Über den Egoismus eines Günter Schabowski

Über den Egoismus eines Günter Schabowski

Oder auch: Den Wartburg für die einen, den Volvo für die anderen!

Zu dem Interview mit Günter Schabowski unter dem Titel: „Wir wollten uns mit dem Westen arrangieren“ (zeit.de/politik/deutschland/2009-11/interview-schabowski-abrechnung)

„Der Mensch ist nicht in der Lage, seine Egoismen auszuschalten, und deshalb ist Sozialismus immer ein falscher Versuch.“
Diesen Satz muss man sich auf der Zunge zergehen lassen, und solch Geschwafel hört man nun von einem, der vorgibt am sozialistischen Experiment „gekostet“ zu haben. Gekostet ja, aber da muss er das Menü wohl bei verdorben haben. Was hat dieser Mensch für Verdauungsfermente auf der Zunge?
Einen solchen Renegaten gibt es in der Geschichte gar zu selten, um demonstrieren zu können, was hier eigentlich gescheitert ist, nämlich nicht der Sozialismus, sondern eine ganz ordinäre Form der Klassengesellschaft. Da werden nun seit Jahrhunderten Diskussionen geführt, über den Menschen, der da vorgeblich so egoistisch sei, dass er zu keiner gesellschaftlich fortschrittlichen Tat befähigt. Die einen meinen das tatsächlich biologisch, manche gehen da womöglich bis auf den ersten Einzeller zurück, die anderen kulturell. Mit letzteren kann man streiten, wo das seinen Anfang nahm, und ob es zurück zu fahren geht. Nicht auf den Punkt 0, aber doch wenigstens auf 1 nach 0, zum Beispiel. – Lenin nannte das „Ein Schritt vor, zwei Schritte zurück.“
Und die Abschaffung der Klassengesellschaft, die ja nicht mal ein Projekt altruistischer Bestrebungen ist, sondern laut Marx das vorläufige Ergebnis der letzten Klassengesellschaft selbst, wäre da so ein Schritt hin zu 1 nach 0. Nicht in dem Sinne, dass wir zur Steinzeit zurück wollten/müssten, aber wenn wir über die Abschaffung von Klassengesellschaften reden, müssen wir auch diskutieren, was seit dem mit diesen Klassengesellschaften alles schief gelaufen ist, und was somit mit jenem so bemühten „Egoismus“ auf sich hat. Klassengesellschaft und Egoismus gehören zusammen, nicht Mensch und Egoismus. Und solange es diese Klassengesellschaft gibt, wird es auch Leute geben, die sich nicht vorstellen können, dass der Egoismus abzuschaffen sei. Dabei wollen wir das vorerst gar nicht, den Egoismus abschaffen!
Diese Leute, stellen die Lösung des Problems nämlich in einen falschen Kontext. Sie glauben, man müsste das irgendwie ethisch angehen, etwa so wie die Kirchen das versuchen. Sie begreifen dabei nicht, dass auch die Ethik aus dem Egoismus kommt. Sie ist sozusagen deren Verfasstheit, deren Gegenstück innerhalb ein und desselben Problems, ein und derselben Entwicklungslinie, ihr aufgesetztes Drama auf dem eigentlichen. Marx nannte das Mangelgesellschaft, Mangelverwaltung, Mangel schlechthin, bzw. die Herrschaft der Notwendigkeit. Und wenn die DDR keine Mangelgesellschaft war, dann weiß ich nicht, was der Begriff sonst bedeuten soll.
Es herrscht Not, daher die Notwendigkeit, daher die Ausbeutung, dann der Egoismus und zuletzt eine Ethik, die das einzugrenzen wünscht, damit Gesellschaft überhaupt möglich ist, auf einer solchen Grundlage. Die Not kommt zum Teil aus der bisherigen Rückständigkeit der Produktivkräfte, die wiederum zur Klassengesellschaft führt. Nun auch das trifft für die DDR uneingeschränkt zu. Nun ist es diese Klassengesellschaft (in der DDR die von Bonzen und Massen), die die weitere Rückständigkeit bedingt. Einer jenen, die Entwicklung nur zu Lasten des Fortschritts ermöglicht. Denn Fortschritt wäre die Abschaffung dieser Klassengesellschaft, jenes DDR-Pseudosozialismus‘, zum Beispiel. Also mogelt man sich an dieser Aufgabe vorbei und schafft einen „Kristallpalast“ für die einen – für die Bonzen – und die Müllberge außen vor, für die anderen. Perfider weise mauert man die auf den Müllbergen auch noch ein, damit sie diesen nicht entfliehen. Innerhalb des Kristallpalastes, ja sogar auf den Müllbergen selbst, gibt es dann wiederum Fortschritt. Manche nennen das den „Grünen Punkt“, den Fortschritt auf den Müllbergen, und wieder andere „soziale Marktwirtschaft“, was es da schafft solche Märkte derart zu teilen. In der DDR nannte man das „Intershops“ für die einen und „Konsum“ für die anderen.
Aber ohne diese Teilung würde er nicht funktionieren, dieser wie jener Markt. Das Versprechen auf Wohlstand – für alle – ist sozusagen ihre innere Triebfeder, aber nicht wirklich realisierbar. Es ist die Bedingung für jenes Hamsterrad, aus dem wir, solange wir daran glauben, nicht aussteigen können. In der DDR musste man sich Devisen besorgen, um in die Intershops zu gelangen. Im Westen muss man 1, 2,3 Jobs haben, um wenigstens am kleinen „Konsum“ Teil haben zu können.
Die Leute auf den Müllbergen sind natürlich auch Egoisten, sie kämpfen gar um die besten Plätze dort. Die Absurdität eines solchen Bemühens wird ihnen u. U. erst dann bewusst, wenn sie nichts mehr zu verlieren haben, als ihre Ketten, jene unsichtbaren, die ihren Müllberg mit den Kristallpalästen verbindet. Dann wird der Egoismus zu Kampfesrufe, die dann lauten können: Nieder mit den Herren, Krieg den Palästen! Brot für die Massen, nicht Müllberge! Raus aus der DDR! Reisefreiheit!
Der Egoismus wird erst dann fällig, wenn keiner mehr weiß, was das überhaupt war, wenn die Notwendigkeit obsolet geworden sein wird, und der Mensch endlich das geworden ist, was er ist, ein soziales Wesen, nicht ein egoistisches, kein Müllwesen mehr, und wenn die Freiheit nicht mehr nur der Einsicht in die Notwendigkeit dient, dass man immer wieder diese Müllberge beseitigen muss. Bis dahin, lassen wir den Menschen den Egoismus, denn ein solcher ist hin und wieder auch ganz nützlich, nämlich dann, wenn es darum geht, solche Schmeichler wie Schabowski und Co. (worin unterscheidet er sich eigentlich von Krenz?) als solche zu erkennen, deren feigen Opportunismus, deren Schlangennatur, deren Dreistigkeit den Müllbewohnern Egoismus zu bescheinigen. Las ich da nicht erst kürzlich von einem anderen aus der ehemaligen DDR-Schickeria, dass man wohl von Schabowski den Wartburg als teures Markenprodukt angepriesen bekam, und damit auch den Preis, aber selber mit dem Volvo durch die Gegend gefahren sei. Ist das nun der Egoismus, von dem er redet?

zeit.de/user/devin08/beitrag/2009/11/09/über-den-egoismus-eines-günter-schabowski

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3 Trackbacks

  • Von Abschottung aus Angst am 22. November 2009 um 00:21 Uhr veröffentlicht

    […] sondern höchst wechselvoll, ein Schritt vor und manchmal wieder zwei Schritte zurück, wie Lenin schon feststellte. Und offensichtlich war auch diese „Kulturrevolution“ als eine solche schon […]

  • Von Ein Plädoyer für den Sozialismus am 23. Dezember 2009 um 18:02 Uhr veröffentlicht

    […] nämlich dass der Mensch von „Natur aus egoistisch sei” (vgl. „Die Zeit“ , oder „Herolds Weblog“,„Über den Egoismus eines Günter Schabowski“). Nur Pseudomarxisten behaupten, dass die Wirtschaft des Sozialismus „besser funktioniere als die […]

  • Von Die Mitverantwortung des Westens für das Selbstbild der DDR am 6. November 2010 um 19:31 Uhr veröffentlicht

    […] auch das Gesicht beider deutscher Staaten. Im Westen spielte man das Unschuldslamm, im Osten das ewige Opfer. Eine kritisch-selbstkritische Aufarbeitung wurde damit fast unmöglich. Der Bau eines […]

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