„Geistige Diktatur des Proletariats“, oder die Parabiose der Klassen

„Geistige Diktatur des Proletariats“, oder die Parabiose der Klassen
@Amft: Bekanntlich war Marx der Erfinder der Diktatur des Proletariats. Mir ist aber kein einziges Beispiel aus seinen Werken, bzw. seinem Leben bekannt, das ihn in Puncto Humor, Stil und Habitus unter das Niveau seiner Zeit gebracht hätten. – Ulbricht war nie ein Marxist, sondern eine preußisch-deutsche Karikatur auf einen jenen. Und zum Thema Judenwitze, da kann man nur ganz generell feststellen: Das dürfen eben nur Juden, ganz besonders nach dem Holocaust. Danach ist in dieser Hinsicht überhaupt nichts mehr witzig. Und für Deutsche – Nichtjuden – verbrannte Erde halt. So hat man sich nicht nur den Hass der Völker zugezogen (und die Verachtung dazu), sondern auch den Humor aller Zeiten verspielt. Eine Hermann hätte das wissen müssen, bevor sie ihre Allerweltsweisheiten unter die Leute zu bringen versuchte. Ob ein Mutterkreuz oder eine Autobahn „faschistisch“ sind oder nicht, spielt dabei überhaupt keine Rolle, der Faschismus hat überhaupt nichts Gutes hervor gebracht, das ist der Punkt. Und Geschmacklosigkeiten muss auch ein Kerner sich nicht bieten lassen, zumal er da hin und wieder Abgrenzungsprobleme zu hat. Ach ja, und auch Marx – er war ja bekanntlich Jude – hatte da in Bezug auf die Juden so einiges auf Lager. – Für Marx auch kein Problem, nicht nur wegen seines Judentums, als Materialist war ihm klar: Das Sein bestimmt das Bewusstsein. Nur wer für dieses Sein verantwortlich war, das war hierbei nicht das Thema. Das ging so weit, dass ihn manche deutsche Kritiker als Antisemiten einstufen. (Nachtrag: Zu dieser Problematik habe ich mich später an anderer Stelle noch mal herangewagt und bin zu dem Ergebnis gekommen, dass hier Marx sehr sowohl antisemitisch wie antimaterialistisch argumentierte. Bruno Bauers späteres Renegatentum zeigt wohin eine solch so vordergründige wie antimaterialistische Abstrahierung „vom Juden“ hinzuführen vermag. Und es ist nicht ganz abwegig hier die Vorwegnahme einer späteren Mitverantwortung der revolutionären Arbeiterbewegung – nicht nur ob deren Niederlage gegenüber dem Faschismus – für den Holocaust zu sehen und diesbezüglich mehr als nur eine Mahnung für die aktuelle Auseineinandersetzung um den „linken Antisemitismus“.) Ist halt einfacher als ihn in Toto zu lesen. Auch das Proletariat hat wegen seiner Unterklassenlage wohl so einige Fehler, darüber kann man sich amüsieren, Stichwort: Geistige Diktatur, oder auch aufregen: „Armut macht bekanntlich nicht besser“, ließ uns schon W. S. Maugham wissen (in: Silbermond und Kupfermünze, eine geniale Anspielung auf die „Parabiose“ von Klassen, resp. hier aber auch die eines Genies, vermutlich des Malers Gauguin, zu der in Moralin getränkten klein-bürgerlichen Gesellschaft). Und doch muss man die Kritik daran, von einem gewissen Klassendünkel zu scheiden wissen.

Nazispuren?
@Amft: Ich freue mich, dass Sie diesen Aufsatz ausgegraben und einen Einblick der Öffentlichkeit zur Verfügung stellen. Gibt das doch ein Bild von dem jungen Marx, welcher als Humanist beginnend (später dann als Liberaler) konsequent den Kommunismus entdecken musste, denn man konnte kein Liberaler bleiben und auch kein Humanist, ohne Kommunist geworden zu sein. In jedem echten Kommunisten steckt immer noch der Humanist (wie der Liberale), vielleicht gar der einzige noch aus der alten Gattung. Und doch haben Sie einiges missverstanden. Auch Heine war ein Getaufter, und doch hat er sich immer als Jude gesehen, was auch nicht ohne Einfluss auf seine Dichtung bleiben konnte. Marx war da wohl schon etwas drüber, aber seine ätzende Kritik an manchen „Absonderlichkeiten der Juden“, kam nicht vom getauften Marx (denn dann wäre das Antisemitismus, und die Kritiker hätten recht), sondern als von einem, der einer jüdischen Familie entsprungen war, einem dem die jüdischen Eierschalen noch an den Ohren klebten, als ein Kenner der Materie auch, und als einer, dem da so einiges auf dem Wecker gegangen war (so berichtete er uns sehr ausführlich von so gewissen Ritualen, die er noch mitbekam). Auch ich war mal getaufter Katholik, und ich glaube nichts mehr davon, doch bin ich geprägt, und denke manchmal, dass ich den Katholizismus – ob meiner Eierschalen an den Ohren – doch besser kritisieren kann, als zum Beispiel ein Protestant, nämlich als quasi Selbstkritik. So war das gemeint, mit dem „Juden Marx“. So ganz nebenbei ist die Taufe eines Juden nicht zu vergleichen mit der Taufe/dem Religionswechsel eines X-beliebigen Gläubigen. Juden ließen sich taufen, um der gesonderten Unterdrückung zu entgehen, oder um vielleicht auch bessere Geschäfte machen zu können (um in der Gesellschaft anerkannt zu werden), jedenfalls in aller Regel nicht aus wirklich Glaubensgründen. Ein solchermaßen als Jude sozialisierter Mensch, bleibt in gewisser Hinsicht immer Jude, und wenn auch nur in der Erinnerung, manche in der Selbstverleugnung, wieder andere in der Überhöhung des nun Fremden in ihnen (so waren die deutschen Juden oft begeistertere Nationalisten, als viele Deutsche, bis sie dann von den Nazis „ausgeschlossen“ wurden, aus dieser Gemeinschaft), Erinnerungen und Prägungen, die ja zu Marx Zeiten, also noch vor dem Holocaust, nicht wirklich traumatisch gewesen waren. Judenpogrome gab es wohl, in Deutschland aber doch nicht in all zu jüngster Zeit. (So ist auch die „Freigeistigkeit“ eines Michel Friedman nicht wirklich überzeugend, sein Versuch das Judentum als reine Religionssache abzutun, gelingt ihm nur mit einer gehörigen Portion Scholastik, zumal doch durch den Holocaust und durch das „Existenzrecht des Staates Israel“ das im höchsten Maße eine besondere, eine nun politische, Identität geworden ist, selbst wenn sie (selbst-)kritisch gedacht wäre, wie Friedman das gelegentlich vorgibt.) Fragen Sie sich aber bitte doch mal, woher Ihr Klassendünkel gegen die „geistige Diktatur des Proletariats“ herrührt. Geschickt abgelenkt, das muss man Ihnen lassen. Doch aber möchte ich nicht soweit gehen, da Nazispuren bei Ihnen entdeckt haben zu wollen, obwohl die Nazis selbstredend am spezifisch deutschen Antikommunismus, am deutschen Dünkel gegen den „Bolschewismus“ einen wohl nicht mehr zu löschenden Anteil haben.

Anekdoten sind manchmal verräterisch
@pjk: Das mit Marx und dem Judentum wäre in der Tat nur eine Anekdote, wenn da nicht der Versuch im Raum stünde, sich merkwürdig anspielend auf Kerners Rausschmiss einer Hermann, auch noch als erklärter Gegner eines faschistischen Biologismus zu positionieren, und zugleich als Fan eines Marxschen Humanismus. Ja was denn? Kerner oder Hermann? Humanismus oder Marxismus? – Auch wenn der marxsche Kommunismus ohne seinen anfänglichen Humanismus schlichtweg nicht denkbar wäre, undenkbar aber ein Humanismus statt Kommunismus, unter Berufung auf Marx. Hier wird doch versucht Marx gegen Marx auszuspielen. Als Marx das Kapital schrieb, war er definitiv weder Humanist noch Liberaler, das hatte er hinter sich, sondern der entschiedene Gegner jener bürgerlichen Gutwetterideologien. Und mag sein, dass Kerners Vorgehen nicht fein war, aber hatte denn die Hermann ein feines Vorgehen verdient?
Die plumpe Taktik der Verharmlosung sog. „nicht-so-schlechter-Dinge“ unter dem Faschismus kennen wir doch längst durch eines Haiders demagogische Auftritte! – was soll man da noch nett diskutieren?
Der Wunsch das Judentum zu kritisieren, mit deutscher Zunge, das ist doch die eigentliche Absicht, dieser merkwürdig schrägen Polemik gegen Kerner und „für“ Marx (ja was denn, ist die Hermann gar eine verfolgte Marxistin und verdient unsere Solidarität?), und dagegen habe ich gesetzt: Dass das nur ein Jude darf! Heute mehr denn je! Und da Marx auch schon so schräg angegangen worden war, nämlich als Antisemit, stellte ich fest: er durfte das, gleich ob getauft oder nicht, denn diese Taufe war nicht das Entscheidende (aber selbstredend auch nicht irgendeine „biologische Abstammung“, das ist doch dummes Zeugs, und dient der Ablenkung).
All zu verräterisch war mir doch dieses so offenkundig hohle Geschwätz, als dass es mir als eine Anekdote durchgehen durfte.

Si tacuisses – philosophus manssises
@Amft: Es geht hier nicht um eine biologische, sondern um eine soziologische Evidenz, um Sozialisation also. Sie scheinen aber nur eine biologische zu kennen. Wer fällt hier also auf den Biologismus herein. Das mit Marx und dem Judentum habe ich tatsächlich nur aus der Erinnerung zitiert, es wurde mir nämlich von einem Marxkritiker um die Ohren gehauen – denn der sei schließlich „Antisemit“ gewesen, hieß es da. Die Quelle ist mir im Moment nicht parat. Sie sagen es ja selbst, Marx‘ Vater entstammt einer Rabbinerfamilie. Und von genau dieser Sozialisierung (und Erinnerung von Marx) spreche ich hier, von nichts anderem. Dass er kein Jude war, ist nicht das Thema. Den „Punkt!“ können Sie sich sparen. Das erschreckt mich nicht!
„Das Sein bestimmt das Bewusstsein“ – ist zugegeben eine Verkürzung, der Polemik wegen, aber letztlich hier keine falsche (das mit Stalin ist geschenkt, auf dieses Niveau lasse ich mich nicht ein, gehen Sie in den Blog von Don Alphonso, ganz aktuell, da werden Sie meine Meinung zu Stalin sehen). Wir sprechen hier nämlich von nichts anderem als vom „gesellschaftlichen Sein“ (der „Sozialisierung“ zum Beispiel).
Und was das Bewusstsein des Proletariats angeht, da rennen Sie offene Türen ein, denn genau aus diesem Grunde ist der Kommunismus so wichtig, die „Diktatur des Proletariats“ so entscheidend, denn ohne geht es nicht, ohne Verankerung der kommunistischen Wissenschaft im Bewusstsein dieser Klasse, gibt es tatsächlich kein revolutionäres Sein, dort wie nirgendwo. Und das „nirgendwo“ ist das eigentlich wichtige, auch hier in diesem Zusammenhang. Denn in Punkto „Klasse“, ist diese Verbindung die einzig mögliche. Einen Kommunismus außerhalb dieser Klasse wird es nicht geben. Eine sozialistische Revolution (oder einen „ontologischen Bruch“, um mal dieses moderne Wort zu nehmen/Robert Kurz u.a. Wertkritiker/Wertabspalter), ohne ein revolutionäres Proletariat kann es nicht geben, denn alle anderen Klassen (zwischen Bourgeoisie und Proletariat) gehen unter – in diesem Proletariat.
Das vergessen gewisse Leute all zu gerne, wenn sie über das Proletariat lästern (oder über den Klassenkampf, oder über die geistige Diktatur), und dabei nur ihren eigenen Klassendünkel zur Schau tragen, und dabei glauben, sie wären Linke.
„Si tacuisses – philosophus manssises“ heißt es wohl vollständig, und danke, das gebe ich gerne zurück; ich empfehle die entsprechende Lektüre in meinem Blog („Philosophus manssises“), wenn sie diese nicht gar schon hinter sich haben.

faz.net/blogs/chaos/archive/2009/04/22/genug-von-meinen-schweinereien

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  • Von „Versorgungsehe“ am 9. Mai 2009 um 17:36 Uhr veröffentlicht

    […] müssen – aber natürlich stimmte das, nur war das in jenem Zusammenhang reine Ablenkung, siehe: „Si tacuisses – philosophus mansisses“ ), das sich in einem derartigen kausalen Zusammenhang befände, gibt es natürlich noch eine andere […]

  • […] als der Kapitalist. Der Arme ist nicht apriori und per definitionem der bessere Mensch (vgl. W.S. Maugham, Silbermond und Kupfermünze), sowenig wie jede Kritik am Reichtum eine revolutionäre ist. Aber: […]

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