Herren- und Knechtsseelen

Herren- und Knechtsseelen
Seit meiner frühesten Kindheit begleitet mich nun diese Sage, seit ich lesen lernte. Und sie hat nichts von ihrer Faszination verloren. Auf mich nicht, und offenbar auch nicht auf die Gesellschaft der Deutschen. Wagner ist für mich politisch nicht (mehr) tragbar, und doch sind es sehr wohl seine Opern, besonders der Ring. Hier sein Antisemitismus, dort sein Freiheitskampf (der Deutschen). Das konnte gehen, bis zum Holocaust. Als Kind wusste ich nichts vom Holocaust. Dieses Thema wurde immer wieder verdrängt, bis zu einem gewissen Geschichtsunterricht im Gymnasium, durch einen evangelischen Lehrer, der trotz kirchlichen Predigtverbots, seinen Mund nicht halten konnte, sodass selbst atheistische Ex-Katholiken in seinen Unterricht stürmten.
Nun gibt es seit Jahren immer wieder wunderbare Interpretationen, die alles sind nur keine Wagnerinterpretationen. Am allerwenigsten schaffen sie eine Vermittlung dessen, was jener intellektuelle Angriff eben genau auf das sein möchte, was sozusagen in die Ursozialisation der Deutschen eingegangen ist – ihren Gründungsmythos.
Der Pflegenotstand ist evident; ein Mindestlohn, wenn nicht gar ein anständiger Lohn, wären da längst fällig – gleich ob in der Pflege oder beim Bäcker. Studiert man die Leserkommentare zu diesen Themen, gerade in dieser Zeitung (und besonders in diesen Tagen), sieht man mit Erschrecken, wie tief diese Gesellschaft gespalten ist, wie wenig die da oben, das Leben derer da unten interessiert, und wie gleich die Masse der Begüterten der Masse der Elenden gegenübersteht. Leistungen müssen gekürzt werden, denn Steuern müssen sinken (nicht gezahlt werden!), so die Parole der Einen. Unter den Mindestlohn gehen wir aber nicht, so die trotzige Antwort der Anderen. Geradezu germanisch dieser Egoismus, dieser Eigensinn, wie auch diese Blindheit, diese stoische Ungerührtheit dem Schicksal der Verlierer gegenüber, sowie auch jene geradezu fatalistisch anmutende Ignoranz der Verlierer eben diesem Schicksal gegenüber. Ein Lindwurm ist auch nur ein Wurm, so wie ein Zwerg unterhalb jeder Wahrnehmungsebene des gewöhnlichen Deutschen zu liegen hat. Sind die Deutschen, pardon „Germanen“ nicht ehe ein großes Volk? – Ein Zwerg ist ein Schimpfwort, eine Beleidigung.
Und ist diese Forderung nach einem Mindestlohn nicht eines Zwerges würdig? Das feige Wimmern eines gerade besiegten Alberichs?
Wotan das Urgestein hingegen, jener patriarchalische Archetyp der Deutschen, kann Erda (Gaia?) so einfach aus der Welt schieben, wie der Deutsche seine Probleme sich vom Hals, eine Sensibilität gar aus der Gene. Keine Gnade gegenüber den Besiegten, aber auch: keinen Stolz gegenüber dem Sieger. Herren- und Knechtsseelen!
Ich vermisse sie, die Vermittlung dessen, was uns berührt, seit Urzeiten, die kritische, wie auch die von Verständnis getragene, nicht apologetische, sondern eine in die Tiefe gehende, historische wie psychoanalytische, soziale, wie theoretische, abstrakte wie konkrete, objektive wie subjektive – intersubjektive – hermeneutische Analyse. Sonst bleibt eine jede Neuinszenierung wenig beachtet, so wie das eben geschieht mit Interpretationen, die sich nur auf der Ebene der Erscheinungen mit den Themen beschäftigen.
Pflegenotstand – Mindestlohn, zu kurz gefasste Themen für wirkliche Götter(dämmerungen).

faz.net/blogs/biopolitik/archive/2009/09/21/nibelungenaufbruch-und-der-pflegenotstand

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2 Trackbacks

  • Von Nicht billig aber mobiler am 24. September 2009 um 22:19 Uhr veröffentlicht

    […] Lektüre eines anderen Leserbriefes von mir, im Blog „Biopolitik“, hier in der FAZ. Lesen Sie „Herren- und Knechtsseelen“, […]

  • Von Sklaverei, nicht mehr nur in Haiti am 27. Januar 2010 um 20:53 Uhr veröffentlicht

    […] Missbrauch anbelangt, dieser ergibt sich in aller Regel von selbst, in solch selbstverständlichen Sklaven- und Herrenbeziehungen. Wahrlich ein Erfolgsmodell, der Kapitalismus unserer […]

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