„Versorgungsehe“

„Versorgungsehe“
@pjk: „Versorgungsehe“! – sie liefern wirklich die besten Stichworte. Hätte hierzu einen Beitrag, den ich schon (leicht abgewandelt) bei (Don Alphonso) gepostet habe (ich befürchte aber, dass er dort versauert, alles ist halt nicht nur hipp, schick oder komisch, und der gute Don erleidet so langsam den unverdienten Erstickungstod). Hier passt er vielleicht besser.
Ich denke, dass die „Versorgungsehe“ gerade auf dem Prüfstand steht, sowie überhaupt der „Geschlechtervertrag“, wenn man das man so nennen soll. Denn die Geschlechter kämpfen nicht mehr um eheliche/häusliche/sexuelle Vormacht, sondern um ökonomische/soziale/politische. Der Postfeminismus ist rein sozialer Kampf, wenn überhaupt noch ein Kampf.
Und das scheint mir der Einstieg in die Endschlachten im und um das Patriarchat und damit um die Klassengesellschaft. Die Frage ist nur, führt das zu einem sozialen Krieg, also Klassenkrieg, und vernichtet dieser die Klassengesellschaft, oder verkommt die ganze Gesellschaft in einem quasi asexuellen Trauma wie asozialen Trauma?

Des Mannes Götze
… Was aber die Liebe selbst betrifft, die Sie als das „Größte“ bezeichnen, da würde ich Ihnen gerne etwas entgegensetzen. Vielleicht wusste Casanova etwas mehr darüber, als der Rest dieser armseligen Menschheit (meiner Wenigkeit mit einbegriffen). Nüchtern betrachtet, scheint sie mir nicht viel mehr als gelungene oder zumeist weniger gelungene (Selbst-)Manipulation zu sein. Die Paartherapeuten reden da von Projektion, wohin ich die Illusion verorte, nämlich das gründlichste Missverständnis bzgl. des Patriarchats, das man überhaupt haben kann. Bedauerlicherweise, oder vielleicht gar glücklicherweise, erfahren wir gegenwärtig – im Zeitalter der neu aufgebrochenen Geschlechterkriege, der ultimativen gar – mal die „ganze Wahrheit“ ; und die ist wirklich nicht schön, für keines der Geschlechter (dazu gehören nämlich auch die Zunahme von Kindesmord und Kindesmissbrauch durch Mütter). Zum Thema Liebe unter dem Aspekt von Patriarchat und Poesie habe ich mal was geschrieben, siehe : „Der persische Hafiz, die (Homo-)Erotik, und der Nihilismus“ (auch das hierin erwähnte „Was dem Manne sein Orakel…“, ist mittlerweile veröffentlicht – und vielleicht lesenswert)… Noch eine Bemerkung, wie ich das zusammengefasst – etwas vereinfacht – darstelle. Wenn Hobbes den „Mensch als des Menschen Wolf“ bezeichnete – worin er gründlich irrte, denn ein solches, diese Zuschreibung verdienende, Wesen, scheint mir noch gar nicht geboren (die Barbarei steht uns als Option vorerst noch offen) -, meine ich, dass das Weib unter dem Patriarchat nicht des Mannes Untertan geworden ist – die Bibel irrt nicht nur darin, aber darin ganz besonders, nämlich geradezu paradigmatisch – , sondern dessen Götze. Und das ist die eigentliche Ironie, auch und gerade ob jener, von allen monotheistischen Religionen den patriarchalischen Gesellschaften vorgestellten Verheißung, resp. für das männliche Geschlecht, dass doch ein untertäniges Weib der Lohn für dessen Frevel (gegenüber dem Weib) sei!
Ich denke, im Moment werden viele – schon lange – offene Rechnungen beglichen, noch vor der ultimativen Barbarei! Und im Angesicht dieser Flut, bleiben „niemandes Füße trocken“ (um mal mit der FAZ, wie mit der reichlich zynischen Bemerkung von Mihm in Rente-Rentenkürzung, 03.05.09, zu sprechen).

Autonome Lebensformen oder Hinweise auf eine vorbarbarische Zeit?
@Strobl/mylli: Wenn ich Sie richtig verstanden habe (in @goodnight), fragen Sie nach, ob dieses Warenangebot an Teilen des weiblichen Körpers – hier der Gebärmaschine – innerhalb oder schon außerhalb der üblichen Warenwelt stattfindet (und Geld sei halt nur der „funktionale Möglichmacher“) denke ich, dass Sie da Marx noch einmal lesen sollten, Stichwort: Geld als allgemeines Äquivalent und der Möglichkeit dieses zu unterlaufen.
Nur als kleiner Einstieg hier aus einer Fußnote (*24, MEW, Bd.23, I. Abschnitt – Ware und Geld, S. 82, Dietzverlag):
„Man mag sich daher einbilden, man könne allen Waren zugleich den Stempel unmittelbarer Austauschbarkeit aufdrücken, wie man sich einbilden mag, man könne alle Katholiken zu Päpsten machen. Für den Kleinbürger, der in der Warenproduktion das nec plus ultra (den Gipfel) menschlicher Freiheit und individueller Unabhängigkeit erblickt, wäre es natürlich sehr wünschenswert, der mit dieser Form verbundnen Mißstände überhoben zu sein, namentlich auch der nicht unmittelbaren Austauschbarkeit der Waren…“ (Grammatik wie im Original)
Warum ich das anführe, ist vielleicht nicht gleich erkennbar, aber erstens gibt es nicht nur keinen Ausstieg aus der Geldwirtschaft innerhalb der Warenwirtschaft (und das sei all denen gesagt, die da von einem geldlosen Geld/Parallelgeld träumen), zweitens aber auch keinen Ausstieg aus der Warengesellschaft innerhalb der Geldwirtschaft. Denn, „Die einfache Warenform ist (…) der Keim der Geldform.“ (siehe da, Seite 85)
Ihre Fragestellung mag interessant sein, aber sie führt in die falsche Richtung. Richtiger wäre wohl gewesen zu hinterfragen, wieweit es gekommen ist, mit dieser „Warengesellschaft“, in der sich nicht nur die Produzenten mit ihren/hinter ihren Waren gegenseitig vermitteln, sondern auch sich selbst als Ware anbieten (und zwar nicht nur in der Form des Lohnarbeiters, sondern ganz im körperlichen Sinne). Und genau darum geht es hier: Heute Gebärmaschine zu fremden Diensten, morgen Genmaterialspender, übermorgen Spender von Teilen des Körpers, quatsch was sage ich da? – heute schon zum Beispiel von der Niere, der Leber, etc. – aus purer Not.
Der feministische Aspekt, den Sie hier vielleicht vermuten möchten, wäre reiner Selbstbetrug. So wie gestern die Dame ihre eigene Brüste nicht benutzte um ihre eigene Brut zu stillen, so wird heute ein fremder Bauch benutzt (von wegen: mein Bauch gehört mir!), um den eigenen zu schonen, oder wegen der eigenen Gebärunfähigkeit. Wir fallen zurück zu den primitivsten Formen der Ausbeutung, die die kapitalistische Gesellschaft schon gekannt hatte. Hier wird das Weib noch unterhalb der Lohnausbeutung ausgeschlachtet (und neben ihrer „abgespaltenen Realität“ – Roswitha Scholz: Der Mann ist das Subjekt) Objekt kruder kapitalistischer Ausbeutung, und zwar gleich in doppelter Hinsicht: einmal verschafft sie der Bourgeoisfrau den geeigneten Körper (den Gebrauchswert, den Gebrauchsgegenstand), andererseits wird sie zum Objekt von Mehrwertgenerierung („100000 €“ für die Makler, die Menschenhändler!).
Wir sollten wirklich vorsichtig sein, mit diesen Gutdeutungen jener, auf eine „vorbarbarische“ Zeit hindeutender, Auswüchse.
Und der Hinweis von mylli widerspricht dem nicht, denn „Hedonismus“ wäre dann wohl die „Einstiegsdroge“, für ein solches Szenarium, bzw. die Form, die das ideal verschleiert.

Ähnlich wie in einer Revolution
@ignatius: Bzgl. des marxschen Diktums: „Das Sein bestimmt das Bewusstsein“, möchte ich ihnen im Rahmen dieses Kontextes leicht widersprechen. Da Marx vom gesellschaftlichen Bewusstsein und auch vom gesellschaftlichen Sein sprach (was mir erst kürzlich so ein Schlaumeier in einem andern Kontext glaubte um die Ohren hauen zu müssen – aber natürlich stimmte das, nur war das in jenem Zusammenhang reine Ablenkung, siehe: „Si tacuisses – philosophus mansisses“ ), das sich in einem derartigen kausalen Zusammenhang befände, gibt es natürlich noch eine andere Beziehungsebene, nämlich die des individuellen (und damit auch oft falschen Bewusstseins – auch ein gesellschaftliches Bewusstsein kann natürlich ein falsches sein!) zum gesellschaftlichen Bewusstsein einer revolutionären Klasse/eines revolutionären Subjekts zum Beispiel. Das individuelle Bewusstsein so vieler 68er bestätigte ihr gesellschaftliches Sein, das zu begreifen und damit natürlich auch aufzuheben (durch eine Revolution!) sie nicht befähigt waren. Die bürgerliche Ideologie (vor dem Hintergrund unser aller Sein als „Marktidioten“) assimiliert jedes Bewusstsein, das den Rahmen der Marktwirtschaft nicht zu sprengen (nicht mit Bomben!) vermag. Bürgerliche Ideologie entwächst diesem System so wie jeder ausgebrochene Zahn im Maul eines Haifisches. Man kann nicht einzelne Zähne ausschlagen, man muss ihm das ganze Maul zerschlagen – diesem Hai. Die 68er Bewegung endete dort, wo sie begann: im Aufstand einer Jugend gegen die Alten. Eine „sexuelle Revolution“ hat den Charme einer jungfräulich bleiben zu beabsichtigenden Sexbesessenen, wenn sie nicht in eine soziale übergeht. Die Alten (die Silberrücken) fühlen sich da nur gemobbt, aber nicht wirklich gefährdet. Ein paar Prügel und die Jugendbande heult sich bei Mama aus. Und danach werden die Regel wieder eingehalten.
Fazit: Nicht das Sein, auch nicht das gesellschaftliche war hier so entscheidend, sondern das Bewusstsein, das individuelle, und dann auch das gesellschaftliche, da letzteres über den Tellerrand einer auf Chancengleichheit aus seienden (größtenteils bürgerlichen) Jugend nicht hinaus zu schauen vermochte.
@manul: Ich versuch es mal so zu fassen: schaffen wir keine revolutionären Werte bekommen wir reaktionäre, konservative. Die Gesellschaft – so wie die Natur vermutlich auch (allerdings wäre das noch physikalisch zu verifizieren) – duldet keine wirklichen Leerstellen. Virtualität ist nicht der Widerpart zur Materialität, sondern deren Bestandteil/Ausdruck (in einem bestimmten Raum). Virtuelles Kapital ist Teil einer Kapitalbewegung, die vom Geld zum Geld zu gehen scheint, wo doch dahinter sich eine neue, dann aber gar nicht mehr virtuelle, Bewegung des Kapitals verbirgt. Denn mal abgesehen davon, das „Geld zu Geld“ nur die „räuberische“ Abschöpfung des realen Mehrwerts verbirgt (Kreditierung aller Werte über deren aktuellen Substanz hinaus), verbirgt sie nämlich auch die Ablösung einer Bewegung des Kapitals durch eine andere, des Industriekapitals im alten Sinne (rauchende Schlote), durch das Biotechnische Kapital zum Beispiel. Es bildet sozusagen die Sammlungsbewegung der neuen Kapitalsmacht, das hier seine schwächer gewordenen Konkurrenten melkt.
Ein gesellschaftliches Bewusstsein, das da nicht mithält, glaubt das Kapital am Ende, da es doch scheinbar an Substanz verliert (siehe Robert Kurz und seine Endzeitmythologie im „Weltkapital“: die „Über-Kreditierung“ ist aber doch nur eine strategische Maßnahme dieses Kapitals, denn die Mehrwertgenerierung wird umgelenkt, und womöglich die Formen dieser ‚Generierung‘ auch – Proletariat wird zu Prekariat, wenigstens in Teilen, und letzteres verschwindet im „leeren Raum“, da das Subjekt umgeformt wird), dessen virtuellen Formen für das „Nichts“ hält. Ein solches Bewusstsein wird nicht nur ohnmächtig im gesellschaftlichen Sinne, d.h. als Akteur im Klassenkampf, sondern auch im individuellen Sinne, als einzelnes Subjekt/kleines Menschlein. Ein solches verkauft sich selbst, in Teilen, in Prozessen, materiell wie geistig. Es ist wahrhaft verloren. – Der Nihilismus ist die typische Form eines solchen Bewusstseins, das einem entsprechenden Sein entspricht/vorausgeht/folgt. Da wir an einer Epochenwende – bzgl. Des Subjekts – stehen, sieht es so aus, dass das Sein ein entsprechendes Bewusstsein generiert, in Wahrheit geht hier ein Bewusstsein, einem neuen Sein voraus, ähnlich wie in einer Revolution!

Sprachlich zu viel abgedichtet
@pjk: Danke, ich arbeite dran, auch an den Schachtelsätzen, aber auch diese haben ihren Grund. Es gibt gute Gründe, sehr gute, mich zu schützen, sprachlich abzudichten, gewissermaßen, wenn Sie verstehen. Das hat mir ein wenig das Handwerk verpfuscht. Aber ich bemühe mich, das wieder abzubauen. Es nützt ja ehe nichts. Heute kann man sagen, was man will, dafür geht man kaum noch ins Gefängnis, oder verliert seinen Job, oder wird gar erschossen. Die besondere Niedertracht ist, dass es kaum noch ein „Schwein“ interessiert. Daher auch mein „Patchwork“-Experiment. Ich hoffe so ein paar Leute mit zu nehmen, Leute, die mit einer geschlossenen Theorie nichts (mehr) anzufangen wissen, aber doch deshalb nicht unfähig sind, Theorie zu machen, vom richtigen Standpunkt aus, versteht sich.
In meinem Blog finden Sie unter „Werke“ einige Gerüste (Philosophus mansisses, Grünhofausstellung), um die herum das Patchwork, zum Beispiel in Form solcher Leserbeiträge, geschaffen werden soll. – Es gibt da noch einen Nebenkriegsschauplatz – die Physik. Habe da einen Kontakt zu einem Kernphysiker, mit dessen Hilfe ich meine philosophische Grundlage zu verbessern suche, den Historischen und Dialektischen Materialismus gewissermaßen auf die Höhe der Zeit bringen möchte. – Es fließt hin und wieder was in meinen Beiträgen ein (habe da oft Ideen, aber es mangelt noch an der Substanz). Ein schwieriges Unterfangen für jemanden, der Mathematik, Physik und Chemie nur auf dem Wirtschaftsgymnasium kennengelernt hat. Aber ohne die Naturwissenschaften geht’s nicht, und auch nicht ohne die neuesten Errungenschaften der Neurowissenschaften. Und ohne den „Histo- und Diamat“ geht überhaupt nichts – bleibt alles nur Stückwerk.
Auf Papier zu bringen, ist nicht so einfach. Die Diktatur der Verlage ist heute schlimmer denn je (und wer weiß, welcher die Krise überlebt?). Hinzu kommt, dass ich kein Berufsschreiber bin, ich mache das nebenher. Die Zeit ist das Problem. Aber Ihr Vorschlag liegt schon richtig, und ich darf nicht weiter nach Ausreden suchen. Die Sache ist doch ernster als ich es schon befürchtete. Aber wir bleiben ja in Kontakt, schauen wir weiter.
M.f.Gr.
P.S. Wären Sie denn bereit, für dieses Werk den Lektor zu machen?

Ach ja – Erik Hobsbawn -, ein Name, den man sich merken muss
@pjk: Danke, das gibt mir Mut. Ich scheine übrigens gar nicht so alleine da zu stehen, mit meinen „Kassandrarufen“. Habe da gerade im aktuellen Stern ein Interview gefunden, mit einem gewissen Eric Hobsbawn, welcher in Bezug auf Krisenentwicklung und Kriegsgefahr Ansichten zu vertreten scheint, die sich mit meinen Auffassungen so ziemlich decken, um nicht zu sagen: sie gleichen sich wie ein Ei dem anderen. Hobsbawn, ich kannte ihn nicht, ist ein Historiker, Marxist und er ist 92 Jahre alt. Eine interessante Gestalt. Sieht mit seiner Mütze aus, wie ein alt gewordener Thälmann. So vertritt er die These, dass in dieser Krise mehr Blut fließen wird als 1929 und dass am Ende durchaus ein globaler Krieg stehen könnte; und das ist der Punkt: zwischen den USA und China nämlich. Und er begründet das auch so wie ich: es gibt keinen Platz für diese beiden Mächte auf dieser Welt, resp. in Asien. Sie schließen sich gegenseitig aus. Der Kapitalismus wird darunter vermutlich nicht zusammenbrechen – zu seinem (und auch zu meinem Leidwesen, aber vielleicht irren wir uns ja beide) -, aber Teile davon könnten das durchaus. Werde wohl ein wenig schmökern – jetzt.

faz.net/blogs/chaos/2009/05/07/carry-bradshaw-trifft-luhmann

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  • Von Die nächste Runde der Pervertierung der Sozialgesetzgebung am 31. März 2010 um 23:46 Uhr veröffentlicht

    […] zur Erklärung solcher Vorkommnisse. So beobachte ich einen sich dramatisch verschärfenden Geschlechterkonflikt, vornehmlich beim „Mittelstand“, auf den der Staat offenbar nur repressiv zu reagieren […]

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