Einen Marco Polo würde ich vermuten wollen!

Einen Marco Polo würde ich vermuten wollen!
Ich kenne das Problem ein bisschen aus dem persischen, genauer mit der Übersetzung eines Hafiz zum Beispiel. Ich weiß nicht, wie sich das im altgriechischen verhält, ich kenne da nur einige Begriffe, aber im persischen gibt es soviele Synonyme und Homonyme wie es vermutlich Tabus in dieser Sprache gibt (gegeben hat). Einen Hafiz kann man vermutlich 10-mal verschieden übersetzen, und doch jedesmal richtig. Denn die Perser nutzen die dadurch mögliche Sprachverwirrung für ihren einzigartigen Sprachwitz, und ein Hafiz war darin der Meister.
Hinzu kommt, dass das persische wohl eine indogermanische Sprache ist (bis auf die arabisierten Anteile), aber eben als eine diesbezüglich uralte Sprache (noch) eben ohne Geschlecht ist. Es lässt sich daher lustig drüber streiten, ob Hafiz Männlein, Weiblein oder gar wirklich „Gott“ meint, wenn er von „dem Mondgesichtigen“ schwärmt.
Ich persönlich neige dazu, anzunehmen, dass er „Männlein“ meinte, also wirklich von einem „Mondgesichtigen“ sprach, aber auch zugleich genau dieses im Sinne einer Allegorie auf „den Gott“, und vice versa, benutzte. Die darin mögliche Häresie scheint mir so gewollt, wie seine Verschleierungstaktik in Bezug auf die darin enthaltene Homoerotik. Nicht nur in der damaligen Zeit wäre das nicht gut angekommen (vgl.: Hafiz_die_Homo_Erotik_der_Nihilismus).
Bezüglich eines „leibesfruchttragenden Geldes“ würde ich daher auch annehmen wollen, dass ein jenes garantiert nicht so gemeint sein konnte, wie wir heute „die Leibesfrucht“ benutzen, sondern wenn überhaupt, dann doch eher im Sinne von „fruchtbarem“ Geld, also von etwas, was da Früchte trägt, wie eben jener besagter Leib.
Bei den antiken Griechen hingegen, will mir so eine Frucht nicht unbedingt in eines Weibes Bauch passen, es sei denn, dass man da einen Held entschlüpfen sah. Bei den Persern der damaligen Zeit, war das nicht anders. Beide Völker waren schon lange patriarchalisch ausgerichtet.
Anders hingegen die Araber, die bis zu Mohammeds Auftreten in vielerlei Hinsicht noch „mutterrechtlich“, zumindest in ihren Bräuchen, wie auch in der Sprache, orientiert waren. Auch die Beziehung der Geschlechter wurde erst mit Mohammed dem Patriarchat untergeordnet.
Also eine weibliche Konnotation in der Sprache, bei einem ansonsten schon Patriarchat, war bei den Arabern möglich. Ein „leibesfruchtragendes“ Etwas, wie das Geld womöglich, wäre keine semantische Verirrung. Im Übrigen mag das Geld unter den Herrschenden der hellenistischen Zeit noch so hoch im Kurs gestanden haben, so hoch dann doch wohl nicht. In der ganzen Ilias (und auch bei Odysseus) findet man eine Menge zum Thema „Schätze“ – Gold-, oder Tempelschätze -, aber das Abstraktum „Geld“ erscheint eigentlich nirgendwo. Erst in der kapitalistischen Moderne, erfährt jenes „allgemeine Äquivalent“ (Marx) eine jene geradezu göttliche Überhöhung.
Und ein Odysseus war sicherlich „selbstbewusst“ (soweit man das damals überhaupt sein konnte, denn „göttlich“ konnte man sein, wie jener Achilleus zum Beispiel, aber selbst-bewusst?), „rührig“, „klug“, „mobil“ und „heimattreu“, sowie „ruhmredig“, ebenso, aber „erwerbstüchtig“?
Eine Vorahnung hiervon, was da 2000 Jahre später als Selbstbewusstsein (eines modernen Subjekts) erkannt werden wollte, würde ich einem „Homer“ – mit seinem Odysseus – wohl zugestehen (vgl.: „Das Patriarchat in Hellas“), aber gar so was wie einen antiken „Archetypus“, der da um die hellenistische Welt geisterte, doch wohl eher nicht.
Unser „afghanischer Odysseus“ will mir daher nicht so richtig in den hier unterstellten hellenistischen Kontext passen, umso mehr aber in den eines „arabischen“ (und die angegebene Zeit würde da ja auch stimmen – 6. Jhdt. nach Christus!), wo eines gewissen Mohammeds missionarischer Eifer schließlich auch recht vortrefflich die „Geld-Reichtümer“ des arabischen Handelskapitals vermehren half. Und ich könnte mir auch vorstellen – wissen tue ich das nicht! -, dass diese Araber die „Leibesfrucht“ nicht nur nicht verachtet hätten, sondern sie einem Geld als ebenbürtig zugesellt hätten.
Ein Odysseus war aber zu dieser Zeit entweder schon überall obsolet (auch in der „rückständigsten“ Provinz des fernen Orients), oder als moderne „Odyssee“ noch nicht geboren.
Einen frühen Marco Polo hingegen, den würde ich vermuten wollen! War doch die arabische Welt – und dieser müsste man Afghanistan zu jener Zeit doch wohl schon zuordnen – der westlichen, selbst der fortschrittlichsten zur damaligen Zeit, um Jahrhunderte voraus.

Wie nah sind wir dem Primitiven?
@AGottwald: Nein, Sie haben recht, ich habe mich da verguckt. Und doch bleiben meine Bedenken bzgl. der „Semantik“. Das bedeutet allerdings nicht, dass ich nicht völlig falsch liegen könnte. Denn wenn dieser Text wirklich authentisch ist, dann hätten wir Menschen uns die letzten 2 bis 2,5 tausend Jahren nicht wirklich weiter entwickelt, bzw., und was dasselbe wäre, denn ebenso grotesk: schon die erste Klassengesellschaft hätte ein Denken hervor gebracht, das im Kapitalismus, nicht wirklich weiter entwickelt hätte werden müssen. Ein Denken, das der realen Zeit (der damals möglichen Erfahrungswelt) weit vorauseilte. Die Vorstellung, dass „Geld sich selbst vermehrt“, will mir einfach zu modern erscheinen.
Wie sehr antik das Denken dabei doch geblieben ist, verrät uns womöglich der letzte Satz: „…nachdem ich diese beneidenswerten Taten vollbracht habe“. Sowas sagt der moderne Mensch nur, wenn er all zu sehr von sich überzeugt wäre, ein Größenwahnsinniger gar, aber der antike Mensch, weil er ein Bewusstsein von sich selbst noch gar nicht hat. Er rühmt damit nicht sich, sondern ganz sicher einen „Dritten“, Apollon gar, von dem er sich selbst noch gar nicht getrennt gesehen hat.
„Weit voraus“ also nur, insofern uns da ein von uns naiv geschaffenes Ding gewisse Geheimnisse preis gibt, ein wesentliches vielleicht sogar, ohne dass wir das aber von den unwesentlichen Bestandteilen hätten unterscheiden können.
Das vielleicht ist auch die Erklärung – mal unabhängig von vordergründiger Apologie -, warum das Kapital seine Wirtschaftsordnung partout für eine quasi göttliche hält, denn weiß es auch sich selbst wohl noch nicht vom „Göttlichen“ zu scheiden. So primitiv sind wir also geblieben, neben und in der modernen Erkenntniswelt. Und doch ist das in der Moderne ein Indiz für die Nähe zum Größenwahn, denn eine solche Naivität wird uns jetzt nicht mehr geglaubt.

faz.net/blogs/antike/archive/2010/02/02/ein-odysseus-im-hellenistischen-afghanistan

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