Bevor er zur Lüge greift

Bevor er zur Lüge greift
Es ist kein Zufall, dass ausgerechnet einer, der auch als Berater des CIA tätig war, ein prominenter Begründer des modernen radikalen Konstruktivismus‘ geworden ist. Jeder kennt wahrscheinlich dessen populäres Buch: „Wie wirklich ist die Wirklichkeit“; die Rede ist von Paul Watzlawick. Und wer ist nicht geradezu magisch angezogen von dessen „Wahrheiten“. Ich kann mich noch sehr gut erinnern, wie mir während meiner unruhigen Oberschülertagen immer wieder gewisse Schlaumeier entgegen hielten, dass es doch gar keine Wahrheiten gäbe, somit auch keine revolutionären. Schlag nach bei Watzlawick, hieß es dann, wenn ich ein klassenkämpferisches Schlagwort loswerden wollte.

Das habe ich getan, nachgeschlagen und natürlich auch gelesen. Aber wer kommt schon auf die Idee, den Propheten der Wahrheit der Unwahrheit als Propheten, der Unwahrheit von der Wahrheit zu begreifen? Das war vielleicht nicht mein erster Gedanke, denn auch ich war fasziniert, von dieser mir bis dato völlig neuen Welt, der der „Perspektiven“. Und ich erinnerte mich natürlich an jene erstaunt-ironische Frage jenes Pilatus an Jesus, als der ihm von der göttlichen Wahrheit was zu erzählen vorhatte: „Was ist denn d i e Wahrheit“, wollte Pilatus wissen, nicht, was ist die
W a h r h e i t ?

Von den Vorsokratikern über Kant bis zu den modernen Relativisten, den Agnostikern – Mach und Co. (vgl. Lenin: Materialismus und Empiriokritizismus) -, finden wir all diejenigen, denen die Wahrheit offenbar ein Fremdwort ist, ein Ärgernis zuweilen, auf jeden Fall ein Hindernis auf dem Weg zur Wahrheit – ihrer Wahrheit nämlich.

Es ist diesen Schlauköpfen niemals aufgefallen, dass der, der die Wahrheit nicht kennt, oder auch nur vorgibt, diese nicht zu kennen, sich eigentlich sofort in absolutes Schweigen hüllen müsste, am besten mit Gelübde, unter einer Kutte verborgen, und in einem Kloster versteckt. Denn wenn er nur ein Wort sagt, sagt er ganz bestimmt die Unwahrheit.
Bekanntlich gab es in Deutschland nur einen Menschen, der das mehr oder weniger konsequent zu begreifen suchte, nämlich als er sagte: „der wahre Dichter schweigt“ – dieses war Hölderlin.
Nun erzählt uns Hölderlin keine Wahrheiten, sondern er offenbart uns – göttliches -, aus des Menschen Alltag, aus dessen Natur und seiner natürlichen Umgebung.

All zu oft liebestrunken, jedenfalls voller philosophischer Erschöpftheit, predigte er uns Menschen, was für göttliche Wesen nicht nur wir, sondern auch jener „Rhein“ da seien, der Deutschen Strom, der uns führe, hin zur Glückseligkeit – zur Freiheit. Aus seiner Isolierkabine heraus – u.a. verweilte er länger im Bad Homburger Schloss, dessen Turm nämlich – , schien ihm offenbart, wie ebenso trübselig des Menschen irdisches Glück doch da sei, nämlich wenn es sich nicht mit höherem verbinde.

Das waren großartige Eingebungen, denen man da zu folgen vermag oder auch nicht, aber Wahrheiten?
Das sollten wohl die begreifen, die sich da so postmodern-modern auf Hölderlin beziehen, ohne eben diesem überhaupt folgen zu können, seine Wahrheit begriffen zu haben. Worüber sollte der Dichter schweigen? Natürlich über die Dinge, die man nicht als Wahrheit bezeichnen kann. Das waren jene, die verboten waren. Von großen Taten der Menschen, ihrem göttlichen Wesen, ihren Taten, ihren revolutionären Visionen, ihren „Wahrheiten“. Weil man sie dafür entweder tötete, wenigstens aber verachtete, wenn nicht gar ins Irrenhaus steckte. – Und auch das waren Wahrheiten, „Tatsachen“, „Fakten“, wie man heute zu sagen pflegt.
Nun, wer solche Taten nicht sieht, solche Wahrheiten nicht erkennt, jene Fakten zu leugnen sucht, der sollte demnach auch schweigen, bevor er zur Lüge greift.

Es wird Zeit für eine neue Revolution
@HansMeier555: Wo steht das geschrieben? – Ich vermute mal im Alten Testament. Und doch wusste Homer schon, und er ließ uns das wissen, durch Odysseus, dass der Mensch sogar die Götter zu überlisten vermag. Woher also dieser Fatalismus, bzw. Nihilismus, dieser Glaube an eines Gottes Gnadentum, genannt: Schicksal? Es ist dies das Produkt einer mit dem Christentum umformulierten Antike, die dann vor allem im feudalen europäischen Mittelalter fröhlich Urständ feierte. Und dies eigentlich bis wiederum zu den ersten europäischen Revolutionen, der in England, in Frankreich, ja selbst jener halben in Deutschlands und Böhmens 1848. Schon die Puritaner unter Cromwell, dann aber die „Guillotineisten“ von den Jakobinern der Französischen Revolution, waren gewillt der Welt zu zeigen, dass man – um des Gottes Gnadentum abzuschaffen – nur einen Henker für braucht. Nachdem auf diese Weise die Revolution zuletzt dann auch ihre „eigenen Kinder aufgefressen“ (Leonhard) hat, die Bolschewisten waren diesbezüglich also nicht die Erfinder, kommt dieser totgeglaubte Nihilismus – und diesmal offenbar als Zombie – wieder zum Vorschein.
Das Land braucht ein paar (kluge) Köpfe. Es wird doch Zeit für eine neue Revolution!

Nach der Revolution ist vor der Revolution
@Tiger: So war das nicht ganz gemeint: einige (kluge) Köpfe müssen wohl (auch) rollen, auch im Zusammenhang mit dem nun wieder aufgekommenen Fatalismus, bzw. Nihilismus, aber eben nicht nur deshalb, denn: siehe unten!
@auch-einer: Keine Revolution, eine Konterrevolution war das, die Vollendung der zuvor schon vollzogenen. – Oder wie Marx sich ausdrückte: auf eine halbe Revolution folgt immer eine ganze Konterrevolution.
@HansMeier555: Nicht die Revolutionen sind es, die die Geschichte machen, jedenfalls nicht in jenem romantisch-naiv zu verstehenden Sinne, sondern die Bedingungen, die jeweils zur Revolution führen. Wie fies also eine Zeit nach der Revolution wird, wäre dann die Bedingung für die nächste. Dafür bedarf es nämlich der Revolutionen. Nach der Revolution ist somit immer vor der Revolution. Ich sagte es ja schon: wenn Trotzki das so gemeint hätte, wäre er im Recht gewesen (siehe auch: Also zwei Schritte zurück).

Das größte Lügenkartell aller Zeiten
Weil es bisher noch nicht erwähnt wurde, in dieser klugen Gesellschaft: Aber das größte Lügenkartell der alten Welt war wohl das Orakel von Delphi. Danach folgte das des Vatikans, welches sich dann nach dem 2. Weltkrieg in jenes Superkartell auflöste, was man auch mit den Worten „ Es lügt nach allen Seiten“ (vgl. Tim Weiners „Er log nach allen Seiten“, womit er wohl „Richard Bisell“ den Leiter der Abt. Geheimoperationen unter Eisenhower und Vize Nixon meinte, was dann aber auch auf alle CIA-Chefs, wie im übrigen auch US-Präsidenten, zutraf, aus: „CIA“, S. 216), betiteln könnte (siehe auch: „Die Präsidenten der USA als politisch Hauptverantwortliche und Hintermänner“).
Jenes Kartell wäre dann wohl auch das größte Lügenkartell aller Zeiten, nämlich das aus „CIA, Vatikan und CNN“ („Was dem Manne sein Orakel“), was im Übrigen auch aus Tim Weiners Buch indirekt hervorgeht, nämlich im Zusammenhang mit den Aktivitäten des CIA in Italien nach dem 2. Weltkrieg, wo Gelder aus dem Marshallplan abgezweigt wurden, um in Italien eine kommunistische – und zwar legale – Machtergreifung zu verhindern. Diese Gelder flossen sowohl an den Vatikan und seine Christdemokratische Partei – und damit auch an die Mafia -, als auch an alte wie neue Faschisten, in- und außerhalb des Staatsapparates. Und was die Rolle des CNN angeht, braucht man ja nur auf die eingebettete Berichterstattung aus dem Irak-Krieg zu verweisen.
Angesichts solcher Ausmaße des Lügens, kommt es mir mehr als merkwürdig vor, wenn es immer noch Leute gibt, das das Lügen quasi als Kulturerrungenschaft zu verherrlichen suchen.
„Lügen“ scheint in der Biologie allerdings eine Rolle zu spielen, aber abgesehen davon, dass es sich dann um harmlose Lügen handelt, und diese wohl als Ausdruck einer gewissen Intelligenz gelten dürfen, wäre das dann ein anderes Thema.

Es darf weiter gewitzelt werden
@Filou/Merle und womöglich noch folgende Witzbolde:
Ich zitiere bzgl. Tim Weiners „CIA“ – und dieses Buch ist meine Hauptquelle – Bernd Greiner von „Die Zeit“:
„Nach 20 Jahren Puzzlearbeit und gestützt auf eine Fülle erst in jüngster Zeit freigegebner Dukumente, hat der Journalist Tim Weiner jetzt eine Maßstäbe setzende Studie vorgelegt.“
Und die Los Angeles Times betitelt ihre Stellungnahme mit „Von strahlender Beweiskraft“, und weiter: „Seit 60 Jahren manipuliert die CIA die Weltpolitik – und dies mit unfasslicher Inkompetenz und Naivität. Was der zweifache Pulitzer-Preisträger Tim Weiner in über 20 Jahren Recherche zusammen getragen hat, ist spektakulär und geht weit über alle bisherigen Veröffentlichungen zur CIA hinaus. Er deckt dabei die bisher unbekannten wahren Hintergründe vieler großer historischer Ereignisse auf, erstmals wird die gesamte Geschichte der CIA kenntnisreich und lückenlos dokumentiert. Ein Buch packender als ein Thriller.“ (Buchumschlag – Rückseite, Fischerverlag)
Es darf weiter gewitzelt werden

Mittelfrisch?
@Merle: „Lückenlos“, nun ja, daran können Sie sich jetzt hochziehen, aber mal davon abgesehen, dass das die vielleicht doch zu etwas optimistische Meinung anderer über das Buch ist, denn man kann natürlich niemals Lückenloses über einen Geheimdienst wissen, kann man das auch positiv so verstehen, dass die wichtigsten Aktivitäten, und diesmal in aller Regel aus erster Hand“ (damit hätten Sie jetzt einen neuen Aufhänger – was ist schon die erste Hand?) dokumentiert sind. Sie weichen im Übrigen nicht wesentlich, von dem von mir auch genannten Link zu: „Die Präsidenten der USA als politisch Hauptverantwortliche und Hintermänner“ ab, glänzen aber durch Aktualität.

@Filou: Über mich kann man lachen, ich bin mir nicht so wichtig, das ist also nicht das Problem, aber das Thema ist mir zu wichtig, um es unkommentiert derart durch den Kakao gezogen zu sehen.
Tim Weiners „CIA“ ist nicht „mittelfrisch“ und definitiv nicht vergleichbar mit irgendwelchen „verschwörungstheoretischen“ Schmökern, im Stile über „die Templer“, „die Freimaurer“, oder ganz anderer offensichtlich antisemitisch konnotierte Hetzliteratur, sondern 2007 herausgegeben.

Über welches „Hintergrundwissen“ sie auch verfügen mögen, aber „dieses Buch sollte jeder lesen, der die Außenpolitik der USA begreifen will: Amerikafreunde und Amerikafeinde.“ (Alan Posener, Welt am Sonntag – sicherlich kein politischer Freund von mir – Buchumschlag Innenseite).

Zum KGB kenne ich keine spezielle Literatur, die damit vergleichbar wäre (Tim Weiner geht auf diesen natürlich auch ein, aber nur indirekt, indem er den CIA diesem gegenüber als im Prinzip völlig unterlegen darstellt – bis auf das Geld, über das der CIA nahezu unbegrenzt verfügte); ich vermute auch, dass es solche gar nicht geben kann, denn der KGB war besser abgeschottet als der CIA, bzw. die, die es wagten, solches zu veröffentlichen, dürften nicht mehr leben.

Keine Familien-Juwelen – Primärquellen
@Teutobrecht: Die „family jewels“ werden bei Tim Weiner als Quelle nicht genannt. Dagegen eine ziemlich umfassende Liste von Primärquellen, wie div. Akten des CIA, Veröffentlichungen etlicher Präsidenten und Dokumente von Senatsausschüssen, und auch des FBI. Bezüglich des CIA beziehe ich mich auf ein Buch, der genannte Link gehört zu einer Website – und dort werden vor allem Historiker genannt. Wie gesagt, ich empfehle die Lektüre des Buches.

faz.net/blogs/stuetzen/archive/2009/12/27/hilfreiche-sekundaeruntugenden-ii-mit-anstand-luegen

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  • Von 1000 Jahre – als wäre nichts geschehen am 3. Februar 2011 um 20:06 Uhr veröffentlicht

    […] Jahre – als wäre nichts geschehen Hölderlin und Hafiz passen vielleicht zusammen – Hafiz („Hafiz – die Homoerotik – der Nihilismus“, […]

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