Vorausschauende Konterrevolution

Vorausschauende Konterrevolution
Es kommt wohl nicht von ungefähr, dass ein System, das unter römischer Herrschaft und mit dieser der Barbarei (so war das Reich der Römer der Übergang von der Oberstufe der Barbarei in die Zivilisation) entwuchs, nun im Angesicht einer neuen Barbarei, einer solchen, die die Klassengesellschaft zu verewigen sucht, wieder eingeführt werden soll. Sloterdijk macht seinem Ruf als Philosoph der Deutschen wieder mal zweifelhafte Ehre.
Die Auseinandersetzung mit diesem Philosophen ist unter der strikten Regie der FAZ-Redaktion und auch wegen der dortigen knappen Zeilen, leider nicht möglich, so erlaube ich mir daher mit einem Artikel von mir (den ich ungekürzt nur in meinem Blog untergebracht habe, s.a.:
„Wohin treibt der Konflikt der bürgerlichen Klasse mit den „Schlechtergestellten“?) auf den politischen Rahmen eben dieser Auseinandersetzung im philosophischen Bereich zu verweisen.

Es scheint mir doch kein Zufall, dass eben jener „Philosoph der Deutschen“ sich dieses Thema so annimmt. Nicht nur, dass die „Globalisierung“ um eine philosophische Deutung bereichert werden soll – ein sich nicht wenig ehrenvolles Anliegen, nach seiner Heimkehr aus dem „Innenraum des Kapitals“ -, sondern auch, und so meine eigentliche Kritik, dass sich seit Proudhon in Deutschlands Philosophenstuben nur noch mehr Staub angesammelt hat (siehe: faz.net/Der „elendige“ Zustand der Philosophie, und: blog.herold-binsack.eu).

Das Subjekt ist nicht nur nicht in der Krise, wie so manche hoffnungsfroh bis fatalistisch verstimmt meinen (Robert Kurz), sondern ganz putzmunter am fabulieren. Statt des Steuerstaates, den Staat wollten „wir“, na ja, manche unter uns, schon mal ganz abgeschafft haben, sollen wir endlich zurück zu den Formen strenger Hierarchien, also solchen, wo das Einkommen, der gespendete Teil hiervon, unmittelbar über die gesellschaftliche Stellung entscheidet. Wenn das kein Fortschritt ist! In der Tat, wo Proudhon noch von Diebstahl faselte, da muss man nur den Vorschlag unterbreiten, einen Teil davon doch wieder spenden, und die soziale Gerechtigkeit ist wieder hergestellt – ganz im proudhonschen Sinne. (Macht das Mafia nicht auch so?)
Also doch, nicht Marx sollte recht behalten, sondern Proudhon, und das ist des Philosophen Botschaft. Eine wahrlich philosophische Leistung, durch den Gesindeeingang eines großbürgerlichen Gebäudes/Konzeptes, wird eine hinterhältige pseudosozialistische Dialektik eingeschmuggelt.

Die „Gesellschaft“ ist erst dann recht eigentlich evident, wenn sie aufgehört hat eine zu sein, das meinte Marx, in etwa, und das meinen wohl auch jene hausbackenen Philosophen. Nur sie meinen nicht die „Aufhebung der Gesellschaft“, sondern deren Barbarisierung, die ewige/unumkehrbare Rückkehr zur Ungleichheit, um da mal im nietzscheanischen Sprachgebrauch zu bleiben, Herrn Sloterdijk zuliebe. Sie meinen den Doppelsinn der Gesellschaft, jene nette Gesellschaft, die sich da anschickt, den einzigen „Fortschritt“ ihrer Gesellschaft, nämlich das Allgemeine zum Gesetz gemacht zu haben (bevor das Gesetz durch die Gesellschaft endgültig aufgehoben wird, da Gesellschaft und Gesetz zusammen obsolet geworden sind, so zumindest noch in Annahme des jungen Marx und in der Sprache der hegelschen Dialektik), doch noch rechtzeitig zu suspendieren, bevor sich das Genannte ergibt und damit sich eines Marx Hoffnung, wie eines Hegels Dialektik eben nicht erfülle. Das ist die wahre proudhonsche Revolution und das ist eines Sloterdijks würdig.
Denn das ist vorausschauende – quasi revolutionäre – Konterrevolution. Eine solche, wie sie offenbar nur die Deutschen aufbringen.

Kritik am Ganzen oder gar nicht
Nicht jede Kapitalismuskritik ist eine. Auch die Nazis haben von der Macht und der Gier des Geldkapitals geschwafelt. Sie meinten damit aber ein sog. raffendes Kapital, das selbstredend jüdisch konnotiert sei, im Gegensatz zum „schaffenden Kapital“, das natürlich urdeutsch, sprich: arisch sei. Und ja, diese Art von Kapitalismuskritik ist antisemitisch. Und jede Anspielung auf die Unterscheidung eines raffenden zum schaffenden Kapital referiert auf diesen antisemitischen Kontext. Eine Kapitalismuskritik unterscheidet nicht, ob Kapital erwirtschaftet oder ererbt wurde, oder ob es sich in realer Produktion oder in der Zinswirtschaft reproduziert, denn alles gehört zusammen, ist Teil des Ganzen. Ein Kapital das erwirtschaftet wird und nicht vererbt, ist keines, kann sich nicht reproduzieren, nicht als Kapital jedenfalls, sowenig wie ein produzierendes Gewerbe ohne Geldwirtschaft expandieren könnte, und ein Kapital das nicht expandiert ist ebenso kein Kapital, es hätte nie die Chance Kapital zu werden, es bliebe bestenfalls eine zeit lang zirkulierendes Geld. Investitionen amortisieren sich nicht umgehend und auch nicht unmittelbar. Es ist ein langer, komplexer und wechselvoller Prozess, der aus Geld Kapital macht, resp. aus Arbeit, Mehrwert und dann Kapital. Im Übrigen ist und bleibt das Kapital im objektiven Zustand abstrakt. Die Subjekte des Kapitals: der Kapitalist, der Arbeiter – das automatische Subjekt – sind nicht unmittelbar Agenten des Kapitals, sowenig wie sie untereinander einfach austauschbar sind. Nur als Kapitalistenklasse kann man von Kapital sprechen, und doch bleibt auch hierbei ein Rest an Abstraktion übrig (das Ganze ist mehr als die Summe ihrer Einzelteile), an nicht Unmittelbarkeit. In diesem Rest befindet sich das bisschen Unschuld der Klasse – auch das der Kapitalistenklasse -, an den Verhältnissen an denen sie wunderbar profitiert. Hier ist der Käfig, wenn auch ein goldener, der sie umfasst, sie zum automatischen Subjekt macht, sowie die Klasse der Arbeiter. Auch diese Klasse ist nur als Klasse mehr als nur automatisches Subjekt, hat nur als Klasse einen Rest an Freiheit, an Möglichkeiten, an revolutionärer Potenz, was sie über ihre gegenwärtige Lage erhebt. Nur als Klasse, und nur im Kampf Klasse gegen Klasse, kann es ein revolutionäres Subjekt geben. Als Individuum ist der Arbeiter kein besseres Subjekt als der Kapitalist. Der Arme ist nicht apriori und per definitionem der bessere Mensch (vgl. W.S. Maugham, Silbermond und Kupfermünze), sowenig wie jede Kritik am Reichtum eine revolutionäre ist. Aber: nur die Arbeiterklasse ist an einer revolutionären Veränderung interessiert, an sie gebunden – perspektivisch jedenfalls -, das Kapital, die Kapitalistenklasse ist das selbstredend nicht. In diesem Punkt sind sie nicht austauschbar, nicht identisch, nicht frei! Gewissermaßen determiniert.
Subjektive Zuschreibungen von Teilen des Ganzen auf Einzelne, vermitteln eine falsche Kritik, eine verkürzte, in aller Regel reaktionäre, und – vor dem Hintergrund der Nazibarbarei – antisemitische. Kapitalismuskritik ist mehr als Kapitalistenschelte, sie ist Kapitalskritik, Kritik am Ganzen, am System, an der Marktwirtschaft, und niemals nur an der Zinswirtschaft, der Gier, dem Reichtum, auch nicht dem ererbten.
Das Kapital hatte sich schon überlebt als es das Licht der Welt erblickte, denn mit der Entstehung der Arbeit. Hier liegt die Perspektive, der zum Sozialismus oder zur Barbarei. Die Kapitalistenklasse versucht sich darüber hinaus zu retten, die Arbeiterklasse versucht sich als solche zu retten, was ihr den Status der Armut nur sichert, das verhindert den Sozialismus und schafft die Option der Barbarei, kommt der Kapitalistenklasse also entgegen.“

faz.net/blogs/antike/archive/2009/09/28/sloterdijk-und-das-unbenannte-wohltaetertum

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4 Trackbacks

  • Von Welche Ungleichheit? am 21. Oktober 2009 um 17:53 Uhr veröffentlicht

    […] jener Frankfurter Schule nur auf der Fläche der Erscheinungen, so lautete meine Kritik (siehe: “Vorausschauende Konterrevolution”, und ) verteidigt sie doch nur die bürgerliche Wohlfahrtsstaatsphilosophie, anstatt diese zu […]

  • Von Heine und Hölderlin am 29. Oktober 2009 um 22:26 Uhr veröffentlicht

    […] Hölderlin waren die Irdischen göttlicher Natur. Und vielleicht auch dies noch: So wenig wie ein Sloterdijk sich auf Hölderlin berufen kann, darf ein Bohrer dies mit […]

  • Von Die Sloterdijk-Debatte aus marxistischer Sicht am 8. November 2009 um 22:03 Uhr veröffentlicht

    […] Konterrevolution (ungekürzt nur unter http://blog.herold-binsack.eu/?p=429 bzw. unter gleicher Überschrift gekürzt als […]

  • Von Aufhebung oder Barbarisierung am 13. Januar 2010 um 12:20 Uhr veröffentlicht

    […] oder Barbarisierung @Secondo: „Bürgerliche Parteien sind derart diskreditiert, dass auch der Untergang von CDU/CSU […]

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