Die Grenzen der Relativität

Die Grenzen der Relativität
Zunächst mal: Rosa Luxemburgs „Unterkonsumtionskrise“ ist so nicht haltbar. Und zu Trotzkij: Ein Schönredner, aber was ist denn seine Aussage?
Die ganze marxistische Theorieentwicklung läuft darauf hinaus, die Krise als eine Kombination von Überproduktion und Unterkonsumtion zu betrachten, im Kern aber ist und bleibt sie Überproduktion. Und dies ergibt sich aus der Werttheorie selbst. Der Witz an der Geschichte ist, dass damit ein Tugan-Baranowski bestätigt und zugleich widerlegt wird. Bestätigt, weil die Überproduktion sich der Unterkonsumtion gegenüber scheinbar gleichgültig verhält – und umgekehrt – (daher helfen auch keine Konsumtionsanschübe, wie jetzt wieder mal versucht, um aus der Krise heraus zu kommen). Die Millionenmassen könnten täglich Kaviar und die 3-fache Portion an Brot verfressen, es hülfe nicht, und selbst, wenn sie Computer verspeisen würden, als sie vielleicht 5 Jahre lang zu benutzen, es würde nichts helfen. Und zugleich widerlegt, da natürlich die Oszillationen zwischen den verschiedenen Investitionsgüterindustrien, ähnlich wie auch in der Finanzindustrie, selber nur relativ zu betrachten sind. Woher kommt der Anschub all dieser Oszillationen? Nun die Konsumtion ist das natürlich! Aber diese ist selber relativ, sie muss bezogen sein auf eine entsprechende sich zu ihr verhaltenden Produktivität und Wertentwicklung (was ein Widerspruch in sich darstellt, denn während die Produktivität steigt, fällt der Wert). Eine hohe Konsumtionsrate macht nur dort Sinn (wirtschaftlich besehen), wo es nicht nur eine hohe Produktivität gibt, sondern wo auch das Kapital entsprechend hoch organisiert ist, sprich: ein hoher Anteil an fixem Kapital vorhanden ist. Gegen das Fallen des Wertes und der Profitrate setzt das Kapital einen hohen Massenkonsum (wie damit einher gehend: eine hohe Konzentration des Kapitals). Wir sehen das deutlich in der Computerindustrie. Die heutigen Preise in dieser Branche, die ziemlich nahe am Wert liegen dürften, könnten kaum ausreichende Profite ermöglichen, wenn nicht wenigstens alle 5 Jahre ein neuer Computer angeschafft wird, also werden diese Güter mit einem entsprechenden Verfallsdatum versehen. Ein solcher Konsum ist es, von dem das Kapital systemisch abhängig ist, nicht von dem Konsum an Brot oder Kaviar. Ein solcher Konsum aber wird durch dieselbe Produktivität gesenkt, durch welcher er zunächst ermöglicht wurde. Produktivität heißt Entlassungsproduktivität, nichts anderes. Die Spekulation läuft dahin, dass diese Entlassungen nicht nur durch neue Innovation aufgefangen werden, sondern geradezu dadurch erst ermöglicht. Freigewordenes Kapital und frei gesetzte Arbeitskräfte sollen so – zwecks Vermehrung, bzw. Selbsterhalt – auf die innovative Reise geschickt werden. Damit aber eine solche Produktion, und für einen solchen Markt überhaupt möglich ist, müssen die Unternehmen auf dem jeweils höchsten technischen Stand sein, ihre Ausrüstung muss permanent revolutioniert werden. Das wiederum schafft eine entsprechend teuer ausgerüstete Investitionsgüterindustrie und zwingt das Kapital zu immer höherer Konzentration, und last not least: zur Finanzindustrie. Der Witz ist der: Die Menschen, die da als Arbeitskräfte in der Realwirtschaft eingespart werden (und die in Folge dort den Wert sinken lassen), werden in der Finanzindustrie gebraucht, wo sie allerdings keine Werte schaffen, sondern nur an diesen partizipieren. Das heißt, dass die erwünschte Innovation in eine – wirtschaftlich betrachtet – falsche Richtung läuft. Es bleibt bei dem hehren Anspruch die innovativste Wirtschaftsordnung überhaupt zu sein, alternativlos, wie es so schön heißt. In der Praxis, werden alle nur denkbaren Innovationen auf einen Sektor festgenagelt: den Finanzsektor. Und genau dieser hat uns jetzt mal gezeigt, wie das so läuft.
Wir brauchen heute mehr Anlageberater als Maschinenbauer. Diese Menschen bilden den Teil des Konsummarktes, des inneren Marktes, auf den man so wenig verzichten kann, wie auf die Investitionsgüterindustrie, von dem letztlich alles abhängt. Eines Konsummarktes, wie wir also sehen, dessen Bedarfe in einem immer schlechteren Verhältnis zu den geschaffenen Werten (Mehrwerten) stehen. Dieser Konsummarkt soll immer mehr an Gütern verbrauchen, deren Werte chronisch sinken. Ein immer größer werdender Anteil von unproduktiven Konsumenten, soll ein wohl immer produktiveren (abstrakt besehen), aber ständig entwerteten Wirtschaftskreislauf (substanziell betrachtet) am Leben halten. Ein Teufelskreis, der durch die „Finanzindustrie“ noch verschlimmbessert worden ist. Der Wert(e)verfall schreitet rapide voran, während immer mehr nichtproduktive Konsumenten, die Grundlage für den durchschnittlichen Werterhalt einer Volkswirtschaft sein sollen. Schon hier ist angelegt anzunehmen, dass man auf solche Konsumenten eigentlich verzichten könnte, da die doch nur schaden! Turan-Baranowski war zumindest in dieser Hinsicht ein Visionär, weil zu seiner Zeit, genau solches, noch gar nicht erkennbar war, mit Ausnahme vielleicht für einen Marxisten, daher ein marxistischer Visionär, wenn auch ein völlig krummer.
Und doch verlieren wir diesen inneren Markt, verlieren wir auch die Innovation für die Investitionsgüterindustrie und umgekehrt. Die Überproduktion macht sich nun deshalb so brutal bemerkbar, weil (ein solchermaßen also fast künstlich geschaffener) innerer Markt zusammen bricht. Deren Unterkonsumtion ist es, welche die chronische Überproduktion zu Tage fördert. Wäre das nicht der Fall, könnte es lustig so weiter gehen (was der Krise ein wenig die Schärfe nimmt, ist allerdings die Tatsache, dass das Wegbrechen eines solchen Marktes, ein wenig den Wertverfall bremst – und auch umgekehrt -, was wiederum aber auf die Gefahr hin geschieht, dass da die abstrakte Produktivität drunter leidet, somit ein solcher innerer Markt an Bedeutung verliert; das Kapital ist einerseits auf Teufel komm raus, auf ein „Weiter so“ programmiert, andererseits lebt es gerade dann wieder, wenn die Programmierung stockt). Überproduktion deshalb, weil der Fall der Werte (Mehrwerte!, allerdings hängt die Mehrwertausbeute noch davon ab, wie stark die Lohnarbeit ausgebeutet werden kann) und der tendenzielle Fall der Profitrate (ich kenne keinen, der diese Theorie wirklich widerlegt hätte, und auch Hilferdings Finanzkapital – siehe auch Lenin hierzu -, ergibt sich daraus) eine solche erzwingen, gleich ob dem wirklich die entsprechenden Konsumenten gegenüber stehen. Diese Konsumenten gilt es im Fall der Fälle zu schaffen, zu erhalten, zu erweitern, und sei es, indem man sie importiert (oder sich mit allen Mitteln neue Konsummärkte einverleibt).
Die Illusion der bürgerlichen Ökonomie besteht nun darin, Turan-Baranowski verstetigen zu können, das heißt einen Mechanismus zu finden, der eben diesen inneren Markt am Leben hält. Also selbst wenn Krisen ausgebrochen sind, und die Gefahr von Aufständen besteht, den Konsum von genau jenen Gütern am Leben zu erhalten, der für die Lebenserhaltung der Massen, dann die geringste Rolle spielen dürfte. Nicht der Konsum der hungernden Massen soll angekurbelt werden (deren Unterkonsumtion, die ebenso chronisch ist, wie die Überproduktion, wird in Kauf genommen), sondern eben jener, welche systemisch wichtig ist. Daher diese fanatisch anmutenden Konjunkturpakete, die alle auf den sog. Mittelstand zielen (oder auf die Investitionsgüterindustrie).
Die Leute sollen weiter Computer, Autos, Waschmaschinen kaufen (und die Industrie soll dafür weiter ausgerüstet sein), selbst auf die Gefahr hin, dass sie nichts mehr übrig hätten zum Essen. Sich hungrig an die Computer setzen, das wäre so eine Vision. Gelänge das eine Zeit lang, dann zöge sich die Krise am eigenen Schopf aus dem Schlamassel.
Einziger Unsicherheitsfaktor: Die Leute, die sich vorher schon keinen Computer leisten konnten und selbst trockenes Brot nicht verachteten, könnten jetzt anfangen zu meutern, nämlich dann, wenn ihnen der Brotkorb noch höher gehängt wird. Daher muss man sich gleichzeitig was für diese Massen einfallen lassen. Man muss sie beschäftigen (durch eine Offensive: Bildung statt Sozialhilfe zum Beispiel), ggfls. ablenken (Big Brother u. Co. – wieder so ein Widerspruch!), oder auch einsperren, solange wenigstens, bis der Konsum, sprich die Produktion von Investitionsgütern und der Konsum von „hochwertigen“ (ein falscher Begriff wie wir sehen) Industriegütern auch wieder Brot für die ärmeren Massen abwirft. Das ist das ganze Problem der gegenwärtigen Krise. Und Grundproblem dabei bleibt, neben dem der chronischen Unterversorgung der unteren Massen, dass die Entwertung der Werte auf diese Weise ungebremst fortschreitet, das heißt in der nächsten Krise noch schlimmere Konsequenzen nach sich ziehen wird.
Kurzum: die Relativität und die Möglichkeiten der Oszillation innerhalb „autarker“ Wirtschaftskreise haben ihre Grenzen dort, wo den (verarmten) Massen der Humor ausgeht. Und genau das bleibt ein nicht berechenbarer Faktor.

Logik, Dialektik und mitnichten Nichts
@Dipsy: Mit Logik alleine ist nichts zu schaffen, das sieht man an diesem System. Wäre es irgendwie logisch, wäre es längst erledigt. Logik und Dialektik sind erforderlich (ich bin des Öfteren darauf zu sprechen gekommen!). Hegel ist Dialektik, aber eben eine auf den Kopf gestellte, wie Marx bemerkte. Materialistische Dialektik ist das Schlüsselwort.
Und Lemming hat recht, es sind die Zyklen gezwungen, immer wieder in den alten Bahnen, und dann noch schneller, in die vorgegebene Richtung zu laufen. Was ist das wohl? Reine Logik? Wenn man es vom Standpunkt der Mechanik aus betrachtet, wäre es vielleicht Logik. Eine Feder, die gespannt ist, und die man gegen die Richtung dreht, bricht entweder oder dreht sich mit aller Gewalt wieder in die gespannte Richtung. Die Frage ist nur, wer verantwortet die Spannung, die ursprüngliche Spannungsrichtung? Und das lässt sich mit Logik überhaupt nicht mehr beantworten. Es sind dies in der Gesellschaft die Klassenverhältnisse, der Klassenkampf. Die bestimmen die Richtung.
Der alte Hegel hatte recht, Kant in mancher Hinsicht auch. Es gibt nur ganz wenige (Marxisten), die Kant verstehen. Die meisten stören sich an Marx Kritik an Kant. Slavoj Zizek, ich erwähnte ihn des Öfteren, ist so ein Kantkenner, auf dialektisch-materialistischer Grundlage, aber mit strukturalistischem Hintergrund. Er schafft es Kant und Hegel zu vereinen.
Das Kantsche Ding an sich, ließ ihm als Strukturalist wohl keine Ruhe. Die Dinger an sich sind keine Dinger, sondern Lücken. In der Erkenntnis, objektiv „notwendige“ Erkenntnislücken (das Kantsche Ding an sich), blinde Flecken etc. p.p.
Das ist interessant, auch wenn man als marxistischer Materialist so seine Probleme mit hat (schließlich ist für uns die Welt erkennbar!). Man muss den Mut haben, sich damit auseinander zu setzen.
Die Neurowissenschaften sind da das ideale Feld für, wäre doch so zu erklären, dass Geist existiert (subsistiert eigentlich) und doch keine Substanz hat. Die Hegelsche Dialektik (die durch Marx auf die Füße gestellte, denn Hegel erklärte die Materie aus dem Geist) erklärt die Entwicklung des Geistes aus der Materie; mit Kant könnte man das Phänomen der Substanzlosigkeit eines Etwas, das mitnichten ein Nichts ist, erklären. Der Moment, der weder Materie ist noch Idee, ist der Moment der Lücke, des Phasenübergangs (der Potenz, um sogar mit Thomas von Aquin zu reden), der Moment, in dem Neues entsteht, der Moment des dialektischen Sprungs selber, der Negation. Hegel, Marx und Kant können sich für einen Moment die Hand reichen.

Argumente?
@Dipsy: Autsch, was ist das nun für ein Niveau. Oder soll das nur eine Ablenkung sein, wo Ihnen nun die besseren Argumente ausgehen? Schade, ich dachte, da steckte mehr dahinter.

faz.net/blogs/chaos/2009/06/11/der-verrueckt-gewordene-marxismus-des-tugan-baranowski

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2 Trackbacks

  • Von Eine womöglich berechtigte Perspektive auf den Nullpunkt am 28. Januar 2010 um 22:35 Uhr veröffentlicht

    […] Momente des Nicht-Seins, des scheinbaren Todes, „Potenzen“/„Sphären“/„Plenum“ (Thomas v. Aquin), vielleicht gar „schwarze“ oder „weiße“ Löcher, physikalisch gesprochen)), also eine […]

  • Von Sehr kryptisch am 12. Februar 2013 um 15:10 Uhr veröffentlicht

    […] zu begreifen, sucht sich der Geistesarbeiter dem Kapital als d a s Subjekt des nunmehr wahrhaft produktiven Konsumenten anzubiedern. Nichts Neues also im […]

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