Die Messer werden schon gewetzt

Die Messer werden schon gewetzt
Der eigentliche Skandal, oder besser gesagt: der Witz an der Geschichte, ist doch, dass sich Ackermann in der Rolle des Privilegierten zu gefallen scheint. Erst dieses dümmliche „V-Zeichen“ im Anschluss an seinen gewonnenen Bestechungsprozess (warum hat er den wohl gewonnen? – er denkt, weil er Herr Ackermann ist, er begreift noch nicht mal die Gesetze seiner eigenen Klasse), dann dieses großkotzige Geplapper in aller Öffentlichkeit über diese Kanzlereinladung.
Dieser Mensch hat weniger Stil als seiner Klasse gut tut. Weiter so, Ihr Ackermänner, die Messer werden schon gewetzt – in den unteren Klassen.

Solange Klassen existieren…
@Don Alphonso: Ich muss Ihnen ein wenig widersprechen. Worüber Sie sich auslassen, ist die sog. objektive Seite des Faktums „Privilegien“. Das Kapital, der Markt, die ökonomische Basis und die politische Verfasstheit haben Privilegien nicht im Programm – soweit stimmt das -, aber die Menschen sind nicht identisch mit der abstrakten Wirklichkeit. Völlig konkret betrachtet, leben wir in einer Klassengesellschaft; und Klassen beinhalten die Neigung zur Bestechung, Bestechlichkeit, Privilegienheischerei, Selbstgefälligkeit, etc. p.p.
Genau genommen kann auch das Kapital nicht ohne solch korrupte Subjekte, denn eine Gesellschaft, die derart im Widerspruch steht zu den Bedürfnissen ihrer Mehrheit(en), würde keinen Tag überleben – nur kraft objektiven Gesetzen und Verhältnissen. Es bedarf der konkret-politischen subjektiven Wirklichkeit, selbst wenn diese im Widerspruch stünde zu Eigengesetzlichkeit in der objektiven Welt – zur abstrakt-ökonomischen Matrix. In jener subjektiven Welt drehen wir uns im Kreis, tanzen wir um das goldene Kalb. Ba‘al hat in der Klassengesellschaft seinen ständigen Platz.
Ganz konkret gesprochen: In der subjektiven Wirklichkeit sind die Menschen noch die gleichen wie in vorkapitalistischen Zeiten, selbst gebildeter sind wir kaum, wenn auch halt ein wenig technisch weiter entwickelt. Solange Klassen existieren, solange wollen die Unteren den Oberen gefallen, und die Oberen sich selbst. Gottseidank, denn wäre das anders, wäre die Klassengesellschaft auf ewig. Brecht hat das gut erkannt, wenn er den „Baal“ sagen lässt: „Was kann ich dafür wenn dein Wein, den du mir gibst mich besoffen macht!“ Auch ein Ackermann wird besoffen von dem Wein der Kanzlerin. Ein modernes Stück, man sollte es genießen, denn sein Ende naht.

Vielleicht die letzte Chance
@codizil: „Abnehmende Finanzkraft muß sich eitel regen und streben, wird redseliger.“ Das ist genau meine Meinung, und daher glaube ich an das „Ende der Klassengesellschaft“ (@ Don), wenn auch nicht auf friedliche Weise, und auch nicht im unmittelbaren Kontext dieser Krise. Die Finanzindustrie trennt sich von ihrer industriellen Basis und steigt auf in höhere Regionen. Die virtuelle Welt (substanzlose Finanzprodukte) ist dabei nur Übergang. Und genau hier befindet sie sich in einer extrem schwachen Position. Wer weiß wie lange das dauert und wie krisenhaft dieser Übergang wird? Und ob die Biotechnologie wirklich alles halten kann, was sie verspricht? – aber sie ist die letzte Hoffnung – für das Kapital! Diese Krise ist also keine Finanzkrise sondern eine Übergangskrise, eine wahrhaftige Systemkrise. Die Klassen und der Klassenkampf werden dabei noch einmal ordentlich durchgeschüttelt – nicht gerührt. Vielleicht die letzte Chance für einen sauberen Übergang in die klassenlose Gesellschaft, oder das Ende des Subjekts.

Sozialismus oder Barbarei
@codizil: Das ist keine exakte Voraussage, sondern nur eine Annahme, die wiederum bestimmte Voraussetzungen erfordert. Schwere Krisen, wie die vorliegende macht diese Annahme immer möglich, wenn auch nicht notwendig. Das Subjekt hat es im Rahmen seiner Möglichkeiten selbst zu bestimmen, ob es „aufgehoben“ oder aufgelöst werden soll. „Aufheben“ kann es sich als revolutionäres Klassensubjekt, auflösen kann es sich als „automatisches Subjekt“. Für Letzteres muss es nichts weiteres tun, als so weitermachen. Die spontane Bewegung führt es von selbst dort hin. Die Herrschaft des Kapitals tendiert zur Auflösung („Prekarisierung“) aller Klassenverhältnisse (und nicht zur Stabilisierung, wie man so gerne annehmen möchte, die Klassenverhältnisse sind mitnichten stabil!). Das Kapital ist in jedem Moment gesellschaftliches (abstraktes) Gesamtkapital wie auch individuelles (konkretes) Einzelkapital. Gesellschaftlich ist es wesentlich politisch, individuell ist es ökonomisch. Der ökonomische Mensch ist ein isoliertes Einzelnes, kein gesellschaftliches Wesen – eine Idealisierung des Kapitals. Mensch wie Subjekt sind aber gesellschaftliche Wesen, darin aber nicht abstrakt sondern real-konkret. „Aufheben“ erfordert das ausloten aller nur denkbaren Möglichkeiten und die Nutzung derselbigen, in jedem Moment der Geschichte, die Nutzung der Politik wider die Ökonomie, die „Kritik der politischen Ökonomie“. Die einzige „exakte Voraussage“ kann daher nur lauten: Sozialismus oder Barbarei (Marx-Engels-Kommunistisches Manifest).

Die Geschichte machen wir selber
@Alter Bolschewik: Sie haben recht, und die Erinnerung ist eben keine verlässliche Quelle, zumal wenn man davon überzeugt ist, dass jenes Paradiktum eigentlich genau dort hin zu passen habe!
Der Urlaub, der ja eigentlich eine Kur war, war sehr erholsam. Danke!
Ich glaube übrigens nicht, dass die Marxisten wirklich siegesgewiß waren, sie waren nur zu sehr auf den objektiven Faktor orientiert, und glaubten sich daher innerhalb der Geschichte gut aufgehoben. Auch eine Rosa Luxemburg war noch von dieser Krankheit erfasst. Es bedurfte eines Lenin, der ihnen klar machte, dass der subjektive Faktor alles entscheidet. Die Geschichte machen wir selber, wenn auch nur im Rahmen einer möglichen (nicht unbedingt notwendigen!) Geschichte.
Die Theorie selber kann Geschichte machen, wenn sie die Geschichte versteht.
Ganz konkret: Demokratie heute – auch und gerade im Sinne des Wortes: Herrschaft des Volkes -, erfordert, dass das Volk sich in Klassen versteht, also nicht als amorphe Masse, sondern als eine klar strukturierte, einer, die sich vom abstrakten zum konkreten hin orientiert, und somit vom gesellschaftlichen hin zum individuellen – und eben nicht umgekehrt.
Das ist wesentlich, denn wer das umgekehrt begreift, versteht nicht, warum Privilegien an eine gewisse mehr oder weniger identische soziale Gliederung gebunden sind, und nicht an eine juristische. Darin irrt nämlich unser guter Don, wenn er glaubt, dass man Privilegien innerhalb eines gesetzlichen Rahmens erfahre. Jeder gesetzlicher Rahmen hierfür ist die Hure der Praxis, nicht ihre Rechtfertigung. Nehmen wir die Privilegien in einer sog. sozialistischen Gesellschaft. Diese gibt es doch nur, weil der Sozialismus noch mit Haut und Haaren an den Kapitalismus gebunden ist, an die Klassengesellschaft, an die Verwaltung der Not und des Notstandes und nicht der „Sachen“, wie dann erst im Kommunismus. Privilegien drücken überhaupt nur einen Zustand aus, in dem die Mehrheit der Bevölkerung, die Massen, vom Genuss derselben ausgeschlossen sind, in dem der Mangel herrscht, und diesem die Politik, die Macht der Bürokratie. Daher verstehen zum Beispiel die Trotzkisten nicht den Begriff des Bürokratismus. Sie halten ihn für einen gesonderten, wo er doch nur der allgemeine für eine jegliche Klassengesellschaft ist. Der Bürokratismus kennzeichnet eben nicht die Verwaltung von Sachen, sondern die von Menschen, aber dies in einem hochorganisierten Zustand, einem jenen, der den Sachen schon sehr nahe gekommen ist. Der Bürokrat gibt sich als Sachwalter, ist aber doch nur ein Machthaber, ein dafür delegierter.

faz.net/blogs/stuetzen/archive/2009/08/27/der-fluch-der-privilegien-in-der-demokratie

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