Möglich weites Bild von der Zukunft

Möglich weites Bild von der Zukunft
Oh je, oh je: so viel Ästhetizismus, ich bekomme Atembeschwerden, es fehlen bloß noch die Päderasten und Puristen. Und doch: „Man ist in Fluchten aus Realität und Gegenwart investiert“, das ist doch wieder so ein schöner Satz, dem man ungern all dem Geplapper überlässt. Sprichwörtlich, lieber Don, sprichwörtlich ist der Mensch den „Fluchten zwischen Realität und Gegenwart“ sogar verhaftet. Die Gegenwart ist das, was nicht wirklich existiert, sie „subsistiert“, als Trugbild, als Urbild (parádeigma) zu eines Menschen Existenz, da quasi doch nur Anhängsel, zu jenem gerade Vergangenen, der einzigen Realität, die, die wir schon kennen, und die, die damit schon ver-kannt ist. Daher des Menschen Sucht nach der Vergangenheit. Diese gibt ihm Sicherheit, versichert ihm seine Existenz. Und sie lässt ihn rätseln, ob all des Ver-kannten. Er hofft, dass er allein, sie entschleiert, jene Jungfrau, die Einzige, die er je entführt. Zur Zukunft sind nur ganz Kühne befähigt, solche, denen das ständig Vergangene zu eng wird, denen die Rätsel der Vergangenheit nur noch Metapher sind, und denen die Alt-Jungfern den Reiz verdarben. Ihre Fluchten sind womöglich Großstadtschluchten, jene Hässlichkeiten also, die das Kleinbürgerherz so erzittern lässt. Aber ich will nicht unnötig prahlend erscheinen, auch ich liebe das Vergangene, das Weit-Vergangene, aber eigentlich auch nur, um mir ein möglich großes, nämlich weites, Bild von der Zukunft zu machen. Denn meine eigene Leidenschaft, meine eigentliche, ist meine Neugier. Und die „Gegenwart“ lässt mich hierbei kalt.

Spurenlese
@Ladyjane,FS, Don Alphonso:
Vielleicht können wir uns einig sein, darin, dass die Vergangenheit, die man selber hat (nicht, die man ist, darstellt, oder geerbt hat!), ein mindest so rares Gut ist. Wer kann schon von sich behaupten: er hätte eine „Vergangenheit“, ohne als Zuhälter, Mafiosi oder als Blender erkannt zu sein (also ich meine damit eben nicht, wie viel Bräute man flach gelegt hat – in seinen besseren Jahren!). Und das soll jetzt kein Abklatsch altbackenen Humanismusses werden, wenn ich sage: das wertvollste Gut liegt damit in uns selber, die eigene, die einzige Vergangenheit (die, die wirklich existiert, und eben nicht nur subsistiert). Die Geschichte drumherum können wir (uns) imaginieren (wenn wir den Verstand dazu haben, wenn die Vergangenheit vorhanden ist), und all das muss man nicht ständig mit sich rumschleppen (abgesehen von so ein paar Meter Bücherwand von Wohnung zu Wohnung). Kurz: die, die dies nicht in sich haben, haben auch nichts außer sich (ein wenig Philosophie um 14:30 sollte man verkraften, die Nachmittagsmattigkeit dürfte verflogen sein, und ich habe jetzt gerade due espressis hinter mir, von meinem Lieblingsgriechen im hiesigen Plus-Markt um die Ecke – ha, ha – und das macht mich so philosophisch, wunderbare Droge). Vergangenheit und eben nicht Gegenwart ist einzig real, denn letztere „subsistieren“ unsere transparenten Gehirnzellen nur ob jenen Vergangenheitsresten auf ihren „Oberflächen“. Die „Subsistenz“ einer Gegenwart ist eine kluge, da absolut notwendige Erfindung unseres Geistes, da nur so die Vor-stellung/das Trugbild von einem authentischen Selbst für einen sich gleich mit ergibt. Dieses Trugbild ist die Grundlage dafür, dass das, was sich da einem als Außenwelt darstellt (also was Existenz hat) von einem „authentischen Selbst“ als solche – und als eine für einen selber zugleich – erkannt wird (vgl.: Žižeks „Parallaxe“ – aber da muss man schon ausgeschlafen sein für).
Die dadurch geschaffene Einheit von existierender Außenwelt mit subsistierender Innenwelt begründet ein Bewusstsein, wenn auch hierbei teilweise ein falsches, wie wir nun wissen.
Denn streng wissenschaftlich – philosophisch, psychologisch, wie neurophysiologisch – betrachtet, kann von einem authentischen Selbst nicht gesprochen werden, sondern nur von der Vor-stellung hiervon, von der „Subsistenz“ eines solchen. Es existiert und es existiert zugleich etwas nicht, es hat Wirkung, ohne materiale/substanzielle Ursache – im kausalen Sinne – sein/haben zu können. Materiale Ursache für unser „Bewusstsein“ ist unser Blick nach außen, der zugleich kein Bewusstsein (hiervon) schüfe, wäre da nicht das Trugbild von einem authentischen Selbst, das wiederum zur Ursache „Spurenelemente“ aus der Vergangenheit hat, also gar nicht die Gegenwart, die ein Bewusstsein glaubt zu erfahren. Und doch ist es genau das Leben in der „Gegenwart“, die jedem Leben den Sinn gibt, Leben zu sein.
Spannende Spurenlese, wie ich finde.

Dada
@juhu: „Das Ergebnis der Zufallswahl ist, meine ich, eher besser als die Originale.“ Wenn Sie „Dada“ so sehr lieben!

Wie Voltaire sein?
@juhu: Stichwort Voltaire: Aus purer Eitelkeit so groß zu werden, wie ein Voltaire, ist ganz sicher nicht jedem vergönnt. Auch wenn dazu zunächst eine nicht minder eitle Epoche gehört, ernsthaftes Arbeiten, über das Maß hinaus, das durch den Genuss des Privilegs der Muse, dank eines gewissen familiären Reichtums, und der Eitelkeit, ob eines brillanten Geistes, so einem als Mitgift spendiert worden wären, ist schon erforderlich. Ich lese da gerade Jean Orieuxs „Das Leben des Voltaire“, und ich kann nur sagen: allein dieses Buch, mit seinen über 500 Seiten, ist ein anständig Stück Arbeit, wohl dann auch für den Lesenden. Und einen nicht gerade wenig sturen, um nicht zu sagen rebellischen Charakter, braucht man auch. Und darüber hinaus sollte man es sich leisten können, über die Werke anderer zu spotten, denn man muss tatsächlich immer der Bessere sein, selbst dann, wenn das eigene Werk mal nicht so toll wäre.
Mit freundlichen Grüßen

faz.net/blogs/stuetzen/2009/05/25/gegenwartsbewaeltigung-im-giardino-giusti

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