Denn Wissen war da mal Macht

Denn Wissen war da mal Macht
Wer den Epochenbruch nicht sieht, der sieht eben den Wald vor Bäumen nicht. Lange schien es, auch mir, ich gestehe es, dass sich die Klassengesellschaft in sich gegenseitig verschlingenden Kämpfen erledigen wird, und mit dieser den Streit zwischen den Wissenden und Unwissenden gleich mit. Die Wissenden werden am Ende die Unwissenden, gleich denen von gestern, sein. Sie werden nichts mehr verstehen, denn die Klasse die sie barg, war ihr ganzes Verständnis. Nun scheint es, dass die Klassengesellschaft nicht abzudanken wünscht. Auch auf den Nachwuchs, den notwendig immer dümmeren, um da mal auf Sarrazin zu referieren, will man nicht verzichten. Gestern noch schmiedete man Pläne, wie man die Kinder der Unterschicht, als Bildungspotential von morgen zu nutzen gedenkt, nun will man den begrenzten Zuzug von bereits „Gebildeten“. Das Potential soll immer raffinierter abgeschöpft werden, ohne dass man neues hinzufügt. Die Substanz muss wohl verdünnt werden, gestreckt gewissermaßen.

Nur wäre das alles nicht der Betrachtung wert, sähe man das nur als eine Art Kulturreigen, andere nennen es Kampf der Kulturen (um die besten Köpfe gar?), wenn dem nicht auch eine materiale Bewegung unterläge. Auch das Kapital, Sie wissen schon, jenes abstrakte Wort für Produktion, Zirkulation, Menschen-, Güter-, und Zahlungsmittelverkehr scheint ebenso gestreckt. So viele Milliardäre wie heute gab es noch nie, aber auch gleich so viele Mittellose noch nicht. Am Ende scheint das, was ist, nicht viel mehr zu sein, als das, was mal war: ein entropisch geklärtes Maß an Dingen, das man verkonsumieren muss, um das Leben zum Überleben zu befördern, eine notwendige Summe an Gütern, welche die Entropiezunahme begleiten, nicht mehr, nicht weniger. Gut gemischt, aber dünn geworden, scheint sie, die Suppe, von der immer mehr hoffen, dass (auch) sie sie sättigt.

Substanzerhalt ist das Zauberwort. Die einen beklagen damit die immer dünner werdende Suppe, die anderen reklamieren den Erhalt der realen Produktion vor der reinen Geldzirkulation und schließlich wieder bedauern den Verlust ihrer genetischen Disposition, ihrer kultur-soziologischen Identität. Sie fordern die Umkehrung des doch Unumkehrbaren. Der Geist will nicht in die Flasche zurück. Die Entropie will nicht schwinden.

Und auch der Sprache mangelt es zunehmend an Substanz. Denglisch werde gesprochen, wo doch deutsch erwünscht sei (oder besser noch latein). Und nun ist auch die Substanz des Wissens gefährdet. Britannica versus Wikipedia, so der neue Schlachtruf derer, die ihr letztes noch nicht gestrecktes Kapital zu schützen suchen.

Doch so scheint die Ironie der Geschichte den Bogen geschlagen. Die Masse bemächtigt sich nicht der Macht, sondern des Wortes, sie okkupiert die Kathedralen der verhassten Klasse und fordert dort die Gleichheit vor allen Göttern. Dabei ist ihr das Wissen nicht heilig, kein Gott, sondern nur wohlfeil, ein irdisches Medium. Denn Wissen war da mal Macht.

Und haben wir schon keine reale Macht, dann tut es die irreale auch, so wie virtuelles Kapital neben dem immer rarer werdenden realen. Cyperwissen erregt den einen wie Cypersex den anderen. Scheinbare Zufriedenheit, ja Befriedigung, scheinbare Klassenlosigkeit, scheinbare Befreiung des Individuums (von den Zwängen der Materie, die Tücke der Entropiezunahme), scheinbares Wissen ob all dessen, was da gerade (nicht) passiert.

faz.net/blogs/antike/archive/2010/10/26/philologie-als-lebensform-ein-plaedoyer-fuer-autonomie-und-ein-nachruf

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