Die „Elite“ reibt sich die Finger

Angesichts des sich nun abzeichnenden Schemas der Auseinandersetzung um Sarrazins neueste Skandaläußerungen, nämlich der scheinbar organisierten Hetze aus der ultrarechten Szene, sehe ich mich veranlasst, die Beiträge, die seinerzeit in der Sache Jens Jessen/Die Zeit notwendig wurden, hier noch mal zu senden, zumal infolge eines Update-Fehlers, alle Postings von mir aus dieser Zeit aus meinem Blog verschwunden sind. Aber sie sind immer noch gespeichert als FAZ-Leserkommentare (vgl. den Link).

Die „Elite“ reibt sich die Finger
„Sarrazins Buch ist ein Entlastungsversuch einer desorientierten Elite. Kein Zweifel, dass es ein Erfolg wird.“ So amüsant dieser Satz auch ankommen mag, und er amüsiert auch mich, so wenig zutreffend will er mir doch scheinen. Sie reden von Elite, meinen aber doch nur die nun womöglich in die hunderttausende gehenden Leserkommentare, die den Sarrazin zum neuen Helden des Abendlandes küren werden. Nach Spengler nun endlich ein Sarrazin. Ich nehme an, dass die FAZ aber recht bald die Kommentarfunktion hier ausschalten wird. Und ich frage mich natürlich nicht nur ob diese Leute sich da wirklich allen Ernstes für die Elite halten, denn sie tun dies, mögen sie nun den Doktor im Titel tragen oder nicht, sondern auch und viel mehr, ob das nicht der eigentliche, und daher der eben extrem zweifelhafte Erfolg des Autors ist: nämlich die Mobilisierung eines bürgerlichen Mobs. Die Elite darunter, die vermutlich wahre, reibt sich die Finger, selbst wenn sie sehr wahrscheinlich in der Öffentlichkeit dem heftigst widerspräche, denn politisch korrekt ist das selbstredend nicht, was einer der ihrigen da von sich gibt. Desorientiert, weit gefehlt, denn klar strukturiert, zumindest semantisch, ist doch dieser neuerliche Angriffe auf alles, was sich an Humanem hat gerettet.

Einschüchterung von linken Journalisten
@Schreiber: Meinten Sie, wie der mordlüsterne und brandschatzende Mob von der Zeit hinüber zur FAZ gewandert ist, um nun auch über Herrn Geyer her zu fallen. Die FAZ hat dann den Kommentar geschlossen. Ich selbst hatte mich zu dem Thema sowohl in der Zeit als auch in der FAZ geäußert ((siehe u.a.: „Die perverse Lust an der Berührung der (Hass-)Ikonen“)), und ich bin nicht erstaunt, dass es zum Teil namentlich dieselben Leute sind, die auch jetzt wieder am gleichen rechten Rand stänkern. Im Übrigen hat Geyer Jessen nicht einfach verteidigt (auch ich habe das nicht!, vgl. „Kriminelle Gewalt ist das Produkt der Klassengesellschaft“), sondern nur Solidarität geübt angesichts der schier unglaublichen Exzesse, gerade durch jene, die da meinten: Jessen habe „Deutschland provoziert“ („Der Angriff auf das Unbegriffene“). Hier zeigt sich nämlich, dass die Auseinandersetzung mit der Problematik, nämlich dass junge Leute, gleich ob Migranten oder nicht, von den Rechten (das betrifft nämlich gerade auch die Gewalt seitens der rechten Jugendszene), auf ihnen unerträglich vorkommen wollende Belehrungen seitens der „Alten“, nur mit Gewalt reagieren (können), gar nicht gewünscht wird, ob der opportunen Hatz gegen „linke Journalisten“, und natürlich ob der Möglichkeit die Spuren im eigenen Terrain zu verwischen.

faz.net/Sarrazins Thesen: So wird Deutschland dumm, 26.08.10

Anhang:

Kriminelle Gewalt ist das Produkt der Klassengesellschaft
Es ist absurd, wenn die FAZ oder auch Die Zeit im Spiegel der Mehrheit der Leserkommentare linkslastig erscheinen. Und es scheint mir Realsatire, wenn (rechte) Provokateure sich gegen „lustvolle linke Provokation“, wie einer meinte, zur Wehr setzen. Aber lassen wir das, denn die Perspektive eines jeden lässt sich kaum verändern. Aber eins scheint mir wichtig, nämlich dass die Saat konservativer Politik, wie die eines Roland Koch zum Beispiel, wohl aufgegangen ist. Der rechte Mob ist losgelassen. Und auch das muss gesagt werden: Schläger aus kriminellen Milieus gehörten noch nie zum Klientel linker Politik, und daher bestreite ich, dass es links war, Opfer solcher Gewalt als „Spießer“ ausfindig gemacht zu haben. Kriminelle Gewalt ist das Produkt der Klassengesellschaft und Linke müssen, um solches klarzustellen, nicht in die Trickkiste bürgerlicher Semantik greifen. Die Spießer sind die, die sich hier so ungeniert auspöbeln, wo sie doch nur die Maulhelden sind, auf die ein Herr Koch setzt, wenn jener den Systemwechsel provoziert. Kaum einer dieser Maulhelden wird in seinem Alltag die Zivilcourage aufbieten, wie sie in dieser virtuellen U-Bahnszene hier so frenetisch zelebriert wird.

Angriff auf das Unbegriffene
„Herr Jessen hat Deutschland provoziert“, schreibt doch einer der Vielen, den ich nicht mal benennen muss, da er das auf den Punkt bringt, was die große Mehrheit jener Schreier und selbsternannter Verteidiger „Deutschlands“ hier eigentlich zu sagen wünscht! Es geht eben nicht um den Geprügelten, und es geht auch nicht um Herrn Jessen, es geht „um Deutschland“, oder was diese glauben, was das sei. Und sagte ich es nicht an anderer Stelle: Der Klassenkampf sich wirklich in den U-Bahnen abzuspielen scheint, nämlich weil er anderswo so listenreich verdrängt worden ist? Klassenkampf heute im Zeitalter von globalisierten Kapital und Prekariat scheint aber wohl doch eher an das zu erinnern, was man früher „Eiserne Front“ oder so ähnlich bezeichnete. Daran schuld sind alle diejenige, die vorgaben, dass die Zeiten des Klassenkampfes obsolet seien, wodurch diese „Provozierten“ erst so richtigen Auftrieb erhielten. Ich weiß nicht, ob Herr Jessen „der Linke ist“, für den die hier Versammelten ihn halten, ich weiß nur eins, ich habe in der ganzen Zeit und in der Zeit keinen einzigen wirklichen linken Beitrag zu lesen bekommen. Also geht es hier weniger um die Kritik linker Theorie und Ideologie als vielmehr um den Angriff auf das Unbegriffene – ganz generell.

Die perverse Lust der Berührung von (Hass-)Ikonen
Ich selbst war einige Zeit ein eifriger Leserbriefschreiber in der ZEIT und durfte erleben, wie der braune Mob sich dort austobt, allerdings soll sich die FAZ keiner falschen Hoffnung hingeben: einige glaube ich hier wieder zu erkennen. Die Semantik ist fast wie ein genetischer Fingerabdruck. Auf der anderen Seite ist die Zeit nicht zimperlich im Umgang mit ihnen Unliebsamen. Mir haben sie den Account gesperrt, ganz bestimmt nicht wegen irgendwelcher Etikette, die ich missachtet hätte. Wer meine Leserkommentare kennt, weiß, dass ich sprachliche Grenzen nicht überschreite, aber durchaus mal hart an die Grenzen der politischen Auseinandersetzung gerade. Und wer da kommentarlos einen Account sperrt, der ihm einfach nicht genehm ist, der erregt natürlich ein empfindliches Gemüt, zumal ein solches, das eben solchem doch eher sprachlos gegenüber steht. Und doch ist es ein Zeichen des Verfalls der politischen Kultur, wenn politische Auseinandersetzungen ausgetragen werden, als agierten hier Kontrahenten, die schon mal zusammen die Treppe runtergefallen wären. Offensichtlich ist das Ausleben der perversen Lust an der (unflätigen) Berührung von (Hass-)Ikonen unserer Gesellschaft, das einzige, was so manche ihrem Leben abgewinnen können.

faz.net/Internet: Widerlich und totalitär, 23.01.2008, von Christian Geyer

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2 Trackbacks

  • Von Die Evidenz des Aberglaubens am 26. August 2010 um 20:00 Uhr veröffentlicht

    […] gewissen Sarrazins neuesten Pamphlets, nachzulesen in der FAZ.net von heute (vgl. meinen Beitrag: Die „Elite“ reibt sich die Finger), dann weiß ich genau wessen Geistes Kind eine Bildungspolitik sein wird, in der es […]

  • Von Vom ausgetriebenen Teufel zum Zombie am 2. Oktober 2010 um 21:03 Uhr veröffentlicht

    […] wollen. Und umgekehrt erst: Wenn die konservativen Opportunisten, die ausgetriebenen, über die Ultras in ihren Reihen (oder auch dann schon außerhalb derer, bzw. von außerhalb deren) schimpfen, dann […]

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