Der Einspruch der Börse hat sich verwirkt

Der Einspruch der Börse hat sich verwirkt
Zunächst möchte ich Ihnen ausdrücklich dafür danken, dass Sie Habermas als den „Hausphilosoph(en) des deutschen Linksbürgertums“ bezeichnen, und eben nicht, wie üblich nämlich, rein denunziatorisch, als Philosophen der Linken. Denn zunächst einmal streiten sich nämlich hier zwei Strömungen im Bürgertum. Geld versus Kapital, resp. auch Finanzkapital versus Industriekapital. Und den jeweils genauen Stand dieses Streites zeigt uns die Börse an, mit ihren Auf und Abs. Und wenn das „linke Bürgertum“, das man im gewissen Sinne auch mit dem Geld besitzenden Kleinbürgertum identifizieren darf, nun mit Muskeln spielt, welche ihm eigentlich abgehen (da gewissermaßen nur geborgt, vom Kapital wie von der Lohnarbeit), sage ich nur, und dies bewusst mit Marx aus dessen „Achtzehnten Brumaire“ im Anschluss an die niedergeschlagene Pariser Kommune: „Hic Rhodus, hic salta, Hier ist die Rose, hier tanze“.

Doch überschreiten Sie den innerbürgerlichen Rahmen dort, wo Sie das Thema auf das politische Schicksal der Demokratie herab zu brechen suchen. Mag sein, dass die (kleinbürgerliche) Demokratie für verantwortlich ist, wie es nun um diese selber bestellt ist. Doch gehört diese nicht nur dem Kleinbürgertum allein. Das ganze Volk, das demokratische Volk, hat ein Interesse daran, dass diese Demokratie dem Finanzkapital nicht zur Gänze zum Opfer gebracht wird. Und mag sein, dass die Finanzmärkte die Demokratie mit einer gewissen Logik in Frage stellen. Doch sind es genau diese Finanzmärkte, die das Debakel zu verantworten haben. Die Deregulierungen, die den aktuellen Spektakel auf den Märkten nämlich vorausgingen, haben die (kleinbürgerlichen) Regierenden nicht einfach aus eigenem Antrieb veranlasst, sondern auf Druck und Drängen eben jener Finanzmärkte. Das Schuldendesaster ist diesbezüglich auch kein junges. Herrhausen war es, der seinerzeit den Auftakt hierzu gab, nämlich mit seinem Vorschlag auf ein Schuldenmoratorium für die 3. Welt. Dass es sich hier um einen wohlüberlegten wie offenbar auch gefährlichen Schachzug handelte, erfuhr die Welt allerdings erst als Herrhausen gemordet war. Die Deutsche Bank hatte damals vorgesorgt, ihre Bücher waren bereinigt. Und dass Herrhausen deswegen sterben musste, ist zwischenzeitlich mehr als ein Gerücht.

Was sagte Ackermann auf die Frage der Maybrit Illner erst kürzlich, nämlich warum die Deutsche Bank nach Herrhausen das Thema Schuldenmoratorium nie wieder zum Thema gemacht hat? „Weil es ihm dann nämlich vermutlich genauso ergangen wäre, wie Herrhausen“, so sein verblüffendes Eingeständnis. Niemand scheint sich dafür zu interessieren, dass die offizielle Version, nämlich, dass Herrhausen einem RAF-Attentat zum Opfer gefallen sei, damit obsolet ist. Doch was heißt das darüber hinaus? Das heißt, dass die Deutsche Bank die Strategie geändert hat. Nicht gegen diese gefährliche Konkurrenz, sondern mit jener. Genauer: Mit der mächtigsten hieraus macht man seitdem Finanzgeschäfte.

Nun haben wir die Wiederholung des Spektakels gewissermaßen. Und es scheint wieder nicht witzig zu sein, auch nicht für die Konkurrenz, die, die (noch) in Dollar organisiert ist. Dieses Szenarium macht den ganzen kapitalistischen Finanzmarkt verrückt. Und es ist sicherlich eine zulässige Spekulation, dass die Deregulierung genau dafür gedacht war, nämlich um darauf vorbereitet zu sein. Noch einmal den Hasardeur spielen, dabei richtig abkassieren. So die Devise der Deutschen Bank vermutlich, mit Goldman-Sachs u.a. Giganten. Mit denen, die sich nun auf der Anklagebank wiederfinden. Das entbehrt nicht einer gewissen bösen Ironie.

Die Bank Goldman-Sachs war es übrigens, neben der Deutschen Bank, die die Griechen dabei unterstützt hat, maßlos über deren Verhältnisse zu leben und dabei raffiniert wie kaum ein anderer die EG auszuplündern. Wie oft musste die EG den Bau einer Autobahn bezuschussen, bis sie endlich gebaut war? Dass es sich hier um eine schamlose Verschwörung nicht nur der griechischen herrschenden Klasse, sondern eben auch des internationalen Finanzkapitals handelte, scheint vergessen. Und das ist es, was alle Demokraten auf die Barrikaden treibt. Nicht nur die linksbürgerlichen, die kleinbürgerlichen. Und das, was die Demokraten auch wollen, ist, dass die wahren Schuldigen – das Finanzkapital – die Zeche bezahlen. Der Einspruch der Börse kommt also nicht nur einfach zu spät, er hat sich verwirkt. Und wenn das Finanzkapital diese Zeche nicht bereit ist zu bezahlen, wird es von den Völkern der Welt zur Rechenschaft gezogen. Das ist es, was zwischenzeitlich nicht mehr allein nur das griechische Volk täglich demonstriert.

faz.net/blogs/fazit/archive/2011/11/11/kurszettel-gegen-stimmzettel-warum-juergen-habermas-nichts-von-der-krise-versteht

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  • Von Wo der Altruismus nicht mehr zureicht am 3. Dezember 2011 um 17:32 Uhr veröffentlicht

    […] Deutschland der Geheimdienste, resp. in diesem Europa, dessen wahrer Souverän eine Bank namens Goldman-Sachs vermutlich […]

  • Von Es bonapartistet am 4. Dezember 2011 um 17:27 Uhr veröffentlicht

    […] schon nicht mehr fähig“ sind, nämlich zur Machtübernahme, resp. deren – Erhaltung (Über die Pariser Kommune, S. 18, Einzelausgabe, Dietzverlag). So schickt sich diese machtverwöhnte Bourgeoisie an, solch […]

  • Von Wozu die Worte eines Ackermann gut sind am 6. Februar 2012 um 16:26 Uhr veröffentlicht

    […] die Worte eines Ackermann gut sind War es nicht Ackermann, der vor nicht all zu langer Zeit erklärte, dass er nicht glaubt, dass Griechenland die Schulden […]

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