In Demut angesichts des Furchtbaren

In Demut angesichts des Furchtbaren
Die Beziehung der Deutschen zu den Amerikanern dürfte in etwa vergleichbar sein mit der Beziehung eines großen Hundes zu seinem Herrchen. Vielleicht ahnend, dass er diesem Herrchen körperlich überlegen ist (in dieser Hinsicht hinkt der Vergleich natürlich, die Deutschen wären da wohl nur ein etwas übermütiges Schoßhündchen, dessen Gene dieses an die großen Ahnen erinnern lässt), kann er sich eigentlich nie dazu entschließen, Herrchen zu beißen. Beim Hund allerdings dürfte der Grund auf der Hand liegen – die existenzielle Abhängigkeit. Die interessante Frage wäre nun, inwieweit der Deutsche vom Amerikaner ähnlich abhängig ist? Und wenn ja, wie darf man sie beschreiben – Abhängigkeit?

Ist es denn so, wie so oft behauptet, dass uns diese letzte Supermacht die Vorherrschaft, nämlich die eines „Westens“, weiterhin zu sichern verspricht? Und wenn ja, gegen wen eigentlich? Die Asiaten, die islamischen Völker, die Armen und Elenden, ganz generell…? Und wenn nein, worin begründet sich dann diese ungeliebte Loyalität?

Liegt sie darin begründet, dass es immer noch die US-Amerikaner sind, die die technische Innovation beherrschen, die uns weiterhin als Herrscher erscheinen lässt? Also ist es das Alphatier, das wir solange bewundern, wie es uns Respekt einflösst?

Ist somit die Loyalität der Deutschen eine ähnlich opportunistische wie schon seinerzeit jene der Germanen gegenüber den Römern (so waren sich diese Germanen nie zu schade mit den Römern zusammen die Kelten abzuschlachten)? Und wären da jene von den Konservativen permanent ausgesendete Kriegstrommeln ob der Erwartung eines neuen Hermanns, der diesen geliebten Feind/gehassten Freund endlich vertreibe, mehr als nur Heldengeschichtchen steinalter Greise an mollig-warmen Winterfeuern?

Ich sehe nicht die Kraft, die da befähigt wäre, die US-Herren ebenso zu beerben wie seinerzeit noch gewisse nordeuropäische Kriegerfürsten ein alterndes, sprich: die Antike längst überlebt habendes, Rom (sorry – HansMeier555: auch aus diesem Grund sehe ich da auch keine Öffnung in Richtung eines feudalen Remake). Vielleicht liegt es auch daran, dass es keine weitere Entwicklung in der Klassengesellschaft mehr gibt, wo nämlich solche Handstreiche von Barbaren aus systemischem Grunde noch möglich waren: nur der Pesthauch in der Luft lockt da den Helden. Was heute ansteht, ist das Ende aller Klassengesellschaft, und das lässt die Beherrscher wie die Beherrschten zunächst mal enger zusammenrücken – in klammer Erwartung, in wilder Hoffnung, in Demut angesichts des Furchtbaren, was da wirklich ansteht.

Die Gnade der fernen Geburt
@Windsbraut: „Ich kann nicht umhin Sie daraufhin zuweisen, dass ein Teil der Deutschen keineswegs ein solches Verhältnis zu den Amerikanern hat. Damit meine ich z.B. all die Deutschen, die wie ich, auf der falschen Seite der Grenze aufgewachsen sind. Ich fühle mich in keiner Weise gegenüber den Amerikanern zu irgendeiner Art von Loyalität verpflichtet.“

Sind Sie da ganz sicher? Wenn ich das richtig verstehe, dann formulieren Sie da so was „wie die Gnade der fernen Geburt“.
Und mal ganz ehrlich: Haben Sie nie Westfernsehen gesehen und sich dabei besonders nach jenen schon geradezu frivol daher kommenden Früchtchen der United Fruit Company gesehnt?

Eine Epoche wird von ihren Hauptkräften geprägt, im Allgemeinen von den Siegern dieser Epoche. Und das galt im besonderen Maße für die Bürger des Ostblocks, die auch dem Gulaschkommunismus eines Chruschtschows nichts weiter abgewinnen konnten, als ein nicht mehr einzuhaltendes Versprechen. Die Orientierung auf das westliche Alphatier nahm dann ihren Lauf. Mag sein, dass anfänglich noch die Aktivitäten dieser USA kritischer beäugt wurden, allein wegen des Vietnamspektakels aber auch wegen Kuba, doch das betraf auch dort nur eine kleine Minderheit. Was hingegen viel mehr wirkte, war ein System, das sich nicht minder imperialistisch aufführte als die USA – das des großen sowjetischen Bruders nämlich. Warum also nicht gleich für das Original schwärmen? Dessen Levis klebte ehe schon auf jedem zweiten Hintern der Ostjugend. Die US-Kultur war die Kultur des Siegers, des eigentlichen, des 2. Weltkrieges. Man erwartete von diesem, dass er eines Tages den verhassten Freund, die Sowjetunion, schlagen wird. Den geliebten Feind, den Hitlerismus, hat er ja schon geschlagen.

Doch grämen Sie sich deswegen nicht zu sehr. Auch die politische Linke, zu der ich mich zähle, kann sich dieses Einflusses nicht entziehen. Das Verhältnis mag ambivalent sein, doch ist es nicht nur oder nicht mal hauptsächlich feindselig. Eine Linke ist nicht antiamerikanisch, sie ist antiimperialistisch. Der Antiamerikanismus ist die Domäne der deutschen Konservativen, der Revanchisten, der Leute, von denen uns Don Alphonso netterweise immer berichtet. Und das ist auch der Tenor meines Beitrages. Es ist nicht die amerikanische Kultur, die wir ablehnen, nicht mal die „falsche“, überhaupt ist linke Kritik keine kulturalistische, sondern eben eine ausnehmend politische. Die Kritik an den USA ist immer auch, ja hauptsächlich gar, eine Kritik am eigenen Kapital, insbesondere an dessen Doppelzüngigkeit, dessen geheuchelter Solidarität, die nie mehr ist als die Teilung des gemeinsamen Klassendünkels.

Die unterjochte Frau – das erste privat angeeignete „Produktionsmittel“
@HansMeier555: Apropos „Religion“. Habe da gerade einen interessanten Satz gefunden, den ich Ihnen bei dieser Gelegenheit zur Kenntnis bringen möchte.
Frage: „Warum erscheint die Geschichte des Orients als eine Geschichte der Religionen?“
Mögliche Antwort: „Bernier findet mit Recht die Grundform für sämtliche Erscheinungen des Orients – er spricht von Türkei, Persien, Hindostan – darin, daß kein Privateigentum existierte.“ Und weiter: „Dies ist der wirkliche clef (Schlüssel) selbst zum orientalischen Himmel.“ Nun, woher habe ich das wohl? Richtig! Von Marx, in einem Brief an Engels (Briefe über „Das Kapital“, Sonderband 1954, S. 61, und was den „Bernier“ angeht, konnte Marx eigentlich nur François Bernier gemeint haben:

Mit dieser Frage beschäftige ich mich auch schon länger. So bin ich der Meinung, dass das Wesen der mohammedanischen Reform die Eherechtsreform ist, sprich: die Abschaffung der sog. „Sadik-Beziehung“ (Sadik aus dem Arabischen = Freund/Freundin) und deren Ersetzung durch die damals schon existierende Baal-Beziehung (Baal – wir kennen es aus dem Alten Testament, war jenes „Goldene Kalb“, arab./semitisch: Herr über Haus/Hof/Herden/Weib… , vgl.: „Der persische Hafiz…“, bzw. „Philosophus Mansisses“/ Von der kleinen zur großen Differenz).

Dass es in der orientalischen Spätantike noch eine Sadik-Beziehung überhaupt gab, jenes Relikt aus vorpatriachalischen Zeiten, und dass es – auch noch zur Zeit von Marx und Engels – dort noch kein Privateigentum gab, muss nach marxistischer Lesart natürlich im Zusammenhang begriffen werden.

Drücken wir es mal so aus: Ohne Unterdrückung der Frau, d.h. ihrer Enteignung und Einordnung in ein männliches Herrschaftssystem kein Privateigentum (an Produktionsmitteln). Man könnte nämlich auch sagen, dass die unterjochte Frau das erste privat angeeignete Produktionsmittel ist.

Ach ja, und wenn wir schon bei Plattitüden (Windsbraut) sind, hier noch ein Nachschlag, denn die USA sind es doch, die uns hier im Besonderen interessieren:

Zitat von Marx: „Wie wenig nun in den Vereinigten Staaten die bürgerliche Gesellschaft herangereift ist, um den Klassenkampf anschaulich und verständlich zu machen, davon liefert den glänzendsten Beweis C.H.Carey (von Philadelphia), der einzig bedeutende nordamerikanische Ökonom…“ (Ebenda, S. 58, Marx an Weydemeyer)

Nun lassen wir es dabei, denn was Carey damals sagte, spielt auch heute noch keine Rolle, hingegen aber, die Auffassung Marxens bezüglich der Unentwickeltheit der „bürgerlichen Gesellschaft“ dort. Davon kann wohl heute keine Rede mehr sein, aber davon vielleicht, wie unentwickelt, ja geradezu prähistorisch, diese bürgerliche Gesellschaft doch noch in großen Teilen geblieben sein muss. Oder wie anders soll man die bloße Existenz einer jenen „Tea Party“ verstehen?

Ich denke, dass auch hier der Ansatz für wäre, wenn man 1. eine nicht ganz falsche kulturelle Kritik (nicht chauvinistisch-kulturalistisch) anbringen möchte, und 2. den Grund für diese merkwürdige „arabisch-amerikanische Freundschaft“ vielleicht besser verstehen will, also jenen tief-religiösen Blick auf die Geschichte. Das bürgerliche Eigentum an Produktionsmitteln hat sich in den USA erst infolge des Amerikanischen Bürgerkrieges behaupten können, also nach 1865.

Und welche Rolle die Frau in den heutigen USA spielt, der Sache gehe ich bei nächster Gelegenheit nach.

faz.net/blogs/stuetzen/archive/2010/12/18/die-transatlantische-wertegemeinheit

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  • Von Mit einem Körnchen Salz am 8. Januar 2011 um 20:27 Uhr veröffentlicht

    […] So schreibt Engels in einen Brief an Lawrow: „Ich akzeptiere von der Darwinschen Lehre die Entwicklungstheorie, nehme aber Darwins Beweismethode (struggle for life, natural selection) nur als ersten, provisorischen, unvollkommenen Ausdruck einer neuentdeckten Theorie an…Wenn daher ein Naturforscher sich erlaubt, den ganzen mannigfaltigen Reichtum der geschichtlichen Entwicklung unter der einseitigen und magern Phrase „Kampf ums Dasein“ zu subsumieren, einer Phrase, die selbst auf dem Gebiet der Natur nur cum grano salis (mit einem Körnchen Salz – heute übersetzt vielleicht: mit einem Körnchen Dioxin?, H.B.) akzeptiert werden kann, so verurteilt sich dies Verfahren schon selbst.“ (Marx-Engels, Briefe über “Das Kapital”, Sonderband, Dietzverlag, S. 226) […]

  • Von Das Doppelgestirn als weißen Zwerg erkennen am 23. März 2012 um 21:15 Uhr veröffentlicht

    […] sondern den Dienern der Götter, den Herren über Familie, wie Grundbesitz und Sklaven („vgl. das biblische Baal hatten sie zu gehorchen. Deren Macht war von nun an schriftlich fixiert. Die Staatsmacht entstand. […]

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