Reich-Ranicki: Jederzeit bereit – zum Widerstand – Kritik zur Filmkritik

Jederzeit bereit – zum Widerstand
Gut geschrieben – Stefan Aust -, sehr gut eingefühlt, in beinahe alle Seiten des Geschehens. Und doch, wo Sie enden, beginnt vielleicht die eigentliche Überraschung. Ich habe den Film gesehen und auch danach noch die Reportage, und jetzt weiß ich, woran es liegt, dass dieser Reich-Ranicki auf mich so paradox wirkt, doch sympathisch, nicht fremd, obwohl doch „Klassenfeind“. Er ist im tiefsten Innern, der geblieben, der er immer war, und dabei ist er auch Kommunist geblieben. Er kann gar nicht anders, denn seine Integrität ist ihm das Wichtigste. Allen gegenüber, auch den polnischen „Genossen“ gegenüber, ja gerade diesen gegenüber. Ihn kann man nicht ausschließen. Er hat sie nämlich durchschaut und dabei sich selber. Seine Stellung, seine Macht, seinen Ehrgeiz. Nun ist er da angekommen, wo er vielleicht nicht unbedingt hinwollte, er ist arriviert, wie wir sagen, Großbourgeois, im Geist, wie in der Klasse, der herrschenden, im kapitalistischen Westen. Und doch ist er Kommunist geblieben, in seiner eisernen Disziplin, geistigen Schärfe, und seinem unermüdlichen Arbeitseifer – und von seinem Hang zur Polemik gar nicht zu sprechen -, und als solcher jederzeit bereit, zum Widerstand, auch und gerade gegen die Versuche ihn zu bestechen.

Sowjetischer, resp. polnischer Antisemitismus?!
@Lücke: Was Sie sagen ist richtig, und auch Reich-Ranicki gab das dem Vernehmungsoffizier zur Antwort, ganz vorsichtig, eigentlich sich nicht ganz sicher seiend. Ihn nicht herausfordern wollend. Allerdings gab es da ein Problem. Für mich als Marxist, ein nicht nachvollziehbares, aber es war da. Einerseits hielt man sich weitgehend an die leninsche Linie im Umgang mit den Juden, man schien sie zu schützen (es gab sogar mal einen jüd. Sowjetstaat), andererseits drängte man sie aus der Partei, aus allen Parteien des sowjetischen Einflussbereiches. Der Journalist und Schriftsteller Ilja Grigorjewitsch Ehrenburg war Jude, er war ein Liebling Stalins, bis zu dem Moment, wo er seine jüdische Motivation im Kampf gegen das Kapital, gegen das deutsche Kapital, und auch gegen die Deutschen, in den Vordergrund gestellt zu haben schien (auf Ehrenburg ging der Vorschlag zurück, alle Deutschen zu sterilisieren). War es Antisemitismus, waren es also schwerwiegende ideologische Fehler der damaligen Kommunisten (immerhin wurden polnische Juden wie polnische Kommunisten von Stalin an Hitler ausgeliefert, nach dem deutsch-sowjetischen Nichtangriffspakt, ein schier unglaublicher Vorgang, und Ehrenburg berichtet gar vom „Massenmord“ an Juden/Wikipedia), oder ernsthafte ideologische Differenzen. Wohl von allem – reichlich!

www.faz.net/Reich-Ranicki-Film: Bildungsreise durch die Hölle, 15.04.09

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2 Trackbacks

  • Von Das Wichtigste am 2. Juni 2010 um 18:10 Uhr veröffentlicht

    […] er das geblieben, wenn auch als ein Aristokrat – ein geistiger. Auch diesbezüglich scheint er loyal zu […]

  • Von Frauen schreiben anders am 6. Januar 2014 um 12:32 Uhr veröffentlicht

    […] das in aller Regel wohl die Männer. Man(n) (oder frau) sollte nun eine Frau fragen, um den guten R.R. wieder etwas zu entlasten. Abgesehen davon glaube ich eh, dass er mit Ausnahme seiner Frau, die […]

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