Märchen und Geschichten, oder: der semantische Zirkel

Ein erstaunlicher Vorgang: Dieser Beitrag war mal gerade eine Stunde im Blog der FAZ, dann war er gelöscht. Die haben keinen Humor, diese Leute!

Also sendete ich ihn kurz entschlossen an Don Alphonsos Blog, mit dieser Erklärung :
„Diesen Beitrag habe ich vor etwa einer Stunde in einem anderen Blog gesendet, dann war er plötzlich weg. Kleines Rätsel am Rande: Welcher Blog war das wohl? – Soviel verrate ich: er war in der FAZ!
Nun hoffend, dass Don Alphonso nicht so humorlos ist, wie mancher seiner Kollegen, und da der Beitrag ja auch ganz gut hier rein passt – Finanzkapital und seine Märchen, möchte ich ihn daher auch umtaufen -, sähe ich ihn gerne hierher gerettet! – Und Gott dafür danken, dass es noch diesen Blog gibt. Es ist ein Thema, mit dem ich auch immer wieder in Berührung komme, wenn ich von Klassenkampf und von Geschichte rede (von oben wie von unten) und der andere versteht nur ein „Illuminatikomplott““

Auf sein freundliches Entgegenkommen, verbunden mit einer Empfehlung mich doch kürzer zu fassen, antwortete ich wie folgt:
„Gegen den Zensor geschrieben!
@Don Alphonso: danke, Sie haben was gut bei mir! Und das mit der „Kürze“ – ich gebe mir Mühe. Aber man kommt da auf so gewisse Ideen. Denn manchmal scheint es mir so, dass der „Zensor“ (auch der „innere“) eben wegen der Länge, erst nach ein oder zwei Stunden begriffen hatte, dass er das eigentlich gleich hätte verschwinden lassen müssen. – Und gelesen werde ich, doch wenigstens vom Zensor! Fasse ich mich aber kürzer, na ja, wer kommt denn dann noch dazu, mich zu lesen? – Eine Stunde Zeitschiene, ist doch richtig viel in der heutigen Zeit!“
faz.net/blogs/stuetzen/2009/04/24/kleiner-ausreisefuehrer-fuer-gehirnausfliessende

Märchen und Geschichten, oder: der semantische Zirkel
Verschwörungen und die darauf aufbauenden Verschwörungstheorien bilden u.U. einen semantischen Zirkelschluss. Will heißen: Da es sicher schon zu allen Zeiten Leute gegeben hat – mächtige Leute – die ihrerseits an Verschwörungen und an Verschwörungstheorien geglaubt haben, wird es wohl auch wiederum möglich sein, dass solche Leute dieser Art von Geschichte (und ihrer Beschreibung) dann zum Durchbruch, gewissermaßen nachhelfend, verhelfen wollten. Konkret: Wer an die Voraussagen der Apokalypse glaubt, wird vielleicht einiges tun, damit sie stattfindet! Solche Verrückte werden bei wachsender Weltbevölkerung eben nicht gerade weniger!

In diesem Sinne mögen Verschwörungstheorien realistisch sein, sozusagen empirisch evident, nur ob sie auch die Geschichte beschreiben, steht auf einem anderen Blatt. Denn selbst wenn solches möglich ist, und wenn es tatsächlich geschähe, dann doch nur, weil es in einem ganz konkreten geschichtlichen Kontext geschieht, einem solchen, der das ermöglicht, um nicht zu sagen: es notwendig macht, also in einem ganz „objektiven“ Sinne erlaubt. Das könnte bedeuten, dass bestimmte gesellschaftliche Zustände nur als Treppenwitz eben, nur als Verschwörung vielleicht, überhaupt Akzeptanz finden.
Insbesondere natürlich die Klassengesellschaft, mit all ihren absonderlichen Gestalten, an der Spitze, wie am Ende, könnte durchaus auch als Treppenwitz mit sich geschleift werden, eben indem sie auch als Verschwörung „funktioniert“, als absurdes Theater sozusagen (nehmen wir die gegenwärtige Finanzkrise: die Herrschenden selber, stellen sie als Verschwörung dar, die ihrer gierigen Klassengenossen – Brecht hätte seinen Spaß daran). Verschwörung doch allerdings nur, weil die Herrschenden auf streng metaphysische Weise an den Mythos ihrer Macht gebunden sind, an den ihrer Unbesiegbarkeit, also von ihrer ethischen nicht zu überbietenden Größe überzeugt sind, ja von ihrer übergeschichtlichen quasi „Alternativlosigkeit“ ausgehen, und somit jeden Fehltritt als „Verschwörung“ abtun (müssen). – Und daher feste an diese glauben, und somit an ihrer Verwirklichung arbeiten. – Eine große Bühne für einen Treppenwitz!
Dass sie das letztlich nicht sind, all das, und noch viel mehr, widerlegt dann auch den Mythos von den Verschwörungen, und ihren Möglichkeiten, ihren „Wahrheiten“, demontiert ihre Bühnen. Will heißen: Wenn ein Rockefeller am Ende der Geschichte abtritt, nicht als Person – die wäre dann vermutlich ehe schon Geschichte -, sondern als Vertreter, als Metapher einer Klasse, verschwinden auch alle Mythen über dessen Geschichte(n), neben all den Begebenheiten seiner Klasse in deren „wahren“ Geschichte, all den Wirklichkeiten in Toto, des gesamten Mythos wie der Wahrheit.

Das bedeutet für diesen Fall: Beides ist möglich! Die Geschichte wurde gefälscht in dem beschriebenen oder bisher unbeschriebenen Sinne. Das geschieht doch täglich und beginnt zum Beispiel bei ganz gewöhnlichen Lebensläufen – um sich bewerben, zum Beispiel. Und endet dann bei womöglich ganz witzigen Retuschen, wie bei Hitler, und seinem „Mein Kampf“. Wer wollte schon wissen, dass er mal ein kleiner verkommener Gauner war – ein Lumpenprolet, wie Marx ihn bezeichnet hätte – , wenn er doch dann ein ganz großer geworden ist: nämlich ein Lump. Da kann man sich doch vorstellen, wie erst ganz andere historische – wahrlich historische – Persönlichkeiten an ihrer Geschichte feil(t)en!?
Und doch gibt es natürlich d i e Geschichte, nur ist die halt noch nicht abgeschlossen – nicht ganz – und damit noch nicht wirklich verifiziert, oder falsifiziert. An dieses Märchen, von der Geschichte, nämlich einer solchen der Sieger, glauben doch diese Leute, und sie schreiben munter weiter, an ihrem nicht enden wollenden Sieg.

Lassen wir noch mal 500 oder 1000 Jahre vergehen (vielleicht wird es auch nicht so lange dauern) und „wir“ (nicht wirklich w i r) wissen eine Menge mehr über all diese Märchen/jene Geschichte(n) der letzten 10000 Jahren.

Quelle:
FAZ.NET – Aktuell > FAZ Blogs:
Antike und Abendland – Weiterlebendes Pompeji, untote Seelen, fingiertes Mittelalter: Eine geschichtsrevisionistische Subkultur im WWW macht sich ihren Reim auf „invented traditions“, 20. April 2009

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