Nicht ein „Engel“ im Jenseits

Nicht ein „Engel“ im Jenseits
Wo offenbarer Unsinn waltet, herrscht mitnichten Nichtsinn. Ich habe es daher auch anders formuliert. Der notwendigen Kürze wegen, in einem FAZ-Leserbeitrag, vielleicht etwas zu aufgesetzt, „Das automatische Subjekt scheint wahnsinnig geworden“

Daher hier die Erklärung, die dort nicht möglich war.

Das „automatische Subjekt“ ist nichts anderes als der sich-selbstverwertende-Wert, also die Kapitalbewegung selbst. So wie schon im ersten Band des „Kapital“ von Marx aus der Geld-Ware-Geld-Bewegung abgeleitet. Was allerdings ein wenig irritiert, ist der Begriff des „Subjekts“. Ein Subjekt sein heißt gebräuchlicherweise ein Individuum sein. Doch wenn auch der Täter sicherlich ein Individuum ist, so handelt er als automatisches Subjekt mehr als Automat denn als Individuum. Als bewusstloser, ja hier gar besinnungsloser Agent eines Marktgeschehens. Mehr als Objekt denn als Subjekt.

Und wer das Marktgeschehen, den Wahn auf den Konsummärkten (analog den Geldmärkten) beachtet, dem kommt nun mal die Idee, dass das automatische Subjekt wahnsinnig ist. Und zwar ganz so, wie sich der Antisemitismus als Semantik eines sich selbst nicht begreifen wollenden Subjekts darstellt. Nur vielleicht noch esoterischer. Sich mehr selbst zu vergewissern suchend als andere überzeugen wollend. Daher dieser „christliche Fundamentalismus“, der da ziemlich verloren wirkt.

Da zeigt sich mehr Autoaggressivität als Welterlösungswahn. Selbstvernichtungswahn! Dennoch, und darin liegt die Unbegreifbarkeit dieser Tat vor diesem Hintergrund: Der Kerl tötet sich nicht mal. Er will nicht verschwinden. Er will verstanden werden, aufgehoben-sein. Er scheint eine Ahnung zu haben von der Metamorphose dieser Selbstbewegung. Aber auch nicht mehr. Als Selbstbewegung des Kapitals mal Ware sein, mal Geld, mal Arbeit, dann wieder Geld, dann Ware, dann Geld. Es gibt einfach kein Ende. Einfach immer nur Wert-sein. Mehrwert dann gar. Doch wo dieser herkam, das blieb ehe immer schon unbegriffen. Erst recht dort, wo das Geldkapital seine Herkunft leugnet. Was ist schon „abstrakte Arbeit“? Den Begriff können doch nur die Juden erfunden haben! Hat die Arbeit denn keinen Wert mehr? Wird Leistung denn nicht mehr belohnt, ehrlicher (Kapital-)Aufwand nicht mehr ordentlich verzinst? Das Subjekt wird schier wahnsinnig. Es zweifelt an seiner Vernunft. Es bejammert seinen Substanzverlust. Es verachtet seine Existenz schließlich. Es mutet Verschwörungen – überall.

Diese Verschwörung der Marxisten. Geht diese gar soweit, dass sie sich mit den Islamisten verbünden. Ja selbst die „Eurokraten“ sind Sozialisten. Nicht unähnlich darin den Juden, jenem Kapital, das so „international“ ist, dass es nur „bolschewistisch“ sein kann. Lauter Sozialisten diese Kapitalisten. Lauter Islamisten diese Bolschewisten. Verwirrt durch den Fetischcharakter der Warenform, die den Menschen ihr gesellschaftliches Verhältnis vernebelt. Ist es doch nur „das bestimmte gesellschaftliche Verhältnis der Menschen selbst, welches hier für sie die phantasmagorische Form eines Verhältnisses von Dingen annimmt.“ (Karl Marx, Das Kapital, Bd. I, I. Abschnitt: Ware und Geld, S. 86, MEW 23, Dietz-Verlag)

Wer in solch geistiger Not verhangen, der hofft auf Fest-setzung im Diesseits. Auf Setzung. Auf Setzung des Werts. Er will einfach nur automatisches Subjekt sein. Nicht ein „Engel“ im Jenseits.

Wenn die Kerle doch nichts Neues bringen
@Colorcrace: Ich gebe Ihnen Recht. Automatisches Subjekt mag von vorgestern sein. „Virtuelles Subjekt“ ist sicherlich nicht schlecht. Auch ich habe schon davon gesprochen (Philosophus mansisses). Doch bin ich damit nicht wirklich zufrieden. Die neue Semantik scheint halt doch noch nicht geboren. Jedenfalls nicht auf wissenschaftlichem Niveau. Marx muss da einstweilen noch gut für sein. Man sollte ihn weiter entwickeln. Ohne ihn zu verraten. Letzteres kann jeder Depp. Und was die mögliche, bzw. gar sehr wahrscheinliche, Beziehung zwischen Assange und Breivik angeht, da habe ich schon was zu geschrieben. Auch das mutet vielleicht an wie von vorgestern. Doch wenn die Kerle nichts Neues bringen!? Was soll man Neues an ihnen finden? Doch lesen Sie selber: Anarchistische Diadochenkämpfe, oder auch das: Die gemeinsame Wurzel von Ökonomismus und Terrorismus.

Der Marxismus ist nicht nur Wissenschaft
@Colorcrace: Es ist jetzt nicht leicht darauf zu antworten. Denn das alles wäre natürlich zu beweisen, was ich da vorbringe. Ich versuche es trotzdem. Peu a peu wächst die Wut, die Verzweiflung gar, auch die Überzeugung, dass eh alles keinen Sinn mache. Die Lebenserfahrung ist daher so ein widersprüchlich Ding. Die meisten Menschen, die ich kenne, bauen mit zunehmender Erfahrung „theoretisch“ ab. Die Theorie entsteht nicht. Die muss hart erarbeitet werden. Im Widerstand gerade zu einer solchen Lebenserfahrung. Und doch geht es nicht ohne Lebenserfahrung. Gegen die Linie aber gebürstet, muss sie sein. Sozusagen, dem Leben abgetrotzt. Die Theorie kann allerdings kein Werk Einzelner mehr sein. Dazu ist die Wirklichkeit, wie wir sie uns erschlossen haben, zu komplex. Analog der Wissenschaft, der bürgerlichen, muss auch die proletarische, die marxistische, die revolutionäre das Werk möglichst vieler Menschen sein. Allerdings wo die herrschende Klasse auf den „Menschencomputer“ setzt, also auf das vernetzte Hirn möglichst vieler Menschen, ist doch das Hirn der wichtigste Rohstoff der Zukunft“ (Schirrmacher), setzen die Marxisten nach wie vor auf den ganzen Menschen. Auf Herz und Hirn. Denn der Marxismus ist nicht nur Wissenschaft, denn auch Weltanschauung, Philosophie, Ethik wie Kultur. Ja, die Einforderung von Gerechtigkeit. Die Theorie muss weiter entwickelt werden, im Einklang mit der Weiterentwicklung der menschlichen Gesellschaft. Mit den gewachsenen Ansprüchen der Menschen auch in kultureller Hinsicht.

faz.net/blogs/formfrei/archive/2011/07/25/keinen-sinn-suchen-wo-keiner-ist

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