Wenn der Patient keine Krankheitseinsicht hat

Wenn der Patient keine Krankheitseinsicht hat
Manchmal nämlich werden Produktionskosten nicht vom Produzenten direkt getragen und daher eingepreist gegenüber den Konsumenten, sondern auf krummen Wegen auf die Allgemeinheit.“ Ganz grundsätzlich formuliert, könnte sich das dann auch so anhören: „Der Steuerzahler, vorneweg der deutsche, zahlt ein, damit das europäische, vorneweg das deutsche, Kapital abkassieren kann. Gewinnmaximierung und ausgeglichene Handelsbilanzen können nur noch auf diese Weise, nämlich durch die Nettoeinzahlungen von solventen Steuerzahlern, unter einen Hut gebracht werden.“ („Das Gegenstück zum Prekariat“)

Bzw. so: „Je mehr hochorganisches und hochzentralisiertes Kapital, desto mehr Macht, die da einerseits als politische Verwaltung auftritt, andererseits als solche des Finanzkapitals selber. Transferleistungen bestimmen das System, sowohl zwischen dem Kapital, wie auch zwischen Kapital und Gesellschaft. Der Markt erscheint hier nur als Kartografie jeweils scharf abgegrenzter Einflussbereiche.“ („Die billigstmögliche Bürokratie“)

Und darin zeigen sich gleich 2 Dinge:
Erstens, dass das Kapital längst seine eigenen Kategorien in Frage stellt. Kapitalismus versus Sozialismus ist zumindest ökonomisch betrachtet obsolet. Denn: „Das ist natürlich auch eine Art „Sozialismus“, aber nur einer in der Tendenz, nämlich als ökonomischer Zwang, der schließlich und endlich nicht nur das Ende des Kapitals vorweg nimmt, in Form eines solchen „Transferkapitalismus, sondern auch und darin liegt seine revolutionäre Option: die sozialistische Zukunft“ („Gegenstück zum Prekariat“).

Zweitens: Dass von hier an, jede weitere Entwicklung innerhalb des Kapitalismus diesen nicht nur untergräbt, sondern den Raubbau an Mensch und Natur auf die Spitze treiben muss. Es herrscht eine Art „Autokannibalismus“, um mit Robert Kurz zu sprechen. Der „Markt“, immer schon Fetisch gewesen, ist nicht mehr regulativ, will heißen: Format für ein mehrwertrealisierendes und sich solchermaßen immer wieder regenerierendes bürgerliches Subjekt, sondern ob seines Angefressenseins „Objekt“, sprich: Tummelplatz für Zombiesubjekte.

Ganz grundsätzlich gilt das nicht nur für die Atomindustrie, sondern für das hochorganische Kapital schlechthin. Es stellt sich hier sozial wie politisch das dar, was Marx mit dem Begriff des „tendenziellen Falls der Profitrate“ als ökonomisches Grundprinzip in der Entwicklung des Kapitals beschrieb.
Genau genommen liegt darin auch die letzte Begründung, definitiv die allerletzte (das letzte Argument für den letzten „Marktidioten“), für die Notwendigkeit des Sozialismus.

Das mag auch der Grund für sein, dass sog. „Schon-nicht-Mehr-Marxisten“ wie Robert Kurz (so dessen Selbstdefinition), sich eigentlich immer noch für Marxisten halten, weil sie sich nämlich hier in einem Punkt gewaltig irren. Es mag dies der letzte Grund sein, dennoch kein ausreichender. Die „Krise des Subjekts“ (Kurz) geht wohl einher mit der Fetischkonstitution, dennoch führt sie nicht zur Aufhebung der Klassenformation. So wenig wie ein prekarisiertes Proletariat als solches ein „aufgehobenes“ sein wird – im hegelschen Sinne -, so wenig wird ein sich kannibalisierendes Kapital sich von seinem „notwendigen“ Ende überzeugen lassen. Es frisst sich lieber selber auf, als sich überwinden zu lassen – vom Klassenfeind. Mal abgesehen davon, dass der „Patient“ keine Krankheitseinsicht hat.

Der Klassenantagonismus spitzt sich an dieser Stelle noch einmal richtig zu. Nur die Formen dieses Klassenkampfes müssen womöglich genauer erforscht werden. Seine Potentiale mehr denn je aus der objektiven Entwicklung eben eines solchen Kapitalismus’ hergeleitet werden (doch ist das dem Marxisten nicht neu: Marxens Analyse des „Bürgerkrieges in Frankreich“, vgl. die gleichnamige Schrift, macht genau dies, siehe auch: „Die Gewalt geht von den Herrschenden aus“).

Dennoch: Der Sozialismus, auch wenn er in ganz neuer Semantik daher kommt – was durchaus möglich sein könnte -, bleibt das Ergebnis der bewussten Aktion eines Revolutionären Subjekts. Neu überdacht werden müssen womöglich die Formen des revolutionären Weges nach dort, dennoch muss dessen Inhalt noch grundsätzlicher und noch klarer gefasst werden. Gerade weil der Zerfall des Kapitals pseudorevolutionär daher kommt (nehmen wir nur das Beispiel des Internets selber, welches sehr leicht als Befreiung missverstanden wird, vgl.: „Den Widerstand nicht ans Internet delegieren“).

Der Prozess des objektiven Zerfalls des Kapitals macht dessen bewussten Überwindung umso notwendiger.

Der atomare Gau, nicht nur eine Metapher für den Untergang
@Sophia Amalie Antoinette Infinitesimalia: Sorry, aber der direkte Bezug liegt darin, dass Sie anhand der Kosten, resp. Preiskalkulation, von Atomstrom, etwas aufgreifen, was ich versucht habe, in einem viel größeren Rahmen darzustellen. Ich gebe zu, dass der Bogen dann von mir weit gespannt ist, doch ist die Thematik, und insbesondere die Darstellung der Thematik, wie ich sie sehe, nicht gerade in der „Volksbildung“ verankert, und auch nicht im wissenschaftlichen Diskurs.

Wer diskutiert schon innerhalb der bürgerlichen Wissenschaft ohne Not über den tendenziellen Fall der Profitrate! Aber genau um den geht es hier, und damit um den Königsbeweis für den Zerfall des Kapitals und der Notwendigkeit des Sozialismus.

Dass die Atomindustrie da an der Spitze sich bewegt, ist sowohl aus ökonomischen, aber auch aus politischen Gründen eben kein Zufall. Die ganze Energiewirtschaft, so wie wir sie kennen, nämlich als Ausbeutungsfeld nahezu sämtlicher Rohstoffreserven auf diesem Planeten, fußt auf der denkbar höchsten Kapitalkonzentration. Und diese ist, soweit sie zunächst Grundvoraussetzung einer dann notwendigen Tendenz ist, welche diesem Kapital dann das Genick brechen könnte, aber zugleich die Basis für die Macht eben genau jenes Kapitals über den Staat und über den übrigen Rest der Wirtschaft. Womit es dann wiederum seinen Hals aus der Schlinge zu winden sucht.

Man könnte auch sagen, dass die diesem Kapital zugeschobenen Transferleistungen (und um nichts anderes handelt es sich, wenn der Steuerzahler Produktionskosten trägt), welche aber letztlich nichts anderes sind als Mehrwertübertragungen des übrigen Kapitals an dieses, der Tribut des Gesamtkapitals an das auch sie beherrschende Finanzkapital sind. Ihre diesbezügliche eigene Ohnmacht (doch auch List, würde ich ergänzen), als verhinderter Berater, haben Sie schließlich sehr treffend selbst formuliert, wo Sie schreiben: „Ich aber, so würde ich entgegnen, verkünde hier ja auch gar keine Wahrheiten, sondern habe lediglich ein bisschen laut nachgedacht.“

Auch ich denke jetzt mal ganz laut nach, wenn ich schlussfolgere: Genau diese Energiewirtschaft, welche von der Atomwirtschaft angeführt wird, ist zugleich Ausdruck der Macht des Finanzkapitals, welches letztlich aus dieser Macht seine (Extra-)Profite realisiert, und sich damit bewaffnet seinem notwendigen Untergang entgegen stemmt.
Und je länger dies gelingt, desto wahrscheinlicher wird der Untergang der gesamten Welt (wofür der atomare Gau wahrlich nicht nur als Metapher stünde), die längst Geißel des (Finanz-)Kapitals geworden ist.

Das Recht auf Glück
@1708: Wer das als „nette Phantastereien“ bezeichnet, muss ein Gemüt haben wie eine Bulldogge oder ideologisch ähnlich verblendet sein wie jener „Tummler“ in den FAZ-Kommentaren. Im Übrigen ist es billig, die Opfer des Kapitals, sprich: die Opfer des Klassenkampfes von oben, die Opfer unter denen, die sich leider nur all zu selten (und noch seltener viel zu wenig konsequent) gegen ihre Peiniger zu wehren wussten, dem Widerstand anzulasten. Insbesondere möchte ich bei dieser Gelegenheit all der Opfer unter den Wortführern (den „Menschheitsbeglückungsstrategen“) der Unterdrückten gedenken. Seit es Klassen gibt, gibt es Klassenkampf und gibt es Menschheitsbeglückungsstrategen. (Ich setze jetzt das Wort nicht in Anführungszeichen, auch und gerade um dieser „Antigutmenschkampagne“ nicht weiter Vorschub zu leisten. Stehen wir dazu, dass jene gute Menschen sind, die für eine gute Sache kämpfen!)

Spartakus war mit einer der ersten und auch der bekannteste. Auch weil sein Kampf soviele Opfer erforderte, ging er in die Geschichte ein. Ist er daher verantwortlich für diese Opfer? Sind gar die 5000, die da von den Römern ans Kreuz genagelt wurden, durch ihn zu verantworten? Und ja, er war ein Stratege. Ein ausgebildeter und kluger Kämpfer. Ein Mensch mit politischem Verstand und offenbar auch mehr Empathie im Gemüt als für die damalige, nämlich barbarische, Epoche, üblich war. Dass sein Kampf scheiterte, war nicht seine Schuld, sondern lag daran, dass die römische Gesellschaft noch nicht an ihrem Ende angekommen war. Und auch damals gab es Leute, die diesen „Gutmenschen“ nicht verstehen wollten. Es waren dies die Schlächter aus den Reihen der Herrschenden. Jene Zyniker, deren „Empathie“ sich auf die Fähigkeit beschränkte, die Unzulänglichkeiten ihrer Mitmenschen auszubeuten. Woraus sie die perverse Fähigkeit absonderten, Strategien zur Erlangung der Macht zu entwickeln. Hin und wieder habe ich das Gefühl, dass wir in den letzten 2000 Jahren diesbezüglich nicht viel weiter gekommen sind. Daher bleibt das Projekt dagegen, nämlich der Menschheit doch noch zu ihrem Glück zu verhelfen, ein ehrenwertes. Das Recht auf Glück ist gar etwas, was das Bürgertum in seinen Verfassungen verspricht. Wie kann daher der Kampf für ein solches Glück derart verleumdet sein?

Ethische Anforderungen, die wir als erste selber unterlaufen
@Dr. Michael Carl: Ihre deutlich platonische Weltsicht in allen Ehren. Dennoch glaube ich nicht, dass eine bessere „Auswahl“/Zucht von Menschen die Projektion anders aussehen lassen würde. Das Beispiel Atomindustrie zeigt doch, dass Wirtschaftsinteressen/Klasseninteressen/Staatsinteressen mächtiger sind als jedes nur denkbare ethisches Kalkül/jede nur denkbare Auswahl am Kader. Und gerade das Beispiel Japan macht doch deutlich, dass selbst die historisch bisher einmalig gemachte Erfahrung – Hiroshima/Nagasaki – nicht ausreichte, um diesbezüglich eine bessere Ethik/einen verantwortungsvolleren Kader hervor zu bringen. Im Gegenteil: Nirgendwo auf der Welt stehen so viele Kernreaktoren an den ausgerechnet schlechtesten Lagen. Japan ist das Erbbebengebiet schlechthin. Und gerade die japanischen Manager und Politiker haben die größten Anstrengungen unternommen, um ihre Bevölkerung diesbezüglich im Unklaren zu lassen.

Das zeigt, dass die Ethik ganz offensichtlich komplett überfordert ist, und dass die politischen wie wirtschaftlichen Kader/Eliten überall gleich reagieren, nämlich dahingehend, dass ethische Anforderungen umgangen werden. Auch ein Töpfer, wie wir ihn uns nun in Deutschland leisten, wird am Ende vor der Macht der Atomindustrie kapitulieren. Es wird uns nur anders verkauft werden. Vielleicht wird er so argumentieren wie Geißler nun nach Stuttgart 21 (wahrlich kein wirklicher Vergleich) und uns erzählen, dass bei Großprojekten das Volk unmittelbar an der Entscheidung beteiligt werden soll. Und wir werden dann weitere 100 Jahre (wenn es reicht) darüber diskutieren, inwieweit das nicht die repräsentative Demokratie untergräbt (wobei argumentativ unterschlagen wird, dass im Wirtschaftssystem selber überhaupt keine Demokratie herrscht, sondern, wenn überhaupt ein politisches System, dann die Diktatur einer Oligarchie).

Sind wir Deutsche nicht Meister darin, ethische Anforderungen zu stellen, die wir als erste selber unterlaufen?

faz.net/blogs/deus/archive/2011/05/04/externalitaeten-oder-warum-atomstrom-so-billig-ist

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  • Von Eine neue Epoche der Sklaverei am 26. Juni 2013 um 21:34 Uhr veröffentlicht

    […] sich selber ausbeuten müsste um Profite zu machen, um ausreichend Mehrwert abzuschöpfen. Der „tendenzielle Fall der Profitrate“, ein wohl aus guten opportunen Gründen heftig bestrittenes marxsches Gesetz, hat die Realität […]

  • Von Bedauerlich am 12. September 2013 um 14:02 Uhr veröffentlicht

    […] wäre auch meine Antwort, Herr Deister. Aber ich befürchte, dass sie diese auch nicht verstehen. Das ist ja das Problem! Einer der vielen Sympathisanten der Rechtspopulisten hier sagte es: Der Rechtspopulismus ist der […]

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