Irgendwann werden die Karten aufgedeckt!

Irgendwann werden die Karten aufgedeckt!
@hacedeca: „Fraglich bleibt also, ob sich hinter der Verschuldungskritik der Rekordschuldenmacher nicht etwas anderes verbirgt. Ein Herz-Jesu-Katholizismus, der Gegenthesen zu Max Webers „Die protestantische Ethik und der Geist des Kapitalismus“ formuliert. Ein ungeheurer geistiger Rückschlag allgemein einzuordnen in ein „Zurück in das Mittelalter“, in die Vor-Renaissance. Zurück zu gesellschaftlich stabilen ständischen Gliederungen (verfestigtes Prekariat vs. Eliten), Ablaßhandel (Klima, Afrika, Zivilreligion), Kreuzzügen im Orient (you name it!).“
Das ist eine durchaus reale Möglichkeit, und die konservativen Ideologen antizipieren solches schon mal vorweg. Allerdings wird es nicht genau so aussehen, wenn es so aussieht. Ein bisschen von allem wird uns wohl beglücken: Soylent Green, Waterworld, Matrix, dazwischen ein wenig wie bei Charles Dickens, hin und wieder wie bei Animal Farm, aber vielleicht doch dann wie in „Die Erben des Untergangs“ von Oskar Maria Graf. – Oder wie Lenin sagte: Ein Schritt vor, zwei Schritte zurück!
Und Stillstand heißt Rückschritt, das gilt umso mehr für den Kapitalismus. Und für den heißt es: entweder Verwertung des Werts (aller Werte, alles in Wert setzend, und was wär da nicht alles zu verwerten?), oder Ende des Kapitalismus.
Da aber Ende des Kapitalismus nicht unbedingt Fortschritt, also zum Beispiel Sozialismus bedeutet, kann diese Ende auch ein Rückschritt sein, also Mittelalter, oder eben die Barbarei. Ich befürchte beinahe von beidem etwas. Während unsere Buchhalter 2% Wachstum konstatieren (im Durchschnitt), fällt die Gesellschaft zurück, verhungert in sich, an sich, trotz alledem, trotz aller alternativen Währungen und Minikredite zu Nullzinskonditionen. Das Kapital kann man nicht überlisten, sondern nur aus dem Rennen werfen.
Es wär zu schön um wahr zu sein, wenn man den Kapitalismus sozusagen einfach nur ausschleichen könnte, wie einen Betablocker, oder eine andere Droge. Davon träumt der Kleinbürger, hofft er doch, dann seine Nischen erhalten zu können. Man weiß ja nicht, wo man wieder einsteigen muss.
Das Ende wird fürchterlich – gleich welches -, aber ein Ende, das keines sein kann, da immer nur Stillstand und Rückschritt herrscht, wird kaum auszuhalten sein. Also treibt alles auf ein finales Ende zu. Irgendwann werden die Karten aufgedeckt. Und jede Krise steht kurz davor, eine wird die letzte sein.

Die Ware Arbeitskraft
@enno/strobl: So wie ich Marx verstehe, gab es niemals die einfache Reproduktion, jedenfalls nicht im Kapitalismus. Diese diente Marx nur zur Veranschaulichung, zwecks logischer Darstellung von „Verwandlung von Mehrwert in Kapital“. Gleiches gilt für die einfache Ware-Geld-Zirkulation: W-G-W. Diese mag es gegeben haben, in der Antike, wo aber einem Aristoteles mit gutem Grund das Wertverhältnis unbegreiflich bleiben musste – obwohl er ihm sehr nahe gekommen war -, da die antike Sklavenhaltergesellschaft keine Vorstellung von der „abstrakten Arbeit“ hatte (siehe Marx Kapital, Bd. I, und: Wertverhältnis: oder die Menschen werden wirklich gleicher).
Kapitalismus ist von vorneherein G-W-G, da sich die abstrakte Arbeit wohl in der Ware verdinglicht, aber im Geld äußert: im Kapitalismus wird abstrakte Arbeit gehandelt, nicht wirklich Ware! – Genau genommen ist der Kapitalismus die Supersklavenhaltergesellschaft, da sie niemand mehr als eine solche zu erkennen vermag. Damit sind aus marxistischer Sicht allen Spekulation über einen Kapitalismus ohne Zinsgewinne (= Schulden machen) eine Absage erteilt. Denn das wäre ein Kapitalismus, der Waren anböte, ohne die wichtigste dieser Waren auszubeuten noch anzubieten – die Ware Arbeitskraft. Und da dem so ist, versteht die gesamte bürgerliche Ökonomie – die VWL noch mehr als die BWL – nichts von ihrem eigenen Wissenschaftsgebiet, sie orakelt um das Entscheidende herum: die Ware Arbeitskraft!
@strobl: „Natürlich haben Sie recht: eine Null-Wachstums-Ökonomie unter aktuellen Bedingungen führt ohne Wenn und Aber zu Verteilungs- und Verdrängungskämpfen. Deshalb halte ich das ganze Gerede darüber, sei es von Köhler oder wem auch immer, für blauäugig und wohlfeil, wenn nicht gleichzeitig Bereitschaft gezeigt wird, einen Umbau zu bewerkstelligen, der Nullwachstum auch sozial und politisch verträglich gestaltet.“ Sie sagen es, aber was Sie nicht sagen, wäre:
Einige werden von diesem „Nullwachstum“ nichts spüren, für sie wächst die Welt wie gewohnt, während der Rest der Welt zu schrumpfen hat. Das ist doch die ganze, nämlich böse Wahrheit!
Insofern ist diese Parole nicht nur eine Schön-Wetter-Parole sondern quasi eine Scheißhausparole. Wer soll den bitteschön dafür einstehen, dass „alles sozial und politisch verträglich gestaltet“ wird?
Wer darauf die Antwort schuldig bleibt, hat nichts Gutes im Sinn.

Raffinierter Reformismus
@Kalupner: Obwohl mir Ihre gebetbuchartigen Wiederholungen gewaltig auf den Geist gehen (ich mochte noch nie Gebetbücher und schon gar nicht Wiederholungen), hier noch einmal meine knappe Antwort, zumal ich auch glaube, dass Herr Strobl Ihnen gewissermaßen zuarbeitet:
Ich glaube nicht nur, dass Frau Merkel und Herr Köhler nichts von all dem tun werden, was Sie Ihnen netterweise zuschieben, ich gehe auch davon aus, dass selbst, wenn Sie es wollten, es nicht könnten. Nach marxistischer Lesart gibt es nämlich keinen Kapitalismus ohne Zinsgewinne. Die Zinsgewinne sind nicht nur einfach der „Lohn“ des Bankers für seine Arbeit, sondern der für den Kapitaleinsatz, also die Geldform für den Mehrwert aus der Ware Arbeitskraft; Kapitalverzinsung oder Zinsgewinn sind ein und dasselbe, und ein Kapital wäre kein Kapital, wenn es auf diese Gewinne verzichtet. Es ist sozusagen seine in der Geldform ausgedrückte Substanz, die Zinsgewinne bilden geldmäßig ausgedrückt den Kapitalstock. Man könnte es auch so sagen: Ein anderes Kapital als die Zinsgewinne gibt es gar nicht. Das merken wir spätestens, wenn der Wert der Aktien zusammenschmilzt, wie jetzt gerade, und doch noch Zinsgewinne realisiert werden und zwar nicht als Spekulationsgewinn/Gewinnmitnahme – denn das ist nur die äußere Form, die Erscheinungsform eines darin verborgenen Kapitalstocks. Und der Grund dafür ist einzig und alleine die Existenz der „abstrakten Arbeit“, die, solange sie sich warenförmig/wertförmig auf den Markt wirft, Kapital schafft.
Und erzählen Sie mir nicht, dass das ja eben der Hebel für eine antikapitalistische Revolution wäre, nun mal nicht als Revolution beschrieben, sondern als eine Art ökonomischen Staatsstreich, durchgeführt durch eine gewisse Elite des Systems, die da den Stein der Weisen entdeckt hätten. – Das ist mir doch der raffinierteste Reformismus, den ich je gehört habe!
Dass ein Staatsstreich möglich ist, schließe ich damit nicht aus, aber dieser wird alles andere als eine Befriedung der Klassen herbeiführen, was Sie als Unterstellung ja quasi mit in Ihrem Gepäck führen.

Selbstähnlichkeit ist nur die (äußere) Form der Bewegung
@Strobl: Dieses war vielleicht mal eine fällige Klarstellung, sonst hätte ich bald an Ihrem Verstand oder an Ihren guten Absichten gezweifelt. Nun genügt das nicht, denn diese Epikur-evolutionslogische Gebetsmühle hat natürlich (neben ihrem – philosophisch betrachtet – esoterischen Hintergrund) auch noch einen gewissermaßen realen/“objektiven“. Auf den möchte ich versuchen einzugehen (auf die Theorie im Einzelnen gehe ich nicht ein, dazu fehlt mir die Zeit, hier der Platz und ansonsten auch die Lust), sondern wie gesagt auf den Hintergrund.
Noch mal Ware Arbeitskraft = abstrakte Arbeit= Substanz des Warenwertes=Grundlage des Mehrwertes wie des Kapitals, wie des Profits, wie des ganzen Produktivitätsfortschrittes.
Ich möchte gleich vorwegschicken, dass all dies keine rein objektiven Begriffe sind, keine solche, die völlig unabhängig vom menschlichen Wollen und Wissen existieren, sie sind eingeführt als eine Art gesellschaftlicher Vertrag, durch das Kapital, durch den jeweiligen Stand des Klassenkampfes zwischen Kapital und Arbeit und auf der Grundlage des allgemeinen Konkurrenzkampfes innerhalb des Kapitals. Sie sind somit recht prekäre Begriffe. Ideologie und Fetisch tragen in einem gewissen Ausmaß dazu bei, dass dieser Vertrag nicht all zu leicht gekündigt wird, von keiner Seite. Antagonismen in diesem Konstrukt sind aber der Grund dafür, dass er letztlich wieder aus der Welt geschafft wird. Wichtig allein ist, dass daraus sich ein Szenarium entwickelt, das über die zwanghafte Steigerung der Produktivkräfte nicht nur Massenarbeitslosigkeit sondern damit auch die Abschmelzung der Substanz des Kapitals selber einhergehen. Immer weniger Arbeit muss nicht nur immer mehr Kapital schaffen, sondern auch immer mehr Menschen ernähren. Die Grundlage dafür haben die bürgerlichen Ökonomen in etwa so formuliert: 2 % Wachstum seien erforderlich um ein solches zu gewähren. Aber erstens übersehen sie, dass dieses Kapital und Arbeitsverhältnis quasi eine Art auf den Kopf stehende Pyramide darstellt. Ganz oben ist das Kapital, dass auf einer Spitze von Arbeit lagert, d.h. Kapital wird zunehmend nicht mehr aus Realwirtschaft geschaffen, ist somit nicht mehr die Ausbeute vergangener Arbeitsperioden, sondern erst zukünftiger, durch Schulden verbriefter, dadurch werden diese 2% tendenziell nicht mehr haltbar sein. Und das führt zweitens zu einer Intensivierung der Ausbeutung der noch Arbeitenden und zu einer womöglich restlosen Versklavung der Überflüssiggewordenen. Das wiederum verschärft den Klassenkampf und den Konkurrenzkampf. Der tendenzielle Fall der Profitrate (da durchschnittlich tendenzieller Wertverlust in den gesellschaftlich sich darstellenden Arbeitsprodukten) erzwingt letztlich eine Steigerung in Richtung Profitmaximierung, die auf einer wachsenden Produktivität begründet, diese wiederum ist der Motor sowohl für ein Wachstum (auf der umgekehrten Pyramide, auf der Grundlage der Ausschaltung der Konkurrenz) als auch für eine soziale Revolution.
Soziale Revolutionen sind objektiv unvermeidbar, der Sieg des Sozialismus ist dies im Einzelfall nicht. Ganz im Gegenteil am Anfang begründet sich auch der Sozialismus auf recht prekären Grundlagen. Die Ausschaltung der Konkurrenz und die Ausbeutung unterentwickelter Konkurrenten im Weltmaßstab sind identische Phänomene. Dies schafft einen ökonomischen Überschuss in den entwickelten Ländern und treibt die Revolution in die unterentwickelten. Deren Produktivkräfte sind noch nicht der Grund für die Revolution, sondern eher die Unterentwicklung ihrer Produktivkräfte. Solche Revolutionen können und werden siegen – wer will verhungern? – aber sie werden sich nicht halten, nicht in Konkurrenz zu einem übermächtigen Feind. Sie werden wieder verlieren. Sie schaffen wegen – oder trotz – dieses enormen Kraftaufwandes nicht einmal die ökonomisch-technischen Revolutionen (daher Robert Kurzens Verkennung solcher sozialistischer Länder als „nachholende Modernisierer“ – siehe das Weltkapital/Schwarzbuch des Kapitalismus – er begreift nicht den Zyklus, den Zwang zur Selbstähnlichkeit der Kontrahenten, schlicht: er begreift die Dialektik nicht), die das Kapital erzwingt, wie auch erforderlich macht und lässt sie am ausgestreckten Arm verhungern. Dadurch aber wird der Sozialismus nicht erledigt oder gar überflüssig, nein, sein Sieg und seine Niederlagen werden Teil dieses teuflischen Kreislaufes – im Kapital selber. Sie befeuern die Globalisierung.
Die Globalisierung schließlich, die nur auf der Grundlage eines einheitlichen Marktes stattfinden kann (auf den Trümmern der sozialistischen Konkurrenz), lässt in gewisser Hinsicht die Annäherung zu, die der Sozialismus nicht geschafft hat. Allerdings nicht auf wirklich „hohem“, sondern teilweise auf niedrigem Niveau. In den kapitalistischen Kernländern entsteht ein Millionenheer von Menschen, die nicht nur überflüssig geworden sind, sondern die auch in Armut und Klassenhass den Massen in den unterentwickelten Ländern in nichts mehr nach stehen, und die die Entwicklung der Produktivkräfte dann hemmen anstatt sie weiter anzutreiben – billige Arbeit ist immer besser als teure Technik, und schafft sie doch die konservative Illusion von „Wertbeständigkeit“. Damit wird die soziale Revolution, angepeitscht durch Krisen und Krieg, in die kapitalistischen Kernländer zurück geführt. Das Märchen vom Abstand (Armut ist doch relativ!) zu den Massen in der 3. Welt, verliert an Wirkungskraft. Denn Hunger ist auch Hunger an der Überwindung des Abstandes, des realen vor Augen liegenden Abstandes, des zu dem Schein der Produktivkräfte. Ein solcher Hunger, in der Nähe zum Reichtum, ist u.U. ein größerer als absoluter Hunger, der kurz vor dem körperlichen Verhungern. Somit stellt sich der Klassenkampf als äußert zyklisch dar, quasi am Anfang wie am Ende immer selbstähnlicher.
Sozialistische Konkurrenz und sozialistische Marktwirtschaft sind am Anfang das Gegenüber einer noch recht unterentwickelten kapitalistischen Gesamtsituation. Diese führt zum Untergang dieses Sozialismus (Trotzkis apokalyptische Fixierung auf eine „Permanenz der Revolution“ mag sich darin begründen, so wie Stalins paranoid anmutender Versuch genau ein solches zu verhindern: was man nicht hat, verleumdet man, was man hat, gibt man nicht gerne her!). Aber das wiederum treibt das Kapital voran, schafft neue Sozialismen, neue Gegenüberstellungen, die sich auch wieder selbstähneln, aber schon auf höherer Grundlage. Am Ende könnte es so aussehen, als schüfe das Kapital den Sozialismus selber, was es ja objektiv auch tut, nur eben wider Willen und wider Wissen.
Ein solches, quasi algorithmische, Geschehen erweckt den Anschein als wären da nur rein objektive Kräfte am Werk (pseudophysikalische Naturkräfte – Evolutionslogik), wo doch genau das Gegenteil passiert. Die Selbstähnlichkeit ist die Form, die äußere Erscheinung, die Bindekraft der Bewegung zum einheitlichen Ganzen, aber nicht das Wesen der Sache. Die sog. Naturkräfte wirken als Gegenüberstellung der subjektiven Kräfte, durch den Klassenkampf, durch den Konkurrenzkampf hindurch. Am Ende sehen wir dann nur die jeweilige Identität der Kräfte, nicht ihren Widerspruch, nicht die Klassenkräfte, nicht den revolutionären Prozess.
So entstehen dann auch Mythen von einem objektiven Lauf der Geschichte, von „inneren Schranken des Kapitals“ (Robert Kurz), oder von Geniekräften, die da an neuralgischen Punkten anfassend, die ganze Entwicklung ausmachen würden, ja diese bedingen könnten.
Das einzig objektive an diesem Prozess sind der Anfang und das Ende, dazwischen kann viel passieren. Und das einzig Geniale daran, ist die Möglichkeit hin und wieder wissend einzugreifen, in den Massen und durch die Massen, soweit man Teile davon in eine revolutionäre Strategie und Taktik einzubinden weiß.

faz.net/blogs/2009/05/21/ist-die-zeit-reif-fuer-die-post-wachstums-oekonomie

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  • Von Permanentes Krisenmanagement am 30. Januar 2011 um 13:09 Uhr veröffentlicht

    […] Krisenmanagement, Teil 1 @Sundt: Der „tendenzielle Fall der Profitrate“ ist definitiv alles andere als reine Ideologie. Er setzt zunächst mal die Unterscheidung zwischen […]

  • Von Die Quasi-Naturgesetzlichkeit der kapitalistischen Gesetze am 15. Januar 2014 um 23:11 Uhr veröffentlicht

    […] die Konzentration des Kapitals, und mit dieser die Konzentration der Vermögen z.B. dem – „tendenziellen Fall der Profitrate“. Es ist praktisch die einzige Antwort, die das Kapital darauf hat, dass seine Profitrate in dem […]

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