Postfaschismus

Postfaschismus
@Lemming/Strobl: Und doch hat Lemming Recht. Der Kapitalismus hat sämtliche Paradigmen auf den Kopf gestellt, deshalb ist Malthus ja so ein Reaktionär. Es geht in solchen Theorien darum, das Versagen des Kapitals, will heißen: die Blamage, ob des nicht einzuhaltenden Versprechen bzgl. der zivilisatorischen Wirkung des Marktes, zu verschleiern. Die Krise machte es deutlich. Und es nicht natürlich ein frecher Versuch Keynes wieder in die Mottenkiste zu packen. Der Mohr kann gehen…
Im Übrigen: Der Überfluss an Armut ist die Grundlage für den Überfluss an Reichtum, nicht der Mangel an Armut. Auch das ist kapitalistische Logik. Erklären nicht gar liberale Theoretiker, dass es gerade diese Armut ist, die das Streben nach Reichtum schaffe? Das ist natürlich reine Apologie, aber da steckt natürlich ein Fünkchen Wahrheit drin, denn die Kapitalakkumulation auf der einen Seite akkumuliert die Armut auf der anderen Seite. Deshalb ist am Armutsbericht, der – bisher immer zensierte – Reichtumsbericht der eigentliche Skandal.
Mutig daran ist nur, dass hier vormoderne und solchermaßen postfaschistische Ideen als mutig angepriesen werden. Allerdings wirft das ein bezeichnendes Licht auf den Stand der Krisendebatte. Die Bourgeoisie hebt wieder frech ihr Haupt. Zu früh, wie ich meine.

Nicht Kriege oder Naturkatastrophen – wissenschaftliche Lösungen!
Der allerwichtigste Aspekt, der gegen diese Theorie ganz grundsätzlich spricht, ergibt sich aus der gegenwärtigen Epoche des Kapitals: Nicht mehr „Menschen“, Arbeiter, Hands also, sind von Bedeutung für die Entwicklung der Produktivkräfte, sondern nur noch die Köpfe, bzw. die Hirne dieser Menschen. Daher ist es faktisch auch gleich, ob sie beschäftigt oder unbeschäftigt sind, wenn es gelingt auch die Unbeschäftigten in diesen Prozess der Ausbeutung geistiger Arbeit zu zwingen, gar kostenlos, für einen Euro, bzw. für Arbeitslosengeld/Sozialhilfe. „Hands“ sind verzichtbar, wenn nicht gar ehe als freigesetzte die Grundbedingung für das was wir Produktivkräfte nennen, nicht aber die „Gehirne“ (Frank Schirrmacher). Heute werden keine Fließbänder mehr gebraucht, sondern Einrichtungen wo die Geistesarbeit einfließt. Auch das Internet wäre so eine Einrichtung. Wikipedia als der Archetypus dessen was wir zukünftig kostenlose Geistesarbeit nennen dürfen.
Und auch dies wird nur die Vorstufe zu etwas sein, was wir uns so richtig gar nicht vorstellen können. Die Biotechnologie auf der Grundlage der Genforschung, in Verbindung mit der Kybernetik, wird es eines Tages möglich machen: Hirne werden sozusagen vom Körper getrennt, „abstrakt fließende Arbeit“ im sprichwörtlichen Sinne wird generiert.
Unter diesem Aspekt ist dann jedes einzelne Hirn wichtig (nicht der Mensch der möglicherweise da mal daran hing!). Hirnarbeit quasi in Form geistiger Fließbänder. Das „Band“ sind die Verbindungen, die diese Hirne zusammenschließen, und das Produkt brächte dann die Produktionsmaschinen in Bewegung, Maschinen, die Roboter sein können, aber nicht unbedingt sein müssen, denn dieses Hirnband ist ein Superroboter, eine Superkybernetik.
Auf dieser Stufe könnte dann ein Malthus fröhliche Urständ feiern, aber natürlich als ein weiter entwickelter. Das technische Grundproblem dieses Zeitalters wird dann sein, so wenig wie möglich Aufwand an Energie für den lebenden Organismus im Ganzen, bei einem entsprechend hohem Energiezufluss für die geistigen Komponenten.
Die Gehirne müssen bestens versorgt werden, die Körper können auf einem Mangelniveau gehalten werden. Beides geschieht heute schon, quasi natürlich bedingt, wenn die Menschen hungern, bleibt das Gehirn, solange der Organismus lebt, bestens versorgt, zumindest biologisch betrachtet.
Unter dem Gesichtspunkt, dass wir also keine Menschen mehr brauchen, aber sehr wohl Geister, um die Produktivkräfte auf dem bisherigen Niveau weiter zu entwickeln, sind Kriege wie auch Naturkatastrophen hierfür obsolet. Deren Aufgabe wird an die Wissenschaft delegiert.
http://faz-community.faz.net/blogs/chaos/archive/2009/07/30/pulverdampf-und-pestilenz-dann-klappt-s-auch-mit-dem-aufschwunge

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  • Von Eine Dialektik von konservativ und revolutionär am 21. Oktober 2009 um 18:13 Uhr veröffentlicht

    […] auch den Kampf, sicherlich aus religiösen Motiven, gegen die Ambitionen der Biotechnologie, das „göttliche Wesen Mensch“ obsolet werden zu lassen. So wie die Motive, allein darin begründet, natürlich schwach sind, so […]

  • Von Singers Präjudiz am 20. Dezember 2009 um 21:52 Uhr veröffentlicht

    […] Präjudiz Ein guter Artikel – ein echter Schirrmacher -, und doch, was ist es, was mich daran stört? Ist es die Angst, die ich da spüre, und die ich […]

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