Getürkter Poker

Getürkter Poker
Ergänzen würde ich nur noch, dass die Macht der Türkei wächst, insofern die EU die dortige Macht der USA zu ersetzen hätte, denn die Türkei spielt dabei das Zünglein an der Waage. Hochaufgerüstet, vor allem durch amerikanische und deutsche Militärhilfe und erfahren, vor allem mithilfe der Kontra-Guerilla der Natostreitkräfte, in der Aufstandsbekämpfung, bildet die Türkei nicht nur ein „strategisches Pendant“ („Tragikomische Gestalt eines immer zu spät Gekommenen“) zu Israel, sondern auch ein machtvoller Partner in einer noch militärisch auszurichtenden EU (welche auch nach innen dann kompromissloser – Griechenland lässt grüßen – zu agieren hätte). So erschreckend das klingt, aber ohne diesen anatolischen „Tiger“, wird es die EU niemals zu einer Großmacht schaffen. Die „Wankelmütigkeit“ dieser Türkei in der Israelfrage scheint mir Teil jenes Pokers zu sein, in dem die Türkei mehr Asse im Ärmel zu haben glaubt, als im Spiel sind. Ihr Poker wirkt dann auch sehr „getürkt“, was die Israelis aber offenbar wenig beeindruckt.

Die erzwungene „Identität“
@Bardakcioglu: Die Einheit der Völker der Türkei hätte auf freiwilliger Grundlage möglich sein können, vorausgesetzt, die nichttürkischen Nationen hätten das Recht auf staatliche Lostrennung gehabt. Einheit in Freiheit, das hat der Kemalismus im Keim erstickt, sprich: im Blutbad an diesen Völkern. „Ne mutlu Türküm diyene“ („Glücklich der, der sich Türke nennt“) kennzeichnet deutlich jenen zynisch-aggressiven Ton dieser kemalistischen Fremdherrschaft. Eines Erdogans Re-Islamisierung der Türkei ist Teil wie Folge des jahrzehntelangen Terrors der Kemalisten gegenüber Armeniern, Kurden, Revolutionären. So war Erdogan seinerzeit in Istanbul der Mentor jenes berüchtigten späteren Innenministers unter Ciller, dem damals unter dem Bürgermeister Erdogan nämlich avancierten Polizeipräsidenten – Mehmet Agar. Als Leiter der Abteilung „gegen Terrorismus“ machte jener Jagd auf die Linke, und zwar zum eigenen Vorteil, nämlich als Tarnung seiner kriminellen Vereinigung. Als die bekannte militante Gruppe Dev Sol („Revolutionäre Linke“) sich genötigt sah, ein Kopfgeld auf ihn auszusetzen, brachte ihm das die Versetzung zur Abteilung für gewöhnliche Kriminelle ein, was ihn aber nicht daran hinderte so weiter zu machen und zum Bürgermeister aufzusteigen – unter Erdogan.

faz.net/Türkei im Nahost-Konflikt: Erdogan und die Entdeckung der „tiefen Macht“,08.06.2010

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3 Trackbacks

  • Von Perlen vor die Säue… am 19. Oktober 2010 um 22:22 Uhr veröffentlicht

    […] (Armenier, Kurden, Assyrer, Aramäer, Griechen, Aleviten, Christen, auch Juden…) gegen die Verherrlichung der Nation der Türken einzuwechseln. Wer zur Kritik eines solchen Chauvinismus nichts taugt, leistet per se der Kritik […]

  • Von Der kleine Unterschied zu Erdogan am 15. Januar 2011 um 18:46 Uhr veröffentlicht

    […] vormaligen Polizeichefs und ursprünglich mal Leiter der Abteilung zur Bekämpfung des Terrorismus, Herrn Mehmet Agar, zeigen sich ganz deutlich die Spuren beider Linien. Unter den kemalistischen Militärs ist Agar […]

  • Von Es wird bald „zurück geschossen“ am 2. Februar 2011 um 17:29 Uhr veröffentlicht

    […] des türkischen Auslandsgeheimdienstes MIT umfassen beide wieder. Der von mir schon erwähnte Mehmet Agar gehörte beiden Szenen an. Er war ein Protegé von Erdogan und zugleich ein Terrorkommandeur der […]

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