„Feine Leit san des“

Böse, böse!
@Don Alphonso:„Ein gewisser Adolf Hitler, Kleinbürger durch und durch, hat in Bad Wiessee seine Freunde der ebenfalls kleinbürgerlichen SA in einem Gasthof umbringen lassen und nichts untergelegt – kein Wunder, wenn man ihn dort heute nicht im besten Andenken behalten hat, und nichts mehr von dieser Geschichte wissen will.“
Das ist wirklich böse, und ich will gar nicht verheimlichen, dass mir das außerordentlich gut gefällt, aber passen Sie bitte auf, dass man Sie nicht auch eines Tages in einen Keller sperrt und dann den Schlüssel wegwirft. Sie sagten es selber: die Bayern!

Das Besondere im Trüben
@Don Alphonso: Wie soll auch jemand Klassentrennung betreiben, wenn er doch die Klassentrennung ist. Oder anders ausgedrückt: Hier genau sitzt der „blinde Fleck“ des Kleinbürgers. Eine der Gründe, warum sich die „Sichtweise“ – eigentlich ein Widerspruch in sich: Sichtweise – des Kleinbürgers so hervorragend eignet für Nichtwahrnehmungen, wie zum Beispiel auch durch den Schleier einer Hedwig Courts-Mahler geblickt. Thomas Mann als Nationalist, der er definitiv war – bis zur Machtergreifung der Nazis vielleicht -, war in Bayern allein deswegen angesehen, als Großbürger wohl eher kritisch beäugt, wegen der Minderwertigkeitskomplexe einem solchen gegenüber.
Und doch: all zu sehr abgebildet will der Kleinbürger sich nicht sehen, wer will schon ständig in einen trüben Spiegel schauen, nimmt ihm doch dies die Illusion was Besonderes zu sein – es sei denn die Trübheit wäre das Besondere. Daher vielleicht diese Amnesie in Bezug auf einen Hitler und die warme Freundlichkeit gegenüber einem Künstler wie Macke – letzterer war auf jeden Fall was Besonderes – und vor allem kein Österreicher -, und außer durch seine Malerei ist er ja nicht weiter negativ aufgefallen. Vielleicht könnte man ja sogar sagen, dass er ein wenig Farbe auf die getrübten Linsen gebracht hat.

Keine Eier in den Hosen
Eine der Gründe, warum die Menschen, nicht nur die konservativen, mit der aktuellen Entwicklung (nicht nur die der Krise) nicht (mehr) fertig werden, sie nicht verarbeiten, ist die Überforderung eines auf Dingliches orientierten Verstandes. Schon die Tatsache des „abstrakten“ Kapitals war eine solche Überforderung, die Konsequenz – nicht allein daraus, aber zumindest zunehmend immer mehr vor allem daraus – war dann zum Beispiel der moderne Antisemitismus. Wie kann man ein abstraktes Kapital aburteilen. (Wie kann man nach der „unsichtbaren Hand“ – Adam Smith – greifen?) Eigentlich gar nicht! Also griff man den Juden!
So würde es auch nichts bringen, wie vor Monaten im Stern (oder war es der Spiegel?) bzgl. eines Berichtes über die Zustände in England zu lesen war, wenn man die Köpfe gewisser Banker auf den Tower spieße (100%ig wären da auch Juden drunter, und nicht wenige wären darüber nicht unglücklich!). Faktisch würde es nichts bringen, rechtlich noch weniger, es würde womöglich die Gemüter beruhigen, orakelte der Verfasser dieses Beitrages. Aber genau das bestreite ich, nämlich dass dadurch die Gemüter sich beruhigten. Das Delikt, das ja keines ist, nicht im herkömmlichen Sinne, also eines, das man definitiv an Personen, nur an Personen festmachen könnte, wäre nicht geahndet, der Schaden nicht behoben, die verletzten Gefühle der Geschädigten (vom Geldbeutel gar nicht mehr zu reden) somit nicht wieder hergestellt.
Ich bestreite, dass die Lehmann-Brothers-Affäre hiervon eine große Ausnahme macht. Bis auf so einige – ganz wenige, wahrscheinlich definitiv wirklich korrupte – Element, am Ende der Entscheidungskette, war das alles so nicht voraus zu sehen, nicht als singuläres Geschehen. Denn es war kein singuläres. Die ganze Branche ist verdorben. Die Finanzkrise war wohl voraus zu sehen, und sie wurde voraus gesehen, sie zu verhindern, wäre aber nur möglich gewesen, wenn man den Kapitalismus endlich hätte verhindern wollen, d.h. abschaffen hätte wollen. Da man das aber nicht will, weitestgehend jedenfalls nicht, sind solche Aktionen nicht nur nicht nützlich, sondern eher schädlich. Sie lenken ab, sie schaffen Ersatzbefriedigung, leisten gar einen Beitrag zu einer gewissen Pogromstimmung (das meinte wohl auch dieser Herr Sinn!), gehen der Sache aber nicht auf den Grund. Marktidioten sind definitiv nicht klüger und auch nicht besser als der Rest der Gesellschaft, auch nicht als diese „gierigen“ Banker. Sie hatten nur nicht das Privileg in ihrer Rolle zu stecken.
Diese Rollen sollen aber weder vertuscht noch vertauscht werden, sondern grundsätzlich hinterfragt. Wer keine faulen Papiere haben will, soll nicht glauben, dass es irgendwo nichtfaule gäbe.
Ähnliches gälte es zu den Eiern auf den Scheiben der Banken zu sagen. Wenn wir keine solche in den Hosen haben, was sollen sie auf der Scheibe?

„Feine Leit san des“
Wie so eine kleinbürgerliche „Eingemeindung“ aussehen kann („Das Besondere im Trüben“), können wir folgendem Zitat entnehmen: „Für die Zaitzkofener gehören die Männer in ihren schwarzen Gewändern inzwischen selbstverständlich zum Ort – beinahe wie der Schützenverein, wie die freiwillige Feuerwehr. „Ganz feine Leit san des“, sagt die Wirtin vom Gasthaus Prückl…“ (vgl.: „Die ganz normale Provokation“, http://www.faz.net/s/RubC4DEC11C008142959199A04A6FD8EC44/Doc~EE57624E40AF14B5C88BAC49DA5CBC8F2~ATpl~Ecommon~Scontent.html). Gemeint sind die Pius-Brüder in ihrem Zaitzkofener „Schloss“. Der Kleinbürger stellt da keine all zu hohen Anforderungen, sie müssen halt „feine Leit san“.

faz.net/blogs/stuetzen/archive/2009/06/24/der-eingekellerte-vermoegensverwalter

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