Der patriotische Opportunist

Der patriotische Opportunist
„Das Gros der Bürger leidet still und sieht seine Zukunft weniger von den eigenen Politikern bedroht als von denen anderer Euro-Länder. Das entlastet.“ Das ist die entscheidende Aussage, denn wirft sie auch einen bedeutungsvollen Blick auf die Rolle des Bürgers selbst, des gegenwärtigen, des sog. Wutbürgers. Was ein Sloterdijk nämlich versucht zu konstruieren, und zwar über den Umweg des steuerzahlenden Bürgers, von anderen auch „Leistungselite“ genannt, ist der Bürger als Subjekt der Politik. Subjekt war der Bürger nur einmal, und das in der Zeit seiner sozialen Revolution. Eine, die in England, Frankreich und Amerika – und dies im Gegensatz zu Deutschland zum Beispiel -, für eine gewisse Zeit einen Souverän hervor gebracht haben mag, einen, der im Zweifel das Fallbeil zu nutzen wusste. In Deutschland hingegen blieb auch der Bürger dem einzigen Souverän untertan – dem Aristokraten. Die Befreiung hiervon wollte nicht gelingen, wenn auch der Faschismus sich in manchen seiner ideologischen wie auch sozialen Komponenten als antiaristokratisch zu gerieren suchte. Ja selbst im sog. sozialistischen Nachkriegsosten scheint dies nicht gelungen. Es wundert nicht, dass Aristokraten dort wieder Fuß fassen.

Und sogleich nach dem verlorenen Krieg ordnete sich dieser Wutbürger, der da längst zum genialen Opportunisten mutiert war, den neuen Souveränen unter – den Siegermächten, und dies in Ost wie in West.

Seit dem Mauerfall gibt es Tendenzen in diesem deutschen Bürgertum, die man als großdeutsch bezeichnen könnte. Im Osten sah es sogar wie eine Revolution aus. Herrhausen mag ein Repräsentant hiervon gewesen sein. Dass er sterben musste, und dies auch vor dem Hintergrund der bis heute nicht völlig aufgeklärten Leuna-CDU-Parteispendenaffäre, zeigt doch all zu deutlich, wie die Nachkriegsperiode immer noch wirkt – nachwirkt: die Siegermächte wollen sich eine neue deutsche Großmacht nicht leisten, selbst wenn sie sie benötigten. Die Einbindung Deutschlands in die EG ist somit sowohl Befriedigung als auch „Befrustung“ eines eben solchen großdeutschen Gelüstes.

So kommt die Wut über die Eurokratie unter den Deutschen nicht von ungefähr. Wieder einmal scheinen sie um ihre Souveränität gebracht.

Das was Sloterdijk hier inszeniert, ist so etwas von einer Schmierenkomödie, dass es nicht weiter wert wäre, zu thematisieren. Wenn sich diese Deutschen eben gerade ob ihres Mangels an Souveränität und eben wegen solch gemeiner Plattitüden nicht so furchtbar eignen würden für romantische Selbstüberhöhung und einer damit verbundenen Gefährlichkeit. Und ein Sloterdijk belegt auf welche Weise.

Die aristokratische Attitüde eines Sloterdijk kommt nicht von ungefähr, zeigt sich doch hierin die Erinnerung an eine „deutsche“ Souveränität – wenn auch nur die von 1000 Hinterwäldlern, die da „1000 Jahre“ über die Deutschen herrschten.

Der „Wutbürger“ bleibt daher so konservativ wie auch als ein solcher ein Untertan. Einer der mit der Faust in der Tasche demonstriert.

Welch ein Unterschied zum römischen Bürger, ja zum römischen Volk, dem gemeinen Plebs – zur Römerzeit. Von einem solchen Vergleich träumt doch nur der Deutsche, wo er sich einmal schon in einer gewissen Nachfolge wähnte. 1000 Jahre wollten es werden, gerade mal 12 Jahre dauerte der Klamauk.

Noch heute ist der Römer, der Italiener, dem Deutschen in Puncto Souveränität 1000-fach überlegen. In Italien – in Rom – handelt das Volk selbst noch unter, oder gerade unter den lächerlichsten Herrschern so als wäre diese Herrschaft nur zum Vergnügen des Volkes geschaffen, in Deutschland wäre so eine Herrschaft so tragisch-böse, wie sie eben in Italien nur mariniert erscheinen kann.

Und so ist es. Zwischen den „Wutbürgern“ und denen, die sich resigniert in ihr Schicksal fügen, ist kein all zu großer Unterschied. Das gute Leben ist ihre Passion, nicht die Erregung der Thymusdrüse. Und solange es der deutschen Politik gelingt, dieses gute Leben noch irgendwie zu ermöglichen, und sei es auf Kosten der Anderen, ja immer auf Kosten der Anderen, wird der Bürger in Deutschland sich treu bleiben, als patriotischer Opportunist, als opportunistischer Kleinbürger, eben nicht als Souverän. Ihn von den Steuern befreien zu wollen, wäre gar eine unvergleichliche Dummheit, wo doch das Steuern erbringen, seine einzige souveräne Tat ist, die ihn als Elite, als Steuernelite, nämlich erscheinen lässt.

faz.net/blogs/antike/archive/2011/01/03/sloterdijk-und-das-alte-rom

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2 Trackbacks

  • Von Beklagt das Lohnsystem! am 20. Januar 2011 um 14:42 Uhr veröffentlicht

    […] Demokratie hat schon was Merkwürdiges. Die ganze Massenbasis der bürgerlichen Gesellschaft – der schon immer prekär gewesene untere Kleinbürgertum, aber nun auch der durch Globalisierung hinz… – beginnt zu erodieren. Es meutert das untere gegen das obere System. Man fordert einen besseren […]

  • Von Gefährlich wird es für Linke, die sich da nicht abgrenzen am 1. März 2011 um 09:47 Uhr veröffentlicht

    […] @Plindos: Ich selber bin ein Linker. Also spiele ich nicht „Blindekuh“, sondern rede u. U. gar von mir selber. Und gibt es da auch nur noch einen Linken auf dieser Welt, dann gibt es auch weiterhin die „Linke“ (nicht zu verwechseln mit: „Die Linke“). Und jeder, der sich für einen Linken hält, trägt die Verantwortung für die Linke insgesamt. Überhaupt wäre das der authentischste Beweis seiner linken Identität. Denn der Linke spricht immer im Interesse/im Auftrag/in der Verantwortung für die revolutionäre Klasse, von deren revolutionären Einheit er auszugehen hat. Was eben nicht heißen soll, dass ich für das pseudolinke, antirevolutionäre Geschwätz (Habermas…) anderer Linker dann verantwortlich bin (oder dies gar dulden müsse); denn diesbezüglich verpflichtet mich eben diese Verantwortung zur Kritik, was zugleich die Bedingung dafür ist, dass ich selber solches eben nicht verzapfe. Und Sloterdijk ist schon gar kein Linker. Auch das habe ich mehr als einmal dargestellt. […]

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