Wau – Nazim Hikmet!

Wau – Nazim Hikmet!
Bekommen wir da mehr von zu hören. Ich habe ein paar Sachen von ihm (Menschenlandschaften). Er ist unbeschreiblich. Daher fehlen mir auch jetzt die Worte.

Man liebt das, was man nicht ist
@Don Alphonso: „…verständnisvollen Deutschlehrer neben der Schulzeit“. Das ist aber lange her. Lesen Sie ihn wieder! Wie gesagt, ich war von den „Menschenlandschaften“ tief beeindruckt. Es ist vielleicht jenes Paradoxon, die Menschen, die einem u.U. sogar verfolgen, zu „lieben“, nicht aus christlicher Sicht, sondern aus marxistischer. Das klingt ganz anders als bei Heine, obwohl dem sehr nahe kommend. Ich habe immer Hikmet im Kopf, wenn ich über die Türken nachdenke, über die so vielen „Dummköpfe“, die sich da von ihren Herren so betrügen lassen, und dabei so liebenswürdig sind, wenn man nicht über Armenier oder Kurden redet. Sich nationalistisch aufzublähen, wo doch „der Türke“ erst durch die verschiedenen Massaker an anderen Völkern entstanden ist. Ein Geschöpf des modernen Genozids, des Völkermords beim Eintritt in die Moderne. Bis dahin gab es den Osmanen, den Muslimen, den Armenier gab es, sogar den Juden, den Griechen, den Kurden gar, aber den Türken? Den Bauern gab es, den Herren, den Intellektuellen, den Fremden, den Ungläubigen, den Händler, den Großgrundbesitzer, den Agha also, und dessen Steuereintreiber… Und außer dem Bauern, waren sie alle unerreichbar, für den Bauern, Fremdlinge, wie Yakup Kadri, ein Fremder im eigenen Volk. Man liebt das, was man nicht ist, oder nicht hat. Die Türken das Türkentum, der Nazim sein Volk

Warum dort wohnen?
Lärm ist ein Grundproblem unserer Zeit, und ich finde schon lange, eigentlich gehört der Schutz vor Lärm ins Grundgesetz, noch vor den § 1, denn wer Lärm ertragen muss, hat schon keine Menschenwürde. Wobei ich allerdings nicht glaube, dass das Problem zu lösen geht, aber vielleicht ist die Haltung zu ändern und damit ein Teil des Problems, der lösbare Teil. So lebe ich mitten in der Stadt, einer kleinen Stadt, etwa 40000 Einwohner, am Fuße des Taunus. Bin extra hierher gezogen, weil ich ein wenig weniger Stress und dafür aber nicht die Langeweile einer Großstadt wie Frankfurt an ihren Wohnrändern für eintauschen wollte. So gab es sich, dass wir – frisch eingezogen, und es war ein heißer Sommer -, das Kinderzimmerfenster offen ließen, es geht zur Straße raus. Zugegeben, eine Hauptverkehrsstraße, doch wäre das eigentlich zu ertragen, denn ab einer bestimmten Uhrzeit nimmt der Verkehr hier eigentlich ab, um einen dann morgens um 6 wieder freundlich zu wecken. Nicht so aber, wenn die Stadt Geld sparen möchte, und daher die Ampeln ab 23 Uhr ausschaltet. Dann geht hier die Rallye ab. Man(n) fährt 100, mitten in der Stadt, und das möglichst die ganze Nacht, denn der Spaß ist ja unbezahlbar, und an der Ampel zur Kreuzung, und da wohnen wir genau, stellt man das Radio, nur so zum Zeitvertreib auf eine Lautstärke, dass unser Wohnhaus, ein ehrwürdig altgedientes, mit starken Mauern und hohen Räumen, zu zittern anfängt, incl. unseres Kindes im Bett im 2. Stock. So passierte es, dass da mal einem dieser Irren etwas aufs Dach fiel, aus meinem Fenster, so ganz zufällig, aufs Autodach. „Mir den Hals durchzuschneiden“, war dann wohl noch das freundlichste seiner Angebote. Und die Polizei meinte, warum ich ausgerechnet hierher zöge, ich könnte doch in irgendeiner Vorstadt wohnen. Worauf ich ihn dann fragte, ob ich dieses Angebot, morgen per Flugschrift allen Anwohnern dieser Straße unterbreiten dürfe, mit freundlichster Empfehlung unserer Polizei nämlich, damit wenigstens diese nachts schlafen könne.
Ich hörte nie wieder was, weder von diesem „Halsabschneider“, noch von diesem einfallsreichen Polizisten. Aber der Lärm hat für eine gewisse Zeit nachgelassen. Es hat sich rumgesprochen, dass dort ab und an mal was aus dem Fenster fällt.

Nachttopf im Kinderzimmer, und des Deutschen Minderheitenschutz
@Saum: Mein Gewissen ist wirklich belastbar, im Übrigen bedaure ich es immer noch, dass ich Grossmutterns alten Nachttopf nicht mitgenommen habe, vor so etlichen Zeiten. Der hätte heute wirklich wieder im Kinderzimmer auf der Fensterbank einen schönen Platz gehabt.
Bei dieser Gelegenheit noch eine Info am Rande. Am Tag danach sprachen mich alle nur möglichen Nachbarn an, die wollten natürlich wissen, was da los. Der Kerl hatte wirklich richtig Krach gemacht. So erfuhr ich, dass diese armen Leutchen schon einige Zeit wegen des Lärms zu leiden hatten, sich auch mal beschwert hätten, aber bisher ohne Erfolg. Den Vorschlag des Polizisten, doch weg zu ziehen, war ihnen dann die entsprechende Erklärung.
Und außer meines unmittelbaren Nachbarn – der sorgte sich um den Lack seines Autos, nein nicht wegen mir, er fürchtete die Rache (der Deutsche, denkt er nicht immer erst ans Auto?) dieses Irren – fanden Sie mein Verhalten angemessen.
Desweiteren erfuhr ich, dass der Kerl schon polizeibekannt gewesen war, aber eigentlich ein ganz „passabler Typ“ sei, so der genannte Polizist. Offenbar hat er bisher noch keinen abgemurkst. Naja, es hat ihm ja auch noch niemand seinen Lack beschädigt.
Die Lehren am Rande: Sich Wehren lohnt sich. Es muss ja nicht gleich eine Bürgerwehr sein. Die Polizei pflegt natürlich bevorzugt ihre Beziehungen zum Milieu, wer weiß, wofür die noch gut sind, warum soll man da sich in jede Kleinigkeit einmischen. Lärm geht schließlich in aller Regel von demselben Bürger aus, der sich da beschwert, von Ausnahmen mal abgesehen. Die Justitia ist schließlich eine Waage. Und eigentlich ist er nicht vermeidbar, dieser Lärm, von Ausnahmen mal wieder abgesehen.
Diese Ausnahmen haben es aber in sich: Lautes Radio im Auto oder in der Wohnung, so dass jeder jedermanns Geschmacklosigkeiten gleich voll mitbekommt, scheint des Bürgers erste Bürgerpflicht zu sein. Die meisten halten das wohl für das Wesen der Demokratie. Sich hingegen wehren, ist undemokratisch. Schließlich haben Minderheiten auch ihre Rechte.
Apropos Minderheiten: Von demselben Nachbar, der, der sich um seinen Lack sorgte, bekam ich dann noch zu hören, dass ich wohl was gegen Ausländer hätte. Der „Halsabschneider“ war halt doch zufällig ein Ausländer. Und was für einer! Ich dachte schon, der sei vom Rundfunk. Ihr wisst schon, die zwei mit ihrem herrlichen Balkandialekt. Dragan heißt der eine, glaub ich. Schon witzig, wie man die Moral so halbiert. Einerseits befürchtet man, dass einem dieser Kerl den Lack auf dem Auto zerkratzt, andererseits hält man ihn für eine schützenswerte Minderheit. Das scheint des Deutschen Moral, man schützt die, die man fürchtet. Und das wiederum ist mir doch beinahe die wichtigste Lehre.

Trauen muss man sich
@Dunnhaupt: Das habe ich als im Kopf, aber trauen tut sich das doch heute kaum noch einer. Ich jedenfalls denke nur drüber nach.
@Mawu: Auch ich vertrage eine gewisse Menge Lärm. Kinder zum Beispiel – und ich habe so eine Kröte in dem entsprechenden Alter – machen reichlich davon. Hin und wieder frage ich meine Nachbarn unter mir, ob sie das noch ertragen. Nicht nur des schlechten Gewissens wegen. Die über mir, fragen mich das nie. Doch mag ich keine Rücksichtslosigkeit, darum geht es doch hier, und zwar von Einzelnen, nicht von Massen. Massenverhalten hat seine Eigengesetzlichkeit, da mach ich mir nichts vor, da geht es nicht um Rücksicht sondern um Vorbild und Nachahmung, bzw. um blinde „Gesetze“. Und die Kneipenszene ist pures Massenverhalten. Will man da was ändern, muss man die Verhältnisse ändern. Aber einzelne Leute könnten ein wenig mehr Rücksicht aufbringen, ein bisschen mehr Verstand übrig haben.

Nicht 0-Toleranz, aber auch nicht All-Toleranz
@Mawu: Wer redet hier von Sachbeschädigung. Was da auch immer dem Kerl aufs Dach geflogen ist, das geschah von ganz alleine, vielleicht aus Versehen, weil ich mich aus dem Fenster lehnen musste…Bei mir liegen immer so ein paar Dinge auf der Fensterbank rum.
Abgesehen davon war nichts zu entdecken auf dem Dach, die heutigen Autos vertragen doch so einiges. Aber unabhängig davon werden wir uns wohl nicht einig. Wie gesagt, ich wohne in keinem Kneipenviertel, also muss ich so manches nicht ertragen. Ich habe auch so eine Stammkneipe – in der Altstadt -, dort gibt es freitags Live-Musik, mit dem entsprechenden Krach. So wie ich das beobachte, achtet der Wirt auf ein Maximum an Rücksichtnahme, so weit das geht, und damit werden auch seine Gäste dazu angehalten. Und in der Tat, mein Kind ist ein Grund, das hat eine Krankheit, und da sind Schlafstörungen extrem abkömmlich – also kein Vorwand.
Aber selbst wenn es nicht so wäre, und Sie haben natürlich Recht, auch hier steckt Massenverhalten dahinter, aber doch veränderbares, nicht unbedingt tolerierbares. Ich komme vom Land, und ich weiß, wie das Verhalten der Menschen sich schlagartig verändert, wenn sie sich beobachtet fühlen. Es gibt dort kaum Geheimnisse, bis auf die aus dem Schlafzimmer – vielleicht. Das will ich nicht unbedingt haben, aber es ist doch merkwürdig, wie schnell Massen sich anders verhalten, wenn sie sich nicht mehr durch Anonymität geschützt fühlen. Und hier spielen Charakterfragen auch eine Rolle. Es gibt Leute, die verhalten sich so, dass sie sich selbst noch ertragen können, selbst in der Masse. Sie benötigen keine Anonymität um einem schlechten Charakter zu frönen.
Gibt es nicht ein übleres als ein anonym agierender Stalker, zum Beispiel?
Fußballweltmeisterschaft, Sie bringen ein neues Stichwort: Die gab es in Frankfurt ja auch, und es ist gar nicht so lange her, und zur gleichen Zeit ein Volksfest bei uns in der Stadt. Was glauben Sie wohl, wie es hinterher aussah, hier bei uns, nach dem die Kerle (und die Mädels nicht weniger), ehe schon stockbesoffen, dann ihren Nachdurst bei uns löschten, und ihrem Randalebedürfnis nachgingen. Die Glasscherben überall, davon wollen wir gar nicht reden, aber der Uringestank in der ganzen Stadt, von der U-Bahnunterführung beginnend…
Nach diesem Erlebnis, konnte ich einem Westerwelles Fußballpatriotismus noch weniger abgewinnen, als ehe schon, um mal wieder bei der Politik zu landen. Und ich denke, es ist eine Frage der politischen Kultur, die man haben möchte oder nicht.
Warum werden Hooligans in der rechtsradikalen Szene so gefördert? – Und auch weitestgehend von der Polizei toleriert? Weil sie politisch opportun sind! Eine Art reaktionäre Reservearmee. Ähnliches gilt für die oft intimen Beziehungen zwischen Staatsmacht und Mafia, auch hier werden politisch opportune Strukturen gefördert. Allerdings muss man genau hinschauen, es ist nämlich genauso opportun eine gewisse „Bürgerwehr“ dagegen, dann auch wieder zu instrumentalisieren, nicht gegen die Mafia, sondern gegen die harmlose „Migrantenszene“.
Zuviel Toleranz verschließt uns die Augen davor, so wie „0-Toleranz“ definitiv auch ein reaktionäres Manöver ist.

Alles Verschwörungstheorie, oder was?
@Mawu: wie man die Leute alle ansprechen soll, die da anonym unter dem Kinderzimmerfenster an einem vorbeifahren, bzw. mit lauter Musik dort ihre Wartezeiten überbrücken, weiß ich natürlich nicht. Ich kann nur werben, hier und überall. Es vertreten, also einen Standpunkt beziehen.
Die „Reservearmee“ klingt nach Verschwörungstheorie, aber wer sich ein wenig mit den Behörden, in den Behörden, und dabei insbesondere mit der Polizei auskennt, weiß deren wahre Gesinnung richtig einzuschätzen. Ich habe diesbezüglich privat wie beruflich so einiges erlebt, sodass ich sagen kann: leider alles andere als Verschwörungstheorie.
Nur ein Beispiel,und da plaudere ich auch nur darüber weil der Betreffende nicht mehr lebt, und in der besagten Behörde zwischenzeitlich „aufgeräumt“ wurde:
Da gab es vor Jahren einen bundesdeutsch bekannten Naziführer – in Frankfurt -, der starb später, an einer unheilbaren Seuche, nach Entlassung aus dem Gefängnis. Er und seine Mannen terrorisierten in Zusammenarbeit mit einem örtlichen Polizeirevier die Anwohner (Horst-Wessel-Lied über Lautsprecher). Jede Anzeige der Anwohner dagegen, landete postwendend bei dieser Nazigang, mit Benennung des Anzeigenden. Jenes Polizeirevier stand dann Jahre später in der Presse, es sei dort etwas aufgeräumt worden – die Mannschaft komplett ausgewechselt, hieß es, etwas orakelnd. Denn kein Wort darüber – warum? Und warum erst so spät?
Solche Beispiele belegen natürlich für sich alleine gar nichts. Ich persönlich kenne so viele, dass es mir reicht, um zu wissen, dass da mehr als Zufall dahinter steckt. Aber die Beispiele alle zu benennen, würden nicht nur mich, sondern eine Menge andere Leute, gefährden.
Auch wir leben inzwischen in einer „lupenreinen Demokratie“ (siehe auch: Ein teufliches Päckchen).

Ein Haus, das mit seinen Bewohnern verwachsen ist
@Mawu: Also: Es ist im Allgemeinen nicht leicht solche Strukturen aufzudecken, denn sie sind natürlich verdeckt. Ich empfehle zur Lektüre Jürgen Roths einschlägig bekannte Bestseller (Ermitteln verboten, Anklage unerwünscht, Der Deutschland-Clan…). Jürgen Roth kann sich Personenschutz leisten, ich nicht. Wie so etwas dann von innen betrachtet aussehen kann, erfährt man in Tim Weiners „CIA“. Es zeigt die Methoden, den unglaublich banalen Praktizismus wie den brutalen Pragmatismus. Diese ideologischen Strukturen sind tatsächlich vorhanden. In aller Regel speisen sie sich aus dem bekannten Antikommunismus, aber auch aus einem gewissen Rassismus – Antisemitismus/Antiislamismus (letzteres stellt aber u.U. kein Hindernis dar, mit sog. islamistischen Terroristen ebenso gemeinsame Sache zu machen, wie mit rechtsradikalen jüdischen Gruppierungen, bzw. deren ideologische Matrize zu benutzen) -, vor allem aber aus dem Bewusstsein, dass man die Macht dazu hat (die weiße Herrenrasse ist, u.U. oder die herrschende Nation), alles zu tun, was nötig ist. Das Recht ist immer das des Stärkeren, nicht des Zögerlichen, sondern das des Zupackenden, des seine Chance nutzenden. Das alles ist Ideo-logie, nämlich die Logik einer gesellschaftlichen Ordnung, die Paralogik. Einer ganz gewissen. Man stelle solches und eine dementsprechende Gestalt einer noch indigenen Einwohnerschaft im südamerikanischen Dschungel vor. Dort wo vielleicht noch Kannibalismus herrscht (denn Kannibalen sind diese Herrschaften gelegentlich ja auch, nur ganz andere: sie fressen ganze Gesellschaften, ganze Völker, ja sich selber – sind „Autokannibalen“/Robert Kurz). Ich glaube solche Leute würde man dort nicht mal verspeisen wollen, denn die hielte man für ungenießbar. Leute verspeisen, damit will man sich ihrer Seele vergewissern, mit diesen Unsterblichkeit erlangen. Aber was will man mit solchermaßen „entseelten“ Gestalten, Gestalten die keinerlei gesellschaftliche Moral verkörpern, da nur wertlose Ideologie. Womit hätten sie sich verdient gemacht?

Es zeigt sich, dass es oft gar keine offen formulierte ideologische Strukturen sind, sondern ganz banale „Geldgier“ (mag auch als ideologische Struktur gelten) die da die Triebfeder für ist. Gewisse Ideologien erweisen sich als nützlich, andere als weniger nützlich. Aber das ist eben „Ideologie“, nämlich der Pragmatismus einer sich in der Untergangsschleife befindenden herrschenden Klasse.
Ich ganz persönlich hatte vor jetzt schon mehreren Jahrzehnten das höchst zweifelhafte Vergnügen (mir wird es heute noch schlecht, bei den Gedanken daran) solche Strukturen innerhalb der türkischen Polizei (in Verbindung mit deutschen Dienststellen) kennen zu lernen, ganz persönlich. Teile meiner Kenntnisse hierüber habe ich in der FAZ als Leserbriefe verstreut untergebracht. Sehr lange Zeit konnte ich darüber überhaupt nicht berichten, da ich als Quelle sofort erkannt worden wäre, und ich damit meine damalige Familie in Gefahr gebracht hätte (mich natürlich auch). Und auch mehr möchte ich auch jetzt nicht dazu sagen, obwohl es viel mehr dazu zu sagen gäbe, besonders im Hinblick auf die Verbindungen zu gewissen deutschen Dienststellen (Kripo, Verfassungsschutz, BND…).
Es erstaunte mich selbst mit welcher Selbstsicherheit diese Leute mit ihrer solchermaßen „freigewählten“ ideologischen Maske umgehen (in meiner Umgebung sahen sie aus wie ganz normale Leute, gut gekleidet, immer bei Laune, spentabel, das Monster bemerkte ich erst in ihrer eigenen Umgebung). Waren sie doch recht eigentlich Schauspieler. Sie wähnen sich sicher, als die Herren eines Landes, einer Stadt…Die Rolle wirkt ihnen plötzlich wie auf den Leib geschneidert. Und dazwischen liegen nur 3000 km Fluglinie, von der einen Rolle zur anderen. Aufgrund ihrer Macht und auch der sie umgebenden Strukturen verfügen sie nunmehr frei über alle Mittel. Ihre Spentabilität kommt einem plötzlich zuwider. Weitere Strukturen in nahezu alle gesellschaftlichen Bereiche erschließen sich ihnen wie von selbst. Sie sind Polizei, sie sind Gangster, sie verkörpern die öffentliche wie private Macht, selbst der Chauffeur eines solchen Banditen hatte Privilegien, durfte töten, wen er wollte, wenn er wollte.
Das ist keine Verschwörungstheorie, keine Horrorfantasie, das ist Realität des Kapitals. Ich behauptet sogar, dass die anonymen Strukturen des Kapitals, die abstrakten, gar nicht funktionieren können ohne solch höchst banalen, mehr vorzeitlichen Clanstrukturen entsprechenden als modern repräsentativen. Nicht jeder Kapitalist ist ein Bandit, aber ohne dieses Banditentum kein Kapital an der Macht. Die Mafia wie die Kirche sind zwei unersetzlichen Säulen dieser Gesellschaft, ohne diese keinen wirklichen Staat, denn keine Manifestation von Ideologie. Ideologie wird dort nicht mehr geschrieben, sie wird gelebt. Nur dort ist Ideologie anfassbar/fassbar. Wir müssen nicht nach Italien gehen und uns eine dementsprechende „konzertierte Aktion“ quasi auf dem Weg einer katholischen Prozession anschauen, denn auch wir erleben gerade eine Wiederkehr von Clanstrukturen, da das Kapital verwildert, teilweise zerfällt, und damit seine politische Macht demaskiert.
Was ist der Unterschied zwischen einem Putin, der bekanntermaßen Geheimdienst, Mafia, Kapital und politische Macht vereint und einem, na sagen wir mal Franz Josef Strauß (Gott hab ihn selig)? Nur die Mafia konnte man diesem nicht nachweisen – bis zu seinem Tod (in Pullach saß seine Hausmacht, und zwischen CSU und dieser konnte man ehe nicht unterscheiden) -, aber es hätte nicht viel gefehlt. Waffengeschäfte sind fast immer mafiös, so wie Prostitution; oder hat jemand schon mal einen Priester gesehen als Zuhälter oder als Waffenhändler? Einen Politiker doch wohl nur deshalb nicht, weil das nicht gut ankäme! (Es gab aber da einen, auch der ist tot, jener von der FDP, und der war Waffenhändler! Seine ideologische Maske war der Antisemitismus. Das war er seinen arabischen Geschäftsfreunden schuldig.) Und Straußens Sohn Max hat da heute noch seine liebe Not bei. Über die Geschäfte dieser Branche plaudert man nicht, das kann tödlich sein. Wir werden sehen, ob der Schreiber seine Überstellung aus Kanada überhaupt überlebt. Ein Kohl schweigt schließlich auch ganz beherzt/unbeherzt bezüglich seiner Leunageldwäschegeschäfte, denn dahinter stand die französische Waffenindustrie, wie man längst weiß. Man(n) will schließlich nicht mit einem ungesicherten Fallschirm vom Himmel fallen. Wenn das alles Ideologie ist, dann ist die Realität „ideologener“ (man verzeihe mir die Wortschöpfung) als wir wahrhaben wollen.
„Reservearmee“ ist ein technischer Begriff aus dem Militär, in der Soziologie wird er nur analog verwandt, dort ideologisch schimmernd („die Reservearmee“ aus Arbeitslosen), aber im alltäglichen Geschäft (und dieses Geschäft hat auch formal viel mit einem „Waffengeschäft“ zu tun, und für diese Leute ist Politik immer auch ein Geschäft, identisch mit Geschäft, siehe auch Tim Weiner zu gewissen CIA-Größen) ist er ein ebenso rein technischer. Aber nunmehr ist diese Reservearmee kein Ding mehr und doch etwas ideologisch aufgeladenes, denn eine Geheimarmee, eine verheimlichte, eine paramilitärische Institution, eines dem Volk nicht mehr zugängliches, ein Mythos. Die wahren Mächtigen haben diese Macht auch nur aufgrund dieser Identität von Geschäft, Politik und Technik, incl. der Technik einer „Geheimarmee“. Das schafft ihnen Macht wie Mythos. Jede Revolution, jeder Aufstand, jeder Staatsstreich, bringt das Zutage. Und „Ideologie“ müssen sie nicht haben, all diese wie jene, sie sind die Ideologie. Ideologie ist ihnen, was dem Don seine Nobelhütte ist, mit einer Menge Räume, manche davon gar noch nie bewohnt, sie wohnen drin, aber so, dass man sie nicht daraus entfernen kann (was für den Don natürlich nur bedingt gilt – vermutlich). Sie sind das Haus, das Gebäude, der Raum dessen, in dem ein Adam Smith nur eine „unsichtbare Hand“ entdecken wollte/konnte. Die Unsichtbarkeit kommt daher weil alles sichtbar ist, aber als solches nicht wirklich begreifbar, nicht fassbar – all zu oft. Sie wollen es ja auch nicht fassen, was ich Ihnen da erzähle, sowenig wie ich fassen wollte, als man es mir erzählte, grausam vorführte, demonstrierte, unwiderruflich deutlich machte. Und mir damit klar machte, wie ordinär Kapitalmacht doch ist. So ordinär, dass sie auch kriminell sein kann – ohne Übergang.
Ein Haus, das mit seinen Bewohnern verwachsen ist, wer will solches glauben?

Wir scheuen uns vor uns selber
@Saum: Das macht nichts, das Thema war ehe mal fällig, und gerne treffe man auch bei mir ins Schwarze. „Ideologie“ ist ein oft gebrauchtes Wort, und doch scheut man es, wie ein Reh den Geruch des Jägers. Nur im Unterschied zum Reh: hier scheuen wir uns vor uns selber. Und: Verschwörungstheorie, auch so ein Totschlagsargument, auch die sog. „Verschwörung“, die ja recht eigentlich gar keine ist, gehört i n die Theorie, als durchaus basale Kategorie. Ich habe den Versuch dazu unternommen. Denn das wollte ich deutlich machen: Ideologie und „Verschwörung“ sind die zwei Seiten einer Medaille. „Verschwörung“ existiert dort, per se, wo Ideologie gelebt wird – nicht gelehrt, nicht verinnerlicht, nicht immateriell vorausgesetzt – materiell gewordene Ideologie, einfach gelebt, veräußerlicht. Die idealen Tummelplätze dafür sind Mafia, Geheimdienste, gewisse Bereiche der Polizei und des Militärs, also der ganze politisch (ideologisch) motivierte Repressionsapparat. Ist das ein Zufall?

faz.net/blogs/stuetzen/archive/2009/07/12/buerger-wuerger-und-noch-schlimmeres

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