Ein solches Volk steht über der Kritik

Ein solches Volk steht über der Kritik
Ein wundervoller Satz, und wie es scheint, ein immer aktueller. Für Zeiten, die wir als revolutionäre Umbrüche verstehen. Frei nach Heraklit: Alles fließt. Der Fluss ist nicht mehr derselbe, wenn wir ein zweites Mal in ihn hinein steigen. Der Gedanke (der eigene wie der fremde) ist nicht mehr der gleiche, wenn wir ihn ein zweites zu formulieren/zu antizipieren suchen. Kuba wäre das beste Beispiel für. Die kubanische Revolution ist und ist keine. Sehen wir uns an, worin Kuba sich unterscheidet, nicht nur vom restlichen Kontinent unterhalb der USA. Mit seiner Gesundheitsvorsorge und Bildung gilt dieses Land als geradezu uneinholbares revolutionäres Beispiel. (Stellen Sie sich diesen Handel mit den Büchern in irgendeinem einem anderen süd- oder mittelamerikanischen Land vor – Sie werden es kaum können!)

Aber sehen wir uns auch an, worin es sich gleicht, nämlich mit den übrigen Vergleichbaren. Vorneweg in der Korruption, in der Misswirtschaft, oder gar in seiner politischen Struktur, als quasi Militärdiktatur. Dann ist Kuba ein Beispiel für Konterrevolution schlechthin. Aber denken wir diesen Satz noch einmal, dann fällt uns bestimmt ein, dass kein Volk in der Karibik mit solch beispiellosem Charme sowohl der Revolution wie auch der Konterrevolution begegnet. Es ist das kubanische Volk selber, welches da, und solchermaßen unter dieser Gerontokratie so leidend, diese doch immer wieder so verjüngt. Sich von dieser gar missbrauchen lässt. (Ich meine jetzt nicht vordergründig den „Missbrauch der Frauen“, die Prostitution, obwohl das einen passenden Metapher für eben diesen „Missbrauch“ gäbe!) Und dabei sie doch verändert. Aus Kuba das macht, was Fidel und auch Che nie geschafft haben. Das Geschick des Volkes, sein Charme, wie auch seine Renitenz, machen die eigentliche „Revolution“ dieses Volkes aus. Machen dieses Volk zu einem revolutionären. Seine Fähigkeit zu Leben, sein Wille zum Überleben, sein immer umtriebiger Sinn, seine wohl spanisch inspirierte, dennoch habituell nicht gleichermaßen streng geformte Bildung, halten diese Insel, trotz deren politischen Versteinerung, im Fluss. Machen immer wieder Hoffnung.

Vielleicht ist das die eigentliche Wahrheit bezüglich dieser so schönen wie auch gequälten Karibikinsel. – Die immer revolutionär anmutende Bildung des Volkes und dessen tapferer Charme. Und der Grund vielleicht auch dafür, dass selbst die radikalste Kritik an diesem „Pseudosozialismus“, diesem Fidelismus, wie ich das nenne, eine immer etwas verschämte, eine zurück gehaltene, bleiben muss. Ein solches Volk steht über der Kritik.

faz.net/blogs/sancho/archive/2011/04/01/mail-aus-havanna-2-die-erotisierung-der-gerontokratie

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2 Trackbacks

  • Von Nicht mehr nach Varadero! am 4. April 2011 um 20:12 Uhr veröffentlicht

    […] am Varadero-Strand. Zu Kuba habe ich dieser Tage übrigens folgendes geschrieben (vgl.: „Ein solches Volk steht über der Kritik“, im FAZ-Blog „Auf Sanchos […]

  • Von Die Batistas feiern fröhlich Urständ am 22. November 2013 um 11:11 Uhr veröffentlicht

    […] Batistas feiern fröhlich Urständ Kubas ehe schon schmale Wirtschaft hängt fast völlig vom Tourismus ab. Auch die Zigarren -und […]

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