Machtfrage

Machtfrage
@Ergün: Sie wollen uns doch nicht glauben machen, dass in der Türkei christliche Sakralbauten toleriert seien? Die urchristlichen unterirdischen Kirchen in Kappadokien stehen nur deshalb einigermaßen geschützt, weil sie erstens ehe schon Opfer diverser Erdbeben waren, und weil sie zweitens so alt sind, dass sie keine aktuelle Kirchen mehr darstellen, sondern antike Kulturgüter, die sich trefflich ausbeuten lassen. Die Busreise nach Kappadokien ist allein daher schon ein obligatorischer Event bei allen türkischen Reiseveranstaltern. Anders sieht das mit den Bauten konkurrierender Gotteshäuser aus. Eine aktuelle Auseinandersetzung diesbezüglich konnten wir erst kürzlich hier in der FAZ verfolgen (vgl.: „Höchstrichterliche Heuchelei“). Aus diesem Grund kann von einer laizistischen Türkei so wenig die Rede sein, wie auch bzgl. der meisten europäischen Länder, wie doch gerade wieder mal diese Debatte zeigt. Nur in einem gebe ich Ihnen recht: der wahre Gläubige könnte in jedem Gotteshaus seinen Gott finden. Nur geht es hier nicht um Glaubensfreiheit, bzw. -ausübung, sondern um Machtverlust (vgl. auch hierzu meinen Beitrag „Neurotisch“, hier in der FAZ.

Auch die Ästhetik ist letztlich eine Machtfrage
@De Geer: …Und ich würde hinzufügen, genau ein jener – nämlich dieser „Historismus“ – war Ausdruck eines feudal-kapitalistischen Geprotzes, eines Kulturimperialismus, wie er Pate stand bei der Ablösung des Adels durch die Bourgeoisie. Auch die Ästhetik ist somit letztlich eine Machtfrage. Zum Ende dieser Stilrichtung, zitiere ich aus Wikipedia/Historismus: „Als Gründe können der Machtverlust der bis dahin stilbildenden Schichten des Adels und des Großbürgertums gesehen werden, sowie eine wachsende Neigung des letzteren, sich nun weniger aus Bezügen auf die eigene Geschichte zu legitimieren, sondern immer mehr durch Identifikation mit moderner Technik.“ Oder: Das Bürgertum hatte mal kurz so etwas wie eine demokratische Vision, resultierend aus jener Epoche, in der es die Technik, d.h. die Produktivkraft für sich entdeckt. Ein Eifelturm war der moderne „Sakralbau“. Die Wiederbelebung eines jenen Historismus‘ hingegen, zu beobachten in Bankenstädten wie Frankfurt/Main (begleitet von gewissen „Pflasterkämpfen“ in den frühen 70ern), nun aber auch im neuen Regierungsviertel in Berlin (siehe Anbau des Auswärtigen Amtes), macht deutlich, dass das Bürgertum nicht einfach den Geschmack nur ändert, sondern, dass es nunmehr a-produktiv geworden ist, wie der Adel.

faz.net/Architektur und Integration: Zu viel Istanbul, zu wenig Duisburg, 09.12.09

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  • Von Das Volk beruhigen, die Banken befriedigen am 12. Dezember 2009 um 20:28 Uhr veröffentlicht

    […] @Don Alphonso: Zur Stilfrage habe ich einen Beitrag, den ich hier gerne zur Kenntnis gebe (Auch die Ästhetik ist letztlich eine Machtfrage– […]

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