Den Pogrom halbgar köcheln

Die FAZ-Redaktion zensiert gnadenlos. Denn auch dieser Beitrag wurde nach dem 1. Versuch nicht gesendet. Passt wohl nicht in das bisher verheimlichte Regierungsprogramm. Aber es nützt ihr nichts, der Beitrag erscheint in meinem Blog. Starte den 2. Versuch.
Außerdem habe ich den Beitrag, als Leserblog, mit folgendem Vorwort, in „Die Zeit“ gestellt, dem sich dann noch eine kleine Debatte anschloss:

Antiziganismus in Deutschlands Medien
Sarkozy hat mit seiner Behauptung, dass auch Deutschland Roma-Abschiebungen plane, eine Debatte aufgerissen, die den Pogrom an den Sinti und Roma, also deren offenbar immer noch Vogelfreiheit, wieder auf die Tagesordnung setzt. Und es kommt wie es kommen sollte. Nach Sarrazins Schwanengesang auf das nun ethnisch untergehende Deutschland und einer Steinbachs gezielten Provokation bzgl. der angeblichen Kriegsvorbereitungen Polens gegenüber Nazideutschland, bedankt sich nun ein Leser der FAZ ausdrücklich bei Sarkozy mit den Worten: „Danke, Sarkozy, dasselbe wünschen wir uns auch für Deutschland“. Und nicht nur, dass dieser Beitrag von der Leserschaft, oder gar der Redaktion, unkommentiert bleibt, er wird auch noch honoriert.

Die Leser stimmen dem kommentarlos in ihrer Bewertung und solchermaßen auch noch feige zu.
Ein Beitrag von mir, der sich inhaltlich mit dem Thema „Antiziganismus“ zu beschäftigen und ihn ins aktuelle Geschehen einzureihen sucht, wird von der FAZ-Redaktion auch nach wiederholtem Versuch nicht gesendet.
Diesen unterdrückten Beitrag möchte ich daher der Leserschaft der ZEIT bekannt machen und hoffe auf eine rege Debatte:

Den Pogrom halbgar köcheln
Der Hass gegen die „Zigeuner“ ist ebenso paranoid wie der Antisemitismus. Allerdings geht es hier nicht um die Frage, woher diese Paranoia. Darüber ist genug geschrieben worden. Wer sich ernsthaft damit beschäftigen will, dem kann ich nur die Lektüre der „Antiziganismuskritik“ empfehlen, z.B. unter Antiziganismus.de. Um was es hier geht, ist das Problem des schamlosen politischen Gebrauchs eben dieses Antiziganismus nach Ausschwitz. Im Gegensatz zum jüdischen Holocaust ist die „Zigeuner“-Vernichtung nicht wirklich aufgearbeitet. Antisemitismus ist in Deutschland hingegen gesetzlich verboten, nicht aber Antiziganismus. Die sich hiervon angesprochene Klientel wird durch solche Debatten motiviert wie frustriert gehalten. Damit schafft man sich eine Reserve, die jederzeit zu allem bereit ist. Köchelt den Pogrom sozusagen halbgar. Eine solche Politik scheint nötig, um angesichts der Abwicklung von Politik, von „Demokratie“ wie nationaler Identität, der weiteren Aufspaltung des Bürgertums (und restlosen Prekarisierung des Kleinbürgertums) ideologisch „angemessen“, will heißen: rassistisch, zu begegnen. Es muss mit allen Mitteln verhindert werden, dass diese Klassenreste sich revolutionieren, während sie proletarisieren/prekarisieren.


faz.net/Deutsch-französische Beziehungen: Peinliches „Missverständnis“, 21.09.2010

Das Obsoletwerden des protestantischen Arbeitsethos
Entschuldigung wegen der Fettschrift, aber gedacht war nur die Überschrift hervor zu heben. Nach dreimaligen Versuchen die Vorschau zu betätigen, wo ich dann jedes Mal ins Nirwana geschickt wurde („in eigener Sache“), hatte ich die Nase voll, und habe den Text, so wie ich ihn eingestellt hatte, gepostet. Wie ich das jetzt noch ändern soll, weiß ich nicht. Geben Sie mir einen Tipp! Und ja, nach meinem 3. Versuch, hat die FAZ meine 2. Zuschrift dann noch gesendet, nachdem die Kohorte weitergewandert sein wird. Kaum einer liest das dann noch!
In der Tat gibt es, nach meiner Kenntnis keine Lektüre, die das Thema aus moderner Sicht bearbeitet, insbesondere aus der Perspektive des sich prekarisierenden Subjekts, resp.: bürgerlichen Arbeitssubjekts. Hier ist die Literatur genauso zurück wie die Theorie. Wie antwortet man auf revolutionäre, auf marxistische, Weise auf das Obsoletwerden des protestantisch konnotierten Arbeitsethos? Und auf welche Weise muss der Antiziganismus eben in genau diesen Prozess verortet werden?
Und die wichtigste Frage: Wie versteht sich heute ein revolutionäres Subjekt, das auch eine sozialistische Arbeitsgesellschaft so ohne weiteres nicht mehr zum Ziel haben kann?
An diesen Fragen arbeite ich, mit Ihrer freundlichen Unterstützung.

Wahre Philosophen
Mit dem „Obsoletwerden des protestantischen Arbeitsethos“, denke ich einen Teil Ihrer Frage beantwortet zu haben. Bezüglich der Roma und Sinti habe ich keine andere Antwort als in Bezug auf all die Teile der Gesellschaft, die jetzt und in Zukunft vom Arbeitsprozess ausgeschlossen sein werden. Wo eine Klasse genauso für ihr Recht auf Arbeit streitet, wie auf das „Recht auf Faulheit“, macht das den „Zigeuner“ grotesker Weise zu einer regelrechten „Avantgarde“. Wir haben also die Chance, und diesmal ohne falsche Romantik („Chocolat“, auch meiner Meinung nach, ein wunderbarer Film, trotzdem), nämlich auf der Grundlage postmoderner Pragmatik, den „Zigeuner“ neu zu entdecken. Bedeutet wahres Menschsein ein arbeitendes oder ein faules Leben. Keine Frage, im Hinblick auf die Zukunft der Massen der arbeitenden Klassen, doch wohl eher letzteres.
Aber auch der Marxismus predigt ja nicht nur jenen protestantischen Arbeitsethos, sondern eben auch und dies eigentlich hauptsächlich: die klassenlose, um nicht zu sagen arbeitslose Gesellschaft. Eine solche Zukunft ist aber erst möglich auf der Grundlage der Produktivkräfte, wie sie im Kapitalismus schon mal (hier aber als Entlassungsproduktivität teuer erkauft) vorbereitet wurden. Der Mensch als Philosoph, frei von Arbeit, ist des Menschen wahre Bestimmung. Und nicht wenige „Zigeuner“ sind wahre Philosophen. Warum wohl?

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Ein Trackback

  • Von Was der Protektionismus der einen, ist der Antisemitismus der anderen am 8. Oktober 2010 um 17:09 Uhr veröffentlicht

    […] wie viele rassistisch motivierte Übergriffe gegen Menschen mit Migrationshintergrund (ohne die regierungsoffiziellen à la Sarkozy mitzurechnen!), oder einfach nur gegen anders „Seiende“, „sollen“ es denn […]

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