Wenn sie ihre Lieder singen

Wenn sie ihre Lieder singen
Entschuldigen Sie, Herr Strobl, aber das Herumgehacke in Richtung SPD, hat schon, selbst wenn ich zugebe, dass es faktisch nicht falsch ist, etwas Peinliches. Ich sagte es schon an anderer Stelle („Der falsche Beifall“).
Das Thema ist doch ein ganz anderes. Wie viel Neoliberalismus verträgt eine rechte Sozialdemokratie, wie viel Pseudomarxismus eine linke, und wie viel Sozialdemokratismus der Rest der bürgerlichen Parteienlandschaft, ohne, dass es der Bürger merkt? Denn merkt er es, wird ihm schlagartig klar, dass es mit dem sog. Meinungspluralismus nicht weit her ist. Die bürgerliche Demokratie ist eine Farce, so wie die Macht eine Diktatur ist, die des Kapitals nämlich. Und der Begriff des Proletariers war niemals obsolet, nur im Munde dieser „Offiziere des Kapitals“ (Marx, damit meinte er wohl die damaligen Beamten, heute wären das aber nur die leitenden Beamten, und natürlich die bürgerlichen Parlamentarier), wenn nicht gar nur Hohn und Spott, oder getragen in der Absicht des Missbrauch.
Das ist die negative Seite der Problematik. Die positive fand ich dieser Tage in der Frankfurter Rundschau – man verzeihe mir diesen Fehlgriff, denn ich lese die Rundschau nicht mal, wenn ich sie geschenkt bekomme, diesmal machte ich mal eine Ausnahme. Schon auf der ersten Seite war da der Aufmacher einer gewissen Naomi Klein, die da forderte: feuert die Bosse. Nun das wäre nichts Neues aus diesem hübschen Mund, und doch war dieser nicht nur roter geschminkt: es waren ihre Berichte über Betriebsbesetzungen rund um die Welt: Argentinien, Ungarn, Irland, Kanada, USA…, die eine definitiv rote Propaganda enthielten. Das war auch für Frau Klein ein Schritt über ihre übliche Antiglobalisierungsrethorik hinaus.
Die Arbeiter, die Proletarier, haben es offenbar geschnallt: es gibt eine Alternative zur Entlassung, und damit auch zu diesem System: man entlässt die Bosse.
Das ist ein Riesensprung in der Entwicklung eines neuen Klassenbewusstseins, in Folge der Krise, und in Folge der Erkenntnis, dass die Herrschenden im Prinzip obsolet sind. – Und mal ganz im Sinne jener herrschenden Demagogie: den Sozialismus machen die Arbeiter besser selber.
Das ist die Umkehrung hiervon, was man Prekarisierung des Proletariats nennt, die Prekarisierung des Kapitals nämlich. Eine Entwicklung, die beileibe noch nicht als revolutionär zu bezeichnen ist, aber die nicht wenig revolutionäre Potenz enthält. Ich denke, in diesem Sinne ist das Proletariat nicht sehr en voque, um mal diesen Begriff zu gebrauchen, daher wohl auch diese quasi Nachrichtensperre, zumal in Deutschlands größter Tageszeitung – der FAZ.
Die Herrschenden meinen ein solches Proletariat eben nicht, wenn sie ihre Lieder singen, oder ihnen schmeicheln.

Für eine „gute Sache“ geopfert werden
@pjk: Und die Kunst ist, wie liefere ich die von mir mobilisierten Massen den Entscheidungen der Ministerialbürokratie aus, und zwar so, dass die glauben, das wäre genau das, was ich gestern im Wahlkampf versprochen habe?
Eben dadurch, dass auch immer ein wenig wahres daran ist – so wie an Kalupners Evolutionslogik -, was ich verspreche, etwas, was ich formal oder ansatzweise umsetze, oder was in allen politischen Entscheidungen ehe enthalten ist, oder indem ich es so verdrehe, dass was Wahres daraus, oder nicht mehr überprüfbar wird.
Zum Beispiel: „Ohne Hartz IV hätte uns die Krise mit voller Wucht getroffen!“ Das ist so eine Aussage, die niemand wirklich überprüfen kann, aber sie trifft in das Gefühl der Menschen ohnmächtig zu sein, so ohnmächtig übrigens auch wie der Hartz-IVler selber (deswegen ist dessen Mobilisierung so schwierig, trotz Betroffensein). Dass dadurch keine Solidarität entsteht, ist gesichert, insofern beide, der Hartz-IVler und der solchermaßen an diese Maßnahme glauben Sollende, keine Beziehung zu einander haben. Entweder weil der eine ohne Arbeit, der andere mit Arbeit ist, oder indem die eine Ebene des Denkens abstrakt, die andere konkret ist. Streng genommen, könnte es also auch sein, dass ein Arbeitsloser, der Hartz IV bezieht, diesen Unsinn glaubt, denn was soll er denn glauben? Dass seine Lage ohne Hoffnung ist? Da ist es doch besser, wenigstens für eine gute Sache geopfert zu werden! Daher Marxens Mahnung an die Massen: „Die Wahrheit ist immer konkret“.

Dienst an den Massen
@Haller: Der Eine glaubt an die Wiedergeburt und Robert Kurz an den „ontologischen Bruch“. Beiden ist gemeinsam, dass sie an einen Mythos glauben, es trennt sie, dass ersterer hierbei an eine eher sinnlich-reale Gottheit im Spiel wähnt, während letzterer sowas wie Deus ex machina am Werke sieht. Eine Gottheit also, die im Worst-Case-Szenarium von irgendjemand dann auf die Bühne geholt wird. Man könnte auch sagen, Kurz ist so eine Art Nietzsche in Progress (vgl. „theory in progress“, exit-online.org), denn „Gott ist tot“, meinte noch Nietzsche, hingegen Kurz wohl: „Und es lebe Gott“. (Das Subjekt ist tot, es lebe der ontologische Bruch).
Das Kapital bricht von alleine zusammen, das zu sagen, traute sich Kurz so bisher noch nicht, nun aber – in Folge der Krisenhysterie – darf man es mal versuchen.
So lieben es die Deutschen: Eine Theorie die sich selbst erfüllt, eine Gottheit, die einem von einem anderen rechtzeitig serviert wird, und eine Ausbeutergesellschaft, für die zu beseitigen, kein Subjekt mehr vonnöten ist. Denn ist dieses „Subjekt“ nicht „in der Krise“? In derselben Krise wie das Kapital womöglich? Damit wäre der Klassenkampf als obsolet erklärt, ganz elegant.
Oder schafft es gar die radikale Kritik – die „Waffe der Kritik“, die „Kritik der Waffen“ (Marx) zu ersetzen? Nichts weiter als reformistisch angehauchter Akademismus das Alles?! Oder ist erstere gar das eigentliche revolutionäre Subjekt? So habe ich bei Kurz bisher noch kein Sterbenswörtchen zu dem seit Monaten andauernden Aufstand in Griechenland gelesen, immerhin ein unerhörter Vorgang fast vor unserer Haustür. Und was ist mit den Betriebsbesetzungen? Naomi Klein berichtete darüber in der Frankfurter Rundschau. Alles keine Silbe wert, aus dem Munde des radikalsten Kritikers des Transnationalen Kapitals (Das Weltkapital)?! Das Proletariat kämpft nur noch um seine Existenz? Wohl doch nicht, wenn es die „Bosse feuert“ (N.K.).
Was nicht sein darf, das nicht sein kann. Also schweigt man. Wie die Dinge sich entwickeln, weiß natürlich niemand voraus zu sehen, aber ohne sie zu analysieren, ohne sie genauestens zu verfolgen und ohne dabei Partei zu ergreifen (!), für die Sache der Massen, wird man auch nicht erfahren, wohin die Reise geht. Man wird nie erfahren, ob ein Subjekt zur revolutionärsten Kritik überhaupt, zur Revolution noch taugt, wenn man selber nicht Teil dieses Subjekts sein möchte. Im Übrigen ist die Kritik des Subjekts ohne Selbstkritik eitle Heuchelei.
Ein Aufstand in Deutschland, eine fast undenkbare Sache, aber von der Peripherie her betrachtet, vielleicht gar nicht unmöglich. Es werden wohl die Krisenherde um uns herum sein, die uns von dem Geschehen nicht unbeeindruckt lassen können. Und wenn es stimmt, dass der Kapitalismus zusammenbricht, umso besser, dann wird es aber Zeit ein wenig mehr zu tun, als den Propheten zu spielen. Die Hoffnung stirbt zuletzt! Ja wessen Hoffnung denn? Des Intellektuellen eitlen Ehrgeiz gar, in seinen Analysen nicht als erster Baden zu gehen? Ich hoffe, dass diese Hoffnung als erste stirbt.
Denn die Massen müssen sich nicht nur befreien von Ausbeutung und Unterdrückung, sondern auch von solch sie ewig zu knechten suchenden „Theorien“.
Es stimmt, dass eine Revolution ohne eine revolutionäre Führung eine Katastrophe ist, ein fast sinnloses Blutbad. Die Herausarbeitung der Theorie steht bei der Formierung einer solchen Führung definitiv im Vordergrund. Diese ist aber kein Ersatz, kein Selbstzweck. Keine Revolution unterhalb einer echten, und schon gar nicht ein pseudorevolutionärer Eiertanz um das Subjekt der Revolution. Sie hat den Massen zu dienen, sie muss dabei helfen den Kontakt zu ihnen herzustellen, sie muss sich solcherart bewähren, oder sie ist das Papier nicht wert, auf dem sie geschrieben steht. Denn die Revolution ist eine Sache der Massen, wer den Glauben daran verloren hat, soll ins Kloster gehen und dort die Bücher anderer Leute archivieren. Immerhin, auch dies wäre kein schlechter Dienst an den Massen.

Regel(mittel)mäßigkeit
@pjk: Sie haben natürlich recht, wie fast immer – ich habe das natürlich auch so verstanden, nur habe ich mir die Freiheit genommen, da noch was drauf zu setzen, indem ich die Deskription geflissentlich ignorierte. Allerdings glaube ich auch, dass eine Revolution, eine revolutionäre Politik, ein paar neue Spielregeln mitbringt (und ehe ein neues „Spiel“), es sei denn, wir wären wirklich jene „Revolutionäre“, die, wie Lenin ironisierte, sich für die Revolution vorher eine Bahnsteigkarte kauften. Allerdings, und das ist ein bisschen unfair von Lenin gewesen, vergaß der nämlich lobend zu erwähnen, dass man sich gelegentlich auf deutsche Regel(mittel)mäßigkeit doch verlassen könnte (und das war sehr mittelmäßig, denn schließlich und endlich wurde die bolschewistische Revolution in Russland auch zum Grab der deutschen Monarchie). So war es immerhin die kaiserliche Bahn, die Lenin und seine Leute zur russischen Revolution kutschierte. Ich denke daher, dass beides vonnöten ist, aber zu völlig anderen Zwecken als gemeinhin angenommen. Im Umgang mit den Massen, sollte man sich keine Unregelmäßigkeiten erlauben, mit den Herrschenden, naja, von deren Unregelmäßigkeiten könnten wir doch noch einiges lernen.
Letztlich kommt es darauf an, das Spiel zu gewinnen, nicht in seine Regeln verliebt zu sein. Im Übrigen sind es die Engländer, die da ganz pragmatisch mit umgehen. Was ist denn ihr Rugby? Fußball, Handball, Boxen, Akrobatik, oder einfach nur eine anständige Prügelei?

Immer ein Ausweg
@pjk: Die Betriebsbesetzungen sind natürlich nicht an und für sich revolutionär, aber es wird einfacher in solchen Aktionen revolutionäres Bewusstsein hinein zu tragen. Und das ist das Schlüsselwort, vor dem sich die Linke mehr fürchtet, als der Teufel vor dem Weihwasser – „hineintragen“! Revolutionäres Bewusstsein entsteht nicht, es muss geschaffen werden, und hinein getragen werden. Abwehrkämpfe sind dabei schlechter zu bewerten als Angriffe, selbst wenn diese noch auf dem Boden der Marktwirtschaft stattfinden, solche Angriffe. Betriebe die besetzt werden, sollen danach in „Arbeiterselbstverwaltung“ wirtschaftlicher laufen, das ist natürlich eine Falle, es ist die Falle des Kapitals, denn klappt es nicht, und warum soll es klappen? – diese Selbstausbeutung – so triumphiert das Kapital; denn es wähnt sich darin bestätigt, dass eben der Arbeiter nicht zum Unternehmer geboren sei. Dass es das System ist, das des Marktes, das des Kapitals, der Verwertung des Werts, können die Arbeiter aus eigener Erfahrung eben nicht begreifen, das müssen sie lernen. Sie müssen lernen, dass der Kapitalist nicht das Problem ist, sondern nur Teil des Problems. Es ist die Welt der Waren, die alle zu Sklaven macht – Kapital wie Arbeit.
Es darf ihnen nicht verschwiegen werden, dass der Sozialismus nicht einfach die Übernahme der Macht durch die Arbeiter ist (die Arbeiter sind nicht die besseren Kapitalisten, wohl eher die schlechteren, wie wir gerade lernen durften), das wäre nur der erste Schritt, sondern der Anfang eines steinigen Weges zur Abschaffung der Lohnarbeit, des Kapitals, der Produktion für einen Markt.
Solche Erkenntnisse haben wissenschaftlichen Ursprung und sie beruhen eben nicht auf den Erfahrungen spontaner Klassenkämpfe. Es gibt viele Möglichkeiten vor dieser Aufgabe zu kapitulieren: die eine ist die „Anbetung der Spontaneität“ (Lenin – Was tun? – Robert Kurz kennt dieses Buch, er hat seine erste Veröffentlichung – gegen den „Pseudomarxismus“ – „Vorhut oder Nachtrab“, mehr oder weniger diesem Werk gewidmet, davon will er heute nichts mehr wissen), also letztlich der reformistische Weg – ein Weg, der das Elend der arbeitenden Klasse verewigt -, und es gibt den Weg, den eine ganz bestimmte Schickeria bevorzugt, den Weg des Nihilismus, wie ich ihn bezeichne (Philosophus Mansisses).
Es ist dies eine postmoderne Variante des Reformismus, eine solche, die man auch als Fahnenflucht bezeichnen könnte. Ein linker Fatalismus. Diese Strömung ist weit verbreitet, eben weil die Herrschaft des Reformismus die Macht des Kapitals zu unbesiegbar erscheinen lässt, den Formenwandel als „Immer-Wiederkehr-des Gleichen“. Das Subjekt scheint plötzlich das Problem, das revolutionäre Subjekt. Dem fehle der Wille zur Macht, wird da posaunt.
Ein revolutionäres Subjekt entsteht eben nicht spontan, und es ist mitnichten identisch mit einer gewerkschaftlich kämpfenden Arbeiterbewegung. Und eine solche kann die Macht nicht ergreifen, eine solche ist Objekt der Macht. Und nun kommt hinzu, dass das Subjekt sich aufzulösen scheint, auch so eine postmoderne Vision. Und dabei geschieht nur das, was Marx längst angekündigt hatte, mit dem Fortschreiten der Produktivkräfte, nämlich, dass die Arbeitskraft, die menschliche Arbeitskraft überflüssig zu werden scheint. Aber welch ein Widerspruch, wo doch gleichzeitig angekündigt wurde, dass die ganze Gesellschaft proletarisiert. Also nicht obsolet?
Wer das glaubt, versteht zunächst einmal nichts von der Fähigkeit dieses Kapitals sich immer wieder neu zu erfinden, ja von seiner Notwendigkeit dies zu tun, denn es ist die abstrakteste Form des Wirtschaftens und der Herrschaft, die wir je kannten, es ist die Herrschaft schlechthin, ja die Abstraktion von allem, ja selbst von der Herrschaft. Daher erscheinen die Klassen, als gäbe es sie nicht, tut die Macht so, als wäre sie nicht! Die Verwertung des Wertes kennt keine Grenzen, selbst wenn immer wieder solche erscheinen, am Horizont einer jeweiligen Epoche.
Dieser Kampf mit dem Kapital ähnelt dem Kampf mit der Hydra. Aber mit diesem Kapital, wächst auch das Proletariat, also mit einem abstrakter werdenden Kapital auch ein abstrakter werdendes Proletariat. Ich stelle mir das in etwa so vor: Wer glaubt heute daran, dass Wissenschaftler Proletarier sein könnten? Wähnen sie sich doch als die Herren, die Herren Spezialisten. Ortega („Der Aufstand der Massen“) nannte sie in den 30er Jahren schon „Masse“, und zwar die übelste von Allen. Die, die glauben, sie besäßen Wissen, wo doch nur Teilwissen ihr Gebiet ist, werden ähnlich wie das Proletariat von heute in die Verwertung des Werts integriert, eben weil sie nur Teilwissen besitzen, nur geistiges Rädchen im Getriebe sind.
Gestern noch, war das die Verbindung zwischen Muskelkraft und Maschinenkraft, die da Werte schuf, Mehrwert, heute, und vor allen Dingen morgen, wird das die Geisteskraft sein, eine solche, die da nicht nur interagierend in sich gekoppelt sein wird, sondern auch an Maschinen angeschlossen. Das Subjekt wandelt sich ständig um, so wie das Kapital selbst, es klebt an ihm, dem Kapital, wie die sprichwörtliche Scheiße in der Profilsohle. Die „Krise des Subjekts“ ist eine Veränderungskrise, eine, die das Kapital selber durchmacht. Und der wichtigste Rohstoff von morgen, den es zu verwerten gilt, wird das Gehirn sein, stellte Frank Schirrmacher, richtiges ahnend, fest (Laudatio zum Börnepreis). Die Hydra ist also gedoppelt. Klassenkampf bedeutet somit auch immer Kampf gegen sich selbst, gegen die Affirmation, wie gegen die ständige Verwandlung – Selbstkritik -, wie die Marxisten sagen.
Der Klassenkampf ist nicht obsolet, er muss nur gedoppelt verstanden werden. Der Fetischismus, für den Robert Kurz seine Seele verpfänden würde, ist nichts als die Verbindung innerhalb dieses gedoppelten Klassenkampfes, er ist die Einheit des Widerspruchs, er sorgt für die Kontinuität, er ist der Klebstoff zwischen den Klassen. Und er besteht aus Ideologie. Einem Etwas, das mitnichten ein Nichts ist, auch wenn es keine eigene Substanz hat – purer Geist, „falsches Bewusstsein“ (Marx).
Kapital und Arbeit sind in diesem Kampf Antagonisten so wie „Zwillinge“, in manchem identisch, in anderem völlig entgegen gesetzt. Ziel ist es, nicht nur der Hydra die Arme abzuschlagen, um sich von dieser zu befreien, nein, es ist diese Verbindung, diese gegenseitige Umarmung, die da zu trennen wäre. Marx sagte wohl, dass das Proletariat auch ohne das Kapital könnte (umgekehrt verneinte er dies), aber das stimmt nur bedingt, denn das setzt voraus, dass das Proletariat sich dessen bewusst wird, und umgekehrt gelingt es dem Kapital sich von obsolet gewordenen Formen dieses Proletariats zu befreien. Das schafft Verwirrung, denn das Proletariat bleibt dem Kapital erhalten, wie ein Fluch.
Es scheint mir nicht all zu Irre, anzunehmen, dass ein solches Kapital dazu tendiert, den Besitzer, den Kapitalsbesitzer selber zu versklaven. Ist es nicht heute schon so, dass der Manager, also ein Agent des Kapitals, stellenweise über mehr Macht verfügt, als der Kapitalsbesitzer? Ein solches Kapital muss diesen Weg gehen, denn die Abstraktion, selbst von sich selbst, scheint ihr der immer einzige Ausweg. Und so will es ihr scheinen, dass ihre Gesellschaft alternativlos ist. Es muss die Verbindung trennen, das Proletariat, das ist nicht nur ein revolutionärer Akt, sondern der Beginn einer Epoche voll revolutionärer Akte. Und es kann dies nur vom Proletariat aus geschehen, denn das Kapital kann ohne nicht leben – ohne Ausbeutung, ohne Verwertung, ohne Lohnarbeit, darin hatte Marx unbedingt recht. Es findet immer einen „Ausweg“ – ein weiter so.
Auch ich möchte mich bedanken, für Ihre Geduld.

Aussteigen können wir nur theoretisch
@pjk: Ich beginne mit einem Zitat aus dem Vorwort zur 1. Auflage des „Das Kapital“, von Marx: „Für die bürgerliche Gesellschaft ist aber die Warenform des Arbeitsprodukts oder die Wertform der Ware die ökonomische Zellenform“.
Die Warenform des Arbeitsprodukts ist somit gleich der Wertform der Ware und beides zusammen sind gleich die ökonomische Zellenform. Diese – im höchsten Maße – Abstraktion, ist zugleich, wie Marx an anderer Stelle sagt, der Ausgangspunkt der realen Bewegung des Kapitals. Von hier aus erschließt sich uns die ganze Gesellschaft, ja die Analyse des Kapitals.
Nun habe ich festgestellt, dass das Kapital, was schon eine Abstraktion – eine „Realabstraktion“ – darstellt, in seiner Bewegung auf dieser abstrakten Bahn weiterläuft und somit immer abstrakter wird, gleiches gilt für die Arbeit. Man beachte: ich rede von Kapital und Arbeit, nicht von Kapitalisten und Proletarier. Also ich bewege mich analog der Bewegung des Kapitals auf höchst abstrakter Ebene. Auf dieser Ebene findet alles statt, was noch nicht Subjekt sein muss.
Das Subjekt ist aber enthalten in dem Begriff „Wertform der Arbeit“, sowie in dem Begriff „Warenform des Arbeitsprodukts“. Die Ware Arbeitskraft ist selber Arbeitsprodukt, sodass sie auch in Wertform erscheint. Der Begriff Lohnarbeit drückt dies aus: Wertform wie Arbeitsprodukt. Der Lohn richtet sich nach dem Wert der Arbeitskraft, welcher wiederum sich aus den Kosten dieses Arbeitsproduktes heraus bemisst (der Mehrwert steckt da nicht drin – das ist der Pferdefuß). Alle Arbeit, welche Lohnarbeit ist, unterliegt somit jener Wertförmigkeit, die der Ware anhaftet.
Bis dahin ist noch keine Klasse und noch kein Klassenkampf im Geschehen, sondern reine Abstraktion. Und weiter: Der Wert der Ware sinkt aber, wie wir wissen, damit auch der Wert der Ware Arbeitskraft. Die Wertförmigkeit der Ware Arbeitskraft beinhaltet somit die Tendenz zur Pauperisierung der Lohnarbeit. Hiergegen bildet sich Widerstand, die Klasse bildet sich heraus – im Widerstand. Und hier erkennt sie sich zum ersten Mal. „An sich“ ist sie in der „Ware“, in der „Wertförmigkeit“ enthalten, „für sich“ im Widerstand.
Oder, um es mit Marx gegen Kant auszudrücken: Das „an sich“ gibt es nicht wirklich (das ist reine Abstraktion), nur das „für sich“. Das „für sich“ wird in diesem Fall im Kampf entdeckt, und damit werden auch die Bedingungen erkennbar, die es „an sich“ hat, unabhängig von einem solchen Kampf.
Und alles ist recht eigentlich noch unpolitisch. Das ist reine Ökonomie, politische Ökonomie.
Auf dieser Stufe existiert systemischer Widerstand, noch kein bewusster, keiner der dazu befähigt wäre, die Grenzen der eigenen Existenz zu begreifen noch diese zu überwinden – pure Notwehr.
Eine proletarisierende Gesellschaft bildet somit ganz spontan eine Klasse für sich. Die Formen dieser Klasse können sich wandeln, das System bleibt.
Ob nun Handarbeiter oder Kopfarbeiter Proletarier sein werden, hängt von der Organisation der gesellschaftlichen Arbeit ab, vom Stand der Produktivkräfte, vom Entwicklungstand des Kapitals.
Ob nun diese „Klasse für sich“ auch politisch bewusst handelt, hängt nicht mehr alleine von ihr ab, denn rein spontan ergeben sich ihr diese Einsichten wohl nicht, nicht mal dem Akademiker, gleich ob dieser Proletarier wäre oder nicht. Diese Erkenntnisse, nämlich die vom Wirken der Warengesellschaft, kommen von außerhalb der ökonomischen Sphäre, denn sie kommen nicht nur aus der politischen Ökonomie, sondern aus allen Bereichen wissenschaftlicher Arbeit, und sie sind der bürgerlichen Wissenschaft diametral entgegen gesetzt.
Dass „die Wahrheit immer konkret ist“, ist nicht nur eine Absage an philosophischen Idealismus, sondern auch an die Methode, abstrakte Wahrheiten, wie dies eines Kantsche „Ding an sich“, für letzte Wahrheiten zu halten. Einem Kapital, dessen Bewegung wie gesagt eine rein abstrakte ist, ist dies aber eine solche – es ist dessen eigene Wahrheit. Das „für sich“ ist das alles Entscheidende, so wie die gesellschaftliche Praxis das Kriterium der Wahrheit.
Es sind Erkenntnisse, die ohne philosophische Grundlage also nicht möglich sind. Sie richten sich nicht nur gegen die Formen der Ausbeutung, sondern gegen die Ausbeutung schlechthin und sie versuchen den ideologischen Kitt, das falsche Bewusstsein, den Fetisch einer gegebenen Gesellschaft abzuarbeiten. Nur in dem Maße, in dem das gelingt, formt sich auch eine Klasse zu einer revolutionären. Es kann aber immer nur die Klasse sein, der die Zukunft gehört, denn keine andere hätte ein Interesse daran. In unserem Falle ist es die Klasse, die sich nicht befreien kann, ohne die ganze Gesellschaft mit zu befreien. Diese Klasse ist und bleibt der Proletarier.
Die Verbindung zur Klasse geschieht also auf mehreren Ebenen. Der objektiven, der subjektiv-spontanen und der subjektiv-bewussten. Erst auf letzterer Ebene entscheidet sich, ob es gelungen ist, diese Verbindung innerhalb der Klasse, als auch zu ihrer wissenschaftlichen Begleitung, herzustellen, ob es gelungen ist revolutionäre Praxis mit revolutionärer Theorie zu verbinden.
Die Individualisierung ist dem Kapital von Anfang an eingeschrieben. Auch das Kapital, gerade das hochkonzentrierte, ist letztlich immer Einzelkapital, erkennbar dann immer in seiner Zelle – der Warenform, der Wertförmigkeit. Und mehr ist es nie. Denn wird es nicht nur Ware, ist es gleich gar nichts. Der Begriff „das Kapital“ ist, soweit es mehr meint als diese Zelle, reine Abstraktion.
Dass die Arbeit sich zur bewussten Klasse, trotz der Differenzierung durch das Kapital, zu einer kämpfenden Klasse weiter entwickelt, entspringt letztlich der Tendenz des Kapitals alles und jeden zu proletarisieren, alles zu Wert zu machen, sich als Zelle zu erhalten und um sich herum alles zu verwertenden Wert. Es schafft sich das Kapital so seinen organisierten Gegner – zwangsläufig. Es selbst bleibt alleine, trotz seiner Verbände, der Staatsmacht, ja der, alles verleimende, Ideologie, des Fetischs der Warengesellschaft.
Der Klassenkampf ist somit ein objektives wie ein subjektives, ein spontanes wie ein bewusstes Phänomen. Die Bewusstheit hat nichts mit Glauben zu tun, und daher würde ich das wissenschaftliche Arbeiten und das dementsprechende Wirken ungern mit den Glaubenseingebungen und dem missionarischen Eifer der Zeugen Jehovas vergleichen.
„Von außen“ meint nicht das Gegenüber von zwei Subjekten, nicht zwangsläufig, nicht die Positionierung von Gläubigen und Ungläubigen, Überzeugenden zu nicht Überzeugten, sondern das Gegenüber von Wissenschaft und Tagesgeschäft – Tageskampf, täglicher Inbesitznahme durch das Kapital, eben durch die Kategorien der Warengesellschaft. Auch der „Bewusste“ ist im Alltag dem Unbewussten gleich. Nur in der Beschäftigung mit der Wissenschaft, da unterscheiden wir uns.
Wir alle sind Kinder der Warengesellschaft. Aussteigen können wir nur theoretisch.

faz.net/blogs/chaos/2009/06/15/man-traegt-jetzt-wieder-proletarier

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