Das Konkret-Allgemeine ist immer eine endliche Möglichkeit plus 1

Das Konkret-Allgemeine ist immer eine endliche Möglichkeit plus 1
„…dass dort, wo die Akkumulation am größten ist, wo er theoretisch absolut Recht hat, im Auge des kapitalistischen Taifuns – Windstille herrscht.“ Dennoch ist auch dies nur ein Idealzustand, ein relativer zumal. Denn auch ein solcher Ort ist nicht losgelöst vom übrigen Raum und der übrigen Zeit. Lenin gebrauchte daher den Begriff des „schwächsten Kettengliedes“, um die Totalität in dieser Beziehung deutlich zu machen.

Darüber hinaus lässt sich feststellen, dass die ständige Veränderung in der sog. objektiven Wirklichkeit immer auch eine in den Perspektiven auf diese ist. Wir können auch sagen, dass alles, was wir in einem gegebenen Moment als Veränderung erkennen – in der objektiven Wirklichkeit -, nichts ist als eben die Veränderung der Perspektive. Denn die Wirklichkeit, die sog. objektive, ist uns immer einen Schritt voraus. Kurzum: Wenn wir am Tegernsee Ebbe sehen, muss das nicht die aktuelle Wirklichkeit sein, die wir da vor uns haben, sondern es wird wohl eher die von vorgestern sein. Und wo ein solcher Strom der Wirklichkeit weitergeflossen ist, kann er nur von einer anderen Perspektive aus „wirklich“ gesehen werden.

Nach Zizek übrigens ist das Ganze noch etwas komplizierter. Nur die Lücken zwischen der Wirklichkeit und der jeweiligen Betrachtungsperspektive sind wirklich. Und somit erfassen wir die Wirklichkeit nur als Summe aller nur denkbaren Lücken. Lücke gleich Perspektivenwechsel. Einzig der Perspektivenwechsel scheint somit so etwas wie Realität zu erfassen, ja zu sein.

Marx, auf den Zizek sich auch beruft, stellte die Ware in die Mitte eines solchen Raums voller Lücken. Ein Ding, das zugleich erkennbar wie nicht erkennbar wäre. Erkennbar war die äußere Form, das Gewicht, die Menge. Doch schon beim Ermessen des Grundes für deren Preis streikt der gewöhnliche – der bürgerliche – Verstand. Also ließ er durchblicken, dass der Wert eine gesellschaftliche Übereinkunft darstellt. Eine Übereinkunft aber, die trotz ihrer Fetischkostümierung, also ob ihrer Vernebelung, dennoch täglich in Frage gestellt werden kann. Denn die Verwertung des Wertes, resp. die Konstitution jenes „automatischen Subjekts“ in der Kapitalbewegung, enthält ein unberechenbares und solchermaßen in der Rechnung des Kapitals eben nicht aufgehendes Element – das des Mehrwerts.

Es ist dies ein Element, um jetzt wieder mit Zizek, oder auch mit Lacan zu sprechen, auf den Zizek sich immer wieder beruft, dessen Besonderheit seine Allgemeinheit ist, und das somit nur deswegen Teil des Ganzen ist, weil es in diesem Ganzen nicht aufgeht – „ein Element ohne Ort innerhalb der Struktur“ („Die Parallaxe“, S. 41) also ist.

Kommen wir zu den Gemeindearbeitern. Mag sein, dass diese glauben, sie wüssten etwas über ihren Wert, nur weil sie den gewerkschaftlich durchgesetzten Tariflohn ins Verhältnis setzen zu ihren Arbeitspausen. Was aber weder sie noch die Herren, die sie beschäftigen, resp. „ausbeuten“, wissen, ist, dass dieser Wert, wie gesagt nur eine gesellschaftliche Übereinkunft darstellt. Also keine Substanz darstellt, keine jedenfalls außerhalb dieser Übereinkunft. Oder wie Zizek es anhand eines Werbeslogans für einen Hollywoodfilm so wunderbar klar erkennt. Nämlich dass „das Reale so real ist, dass es erfunden sein muss“ (ebenda, S. 42).

Solche Übereinkünfte können jederzeit gekündigt werden. Doch sowenig wie das Reale außerhalb der Bewegung unseres Erkennens subsistiert, so wenig spielt es eine Rolle, ob wir dies mit unserem Erkenntnisvermögen – von heute – voraus sehen oder nicht. Denn nicht nur die Realität ist in der „Bewegung unseres Erkennens gefangen“, wie Zizek unter Bezugnahme auf Hegel konstatiert, sondern auch das Erkennen der Realität ist in „diese eingebettet, wie ‚ein eingebetteter Journalist’ bei den US-Truppen im Irak“, wie Zizek weiter folgert (S. 40).

Und weil diese Möglichkeit der Kündigung von den Interessen und Launen Einzelner völlig unabhängig ist, wird sie vermutlich umso wahrscheinlicher. Wo die Gesellschaft nicht die Summe aller in ihr enthaltenen Individuen ist, und diese auch nicht jenen vorausgesetzt, da ist ausschließlich das „Konkret-Allgemeine“, wie Hegel es ausdrückt, eben diese Gesellschaft.

Wer also diesen Vertrag letztlich dann kündigt, wird sich wohl irgendwo und irgendwie aus dem Klassenkampfgeschehen ergeben, dennoch nicht außerhalb des Konkret-Allgemeinen eines solchen. Und selbst wenn sich dies innerhalb einer historischen Zeit abspielt, resp. auf einen beschränkten Raum begrenzt sein wird, sich also als Besonderheit von dieser Allgemeinheit darstellt, wird das Ergebnis immer eine endliche Möglichkeit plus 1 sein.

Was bedeutet da schon die eine Mittagspause gewisser Gemeindearbeiter am Tegernsee, bzw. die soziale Vernunft einer gewissen Klasse, die von den Dienstleistungen dieser Gemeindearbeiter abhängig scheint?

Jetzt bin ich aber gekränkt
@Grand Guignol: Ich bin hier in einem Widerspruch befangen, in einer Antinomie geradezu. Einerseits ärgert es mich, wenn ich feststellen muss, dass meine Ausführungen missbräuchlich genutzt werden sollen, also wenn ich z.B. „dem Don Zunder geben“ soll. Andererseits bin ich Materialist genug, um nicht zu sagen: narzisstisch genug, um mir nicht als Objekt eben eines solchen Voyeurismus’ in Bezug nämlich auf den Titel „soz. phil. Alleserklärer“ geschmeichelt vorzukommen.

Dennoch verletzt die damit einhergehende Respektlosigkeit eben genau mein narzisstisches Kostüm.

Dennoch hoffe ich natürlich, dass mein Beitrag Ihren Ansprüchen gerecht wird. Hat diese Herausforderung des dialektischen Materialismus schon einiges an Überlegung gekostet. Da ich dabei aber dem Wesen des Marxismus, wie ich zumindest hoffe, wieder etwas näher gekommen bin, also der Frage: was ist eigentlich Klassenkampf? (und ich weiß ja, dass den Don diese Frage auch umtreibt!) – will ich mich daher nicht beschweren. Doch werden dies nun einige Leser tun. Da ich ihnen da so viel Gehirnschmalz abfordere. Es tut mir wirklich leid, aber anders lässt sich ein von Don hier vorgebrachter naiver Materialismus nicht widerlegen. Wir steigen da schon tief ein in den wissenschaftlichen Diskurs – Kant-Hegel-Marx-Zizek.

@Don: Wenn ich auch weiß, dass Lenin in sexueller Hinsicht als das bezeichnet werden kann, was man heute als prüde bezeichnen würde, dürfte ihm die seelische wie auch körperliche Not einer Mutzenbacher verständlich gewesen sein. Besser als dem Freud vielleicht gar. Problematischer wäre dann wohl seine Beziehung zu jener Dame, genannt „O“. Ich befürchte, die hätte er ins Irrenhaus gesteckt. Daher ist ja der Zizek so ein Genuss. Weil diesem nämlich die vergleichbaren Strukturen (trotz der zu vermutenden Klassenunterschiede, bei der „O“ handelt es sich schließlich nur um eine fiktive Gestalt, wenn auch eine, die sich die Verfasserin von der „Seele“ abgeguckt haben dürfte) in der Psyche dieser beiden Damen keine Rätsel mehr sind.

Aber auch das liegt nicht in der besonderen Stärke eines Zizek, bzw. umgekehrt in der Schwäche eines Lenins begründet. Das besondere „Genie“ eines Zizek liegt nur eben darin begründet, dass er die Themen weniger theoretisch als dramaturgisch aufbereitet. Was ihm aber nur möglich ist, da sie sich zur Sozialkritik nicht mehr eignen. Wenn dann schon eher zur Satire. Auf der aktuellen Stufe der Selbstverwertung des Kapitals sind Perversionen und auch psychische Absonderlichkeiten längst eingegangen in das Konkret-Allgemeine des Kapitalismus. Auch wenn das „automatische Subjekt verrückt“ scheint (siehe den Link oben), ist es eben genau darin so denkbar „normal“ wie nur irgendwie möglich. Somit wäre das Normale und eben nicht das Perverse Gegenstand der Kritik, resp. das Perverse als „fortschrittlichste“ Ausprägung des Normalen.

So ist es auch kein Zufall, dass Konservative wie Neil Postman oder auch Frank Schirrmacher die aktuellen Entwicklungen in diesem Kapitalismus so kritisch beäugen. Nur sind halt ihre Antworten ebenfalls Gegenstand der Kritik, insoweit sie sich nämlich nicht zur Selbstkritik eignen wollen.
Nicht in der Perversion liegt die Option zur revolutionären Überwindung der Normalität, und genau das sagt auch ein Zizek, sondern nur noch in der Kritik der Perversion als eben aktuellste Form der Normalität. Eine solche Kritik muss dann zwangsläufig einen konservativen Ansatz haben. Dennoch auch diesen gilt es dann im Prozess der Kritik zu überwinden.

Der Gipfel der Perversion
@Colorcraze: Gehen Sie in mein Weblog und suchen Sie alles unter Schirrmacher. Und Sie werden finden, was Sie suchen.

Übrigens die Sache mit der „Perversion“ hat natürlich einen über dieses Thema hinausreichenden Grund, welchen auch Zizek beschäftigt. Während sich „alle Welt“ noch über die perverse Subversion der 68er ff. aufzuregen scheint, zeigt zum Beispiel die Strauss-Kahn-Affäre, dass hierbei eigentlich nur noch die Frage im Raum steht: ist es zu beweisen oder nicht? Und mit welchen Mitteln geschieht dieser Nachweis? Dass sich hierbei unter der Hand auch der Rechtspositivismus wieder mal um die eigene Achse gedreht hat, sei nur nebenbei gesagt. Denn es wird den Amerikanern ja nicht vorgeworfen, dass sie in ihrer Rechtspraxis nur einer prüden Auslegung folgen, sondern einer rüden Praxis im Umgang mit der Prominenz. Wird doch da ein Prominenter vorgeführt wie ein eingefangener Bittbull. Einzig subversiv kann in diesem Kontext nur noch die schonungslose Entlarvung eben der darin gezeigten Doppelmoral sein.

Der Nachweis einerseits, dass die Bourgeoisie immer noch auf ihr Recht auf Klassenjustiz pocht. Doch auch die Entlarvung, dass genau diese Vorführung die perfekteste Verpackung für eine Rechtspraxis ist, die längst Teil des Geschäftes ist. Man führt ihn vor, scheint dem Volk also Gerechtigkeit zu geben, doch gibt man nur „Brot und Spiele“. Gleich ob schuldig oder unschuldig, am Ende wird der „Held“ frei sein. Denn das Volk hält den Daumen nach oben. Das Showgeschäft ist es, worum es geht. Und genau das zu entlarven, nämlich die Maskerade der bürgerlichen „Volksherrschaft“, das ist die aktuelle Aufgabe der revolutionären Kritik. Revolutionäre Kritik arbeitet sich nicht an der Fragestellung Perversion ja oder nein ab (denn darin ist sie definitiv antikonservativ), sondern an der Frage: Was ist das Perverse daran? Denn die Antwort lautet: Das bürgerliche Recht ist nur ein Showgeschäft! Und das ist der Gipfel der Perversion!

„Holocaust“, der „Clown“ und das „Bürgertum“
@Yast 2000: Die Wendung in Ihrer Reaktion enttäuscht mich jetzt aber wirklich.
1. Was hat hier das Thema Holocaust zu suchen? Holocaust würde ich nicht einfach als Perversion durchgehen lassen! Das Thema spielt auf einer anderen Bühne. Dennoch zeigen sie mit diesem Vergleich, dass S i e in Wirklichkeit das Thema Holocaust runterspielen!

2. Nur weil Zizek ein Mann des Theaters, der Kunst und erst dann ein Philosoph ist, muss er nicht zwingend den Clown spielen. Wer solches sagt, zeigt, dass er nicht versteht. Haben Sie „Die Parallaxe“ gelesen und verstanden? Dieser Mann ist ein wahrlich großer Philosoph. Und: was er sonst ist, interessiert mich nicht!

3. Nennen Sie mir bitte einen einzigen falschen Slogan und wir können Klartext reden. Ansonsten gebe ich jetzt den Ball zurück.

4. Diese Ratschläge kenne ich und genau diese befolge ich nicht!

@Don Alphonso: Was ist hier noch das Bürgertum? Ein Bürgertum, das sich diesem Showgeschäft nicht beugt, wird jedenfalls bald keines mehr sein! In diesem Sinne ist das Bürgertum selber Opfer/besser: Objekt seines eigenen Klassenkampfes.

Die Rückverwandlung des Rechts in seinen unmittelbaren ökonomischen Grund
@yast 2000: Da Sie das so beschäftigt, auch von mir noch eine Bemerkung. Ohne jetzt all zu sehr auf dem psychologischen Aspekt der Perversion herumzureiten, und noch weniger auf dem dezidiert sexuellen, welcher ja mit dem psychologischen zusammenfällt, wird dieser Begriff natürlich auch im metaphorischen Sinne gebraucht, wie Sie ganz sicherlich wissen. Und genau in diesem Sinne möchte ich den Holocaust nicht verstanden haben. Mir ging es hier um die (Rück-)Verwandlung des Rechts in seinen unmittelbaren ökonomischen Grund, ja in eine ökonomische Kategorie. Quasi ohne Rücksicht auf die ansonsten praktizierte Heuchelei. Das bezeichne ich als die größere Perversion, aber eben nur im Verhältnis zu dem hier inkriminierten Akt einer Vergewaltigung.

Reden wir aber über den Holocaust, dann hätten wir das Thema gewechselt. Betreten dann also einen Bereich, wo die Dinge wieder in ganz anderen Zusammenhängen besprochen werden müssen. Wie zum Beispiel den Umstand, dass die Nazis es sich nicht nehmen ließen auf ihre KZs den Spruch „Arbeit macht frei“ zu schmieren. Hier könnte man jetzt drüber nachdenken, ob das im unmittelbaren Benthamschen Sinne zu interpretieren wäre, also in dem Sinne, dass ja auch Bentham davon ausgegangen ist, dass seine Arbeitszöglinge in seinen Zuchthäusern eine Form von Befreiung erfahren. Oder/und ob es Ausdruck eines ganz gewöhnlichen perversen Zynismus ist, der im Übrigen auch bei Bentham schon nicht ganz auszuschließen ist.

Ich hoffe, dass ich damit auch den Beweis erbringe, dass ich damit eine unmittelbare politische Aussage mache. Nämlich dahingehend, dass Kapitalismuskritik so notwendig ist wie auch möglich. Auch um im Übrigen den ganz gewöhnlichen Alltag zu erfassen. Dennoch: da dieser Alltag hinter Mysterien verschwindet, wie ich an den behandelten Beispielen hoffentlich auch bewiesen habe, ist ein gewisser intellektueller Aufwand wohl weiterhin notwendig.

Die Pervertierung ist nicht zwingend
@Yast: (Rück-)Verwandlung in seinen unmittelbaren ökonomischen Grund ist nicht dasselbe wie „Unterordnung unter die Ökonomie“. Das Letztere ist der allgemeine, von Marxisten nie bestrittene Zusammenhang. Das eingeklammerte „Rück“ ist dabei sogar von Bedeutung. Weil es nämlich einen gewissen Rückschritt im Verhältnis zum bürgerlichen Recht früherer Epochen kennzeichnet. Eingeklammert allerdings auch deswegen, weil dem bürgerlichen Recht von Anfang an etwas von seiner ökonomischen Unmittelbarkeit anhaftete. Was aber lange Zeit geleugnet wurde. Auch vor diesem Aspekt will es mir interessant erscheinen, dass Sie das jetzt einfach eingestehen, wo es faktisch schon überholt ist.

„Diktatur des Kapitals“ ist grundsätzlich nicht falsch. Nur greift das hier halt zu kurz, da die Besonderheit der Pervertierung des Rechts nicht zwingend enthalten wäre.

Kleine Korrektur bei dieser Gelegenheit: Es muss natürlich heißen „inkriminiert“ – in meinem letzten Text.

„Die Wahrheit ist manchmal sehr ernüchternd“
@Yast 2000: „Und dieses Geld ist nun mal das Schmiermittel aller Gesellschaften“. Und das soll „größer“ sein als der Marxismus? Also nach der Äußerung fällt es mir schwer Sie überhaupt ernst zu nehmen. Im Kern sind Sie ein Zyniker. Also das, was vermutlich der größte Teil der Bevölkerung mit Ihnen teilt. Resignativer Zynismus. (Die Kehrseite wäre übrigens der Nihilismus!). Und so besehen mögen Sie sogar Recht haben, bzgl. der „Größe“ in Ihrer Weltanschauung. Sie teilen Sie mit der Masse. Und in der Tat: „Die Wahrheit ist manchmal sehr ernüchternd.“

Das Niveau, das man einfordert, sollte man auch selber ausfüllen
@yast2000/ThorHa u.a. womöglich: Sie wissen nichts von mir, behaupten aber forsch, dass ich Lenin im Park studiere. Selbst wenn… Aber das ist nicht das Problem, nicht wahr?
Denn es geht ja nicht um mich persönlich. Das würden Sie jedem Marxisten vorwerfen. Ich möchte das jetzt nicht übermäßig psychologisieren, wer weiß, welche Projektion Sie da betreiben, das heißt: für welche Studierstube Sie sich da schämen, denn eigentlich ist es ein extrem unseriöses Argument, mit dem ganz generell die marxistische Linke, ja die Linke überhaupt, schachmatt gesetzt werden soll.
Kratzt man dann an diesen Beschimpfern ein wenig, kommt für gewöhnlich ein Rechter Spießer zum Vorschein. Ich denke, dass Sie sich in diesem Blog damit keinen Gefallen tun. Das Niveau, das Sie hier einfordern, haben Sie nämlich nicht. Und wenn ich mich nicht völlig irre, dann darf man auch des Dons letzten Einwand in etwa so verstehen.

Der Gärtner, der Dienstbote, der Offizier (des Kapitals) und der Proletarier
@HansMeier555: Dass Gärtner und Dienstboten keine Proletarier sind, nicht im leninistischen, aber auch nicht im marxschen, Sinne, da haben Sie völlig Recht. Doch was Ihre Behauptung angeht, dass Lenin eine eher korporative Vorstellung vom Proletariat hatte, möchte ich doch belegt sehen.
Das Standardwerk hierzu, und der Don hat’s ja schon erwähnt, wäre Was Tun? Sie finden es auch im Internet unter ML.
Zum Thema abstrakt oder nicht, gebe ich Ihnen einen kleinen Hinweis. Lesen Sie Das Kapital aus dieser Perspektive. Schon Hegel, auf den hier Marx unausgesprochen immer wieder referiert, stellte klar, dass das Abstrakte das Wesen eines Dings beschreibt. Eines solchen aber, das im Prinzip nie abgeschlossen sein wird, dennoch vom angenommenen Endpunkt aus betrachtet die ganze Totalität eines Dings erfasst. Hegel wird da meistens missverstanden, da man ihm unterstellt, dass er mit dieser „Totalität“ im metaphysischen Sinne quasi das „Sein“ als abgeschlossen markierte, bzw. gar auch das Bewusstsein. Es ist vielmehr das Werden. Und mit Zizek würde ich sagen, der Prozess des Werdens, der da im Abstrakten „zu sich“ kommt.

Marx ergänzte, und dies in Abgrenzung vor allem zu Kant, dass dieses Ding dabei ein Ding für sich/für uns wird. Erkennbar, veränderbar, dank der gesellschaftlichen Praxis. In Bezug auf sein Werden offen, dennoch als Ganzes erfassbar. Doch am Beispiel der Ware zeigt er auf, dass infolge auch des darin enthaltenen Widerspruchs – Totalität und doch nicht Abgeschlossen – ein falscher Schein vermittelt wird. Ein falsches Bewusstsein vermittelt. Das was wir in jedem gegebenen Moment für Abgeschlossen halten, ist immer zugleich der Anfang von etwas Neuem. Ja mehr noch: Das was wir quasi als Entität erfassen, ist nur dessen abstraktes Wesen. Etwas, dessen Substanz sich nicht aus den Eigenschaften des Dinges selber ergibt, sondern aus Dingen, die wir hinzufügen. Die sich als im dialektischen Widerspruch zu befinden. Und das was wir hinzufügen, erkennen wir nur als äußerliches Ding, als etwas, was den Dingen anhaftet und eben nicht als unsere eigene Tätigkeit, als unser eigenes Zutun. – Die Praxis also.

Es ist der Fetischcharakter der Ware, der es so schwer macht, die darin enthaltene Zutat zu erkennen. – Die abstrakte Arbeit. Eine gesellschaftliche, und eben nicht rein ökonomische Kategorie. Daher auch die Unmöglichkeit für bürgerliche Ökonomen diese (anzu-)erkennen.

Es macht daher überhaupt in doppelter Hinsicht keinen Sinn den Gärtner zu fragen, ob er sich für einen Proletarier hält, es sei denn, er verfügt über die wissenschaftlichen Kategorien, um diesen Begriff zu erklären und zugleich über die Fähigkeit, da von sich selbst zu abstrahieren.

Ich befürchte aber, dass er nicht mehr oder weniger erkennen wird, als die Tatsachen, die auch der Don schon so schön beschrieb.
Er käme wohl nie auf die Idee seine Tätigkeit für abstrakte Arbeit zu halten. Es sei denn, er wendet den Begriff vulgär-ökonomisch und misst ihn am Ausmaß seiner Pausen.

Anhand der kategorialen Kritik an der Politischen Ökonomie (des Kapitals) und zugleich an dessen Unfähigkeit sich selber zu erkennen, erhalten wir mit Marxens „Kapital“ auch eine Definition vom Proletarier. Nachzulesen übrigens auch im Manifest der Kommunistischen Partei.

Dass es dieses Proletariat nie gegeben haben soll, bzw. nicht mehr gäbe, ist beide Male ein Märchen. Das Lieblingsmärchen der Bourgeoisie.
Der Proletarier ist ein Lohnarbeiter. Der aber ganz bestimmte Bedingungen erfüllen muss. Er muss in der modernen kapitalistischen Produktion beschäftigt organisiert, also Teil der Verwertung des Werts innerhalb dieser Produktion sein. Er ist das antagonistische Gegenüber innerhalb des automatischen Subjekts. Er muss den Mehrwert realisieren (nicht verkonsumieren, wie der Angestellte – der Offizier des Kapitals, wie Marx diesen auch nennt), und er darf nichts besitzen außer eben dieser Arbeitskraft.
Keine andere Definition hatte auch Lenin. Nur vielleicht, dass er noch zwischen dem klassenbewussten Proletariat und der Masse der Proletarier unterschied.

Bei Marx machte diese Unterscheidung noch keinen all zu großen Sinn (das Proletariat begann erst sich zu bilden – also Klassenbewusstsein heraus zu bilden – und als solches war es identisch mit der „Kommunistischen Partei“), da die objektiven Prozesse der Kapitalbildung wie auch Revolutionsgenerierung kategorial zu erfassen waren. Bei Marx hört es sich so an, als wäre der Proletarier per se revolutionär. Dies ist er aber, auch nach Marx, nur im Hinblick auf seine Stellung in der Produktion, die ihn zum Antagonisten gegenüber der Bourgeoisie macht (das Automatische Subjekt „Proletarier“ gleich das Revolutionäre Subjekt). Das konkrete Verständnis bzgl. des Prozesses und der Bedingungen eben eines Revolutionären Subjektes erarbeitete Marx sich erst anhand des Studiums der Niederlage der Pariser Kommune. Nicht mehr und nicht weniger als die Notwendigkeit der Diktatur des Proletariats wurde da von ihm erkannt. Doch erst unter Lenin, will sagen: erst mit Eintritt des Imperialismus in die moderne Geschichte (sprich: des imperialistischen Krieges) wird von der proletarischen Partei ein klareres Verständnis bzgl. der Rolle des Bewusstseins in der Geschichte gefordert.

Wenn wir also heute vom revolutionären Proletarier reden, dann reden wir immer vom klassenbewussten, sprich auch: revolutionär organisierten Proletarier.

Die Dienstleute des Kapitals, auch und gerade die, die da die virtuelle Landschaft des Kapitals hegen und pflegen, können natürlich zum Revolutionären Subjekt gehören. Dies aber nur, wenn sie sich bewusstseinsmäßig auf diesem Niveau befinden. Ihre Klassenzugehörigkeit ist hierbei nicht das Thema.
Das bedeutet damit auch, dass der „klassenbewusste Proletarier“ zu einer subjektiven Kategorie geworden ist. Marxisten unterscheiden nunmehr zwischen Klassenbewusstsein und Klassenlage/Klassenherkunft.

Nichts?
@ThorHa: „Der immunisiert sich gegen Kritik nämlich dadurch, dass jeder Kritiker am Ende das falsche Bewusstsein haben muss“. Ist das Nichts? Man kann auch Vorurteile gegen bestimmte Personen/Ansichten dieser Personen haben, ohne eine bestimmte Person zu meinen. Wenn Sie sich mit dem Thema „falsches Bewusstsein“ auseinandersetzen wollen, tun Sie es inhaltlich, nicht verleumderisch. Allerdings glaube ich, dass Sie nicht wirklich verstehen, dass dieses „falsche Bewusstsein“ uns alle betrifft, den Kritiker der „Kritiker“ also eingenommen. Somit mitnichten gegen spezielle „Kritiker“ gerichtet sein kann. Womit der sachliche Grund für diese „Immunisierung“ entfällt. Es entsteht nämlich immer dort, spontan dort, wo die Frage nach dem Wesen nicht gestellt, verdrängt, resp. nicht gestellt werden kann. Also in unser aller Alltag. In welchem die Voraussetzungen für diesen still angenommen werden. Und wo ihn ob der Realität der Dinge, die ihn da umgibt, ein Fetischcharakter (siehe oben) derselbigen nicht in den Sinn kommen kann. Zum Fetischcharakter gehört nämlich diese Ausnahmslosigkeit. Also niemand ist davon ausgeschlossen. Sonst wäre es kein Fetisch, sondern das Objekt einer besonderen Liebhaberei.

Wie wunderbar
@Yast2000: Ach ja, jetzt ist die Idee wunderbar. Nur wenn es darum, sie zu konkretisieren und anzuwenden, da stammt sie von Salonmarxisten, nicht wahr? Das Manöver ist all zu durchsichtig. Übrigens, Gysi würde Ihnen Recht geben. Dessen bin ich mir sicher.

faz.net/blogs/stuetzen/archive/2011/07/27/die-blumen-der-guten

www.pdf24.org    Sende Artikel als PDF   
Dieser Beitrag wurde in Blogs veröffentlicht. Ein Lesezeichen auf das Permalink. setzen. Kommentieren oder einen Trackback hinterlassen: Trackback-URL.

Ein Trackback

  • Von Wo es den Parteiarbeiter prekarisiert am 6. Januar 2012 um 13:31 Uhr veröffentlicht

    […] Kapital sich von einer Blasenproduktion zur anderen schleppt, organisieren die Arbeitsagenturen, frei nach Bentham, mit den Freigesetzten, eine Geisterproduktion nach der anderen. Und genau ein solches […]

Einen Kommentar hinterlassen

Sie müssen angemeldet sein, um zu kommentieren.