Sklave!

Sklave!
Falsche Kleidung und noch am falschen Ort, ärgerlich und oft zu beobachten, besonders bei Lokalpolitikern. Und doch ist das gerade der Beleg dafür, dass die Gesellschaft nicht „refeudalisiert“ (HansMeier555). Es sieht so aus, Stichwort: Finanzaristokratie (Klasse in der Klasse), und doch das wesentliche hierfür fehlt: die persönliche, ganz konkrete Bindung an den Feudalherren. Ganz im Gegenteil: die Herren schweben ab, werden gar ganz virtuell, beziehen ihren Zehnten nur über das ‚Kapital’, über das sie verfügen, im ausreichenden Maße, versteht sich. Würde sie nur feudalisieren, sie wäre leichter zu stürzen, so verpuppt sie sich nur ständig neu, der Revolution immer eine Nasenlänge voraus. Das einmal begriffen zu haben, könnte vielleicht mal dazu verhelfen, die Revolution, die Theorie der Revolution, so zu bearbeiten, dass sie den Geschehnissen, dem Kapital, einmal wenigsten zwei Nasenlängen voraus wäre. Das wiederum aber setzt voraus, dass wir unseren eigenen Dünkel – den wenigstens – mal erkennen, und wenn möglich ablegen. Denn dann erst können wir über unsere eigene Nase hinaus schauen. Journalisten oder nicht, schlecht gekleidete Leute, die so tun, als ob, als ob sie dazu gehörten, sind doch das Problem, nicht die, die es nicht haben – nicht das Geld, nicht den Habitus, nicht die Kultur oder das Wissen. Also wenn, wenn es doch passiert, und die Gesellschaft feudalisiere, wo stehe ich persönlich? Bin ich Feudalherr oder Sklave/Leibeigener? – Sklave! Wer stellt sich neben mich?

Wir drehen uns nicht im Kreise
@HansMeier555. „Es geht darum, die Entfremdung von 250 Jahren Industrialierungsgeschichte wieder ein bißchen rückgängig zu machen.“ Das ist ja genau der Gedanke, der so falsch, ja so reaktionär ist. Nichts geht wieder rückgängig zu machen. Die Geschichte geht nach vorne, und sei es in die Barbarei. Denn auch diese wird nicht vergleichbar. Keine Rebarbarisierung so wenig wie eine Refeudalisierung. Wir bewegen uns nicht im Kreise, selbst wenn es so scheint. Positiv gesprochen, wäre die Entfremdung eine wichtige Durchgangsstation, ohne die die Magie der letzten 10000 Jahre nicht aufzuheben gewesen wäre, das Reich der Notwendigkeit so wenig zu überwinden ist wie die Klassengesellschaft überhaupt, ja das Patriarchat mit seiner Logik von der Länge ihrer „Schwänze“ (verstößt das gegen eine Etikette?). Das völlig isolierte Selbst wird entweder wahnsinnig, frei oder rottet sich aus. Die Gesellschaftlichkeit reibt sich an der Isoliertheit (entfremdet sich) oder sie wird nie eine sein – Gesellschaftlichkeit. Ein Mangel an etwas hat keinen Wert – keinen an sich jedenfalls, keinen positiven. Der Mangel kann nur den Wert hervorkehren – als Negation. Nur dieser Wert bedeutet nicht die Rolle rückwärts, sondern eben vorwärts. Gesellschaftlichkeit ohne Isoliertheit ist keine Gesellschaftlichkeit, ist nur primitive Identität. Durch die Höllen hindurch liegt das Paradies. – Eine wahrlich nicht mehr göttliche Komödie, und es müssen keine neun sein. Auch Dante muss heute komprimierter gedacht werden. Das Kapital ist nicht nur eine definitiv abstrakte sondern in diesem Sinne auch eine höchst befreiende Bewegung, wenn auch mit erheblichen Risiken behaftet. Negativ gesprochen ist die Moderne womöglich die Vorstufe zur Barbarei. Nihilismus statt Sozialismus. Das ist das Risiko. Aber auch das ist Fortschritt.

Nicht sinnlich mehr, daher nicht für übersinnliches zu gebrauchen
@Don Alphonso: Die Schurken wurden nicht weniger, aber desto allgemeiner. Die Hölle kann kleiner werden. Vielleicht gar genügt ihr ein virtueller Raum. Das Thomasische Plenum hingegen bläht sich zunehmend auf. Sind wir nicht alle Engel, wenn auch zumeist gefallene? Und doch muss das Paradies nicht achtfach sein, wie in jenem isfahanischen Garten (adliger Lüste mit acht Prinzessinnen, siehe „hasht behesht“, auf deutsch in etwa: „Acht Paradies“ für einen iranischen Herrscher), es genügt sich ebenso als virtueller Ort! – vielleicht gar hier im Netz? Man lebt nicht mehr in der Hoffnung auf ein jenes, noch weniger als man dafür kämpft, man wähnt sich nur in der Nachbarschaft all der solchermaßen selig Begüterten. Wir reden über die Dinge, die uns beschert sind, als wären wir Kinder, die nicht wahrnehmen, dass sie es sind, die all dies und jenes anstellen, die all das betrifft, bzw. eben gar nicht. Wir fühlen uns nicht betroffen, nur betreten, ob der Unfähigkeit die Dinge noch zu begreifen, anzugreifen.
Die Hölle juckt nicht, das Paradies lockt nicht. So verbleiben wir in der Wartestellung, im irdischen Fegefeuer. Wir verausgaben uns in wenigen Augenblicken und langweilen uns für den Rest unserer Tage. So ist es das Fegefeuer, das solchermaßen unermesslich geworden, und somit die eigentliche Destination unserer Tragik ist. Das wäre die Komprimierung eines Dante, denn ein Himmlisches wäre keine Komödie, noch Tragödie, ein wirklich unfassbarer Ort, nicht mal mehr die Begrenzung für unseren Horizont, nur der Vorhang hinter all diesen Schauplätzen für unsere kurzen Events. Eintagsfliegen schaffen keine Werke mehr, können nicht für ein Werk stehen, ihre Visionen überdauern keinen Tag, sind nicht geschaffen für die Überhöhung ihres ach so tragisch-bedeutungslosen Lebens; sie sind am Ende nur noch Gemachtes – Machwerk, gar eingebildetes. Hat es sie wirklich gegeben?
Nicht sinnlich mehr, daher auch nicht mehr für übersinnliches zu gebrauchen, so könnte man ein solch dantesches Fegefeuer unter betiteln.

Ein Tegernsee überall
@Don Alphonso: Also wenn überhaupt, dann war das jetzt interreligiös (vielleicht aber auch transreligiös, ein Katholik hätte da sein Problem mit), also etwas wofür man hier in Hessen vielleicht gar einen Preis bekommen könnte, wenn ich nicht ein solch eingeschriebener Atheist wäre (in Bayern ist man nur Katholik, solange man nicht Atheist ist), der vor dem Kreuz nicht all zu viel Respekt hat, es sei denn, es wäre das eigene, das immer wieder schmerzende.
Grüße und bestelle deinen Garten recht schön, ich bestelle den Garten Eden schon mal (keine Sorge, ich wechsle nicht meine Überzeugung, aber den gab es übrigens wirklich, im heutigen iranischen Aserbeidschan, und der Moloch Täbriz furzt auf diesen, welch eine Schande). Noch heute kommen die besten iranischen Früchte von dort. Die haben dort ein Klima wie in jenen Regionen Chiles (Valle central), wo zum Beispiel die Superweinlage Maipo wäre. – Immer leicht feuchte und warme maritime Westwinde, aber wegen des Hochlandes trocken genug, sodass keine Fäulnis oder gar Pilze entstehen können und geschützt von den östlichen kalten bzw., trockenen Winden durch einen – dieses Paradies umschließenden – Gebirgsgürtel. Diesen Garten verlassen haben die Menschen vermutlich, nachdem sie ihn durch Übervölkerung zerstört hatten, und/oder weil es nicht mehr genug Platz für alle gab. In der Erinnerung also ein verlorenes Paradies. Wir könnten Paradiese dieser Art heute wieder haben, für alle, denn die technischen Mittel sind da. Was stört, sind die Klasseninteressen zum Beispiel jener Leute, die einen Tegernsee als exklusive Region für sich zu erhalten wünschen, und dafür gerne die übrige Welt zerstören (lassen). Keine Sorge, das richtet sich nicht gegen dich, aber gegen so etliche, die dort leben.

Nachtrag:
@Don Alphonso: Noch ein Beispiel, wie man den „Garten“ beschreiben kann: „Der Garten ist ein Ort des Exils, der Flucht, er ist völlig zeitlos. Fast wie ein Garten Eden – ein Ort von Unschuld und Erkenntnis.“ (aus: Ein Gespräch mit Shirin Neshat – Wir sind ein Volk -, 10.09.09).

faz.net/blogs/stuetzen/archive/2009/09/06/die-kanten-der-besseren-kreise

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2 Trackbacks

  • Von Den Garten Eden für alle! am 16. September 2009 um 20:17 Uhr veröffentlicht

    […] Ausschluss ehemaliger Ausbeuter und sonstiger „gefallener Engel“ (Sozialismus). So wie in: „Ein Tegernsee überall“, bzw. faz.net/blogs @HansMeier555: „Feudalismus oder Barbarbei“? Sie kommen langsam zum […]

  • Von Die, die den Zombie zum Fetisch gemacht hat am 24. September 2010 um 23:03 Uhr veröffentlicht

    […] späteren, aber schon deutlich verworreneren, in der Liebeslyrik verhangenen, vielleicht einem Dante gegen gesetzt, der da die Hölle als göttliche Komödie erkannt hatte. Dann kamen Hegel , Marx, […]

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