Individuelles oder gesellschaftliches Recht

Individuelles oder gesellschaftliches Recht
Man darf sich ruhig im Klaren darüber sein, dass solche Bands Vorbildfunktion für die Massen der Jugendlichen, ja der Kinder, haben. Und insbesondere in ihrem „Paarungsverhalten“ haben sie das. Das war schon immer so – und das hat viel mit der Pubertät zu tun -, aber nicht immer gab es Aids. Was sind schon Tripper oder Syphilis, die Seuchen, die uns als Kids in den 60ern oder 70ern heimsuchten, von Musikern und/oder Dealern unter die Schulmädchen gebracht und von dort aus weiter verbreitet. Die Kampagne gegen Aids scheitert – auch aus diesem Grunde – gerade unter den Jugendlichen, und wie wir sehen, macht das auch vor ihren Prominenten nicht halt.
Auf der anderen Seite ist die sexuelle Freizügigkeit, wie wir sie gerade in den genannten 60ern oder 70ern noch erlebten, durch Aids völlig zerstört. Will man sie doch, wird man schnell kriminalisiert, wie uns dieser Fall vor Augen führt. Zu recht kriminalisiert oder einfach als Opfer einer bigott gewordenen Gesellschaft (wenn auch u.U. bedingt eben durch Aids) – das ist eine wichtige Frage.
Die Regression lebt durch diese Gefahr, ja sie klebt an ihr, ganz besonders die religiöse Fraktion unter ihr, die sich nicht scheut, frech ihren Platz in der Gesellschaft zurück zu holen, den, den sie eben infolge 68 verlor.
Kondome schützen nicht vor Aids, erklärte doch dieser Tage ein Papst einem ganzen Kontinent, dem gequälten afrikanischen. Dort sterben die Leute nicht nur an Aids, aber niemals wurde ihr Elend so zynisch missachtend kommentiert. Denn, wenn er gesagt hätte: Kondome schützen nicht vor dem Hungertod, oder vor dem Mangel an gesellschaftlicher Akzeptanz und persönlicher Freude und Lust, dann wäre das schon was anderes gewesen.
Vor diesem Hintergrund müssen wir die Rolle der „Bild“ und der sog. Persönlichkeitsrechtsfrage beurteilen. Sie sollte eigentlich als gesellschaftliche Frage nicht als Frage individueller Rechte behandelt werden. Vielleicht bekommen wir dann die eigentliche Dimension in den Fokus: Die Auseinandersetzung zwischen der Jugend und den Konservativen, den Ewiggestrigen in der heutigen Gesellschaft.
An Aids zu sterben – was ja heute nicht unbedingt sein muss, zumindest nicht im reichen Westen -, ist bitter und wirklich überflüssig, und doch mag das vor dem Hintergrund eines solchen (unterdrückten) Diskurses, als das geringere Übel angesehen werden. Das soll nicht zynisch zu verstehen sein, aber es scheint evident. Denn viele Jugendliche werden das so sehen, ohne sich darüber bewusst im Klaren zu sein, womöglich.
Und vielleicht ist es das, was bei der Beurteilung des Falles Nadja Benaissa zu kurz kommt. Und es wird Zeit, dass das ins Öffentliche Bewusstsein gelangt, denn sonst verlieren wir völlig das Verständnis unter der Jugend. Sollen wir Alten überleben und soll die Jugend an Aids wegsterben, das wäre die wahre Perversion, nur weil wir die Fragestellung dieses Diskurses zu flach halten und damit eine fragwürdig gewordene, rein moralische, Haltung einnehmen, gegenüber dieser Jugend.
faz.net/blogs/wort/archive/2009/04/16/das-ende-der-pressefreiheit-folge-2

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