Panzerstahl und Heckenschützen

Panzerstahl und Heckenschützen
Es gibt vermutlich nur einen Grund warum ich mir englische Krimis im Fernsehen ansehe, eben wegen diesen von niedlichen Hecken umgrenzten und altem Efeu umrankten alten Häusern. Immer wieder stelle ich mir die Frage, wie das zusammenpasst, zu dem anderen Bild, das England vermittelt, mir vermittelt worden ist. Es war das Studium des englischen Kapitals und der Klassenkämpfe in England, die Karl Marx zum „Das Kapital“ inspirierte. Es war die Härte dieser Gesellschaft, und die doch bereit war ihm Asyl zu gewähren – lebenslang, und dabei dessen Studien ihrer Genese geduldig ertrug. Schlüpfte doch auch ein Jack London in den verlausten Frack eines englischen Obdachlosen, um sie zu studieren, jene „Stadt der Verdammten“, wie er das Londoner East End bezeichnete. „Zwei Nächte brachte er in einem Obdachlosenasyl zu und er streunte wie ein herrenloser Köter durch die lähmende Eintönigkeit der Slums und Ghettos“, steht es da, auf dem Umschlag der Ausgabe der Büchergilde Gutenberg. Und doch wiederum glaubte Marx eine Zeit lang, dass die Engländer wohl das einzige Volk wären, die friedlich in den Sozialismus wandeln könnten, denn sie wären doch beinahe alle Sozialisten, die erdrückende Mehrheit jedenfalls. Engels ergänzte allerdings im Vorwort zur englischen Ausgabe: „Gewiß hat er nie vergessen hinzuzufügen, daß er kaum erwarte, die herrschenden Klassen Englands würden sich ohne ‚proslavery rebellion‘ (eine Anspielung auf den Aufstand der Südstaaten der USA, der zum Bürgerkrieg führte) dieser friedlichen und gesetzlichen Revolution unterwerfen.“ (5. November 1886, MEW, Bd. 23, Das Kapital Bd. 1, S. 40, Dietzverlag 1975)
Also was ist jetzt mit diesem England, werden dort die Hecken überwunden oder dienen sie auch den Heckenschützen? Die gegenwärtige Rebellion unter den Gewinnern und Verlierern der Finanzkrise in den besseren Vierteln Englands, scheint mir eher für die Heckenschützen zu sprechen. Allerdings ist da von einem sozialistischen Proletariat nicht viel zu sehen, es ist der kleinbürgerliche Pöbel, der da am liebsten ein paar Hälse abschneiden möchte.
Und mein lieber Don, vielleicht haben Sie den schicken Karren gerade noch rechtzeitig über den Teich gerettet, bevor er wieder zu dem wird, was er mal war, Panzerstahl.

Wertverhältnis: Oder, die Menschen werden wirklich gleicher!
Zum Problem der Abgrenzung was ganz grundsätzliches/marxistisches. Das Problem der Leute ist die nicht begriffene Warengesellschaft, d.h. das Wertverhältnis, das die Waren zu einander haben, und das letztlich durch abstrakte, d.h. durch das notwendige Quantum abstrakter, Arbeit definiert ist. (Und sie ahnen irgendwie, dass auch sie als Menschen letztlich Ware sind, noch Ware werden, wenn auch vorerst noch als Abfallprodukt einer irgendwie kranken Fantasie – in Vorahnung aber auf die kommenden Möglichkeiten der Biotechnologie.)
Gegenwärtig handelt sich aber um ein abstraktes Verhältnis ihres Seins zu dem ihres Habens. Einem abstrakten Verhältnis können die Leute im Alltag aber nicht viel abgewinnen. Also denken sie nicht, ich bin vielleicht mehr Wert, da in meiner Erziehung mehr abstrakte menschliche Arbeit steckt (was vermutlich in den höheren Klassen sogar zutreffen würde, aber sie kommen gar nicht auf die Idee qualitativ verschiedenes quantitativ zu sehen, sie begreifen das Wertverhältnis nicht, kommen somit über Aristoteles nicht hinaus, ob ihrer Klassenborniertheit), sondern glauben, das Wertverhältnis muss sich irgendwie an dem festmachen, was sie an Werten mit sich rumschleppen (was demselben Wertverhältnis wohl unterliegt, also abstrakte menschliche Arbeit beinhaltet, aber ein Themawechsel bedeutet). Sie begreifen somit ein weiteres Mal nicht, warum sie eigentlich die herrschende Klasse sind. Nämlich nicht nur, weil sie die Besitzer von Waren (und Arbeit) sind – das macht sie äußerlich zu Bourgeois (und damit jederzeit austauschbar!) -, sondern weil sie womöglich im Besitz eines höheren Eigenwertes sind (Bourdieu hat das vermutlich gemeint mit seinem kulturellen/sozialen Kapital etc., aber nicht wirklich verstanden). Denn dieser „innere Wert“ muss begriffen/angenommen werden, darf nicht ideologisch unterwandert sein, um als solcher zu gelten. Das setzt zumindest aber voraus, dass man das marxsche Wertverhältnis akzeptiert, was bedeutet, das Ende der Klassenherrschaft gleich mit – und das geht natürlich nicht.
Andererseits stünde das im Widerspruch zur Bewegung des Kapitals, das eine angleichende ist. Nehmen wir die Stichworte „Bildungsmangel“/Bildungslücke/Pisastudie. Einerseits wissen die Herrschenden, besser ahnen sie, dass sie diesen Mangel (bei den arbeitenden Klassen) erhalten müssen, denn ihr innerer ‚Wert‘ hängt davon ab, ihre Abgrenzung definiert doch, ganz ahnungsgewiss genau dort, andererseits kann ein hochorganisiertes Kapital nicht mehr herrschen wie eine mittelalterliche Aristokratie, oder ein patriarchales Industriekapital: es benötigt das gesammelte Wissen der gesamten Menschheit und dies als in seiner ganzen noch möglichen Entwicklung. Und dies unterläuft die Klassengrenzen exorbitant. Von wegen „indisches Hausmädchen“, wir brauchen den IT-Fachmann aus Indien, nicht nur wegen dessen noch niedrigen Ansprüchen, also wegen der Konkurrenz unter den Arbeitenden, sondern wegen dessen zusätzlichen Bildungsqualitäten (und natürlich hofft man so solche Qualitäten im eigenen Land unter der Klassenfuchtel zu halten), also aus Gründen der Konkurrenz in der eigenen Klasse (was wiederum die „Klassenfuchtel“ ein wenig unterläuft).
So wie man also zur materialen Reproduktion zunehmend auf die Kinder der „unteren Klassen“ angewiesen ist, ist man das auch in Bezug auf deren Bildungsprodukte. Somit ist man gar gezwungen, diese Kinder nunmehr einer besseren Bildung zuzuführen. – Die Quadratur des Kreises ist wohl einfacher.
So entsteht das zusätzliche Element hierfür, warum man sich vornehmlich äußerlich abgrenzt – in den vornehmen Kreisen. – In der Hoffnung, dass die unteren Klassen diese Schranke nicht überwinden, das führt aber dazu, dass die Konkurrenzschranken umso gefährlicher werden, und genau das verschärft die Folgen der Globalisierung, unterminiert also die segensreichen Nachwirkungen der Kolonialepoche so sehr wie die der „Klassenfuchtel“. Die Menschen werden wirklich gleicher. Trotz alledem!

faz.net/blogs/stuetzen/2009/05/04/hecken-und-deren-ueberwindung

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  • Von Irgendwann werden die Karten aufgedeckt! am 23. Mai 2009 um 20:53 Uhr veröffentlicht

    […] keine Vorstellung von der „abstrakten Arbeit“ hatte (siehe Marx Kapital, Bd. I, und: Wertverhältnis: oder die Menschen werden wirklich gleicher). Kapitalismus ist von vorneherein G-W-G, da sich die abstrakte Arbeit wohl in der Ware […]

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