Zwei sich prügelnde Huren

Zwei sich prügelnde Huren
Ich stelle mir gerade vor, was aus dem guten Schumpeter geworden wäre, wenn seine Frau Mama nicht „eine gute Partie“ gemacht hätte!? Eine Art Felix Krull vielleicht, so ganz ohne Chance auf wissenschaftliche Karriere? Oder setzen sich die Guten immer durch, soll das die Lehre sein? Aber vielleicht erklärt diese Biografie dann doch auch, warum er im Kapitalismus partout das Positive sehen wollte! Hat nicht auch erst kürzlich unser „linker“ Medienstar Gysi gemeint, dass der Kapitalismus „recht produktive Seiten“ hätte, und die „müsse man auch als Linker zu erhalten suchen“ (in irgendeiner Talk Show). Was dieser Gysi (und natürlich auch Schumpeter, mit dessen „wohlfeilen seidene Strümpfe“ für das „Fabrikmädchen“, das sich deshalb aber noch lange kein wohlfeiles Brot leisten kann) nicht sagt, auf wessen Kosten genau diese Produktivität geht. Es ist genau jene, die mit der Armut bezahlt wird, der Armut der Massen, Millionenmassen, und wie wir jetzt auch wissen: auf Kosten der Umwelt, das heißt unserer Lebensgrundlagen. Das wird für uns hier, im Land des ständig gesteigerten Bruttosozialprodukts, nicht immer so deutlich, wenn da nicht diese Krisen wären. Die zeigen, dass wir alle auf demselben Planeten leben, und vom selben Kapital ausgebeutet werden. Dass Schumpeter am Ende dann doch zu Marx zurück gekehrt ist/sei, ehrt ihn, aber das sagt nicht aus, dass er ihn je verstanden hätte.
Genau das, was am Kapital so glänzt – und was Schumpeter so beeindruckt zu haben scheint -, ist nur die Vorderseite der Medaille. Es wird nämlich stets nur die eine Seite poliert.
Und zu Fitzgeralds Intelligenztest: Das Kapital und der Sozialismus schließen sich aus, obwohl das Kapital für beides verantwortlich ist. Der Kapitalismus ist die negative Seite des Sozialismus (oder umgekehrt, wenn man so will), auf diese Weise sind beide Gesellschaften verknüpft. Sie liegen sich in den Armen, manchmal gar wie ein Liebespaar, am Ende aber doch wie zwei sich prügelnde Huren. Es ist, so scheint es, derselbe Zuhälter, um den es geht, nur, die eine liebt ihn, die andere hat ihn durchschaut.
Und wer mag sich da so schnell entscheiden? Es tun einem schließlich alle Huren leid (bzw. eben auch nicht!).

„Produktionsmittel Geld“?
@Hacedeca: Auch wenn ich Ihre Beiträge in aller Regel schätze, aber hier sind Sie doch wohl übers Ziel hinaus geschossen. Marx hat völlig zu Recht Geld als „allgemeines Äquivalent“ analysiert und kategorisiert. Inwieweit da eine Tendenz zum Produktionsmittel „Geld“ übersehen worden sei, entzieht sich meiner bescheidenen ökonomischen Kenntnis. Sie nehmen da die finanzeigene Propaganda doch all zu wörtlich. Wir reden wohl von der „Finanzindustrie“, aber wir meinen die „Abzocke“ der Realindustrie. Zinsen, und diese gehören nun mal zu den Hauptgeschäften der Banken, sind Teil des Mehrwerts – so Marx, nicht eigenständige Mehrwertquelle. Wenn man Geldgeschäfte verteuert, verteuert man letztlich wieder nur die Produktions- und Dienstleistungssphäre, also dort wo die Produktionsmittel „beheimatet“ sind! Das einzige was bei raus käme, wäre, dass der Staat, in dem er die Steuern hierfür kassiert, zum Teilhaber an diesem Zinsgeschäft werden würde. Nun gut, das wäre zu überlegen, hätte aber nichts mit Ihrem „Gerechtigkeitsansatz“ zu tun.

Herrn Dührings, äh Herrn Kalupners, umwerfende Wissenschaft
@kalupner: „…d.h. für eine friedliche, machtsystem-minimierende und nachhaltig sich entwickelnde Industriegesellschaft, in der alle Menschen ihre Fähigkeiten allseits entwickeln können“.
Genau solches wäre nach Marx nicht „rund“, sondern vielleicht einfach nur eine Art „Kathedersozialismus“, soweit Sie hier von den Möglichkeiten innerhalb einer kapitalistischen Gesellschaft reden. Was aber die Versuche belangen, physikalische Gesetze (oder solche, die man dafür hält!) mechanisch auf die soziale Wirklichkeit umzubrechen, da hätten Marx oder Engels Sie wahrscheinlich mit einem Herrn Dühring verglichen, und dessen umwerfenden Versuche bzgl. der Wissenschaft. Für solche Art von Scharlatanerie hätten Marx nur Hohn und Spott übrig gehabt.
Im Übrigen: Das Problem ist nicht, dass Sie womöglich unerkannt richtiges sagen – wer sagt das nicht? -, sondern, dass Sie soviel Kauderwelschen, dass selbst der Augenstärkste Ihr Korn nicht findet.
Es ist nicht nur die sektiererische Form allein, in der Sie Ihre Vorträge packen (in die Methode der schematischen Wiederholung, wie eine Art Gebetslitanei), sondern auch weitgehend der Inhalt.
Sie verwechseln den „Geniepunkt“ mit Genies. Kann es sein, dass das Genie über eine etwas schwache Semantik verfügt. Sie wissen ja, viele wissenschaftliche Probleme sind oft nur semantische Probleme. Heidegger wollte da einen Durchbruch erzielen. Versuchen Sie es mal von der Seite aus. Oder kann es sein, dass Sie ein wenig größenwahnsinnig sind, da Sie wie ein Prophet reden, und auf all diese Ratschläge nur mit Unverständnis reagieren? Außerdem ist es schlichtweg falsch, soziale Prozesse auf gleiche Weise reduzieren zu wollen, wie das in der Naturwissenschaft u.U. möglich ist, aber auch dort mit nur bescheidenen Ergebnissen, wie wir inzwischen doch wissen. Außerdem ist die menschliche Gesellschaft kein einfacher mechanisch wirkender Prozess. Davon träumt vielleicht nur noch ein gewisser Zweig innerhalb der Kybernetik.
Hinzu kommt, bzw. hieraus folgt, dass Ihr Klassenstandpunkt ein falscher ist, denn so verfallen Sie den Phrasen gewisser „Größen“ in Politik und Wirtschaft.
Kann es sein, dass Sie ein kleines, ein glitzekleines Statusproblem haben?
Messen Sie sich nicht an diesen Leuten, die sind allemal größer, allein deshalb, weil sie die Macht haben, es zu sein!

Okkupationsmethode
@Earloffunk, u.a.: Niemand hat hier Herrn Kalupner rund weg abgelehnt, ich zum Beispiel auch nicht, sondern ich habe lediglich meine Ablehnung gegen seine Gebetsmühle und gegen gewisse Inhalte vorgebracht. Ganz am Anfang in diesem Blog habe ich sogar mal zu erkennen gegeben, dass er mich interessiert. Ansonsten: „Selbst der Augenstärkste findet nicht Ihr Korn“, will doch wohl heißen, dass ich zumindest noch auf der Suche bin, meine Augen mögen ja nicht die stärksten sein. Was sein Umgang mit Marx angeht, und nur darum geht es mir, weise ich zurück, über diesen „hinaus gehen zu wollen“, wo er ihn doch von Grund auf ablehnt. Über ihn hinaus gehen, das sollte man wirklich, er tritt ihm aber unter die Beine.
Da sollte er sich nicht hinter verstecken, dann wird auch nicht mit Marx gegen ihn argumentiert. Ich für meinen Fall argumentiere nicht ausschließlich mit oder durch Marx, aber natürlich beziehe ich mich gelegentlich auf ihn; meine Argumente sind aber ansonsten sehr authentisch und frei formuliert. Ich denke, wenn man sich auf Schumpeter beruft, oder Mises oder wegen mir auch auf Kalupner, darf man sich auch auf Marx berufen, wenn einem dessen Argumente, als die besseren erscheinen.
Was mir auch aufgefallen ist, ist seine Okkupationsmethode. Wenn es ihm passt, okkupiert er, je nach Gusto, die hier gefallenen Argumente und baut sie mehr oder weniger geschickt in seinen Evolutionslogismus ein. So findet er nicht nur immer mehr Anhänger, die noch gar nichts von ihrem Glück ahnen, sondern so ist auch ganz plötzlich ein Herr Kalupner ein Revolutionär geworden, der sich auf revolutionäre Weise gegen das Kapital wendet, wo wir doch längst wissen, welche Figuren seine Vorbilder sind: Putin, Merkel…
Das ist im höchsten Maße unseriös um nicht zu sagen ekklektisch. Er sollte bei seinen Argumenten bleiben (ja das sollte er!) und offen gegen die anderen antreten, und er sollte, wenn er mich fragt, von seinem sektiererischen Repetierstil abweichen und den Leuten die Möglichkeit geben, auf authentische und frei gesprochene Argumente einzugehen (wir sind doch hier keine wissenschaftliche Ingroup oder esoterische Sekte!), dann findet er sicherlich nicht nur Gehör, sondern vielleicht auch das eine oder andere Korn – bei sich, wie bei den anderen.

Den Punkt des „No Return“ nicht verpassen!
@pjk: Ihr Beitrag ist wirklich anregend. Ich muss Ihnen wohl nicht bestätigen, dass das genau die Fragen sind, die mich beschäftigen, seit ich Jeremy Rifkin, „Das biotechnische Zeitalter“ (ich empfehle das Buch sehr), u.A., gelesen habe. Und natürlich treffen Sie mit Ihre Behauptung, dass „Eine Privatisierung des Gesundheitswesens (…) also gerade das Gegenteil dessen (ist), was die Kapitalverwertungsinteressen dieser neuen Sektoren erfordern“, den neuralgischen Punkt. Genau dies ist einer der objektiven Gründe für die, dem Kapital innewohnende, Tendenz zum Sozialismus (nicht linear, sondern im sehr konfliktreichen Klassenkampf, wie Sie richtig erkennen, daher ja auch die Tendenz zur Barbarei). Genau genommen schafft das Kapital auf jeder Stufe seiner Entwicklung, nicht nur die Vorraussetzungen seiner Weiterexistenz neu, sondern schafft sich auch so neue Probleme, und es verheddert sich somit nicht nur immer tiefer in seinen Aporien, sondern zugleich auch wieder in den damit geschaffenen Voraussetzungen seines Untergangs – jedes Mal neu (!).
In diesem Punkt hatte Nietzsche recht, die Immer-Wiederkehr-des Gleichen findet aber nur innerhalb gewisser Grenzen statt. Diese Grenze ist aber nicht absolut gesetzt, weder in objektiver noch subjektiver Hinsicht, sondern jedes Mal relativ. Es gibt sowenig eine „innere Schranke“ (Robert Kurz), noch einen Punkt, wo es dem Proletariat zu viel wird (leider, erkennen wir uns selbst! – wann wird es uns zu viel?). Sie wächst mit, wie unser Horizont, wie das Weltall vielleicht gar, und das ist die Schwierigkeit. Aber sie wächst in einem sich ständig verändernden Kontext internationaler (transnationaler) wie „nationaler“ Verflechtungen und eben im Klassenkampfkontext. Kommt es zum Aufstand, zur Revolution, dann eben als das „Reißen des schwächsten Kettengliedes“, wie Lenin schon feststellte. Darin sind neben Momenten des Zufalls auch die des politischen Geschicks der Führung solcher Kämpfe enthalten, nichts darin ist absolut gesetzmäßig oder gar notwendig, oder begrenzt. Es sind schlicht die „Sternstunden der Menschheit“ (Stefan Zweig).
Richtig ist, dass das Kapital immer mehr Verwertungsschwierigkeiten zu überwinden hat, dabei bleibt es aber recht erfinderisch. – Bis hin zur Verwertung seiner selbst, als Subjekt. Und natürlich stimmt es, dass die Genforschung gar nicht mehr so viel Material benötigt, wie zu Anfang, und natürlich verschwindet der ganze widerliche Organhandel, beim Gehirn wird das aber eine Zeit lang noch recht hausbacken zugehen. Für mich stellt sich das Gehirn immer mehr als der ideale Gegenpol zum äußeren Kosmos dar. Das ist so neu nicht, aber ich meine das nicht im Sinne eines subjektiven Idealismus, wie ihn Novalis („In uns ist die Ewigkeit mit ihren Welten“) formuliert hat, obwohl dessen Tiefenschau mich sehr beeindruckt, das gebe ich als Materialist zu. Ich meine das im Sinne einer gegensätzlichen, eben dialektisch zu verstehenden Organisation der äußeren wie der inneren Welt. Die innere Welt kann gar nicht anders aufgebaut sein, als die äußere, aber sie muss dieser entgegen gesetzt sein, und sie ist vermutlich recht komplex (auch dies beherrscht vermutlich vom 2. Gesetz der Thermodynamik: Zunahme der Entropie), während die äußere Welt auf recht einfachen Prinzipien zu beruhen scheint (ein Kalupner hat da recht, nur er ignoriert die Entropiezunahme!). Der Grund dafür ist wiederum recht einfach. Ein System was ein anderes verstehen will, ist immer komplexer als das, was es zu verstehen gilt, denn es entwickelt sich ja nicht linear mit diesem, sozusagen in dessen Schlepptau, also vielleicht gar parallel zu dieser äußeren, von ihr betrachteten Welt, sondern dieser quasi retrospektiv entgegen gesetzt. Zizeks „Parallaxe“ trifft da eher ins Bild. Denn beide, auf einander zu laufenden „Parallelen“, eben Parallaxen, kreuzen sich, und da wo sie sich treffen – man bedenke, sie kommen von entgegen gesetzten Polen, kennen sich also zunächst nicht – dort herrscht großes Unverständnis, Lücken, da finden Sprünge, Bocksprünge auch, letztlich durch diese Krise bedingte Entwicklungsschübe statt (wie nach einer durchgestandenen Kinderkrankheit beim kindlichen Immunsystem). Und wir erkennen dies zunächst nicht, da wir dort einen blinden Fleck haben. Hier sind die Punkte, in der die „Ewigkeiten“ (Novalis) sich treffen. Und dort ist eigentlich das, was wirklich existiert, so Zizek. Dort könnte das sein, was Greene („Das elegante Universum“) mit der saloppen wie wenig logischen Gleichung R = 1/R veranschaulichen wollte. Ein Drama, denn das verweist darauf, dass es noch lange dauert, bis wir uns vom Reich der Notwendigkeit, dem Krisenreich, abgenabelt haben. Das Gehirn (nicht nur das des Menschen) macht nicht nur alle Entwicklungen nach – im Schnellverfahren (Millionen Jahre im Hirn gegen Milliarden im Kosmos) -, sondern möchte allen zukünftigen Entwicklungen vorauseilen, ja möchte bis in die Tiefe des Abgrundes der kosmischen Zeit, alle bisherigen Entwicklungen nachvollziehen, ja möchte zum Herrn, zum wahren Demiurgen eines Kosmos werden, der sich ihm als R = 1/R als Paradox darstellt. Logik und Dialektik sind wohl verwandt aber doch nicht identisch. Sie widersprechen sich gar.
Aber dieses „vorauseilen und nachvollziehen wollen“, dieser Kampf zwischen Logik und Dialektik, bewirkt nicht dies, was wir Selbsttäuschung (falsche Ideologie) bezüglich unserer „Ontologie“, unseres Seins, nennen, sondern bewirkt auch das, was wohl eines Marxens Hoffnung zugrunde liegt, bzgl. der Möglichkeit des Menschen sich eine „Welt der Freiheit“ zu erobern, eine solche also, die sich losgesagt hat, von der der Notwendigkeit. Logik geschlagen durch Dialektik, geschlagen durch Logik, und das so lange, bis der Sprung einsetzt. Ob dies gelingt oder nicht, ist gegenwärtig nicht von Bedeutung, das Streben allein ist wichtig.

Wenn ich Frank Schirrmacher zitiere: „Das Gehirn ist der Rohstoff der Zukunft“, befürchte ich, dass er das so krude meint, wie es sich anhört. Es wird schon eine Epoche der Frankensteins und Co. geben, da bin ich mir ganz sicher – und das sage ich nicht nur, um die Konservativen zu schrecken (obwohl ich den Spaß daran nicht verhehlen möchte) -, bevor die Option des „Paradieses“ vielleicht möglich wird (so oder so!), aber auch dies wird nicht linear (im Sinne einer Danteschen Wanderung durch die Höllen) verlaufen, sondern auf dem Weg einer sich ständig zuspitzenden und dann aber auch wieder abwellenden Klassenkampfbewegung.
Aber Gnade uns Gott, wir verpassen den Punkt des „no Return“, dann war alles Hoffen umsonst.

Marx – Marxismus – Nichtmarxismus
@Lemming: „Verwertungsschwierigkeiten“ bedeutet nicht automatisch „innere Schranke“, sondern eine sich ständig verlagernde Problematik. Der Begriff „Schranke“ meint schon eine absolute Grenze, über die hinaus eine Verlagerung nicht mehr möglich wäre. Eine solche Betrachtung ist nicht nur undialektisch, sondern eben auch „objektivistisch“. Die Schranke relativiert sich in diesem Wechselspiel zwischen objektiver und subjektiver Seite des Problems. Letztlich liegt die (Auf)Lösung in der subjektiven Seite.
Es kommt nicht von ungefähr, dass sich Herrn Kalupners Ansichten in diesem Punkt mit dieser, Ihrer, Position decken, es ist dies wegen desselben Objektivismus und derselben Antidialektik. Auch der Angriff auf Lenins Revolutionstheorie kommt nicht von ungefähr, denn unter Lenin war zu beweisen, was diese Kritik ganz praktisch erforderlich macht, nämlich die Notwendigkeit über den alten steril gewordenen „Marxismus“ hinaus zu gehen.
Und übrigens Herr Kalupner: genau in diesem Sinne wollte Marx kein Marxist sein, kein steriler, aber auch kein „Idol“, so zumindest meinte er es, als er gewissen sektiererisch gewordenen Anhängern zurief: „Alles was ich weiß, ist, dass ich kein Marxist bin“. Marx wollte also mitnichten kein Marxist m e h r sein, sondern er bestand darauf, dass er nie einer gewesen war noch sein wird. Wovon sich Marx hier besonders abgrenzte, waren eines Proudhons verräterischen Idealismus („Das Elend der Philosophie“), welcher nicht nur dem Materialismus diametral entgegen gesetzt ist, sondern der der revolutionären Sache des Proletariats erheblich schadet, indem er auch ein Einfallstor für alle Spielarten des Opportunismus sein wird, und auch: in dem er den Marxismus zur Glaubenslehre macht. Dies hatte Marx nicht später „voraus gesehen“, sondern von früh an bekämpft.
Ihr PDS-Freund hat da wohl Marx fälschlicherweise für seinesgleichen gehalten, für einen, der von seinen Positionen Schritt für Schritt, Verrat für Verrat, abrückt, und das am Ende auch noch als positive Entwicklung zu verkaufen sucht – als späte Erkenntnis? Ich sagte ja: über einen Marx „hinaus zu wachsen“, das muss man verstehen, vor allen Dingen muss man ihn aber selber erst mal verstanden haben.
Dass der Klassenkampf und die „Diktatur des Proletariats“ obsolet seien, haben schon andere angekündigt zu belegen. Es blieb in der Regel bei der Ankündigung, aber es folgte eine konterrevolutionäre Wendung. Mit dem Begriff der „Diktatur des Proletariats“ haben die Klassiker (Lenin nicht anders als Marx) eben nicht die Kopie der Form einer bürgerlich-faschistischen Diktatur gemeint (diese Unterstellung stammte eleganter Weise aus der Feder der ersten bedeutenden Opportunisten aus den Reihen der Sozialdemokratie – Adler, Kautsky, Bernstein), sondern eine Klassendiktatur, eine, die der Kapitalsdiktatur nur als Entgegengesetzte zu verstehen ist. Sie ergibt sich aus dem gesamten Theoriegebäude des „Histomat“ (Historischen und dialektischen Materialismus), nämlich dass die Geschichte die Geschichte von Klassenkämpfen ist. Und dass jede Gesellschaft notwendig eine Klassendiktatur ist. Das entspringt also mitnichten irgendeiner terroristischen Neigung des Marxismus (oder gar Leninismus), sondern Marxens ganzer Theorie. Die Feinheiten hierzu durfte er studieren, anhand der Bestialität an den Pariser Kommunarden (Die Klassenkämpfe in Frankreich). Und dass der Parlamentarismus die Kapitalsdiktatur nur bestens verschleiert, muss ich hier doch nicht noch erklären. Und es liegt auch nicht allein an der Form der Staatsmacht, dass dem so ist (also nicht erst Faschismus ist Kapitalsdiktatur), sondern schon in der Verfügungsgewalt über die Produktionsmittel. Darin liegt alle Macht begründet, alle Diktatur. Genau das ist nämlich der Kern der Aussage zur Klassendiktatur! Und weil dem so ist, kann es keine Versöhnung der Klassen geben (und auch kein Verschwinden, auch nicht, wenn eine Tendenz zur Auflösung dieser Klassen evident ist; aber wie gesagt: Auflösung heißt eben nicht definitives Ende, nicht solange die dem zugrunde liegenden Widersprüche nicht aufgehoben sind!), auch und gerade nicht im kalupnerischen Sinne, der da gewisse Kapitalsvertreter an die Spitze der „Revolution“ zu stellen gedenkt. Und aus all dem folgt, und zwar ganz folgerichtig: Ein „Marxist“ (einer, der sich zu Recht auf Marx bezieht) kann nicht sein, der die Anerkennung des Klassenkampfes nicht auf die Anerkennung der Diktatur des Proletariats erstreckt (Lenin: Marx-Engels-Marxismus, 3 Quellen, 3 Bestandteile des Marxismus).
(Den wissenschaftlichen Beweis für die Obsoletheit des Klassenkampfes ist im Übrigen auch ein Herr Kurz noch schuldig geblieben, was er bisher vorgelegt hat, wurde immer dann, wenn es konkret werden sollte, seichtester Reformismus. So werden die Klassenkämpfe, die die tatsächlich stattfinden, ähnlich kommentiert (wenn überhaupt, ich habe da zum Beispiel noch kein Wort zu den nicht enden wollenden Klassenkämpfen in Griechenland gelesen!), wie in ganz gewöhnlichen Gewerkschaftsblättern, eben als „soziale Kämpfe“, die es halt noch gibt – wie dumm nur!)
Welche Form eine solche proletarische Klassenherrschaft im Übrigen annimmt/annehmen kann, und wie lange diese anhalten könnte, hängt wesentlich vom bisherigen Verlauf der Klassengesellschaft ab. Allgemein kann man sagen, und auch das verträgt sich mit Marxens Ansichten: Je unterentwickelter die Klassenkämpfe, desto undemokratischer dann wohl auch eine solche den Kapitalismus ablösende Gesellschaft, und umgekehrt.
Und je wilder die Angriffe auf eine solche Gesellschaft, von innen wie von außen, je schlimmer der „weiße“, oder der „braune“ Terror, desto undemokratischer wird auch diese sein (müssen).
Und genau das dürfte auch der Grund sein, für die zum Teil sehr terroristische bolschewistische Herrschaft. Ohne den weißen Terror (den Zarismus, den Geheimdienst, die orthodoxe Kirche, die imperialistischen Invasionen, den Spionageaktivitäten der USA nach dem 2. Weltkrieg …) – von Beginn an – nicht diesen roten Terror. Ohne diesen paranoiden Hass auf diese erste rote Macht (nach der Pariser Kommune), nicht diese völlig außer Kontrolle laufende Sowjetmacht. Für die Dekadenz eben dieser Sowjetmacht, ist das kapitalistische Umfeld voll mit verantwortlich!
Es sind die untergehenden herrschenden Klassen selber, die den Terror eröffnen, auch das ist eine grundlegende Mahnung von Marx.

„Systemimmanente Faktoren“? – 2. Versuch! Was ist mit diesem Beitrag?, verstoße ich da gegen eine Etikette?
@Lemming: „Da bin ich doch eher Systemtheoretiker, der nicht auf Klassen, sondern auf fatale Eigenlogiken abstellt. Womit wir wieder bei der „Schranke“ wären, vor der wir angefangen haben.“ Genau diese Formulierung könnte so oder so ähnlich von Herrn Kalupner stammen, oder etwa nicht?
Historischer Materialismus und real existierender Sozialismus sind nicht identisch, insofern berührt mich diese Art von Denunziation nicht sonderlich.
Aber gehen wir der Reihe nach vor:
Schranke und Gummiband: Wenn schon ein solcher Vergleich, dann bitte schön mit zwei Gummibändern, die gegenläufig zu ziehen wären. Objekt und Subjekt sind nicht identisch, sondern eine Einheit von Widerspruch. Daraus ergeben sich für beide eben keine „objektiven Grenzen“. Ausschließlich das Subjekt markiert die jeweils relativen Grenzen. Wie das in etwa aussehen könnte, wäre ganz aktuell am iranischen Aufstand zu prüfen. Obwohl demokratische und nationale Bewegungen (und um eine solche handelt es sich im Moment noch, siehe auch mein Leserbrief „Gut reden“, bzw. http://blog.herold-binsack.eu/?p=285) in der Epoche des transnationalen Kapitals von diesem Kapital „objektiv“ gelenkt werden (und das galt schon für die erste Revolution – die islamische), sind es die Massen, die sich bewegenden Massen, die einem System das Ende bereiten können. Ausschließlich die Höhe des Bewusstseins entscheidet darüber. Hier ist nichts „fatales“, nichts schicksalhaftes, sondern die Auswahl einer einzigartigen Möglichkeit aus einer Verkettung von Verhältnissen, Systemen, Widersprüchen, oder wie Lenin sagte: es reißt das schwächste Kettenglied. Und dies „reißen des schwächsten Kettenglieds“ löst auch die gegebene Verbindung zwischen Objekt und Subjekt, zwischen innen und außen…es löst den Widerspruch also auf.
Lenin und der steril gewordene Marxismus: Die Formulierung so, stammt von mir, aber lesen Sie seine Polemiken gegen Kautsky, resp. auch gegen Plechanow (jenem russ. Schüler Kautskys), insbesondere in den Auseinandersetzungen um den Imperialismus und die Möglichkeit der sozialen Revolution auch in einem so rückständigen Land wie Russland, und sie finden mehr als einen Hinweis auf einen „steril gewordenen Marxismus“.
Es ist dies die Rolle des Bewusstseins, des revolutionären Subjekts, der Partei, die er hier gegenüber den sog. objektiven Faktoren hervorhebt, gegen jene „systemimmanente Faktoren“, auf die auch Sie Sich offenbar beziehen.
Im Übrigen: Ein großes Wort, von dem „Klassenkampf, der sich da erledigt habe“, angesichts der gerade wieder aufbrechenden Klassenkämpfe rund um die Welt.
In der Theorie müssen sie das belegen, also die Evidenz des Klassenkampfes widerlegen, nicht nur behaupten.
Hiervon bisher keine Rede.

faz.net/blogs/chaos/2009/06/06/kapitalismus-sozialismus-und-ein-schlechter-pferdesattel

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