Vom Westen hofiert

Ausgerechnet der Beitrag „Pseudonationalismus und der Blutzoll der Türkei“ wird von der FAZ-Redaktion bis heute zurückgehalten. Das ist sehr bedauerlich, zumal ich mich darin von rechter Kritik, bzw. purer Beleidigung, gegenüber den Türken, distanziere. Starte einen 2. Versuch.
Auch der 2. Versuch fruchtet nicht. Die FAZ bleibt stur. Ganz offensichtlich ist ihr nichts daran gelegen, den Klassenursprung des kemalistischen Terrors genannt zu sehen.

Vom Westen hofiert
„Ethnische Homogenisierung“ ist eine nette Beschreibung dessen, was dort wirklich geschah und weiterhin geschieht: fortgesetzter Völkermord. Zuallererst an den Armeniern und dann auch an den Kurden und weiteren Minderheiten, wie auch nicht genehmen religiösen Gruppen. So bekomme ich jene brutalst mögliche Offenheit eines Kampfgefährten Kemals, nämlich Inönüs, einfach nicht aus dem Kopf: „Wir werden die Kurden wegmachen, wie die Armenier“ (nach der Zeitschrift Pogrom zitiert, in etwa so 1985, aus dem Gedächtnis, siehe auch: Erdogans sanfte islamische Revolution im Schlepptau der Faschisten). Es ist keine Frage der Moral, sondern es ist eine bestimmte politische Kultur, die Kemal zwecks Schaffung einer türkischen Nation – denn die gab es eben bis zu seiner Zeit noch nicht (siehe: Yakub Kadri – Der Fremdling)! – institutionalisierte: den Mord an all denen, die dem im Wege stehen. So was nennt man dann nationale Revolution, im Übrigen in klarer Absicht: es galt damals einer bolschewistischen Revolution zuvorzukommen, mit der die Bauern und Arbeitern des osmanischen Reiches stark sympathisierten. Auch der heimtückische Mord an den zu einem Treffen bestellten Kommunistenführern, um Mustapha Suphi – 1921 -, gehörte zu diesem Programm. Ein starkes Motiv für den Westen, diesen Schlächter, trotz dessen anti-englischer Agitation, zu hofieren.

Volk voller Unmündige
@Uenal: „Allein dieser Verdienst von Mustafa Kemal macht ihn zum Übervater.“ Das nenne ich jetzt einen Freudschen Versprecher, selbst wenn ein Übersetzungsfehler enthalten wäre. Denn genau das ist er, in der Türkei: „Übervater“ ! Ein klareres Geständnis bzgl. des Wirkens des Kemalismus‘, gerade durch „sein“ Volk, den Türken, gibt es wohl nicht. Anstatt eine Nation der Türken zu schaffen, eine, die nicht die eigene Unterdrückung zu kompensieren sucht, hat er ein Volk voller Unmündige hinterlassen. Ein Volk, das zur „Nation“ hinaufschaut ,auf die Repräsentanten der kemalistischen Diktatur, und eben nicht in sich hinein, denn dort fände es nur Leere, lauter Tote, keine nationale Helden, Hingemordete und deren Mörder. Seit Yakub Kadris bitteren Beobachtungen hat sich nicht viel getan. Nur hatten die, welche „wie in grauer Vorzeit noch in Steinhöhlen“ hausten „und mit den Tieren verwachsen“ waren, eine klare Identität, wenn sie nüchtern konstatierten: „Türken?, was ist das? Wir sind Muslime!“ Und ich befürchte, dass der Machtzuwachs eines Erdogan genau darin wurzelt. ER schafft diesem entleerten Volk eine neue-alte Identität – eine islamische! Die nationale Identität aber, die hat es nicht weiter gebracht als zu jenem „Übervater“. War es das wert, hierfür, all dies Morden?

Mollah Nasreddin
@Uenal: Da Sie es schon sagen, Nasreddin Hoca, das wäre wohl ein Held für mich, soweit er überhaupt eine geschichtliche und nicht mythologische Gestalt ist. Ein Mythos ist aber definitiv Ihr Einverleibe als Türke, denn nicht nur, dass es zu dessen Zeit, wann auch immer diese gewesen sein wollte, vielleicht im 15. Jhrdt, noch keine Türken gegeben hat, Turkvölker ja, Seldschuken wie Sie erwähnten, zum Beispiel, aber ganz definitiv keine Türkei. Im Übrigen war sein Wirken über den ganzen vorderen und mittleren Orient „verbreitet“, und es gibt unzählige Versionen auch bzgl. seines Namens: von Mollah Nasreddin, bei den Persern, über Hoja Nasriddin Afandi, unter den Usbeken, bis Afanti de gu shi, bei den Uiguren (Wiki). Selbst wenn er in Eskisehir geboren sein soll, wie in Wikipedia vermerkt, so gibt es auch die Möglichkeit, dass er in Buchara gelebt hat, zumindest dort, soll er dem Emir von Buchara gewaltig zugesetzt haben (Leonid Solowjew – Die Schelmenstreiche des Nasreddin.). Eine Figur also, dem flämischen (nicht deutschen!) Ulenspiegel wohl mehr verwandt als jedem tatsächlich realen Volk, gleich wann und wo in der Geschichte. Wollen Sie es nicht merken, oder können Sie nicht, nämlich wohin Sie Ihr absurder Nationalismus treibt? – zu 33-45!

Pseudonationalismus und der Blutzoll der Türkei
@LeRoy: Das klingt nicht ganz falsch, nur erklärt es herzlich wenig, es sei denn, es liegt Ihnen was daran, die Türken einfach nur zu beleidigen. Ein Vorwurf, der uns Kritikern in aller Regel zu schnell, manchmal aber auch zu Recht gemacht wird. „Pseudomorphosen“, und das aus dem Munde Spenglers…?, na ja, westlich chauvinistisch unterlegt. Die einfachere, weniger psychologisierende und rein historische Betrachtungsweise, wäre dann, dass die Jungtürken versuchten eine türkische, nämlich kapitalistische Nation aus dem Boden zu stampfen, und das in einer Zeit, in der die „Nationenbildung“ nicht nur einfach schon abgeschlossen war – jedenfalls solcher im modernen Sinne -, sondern auch schon wieder im Abstieg begriffen. Der 1. Weltkrieg war nicht nur die Geburtsstunde jener mörderischen türkischen Nation, sondern des modernen Massenmords schlechthin, und das im Namen der „Nation“. Die Türkei bewies, was sie dazu beitragen könne, bei Strafe des Untergangs, bzw. der Gefahr einer bolschewistischen Revolution. Antikommunismus, Faschismus, das waren die Strömungen der Zeit, welche nicht nur den revolutionären Nationalismus erledigten, sondern den imperialistischen, den pseudonationalistischen, begründeten. Die junge Türkei kaufte sich ein, mit Blut – eigenes und fremdes.

Im Gedächtnis der Völker
@Korkmaz: Nach meinen, nur noch bescheidenen, Kenntnissen des Türkischen, heißt „ne mutlu“ „glücklich der“/„stolz der“ (der von sich sagen kann, dass er Türke ist) und nicht „Heil dem“. Und da die Kurden nun mal stolz sind Kurden zu sein, solche, denen es nicht erlaubt ist, zu sein, was sie sind, kommt ein solcher Spruch, der in der Türkei nicht nur jede Behörde, sondern auch geradezu jeden Raum schmückt – auch die Gefängnisräume, auch und gerade in Kurdistan -, den Kurden natürlich als Anmaßung daher, als permanente und solchermaßen unheimliche Bedrohung. Und da Sie sich offenbar gezwungen sahen, in der Übersetzung etwas zu mogeln, scheinen Sie diesem Recht zu geben. Und was den „großen Feldherrn“ angeht, das wird hier nicht bestritten, aber das widerspricht ja wohl auch nicht der Definition eines „großen Schlächters“. Was am Ende in der Erinnerung bleibt – und natürlich können Erinnerungen wanken -, im Gedächtnis der Völker, entscheiden auch die mit, welche in seinem Namen, das Schlachten fortsetzen, oder endlich beenden.

faz.net/Türkei: Atatürk für alle Fälle, von Karen Krüger, Istanbul, 11.11.09

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    […] Etikett „Terroristenpartei“ trägt? Distanziert sich die offizielle Türkei von den diversen Völkermorden ihrer jeweiligen Herrscher – an Armeniern, Kurden, Assyrern, Aleviten, Christen, Juden…? […]

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