Das Richtige hinter dem Falschen

Das Richtige hinter dem Falschen
@Jonas Amazonas: Auch wenn dieser Satz – es gäbe kein richtiges Leben im falschen – von Brecht stammt, muss man ihn mit Verstand betrachten. Brecht bezog das auf die einfache Tatsache, dass man in einer an und für sich verkommenen Gesellschaft, nicht den ethisch sauberen Menschen erwarten kann. Man muss davon ausgehen, dass alle Menschen entsprechend kontaminiert sind. Und dass man eben mit diesen Menschen und nicht mit irgendeinem anderen zu rechnen hat, das ist das Thema all seiner Stücke. Das war auch ein Querschläger gegen den eignen „Realen Sozialismus“, der da den 150 %igen vorzuführen wünschte. Nichtsdestotrotz gibt es natürlich im realen Leben sehr wohl Richtiges im Falschen. Und zwar aus dem gleichen Grund, wie es kein richtiges im falschen Leben geben kann. Im realen Leben herrscht die Dialektik.

Und wenn es eines Beweises dafür bedürfte, nämlich dass der Marxismus, nämlich Marx ganz persönlich, eben nur diese Dialektik im Auge hat, dann böte sich „Die Klassenkämpfe in Frankreich“ für an. Marx zeigt auf, wie sich hinter der Bühne der Klassenbewegungen, der politischen Bewegungen und Intrigen, eine weitere Bühne auftut, die der wirklichen Bewegung, die, welche im Wesentlichen eine ökonomische ist. Das Richtige hinter dem Falschen zu finden, genau das ist die Aufgabe jedes Marxisten. So kann es auch kommen, dass der schlimmste Feind des Kapitals, das Kapital selber ist. Und das ist gut so, denn nicht immer kann der subalterne Klassengegner da mithalten. Solange nicht, wie eben keine Waffengleichheit herrscht. Und so ist es auch die Aufgabe des Marxisten, das Richtige aus dem Falschen zu ziehen, die richtigen Schlüsse aus den falschen, wie auch die revolutionäre Bewegung selber aus den opportunistischen. Den Klassenkampf des Proletariats aus den Kämpfen und Intrigen der Herrschenden.

Erst kommt das Fressen, dann die Moral“ – das ist Brecht
@Grimaldeli: Sie haben natürlich recht. Schon merkwürdig. Ich habe hier ein adornitisches Diktum Brecht untergeschoben, und es dabei so verändert, dass es zu Brechts „Erst kommt das Fressen, dann die Moral“ passt. Denn so habe ich das begründet – moralkritisch nämlich. Und obwohl es sein mag, dass eine solche Freistilinterpetation tatsächlich eine Verbindungslinie zwischen Adorno und Brecht gezogen haben könnte, muss ich dennoch Natzmer ausdrücklich widersprechen. Adorno oder Brecht, das ist definitiv nicht gleich. Das wäre beinahe so, als würde man sagen: Hegel und Kant sind gleich, Marx und Proudhon gar! Dennoch haben natürlich viele Philosophen in ihrem Leben Gedanken geäußert, die auch genauso gut von ihren jeweiligen Kontrahenten stammen könnten. Nur wären da immer gewisse Nuancen zu beachten. (So hat auch Marx im Kapital von dem „nicht bezahlten Mehrwert“ gesprochen, meinte damit aber nicht, dass „Eigentum generell Diebstahl“ sei, wie sein Kontrahent Proudhon hingegen.

Gleiches/Ähnliches gesagt, heißt eben nicht immer gleiches gemeint. Auch wenn Adornos „kritische Kritik“ (ich verwende nicht zufällig diesen polemisch gemeinten Begriff, nämlich aus: Karl Marx-Friedrich Engels, Werke Bd. 2, „Die heilige Familie oder Kritik der kritischen Kritik – gegen Bruno Bauer und Konsorten“, da ich Adorno durchaus in ähnlich idealistischer Tradition sehe, wie „Bruno Bauer und Konsorten“ eben) Brechts Dialektik hin und wieder nahe gekommen sein mag, Brecht war Sozialist, dialektischer Materialist. Ein großer Interpret in der Tradition der „Aufklärung“. Adorno war diesbezüglich ein „Anti-Brecht“. Mit ihm beginnt eine sich fälschlicherweise als marxistisch verstehende „Kritik der Aufklärung“. (Das geht soweit, dass wir heute sagen können, dass die ganze Richtung, die sich da etablierte, definitiv eine antimarxistische ist, vgl. dazu meine Kritik an der Wertkritik/Wertabspaltung eines Robert Kurz/einer Roswitha Scholz in „Philosophus Mansisses“.
Genau genommen ist seine Kritik eine höchstmoralische. Eine in der kantschen Tradition stehende, nicht in der hegelschen, nicht in der marxistischen.

So besehen, wäre meine Interpretation, hätte ich, wie es sein hätte müssen, auf Adorno bezogen, eine falsche gewesen. Im Übrigen haben daher Sozialisten eher selten auf dieses adornitische Diktum rekurriert, wie hier von Jonas Amazonas somit fälschlich unterstellt. Dennoch ist es ein bekanntes Zitat und derart als linke Ideologie schon vereinnahmt – durch Teile der Linken, aber nicht der revolutionären -,dass selbst mir dieser Fehler nun unterlief. Aber wie gesagt: meine Interpretation war keine im adornitischen Sinne. Somit stellte sie kein Versuch dar Adorno und Brecht eklektisch zu verkleben. Dennoch war es ein Fehler. Sorry

Blasiert bis einfach nur blöde!
@Plindos: Ich konstatiere – „historisch“: Für mich sind Manets Frauen mit dem leeren Blick nicht der Hit. Wie überhaupt die ganze naturalistisch/impressionistische Malerei das nicht ist. Für mich sind immer noch Gauguin, Goya oder auch van Gogh die wahren Revolutionäre. Die Begründer des modernen Realismus. Bürgerliche Revolutionäre, dennoch weit über den bürgerlichen Tellerrand schauend. Tatmenschen! Maler, die den Blick der Menschen oder die Kraft der Natur nicht fürchten. Die Bourgeoisie versucht sich mit Manets gesitteten (=kleinbürgerlichen) Republikanismus doch nur „selber Blumen nach Hause zu schicken“, wie die Perser über jene sagen, die über ihr dickes Eigenlob nicht zu schauen vermögen. Kein Wunder, dass die FAZ das so aufbaut. Voller Selbstverblendung, das bürgerliche Feuilleton. Manet ist einer der ihren, gewissermaßen der Ästhet einer Klasse, deren ganzer Realismus auf Voyeurismus beruht/im Voyeurismus endet. Einer, der ihnen immer gefallen wollte. Interessant nur, wie aktuell Manet geworden ist. Man schaut doch heute nur noch in Gesichter mit leeren Blicken. Blasiert bis einfach nur blöde. Diesbezüglich war Manet seiner Zeit wohl auch etwas voraus.

Der Realismus einer verkehrten Welt
@Vroni: Danke. Den kannte ich nicht. Ist doch niedlich, die „leere Flasche“. Bei dieser (Selbst-)Darstellung wird mir aber klar, dass es da einen gewissen Unterschied gibt. Der „leere Blick“ bei Manet ist ein Kunstgriff, ohne den die naturalistische Darbietung nicht funktionierte. Heute aber will man „cool“ sein, und der leere Blick steht für eine bewusst zur Schau getragene Empathielosigkeit. Gefühle zeigen, Leben zeigen, heißt in der Hackordnung unten stehen. Nach dem Motto auch: zeige niemals deine Gefühle, denn das könnte dir zum Verhängnis werden! Gewissen Computeranimationen abgekupfert („Lara Croft“, die liebe Angelina Jolie muss ja auch im wirklichen Leben einen leichten Schatten haben, was man so hört!). Überhaupt ist das alles mehr Imitation als ein wirklich gelungener „Kunstgriff“, was der Naturalismus eben immer noch war. Superrealistisch irgendwie. Pseudorealistisch! Den „Realismus“ einer verkehrten Welt bloß imitierend.

Die politische Atmosphäre wird repressiver
@Don Alphonso: Wie gesagt, in letzter Zeit kommt es gehäuft vor, dass Leserkommentare (und auch manche Blogeinträge) von mir gnadenlos übergangen werden. Auch nach 2- bis 3-maligem Posten im Übrigen. Das ist kein Zufall und hat auch nichts mit irgendeinem technischem oder sonstigem organisatorischem Problem zu tun. Die politische Atmosphäre, und die zeigt sich bei der FAZ besonders deutlich – ich halte es für d a s politische Zentralorgan der herrschenden Klasse (soweit es das dort, wo es eine politisch einheitliche Klassenaktion ja nicht wirklich gibt, überhaupt gibt!) -, wird repressiver.

Während wir hier so nett zusammen plaudern, organisiert diese Klasse, gewissermaßen ganz im Stillen, seine Kräfte um; was auch bedeutet, dass deren Gegner in einem aktuelleren Fokus erfasst werden. Machen wir uns nichts vor. Wir erleben nicht nur eine Krise des herrschenden Kapitals, sondern auch dessen Antwort darauf. Fassen wir die Themen zusammen, wo sie überall der Schuh drückt, und wir sehen die ganze Problematik:

1. Finanzkrise – noch nicht überwunden -, und nun überbordende Schuldenkrise, Krise der EG: ein Dauerbrenner
2. Parteikrisen/Kaderkrisen – werden vermutlich nie überwunden, leiten aber eine andere Form der Herrschaftsausübung ein
3. Herannahende Inflation, damit Probleme mit den Massen, den Arbeitern, den Rentnern, den Studenten
4. Die arabische Krise, Krise der Jugend, der Frauen, und in diesem Kontext: Überalterung der Gesellschaft/Krise des Patriarchats
5. Atomkatastrophe, damit Krise im Energiemanagement, überhaupt Krise des Kapitals in dieser Branche, welche auch mit der Finanzkrise zusammenhängt, eigentlich schon Systemkrise/Verwertungsprobleme des Kapitals, Stichwort: Transferkapitalismus
6. Nicht zuletzt die Krise bzgl. des aufmüpfigen „Mittelstands“, Krise des Konservativismus, des Liberalismus, der bürgerlichen Demokratie schlechthin/vgl. Punkt 2 (Sonderpunkt: der kometenhafte Aufstieg der Grünen/des Kleinbürgertums als Partei
7. Krise der Arbeit, der Geistesarbeit im Besonderen, und dies im Kontext der sich aktuell abspielende 4. industriellen Revolution, Stichwort: intelligente Werkstoffe/ „Menschencomputer“ und das Problem der Mehrwertschöpfung aus einer solchen Produktion (Schirrmacher: Das Hirn als wichtigster „Rohstoff“ , und dies im Kontext einer rasant alternden Gesellschaft/von alternden Genen).
8. Die schon irreversibel gewordene Klimakatastrophe und damit das Problem des Welthungers, auch das ist eine Systemkrise/Legitimationskrise des Kapitals, eine globale gar. Die globale Welt wird zum inneren Markt/zum „Innenraum des Kapitals“/Sloterdijk, damit wird Hunger und Aufstand zu einem internen Problem. Aber auch Wertschöpfung aus der Differenz – innerer Markt-äußerer Markt – wird obsolet. Wirtschaftswachstum auf Kosten anderer geht so nicht mehr, und das macht aus dem „Imperialismusproblem“ ein Kapitalproblem schlechthin, einen inneren Antagonismus. – Die Revolution in anderen Ländern ist keine Lösung mehr, sondern ein Problem. Problem der Notwendigkeit der Dauerintervention. Und auch das ist ein wirtschaftliches Problem, ein Kostenproblem, was die Widersprüche innerhalb des Kapitals verschärft und den Druck auf die Massen erhöht/vgl. auch Punkt 3
9. Usw., usf.

faz.net/blogs/stuetzen/archive/2011/04/04/der-grosse-schwarzgruene-unnuetz

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  • […] aber auch paradigmatisch. Mit Adorno wurde der „Marxismus“ in Deutschland sukzessive von seinen hegelschen Ursprüngen getrennt (und damit von einem Weltverständnis, das sich von „semantischen Grenzen“ nicht […]

  • Von Politik fürs Schaufenster am 5. Februar 2013 um 20:39 Uhr veröffentlicht

    […] war das Gehirn des Menschen vielleicht die wichtigste Produktivkraft, morgen schon wird es der kostbarste Rohstoff sein. Doch in der kapitalistischen Klassengesellschaft bedeutet das „Ware“ sein. Welche mit der […]

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