwort: „der geizige Jude“).
Die Übertragung solcher „Kriegsspiele“ des Alltags auf die Kriege der Nationen ist daher nicht nur von metaphorischer Natur, denn ich sehe da einen Paradigmenwechsel im „gesellschaftlichen Spiel“, welches sich an „Regeln“ zu halten sucht, die Entgrenzung zu vermeiden helfen, dann beim Übergang in die Moderne, dann deutlich erkennbar auch in den Kriegen der Moderne.

Natürlich verwende ich das Wort „Krieg“ auch im semantischen Wortspiel. Es geht ja schließlich auch um „den Krieg um das Anstandsstück“. Aber in diesem Spiel liegt wie gesagt ein ganzer Ernst. Das „Gesicht zu wahren“ ist in modernen Kriegen – gleich ob in zivilen oder in militärischen – so wenig möglich, wie die Beendigung eines Krieges, dem nicht die völlige Erschöpfung auf womöglich beiden Seiten, zu Grunde liegt. Der 30-jährige Krieg, wäre da ein wunderbares Beispiel für. – Und der Ehekrieg für sein ziviles Gegenüber. Vielleicht finden wir hier die wahren „Etikettenbrüche“, und damit die Gründe für nicht mehr zu gewinnende Kriege (vgl.:Hegemonie oder Demokratie).

faz.net/blogs/stuetzen/archive/2009/12/16/der-krieg-um-das-anstandsstueck

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  • Von Wenn es nicht so ernst wäre, wäre es zum totlachen am 29. August 2010 um 17:59 Uhr veröffentlicht

    […] noch Katholiken und Protestanten auf einander los gingen, und das ist nicht all zu lange her – der 30-jährige Krieg markierte diesbezüglich nur eine bis dahin nicht erreichte Bestialität -, wurden z. B. in […]

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