Ich möchte gewisse Bäuche auch gar nicht sehen

Ich möchte gewisse Bäuche auch gar nicht sehen
@Diener: Was den grundsätzlichen Unterschied zur italienischen Lebens- und damit auch Balkonienart ausmacht, haben Sie ganz sicher recht und doch ist die Sache ein wenig komplexer. So habe ich an meinem Balkon auch Geranien, nicht so dichte (dazu hängt mein Balkon zu sehr in der Wetterseite – Südwest), wie das vielen gelingen mag, aber doch hängende, denn diese sind recht robust und – und das ist mir beinahe das wichtigste – sie verärgern Fliegen und Stechmücken (nicht nur neidische Nachbarn), und sie kommen mit ihren Farben ein wenig gegen das alles ersticken wollende Schienenholz-Braun meiner Balkonverkleidung an (ich bin leider nur Mieter, habe das also nicht zu verantworten, ansonsten ist meine Wohnung in einem wirklich wunderbaren nicht total sanierten Altbau, der Balkon kam nachträglich zu). Ansonsten lebe ich auf meinem Balkon so ähnlich wie ein Italiener, ich frühstücke dort, halte Palaver, rauche eine Zigarre…und auch Wäsche hängt dort im Sommer. Ach ja: und meine Katzen lieben natürlich das sanfte Sonnenlicht (unter Markisenschutz) und die lärmenden Spatzen und Schwalben dort.
Was die italienische Lebensart angeht, so habe ich in Erinnerung, was mir kürzlich ein Italiener zur italienischen Küche verraten hat: Der Italiener ist im Grunde faul und daher liebt er die einfach zubereiteten Speisen. Alles was schnell geht (und doch nicht Fast Food ist) findet seinen Weg zur italienischen Küche. Und so ungefähr ordnet er auch den Rest seiner Beschäftigungen – aus dem Bedürfnis heraus möglichst wenig zu machen. Daraus ergibt sich dann – im Kontext eines ihm und eines solchen Anliegens auch noch gewogenen Klimas -, jene von uns Nordlern so bewunderte leichte Lebensart. Salata Caprese mit ein wenig Brot und fertig ist das Frühstück-Mittag-und Abendessen, und das je weiter im Süden, desto länger im Jahr.
Unser Klima hingegen zwingt uns den ständigen Wechsel auf. Wir können nur im kurzen Sommer leichte Kost genießen, im Winter brauchen wir Kalorien, warme, mitunter schwere Kost. Und solche Kost macht vielleicht auch ein wenig behäbig, ja mitunter schwermütig, manchen gar demütig, aber seltenst übermütig.
Wir kennen die Winterdepression und leider nur die Sommerfrische. Im Winter werden wir so dick, dass wir bis zum Frühjahr wieder abspecken müssen. So was zeigt man nicht jedem. Daher vielleicht unser Versteckspielen, gerade auf dem Balkon. Wer zeigt schon gerne seinen Bierbauch den Nachbarn, wenn er sich diesen auf dem Balkon in der Sonne gerade mal wieder abschmelzen möchte.
Und ganz ehrlich: ich möchte gewisse Bäuche auch gar nicht erst sehen.

Stinkende Bräuche und eigene Welten
@Diener: Also grillen auf dem Balkon, das tue ich nicht, allein schon wegen der Holzdielen dort, aber Wasserpfeife rauchen, das passt. Wir haben einen Gemeinschaftsgarten, dort kann gegrillt werden, von jedem Mieter; und dort können auch Feste gefeiert werden, gemeinsam wie einsam. Letzteres findet hauptsächlich statt. Wir hatten nur einmal ein gemeinsames Fest, veranstaltet von einem ehemaligen Mieter, und wie kann es anders sein, von einem Italiener – anlässlich der Fußballweltmeisterschaft 2006. Deutsche und Italiener zusammen – nur die Polen im Haus waren nicht eingeladen – feierten den Sieg Italiens (u.a. über Deutschland). Oder sind die Polen einer Einladung gar nicht erst gefolgt? Ich weiß es nicht. Ich bin damals eingezogen, und wusste noch gar nichts über die Nachbarschaften im Haus. Zur Ehrenrettung der Italiener sei noch erwähnt, dass auch Integrationsversuche meinerseits nach dort – seitdem -, nicht sonderlich gut angekommen sind. Es scheint, dass sich die Polen und die Deutschen auch über die nun gesamtdeutsch-polnische Grenze nicht wirklich näher gekommen sind. Manchmal kommt es zu schüchternen Annäherungen – über die Kinder. Dann holt die einen wie die anderen die eigene Welt wieder ein.

faz.net/blogs/ding/2009/09/17/waldeinsamkeit-hinterm-geranienwall-der-balkon

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