Der ‚Wert‘ außerhalb des Wertes

Der ‚Wert‘ außerhalb des Wertes
Womöglich leiden wir unter „too much information“. Dass das Unsinn ist, wissen Sie vermutlich, oder Sie reflektieren hier einen regressiven Griff auf die Hirne der Menschen. Richtig ist, dass die „Verwertung des Werts“ in eine entscheidende Phase eingetreten ist. Nicht nur von der Substanz her (dem der abstrakten Arbeit im Wert), sondern auch aus der Marktrealität heraus, verliert sich das Kapital. Und das ist nicht nur Zeitverlust. Produkte die heute schon billiger sind als gestern, verführen den Konsumenten auf übermorgen zu warten, und dann womöglich auf den Totalverzicht. Mit den Medien ist es ähnlich. Ein modernes Buch, insbesondere ein moderner Roman, hat kaum einen Marktwert, ob des rasanten Verfalls von Bedeutung in ihm, gleich wie gut der Schriftsteller ist. Es ist doch beliebig was einer heute erlebt, wenn es morgen schon keinen mehr interessiert. Aus dieser Perspektive stimmt ihre Kritik, aber sie ist rein affirmativ. Sie verkennen die ‚Alternative‘ außerhalb dieser Logik. Wenn Sie sich die Mühe machen wollen, schauen Sie sich mal meine Beiträge an (nur als Beispiel, ich will nicht angeben, mir fällt kein besseres ein, auf die Schnelle, und nicht wirklich alle sind gut), es sind in der FAZ weit über 600 (ich habe lange nicht mehr nachgeschaut) und das in einem Zeitraum von einem Jahr, oder etwas länger; auch in der ZEIT sind es weit über 1000 (die meisten vor 2 Jahren geschrieben). Ich behaupte, dass kein einziger davon (die inhaltliche Kritik mal unterschlagen, man muss nicht meiner Meinung sein) überholt ist. Jeder dieser Beiträge kann jederzeit für sich alleine stehen (und solchermaßen einen Abruf bestehen), denn es ist ein Schema erkennbar, ein Komplex, eine Linie, wenn Sie so wollen, und das, obwohl es nur Leserkommentare sind, Reaktionen auf Geschriebenes. Schon die Überschriften machen das deutlich: sie sind nicht nur für die aktuelle Gegenwart. Sie heben niemals den Skandal hervor, sondern das Wesentliche. Und dann schauen Sie sich die Artikel Ihrer eigenen Zeitung an, die in der FAZ, die redaktionellen. Gehen Sie wirklich kritisch ran, und Sie werden finden, dass es schwer fällt, einen einzigen davon in einem Jahr noch wirklich zu verstehen, oder gar zu akzeptieren (nehmen Sie nur die Wirtschaftsbeiträge vor und nach der Finanzkrise). Sie sind spektakulär, viele gut geschrieben, nicht alle, aber sie sind wirklich sehr zeitlich. Und warum? Weil keine Linie drin ist, alles beliebig ist, reine Meinung, sich oft widersprechende, manchmal auch Propaganda, oft nur Faktensammlerei, ein Patchwork im schlechten Sinne des Wortes. Wahrlich ein Spiegelbild dieser Demokratie. Ich bin für Patchwork, aber es sollte nicht von 1000 Händen fabriziert sein, ohne dass ein Plan erkennbar wäre, eine ordnende Hand, eine Vision gar. Nun werden Sie sich wundern, denn wofür haben Sie Chefredakteure? Fragen Sie sie? Auf die Antwort bin ich gespannt, wenn Sie überhaupt eine bekommen. Das Zeitlose sollte das Zeitliche dominieren, dann wäre ein Gegensteuern möglich. Aber das kann nur noch eine revolutionäre Klasse, eine mit einer Vision, keine bürgerliche Zeitung, die den Markt bedient. Sorry, aber das ist der Preis für den Erfolg. Man muss ihn zahlen. Und das zwingt zur Affirmation. Nur eine Haltung, die nicht festhält, was nur reaktionär ist, oder sich nur an Formen klammert, bzw. Mainstreams auslotet, sondern den Grundsatz in Allem sucht, das Gesetzmäßige im Fluss der Dinge herausfischt, die also dem Lauf der Zeit nicht einfach folgt, sondern ihn zum Tiefgang zwingt, gibt der Zeit nicht die Möglichkeit davon zu laufen. (Stellen Sie sich vor, Sie reiten ein wildes Pferd und lassen die Zügel locker!) Und solche Informationen, also solche, die Tiefe haben, können niemals „too much“ sein. Man muss sie ja nicht alle lesen, ganz und gar nicht, aber man könnte sie alle gelesen haben, ohne dass das Hirn dampft, oder einem die Lust vergeht.
Das Gute zum Schluss: Ihre Beiträge machen ein gutes Bild, sie heben sich davon ab. Ich lese sie gerne, sie inspirieren mich. Sie suchen den ‚Wert‘ außerhalb des Wertes. Ein langer steiniger Weg. Und Ihre Kritik, ist trotz aller Affirmation, sehr mutig, gerade in dieser Zeitung.

Metaphysik?
@lemming: Marx hat sich mit dem Kapital beschäftigt, natürlich mit der gleichen Semantik, der der politischen Ökonomie, wenn auch der Kritik daran. Für das, was jenseits des Kapitals kommt, gibt es noch keine Semantik. Obwohl wir dieser Zeit näher stehen als Marx (nicht ontologisch zu verstehen), sind wir kaum in der Lage diese Zeit, ihre Werte, ihre Verkehrsformen in Sprache zu gießen. Also müssen wir uns mit scheinbar metaphysischen „Verneinungen“ des Gegenwärtigen begnügen. „Der Wert“ ist ein Begriff, der zumindest unter Marxisten klar ist. Diesen „Wert“ zu negieren, ist ein Element des Klassenkampfes. Im Prinzip ist es Solidarität, die das tut. Die Aufhebung der Klassen wird gefordert, die Aufhebung einer Ökonomie der „Verwertung des Werts“. Der Sozialismus wird gefordert, ja der Kommunismus angepeilt. Aber was ist das? Kommunismus (wenn nicht Chruschtschowschen Gulaschkommunismus)? Und zwar auf der Grundlage neuer ökonomischer Kategorien! Werte sind es nicht, aber wertlos ist es auch nicht. Also was ist es? Denn das Wort „Wert“ ist so stark geprägt, dass wir es eigentlich gar nicht mehr benutzen dürfen. Ich gebe Ihnen recht: es ist nicht genügend „Werte außerhalb des Wertes“. Aber sagen Sie es besser. Ich freue mich darauf.

Leninsche Dialektik und karibische Kurven
@pjk: Das stimmt, das mit dem Schach, vor allem wenn so ewige Anfänger wie ich mit im Spiel wären. Ich begnüge mich daher mit Tavla/Back Gammon (habe das von den Türken gelernt), das macht genauso süchtig und ist eben so Nächte zehrend und wirkt extrem Weizenbier verschlingend (bin vor Jahren von einem deutsch-bayrisch-jüdischem Dipl.- Ing. solange geschlagen worden, bis ich jedes Mal mit Weizenbier restlos voll war, habe dann mit Back Gammon etwas aufgehört). Und war es nicht Lenin, der empfahl, man solle sich in Sport und Spiel und in der Freizeit nicht so extrem verausgaben – körperlich wie geistig -, das nähme einem die Kraft für die (notwendige) Arbeit (Über die Arbeit). Er war schon ein seltener Puritaner unter den Arbeitsfetischisten unter uns Marxisten. Und doch nützt es nichts, solange wir die Leistungsgesellschaft nicht überwunden haben, müssen wir einiges leisten, um sie zu überwinden. Wir können sie schließlich nicht zu Tode schlafen, obwohl das Einige meinen – mittlerweile. Leninsche Dialektik!
Ach so, das mit der Karibik und der Distanz wollte ich so nicht sagen, das hätte nur so neidisch geklungen, ist lange her, dass ich mir das leisten konnte.
Aber ich wollte schon empfehlen, die Zeit besser zu nutzen und die Arbeit mal einzustellen, bringt ehe nicht viel, wer kann schon denken, bei diesem herrlichen Wasser, den karibischen Kurven und dem schmalzigen Rum, abgesehen vom schwülen Klima. Man ist ja kein Hemingway, aber der konnte auch nur im Stehen arbeiten, wenn er denn noch stehen konnte.

Mythen als Anker
Luhmann habe ich nicht gelesen, daher äußere ich mich nicht dazu, das Problem scheint mir aber ehe grundlegender, als dass das ökonomische Theorien, bzw. überhaupt Theorien zureichend beantworten könnten. Ich habe es schon weiter oben – zugegebenermaßen mit nicht gerade charmanter Zurückhaltung – versucht, zu fassen: Das zeitlose sollte das zeitliche dominieren. Der Hinweis von „Etiterum“ auf den „Anker der langfristigen Erwartungsbildung“ im Mythos, kommt mir da sehr gelegen. Ich selber arbeite daran, Mythen zu verwenden. Als Metaphoren, eben im Sinne eines solchen „Ankers“ (siehe: “Was dem Manne sein Orakel”).
Solches vermittelt Bilder, nicht Fakten, nicht Zahlen, nicht abstrakte Wertungen (oder gar Werte), und vielschichtige Deutungsmöglichkeiten. Ein Hafiz (“Hafiz – die Homo-Erotik – der Nihilismus”) zum Beispiel konnte so seine Wirkung über 1000 Jahre am Leben halten, wenn nicht gar nach diesen 1000 Jahren überhaupt erst voll entfalten. Bilder, mythische Allegorien, sind es, die dem Menschen einprägsamer sind, als alle Theorien zusammen. Natürlich – und ich sehe diesen Einwand schon auf mich zu kommen – : man könnte auch das Kommunistische Manifest für eine solche Mythenbildung verwenden (und genau dies wird ja der Linken gemeinhin unterstellt), aber hier geht es genau umgekehrt. Das kommunistische Manifest ist noch zu jung, hat noch zu viel theoretische Kraft, als dass es dafür sich eigne. Ganz sicher aber wird das mit ihm passieren, wenn der Kommunismus (oder auch die Barbarei) Wirklichkeit geworden sind.
Dann werden die Leute das lesen, wie wir heute die Genesis, erst dann aber. Ein Mythos wäre auch der vom Markt, der da doch von den Monopolen außer Kraft gesetzt sei. Dieser beruht aber auf einem falschem Verständnis der Kritik am Kapitalismus, einem jenen, das der liberalen Mythenbildung von Anfang an zu Grunde lag, als wäre der „freie Markt“ nicht von Anfang an ein Mythos. Es ist quasi der Mythos des Kapitals selber, so wie der Mythos von dem, der ausging ein reicher Mann werden zu wollen, und es auch noch schaffte, aus eigener (Arbeits-)Kraft, der umgekehrte Hans im Glück also.
Mythen müssen also schon so alt sein, dass sie nicht in Verdacht kommen, die aktuelle Realität in einen Mythos zu verwandeln, dann haben sie Kraft und zeigen Wirkung, werden glaubwürdig, sind glaubwürdig, vermitteln „ewige“ Werte, oder besser: zeitlose „Wahrheiten“. Derer gibt es nicht viele, denn alles unterliegt dem Wandel der Zeit. Aber es gibt, wie in der Physik, verschieden große Parameter, bzw., nennen wir es Perspektiven. Schauen wir auf die Welt über einen Zeitraum von 10000 Jahren oder von 100 Jahren, dann ergeben sich völlig andere „Wahrheiten“. „Zeitloses“ darf nicht mit konservatives verwechselt werden, das wäre dann allerdings ein reaktionäres Bemühen.

Ein falsches Leben im Richtigen?
@FritzV: „Und sind dann die Piraten und die Terroristen im Grunde nicht auf dem richtigen Weg?“ Diese Frage könnte man insofern bejahen, als man feststellte, dass jeder mögliche Weg, der begangen wird, grundsätzlich kein falscher sein kann. Ob er der angemessene ist, ist hingegen eine andere Frage. Auch die Produktion von Finanzblasen ist in diesem Sinne kein falscher Weg, sie treibt den Kapitalismus auf dessen eigenen Bahnen voran und damit seinem Ende entgegen. Allerdings auf dem Weg des Leids, für viele Menschen, und damit auf einem Umweg. Man könnte diesen Weg abkürzen, das wäre dann wohl die bessere Möglichkeit. Übrigens auch die Piraten und Terroristen treiben den Kapitalismus auf dessen Bahnen voran! – denn sind sie nicht Kinder dieses Systems? Wie kann ein „alternativlos“ gewordenes System denn eigentlich falsche Untersysteme hervorbringen? Wohl gar nicht! – Es sei denn, es gäbe ein Falsches im Richtigen, die umgekehrte Version wurde ja schon mal verneint.

Quelle:
faz.net: „Too much information und statistische Normaldepression“, 15. April 2009

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Ein Trackback

  • Von Wer schreibt, lebt (vielleicht) nicht am 16. September 2010 um 18:59 Uhr veröffentlicht

    […] das Genie wird dazu gezwungen Oh, es gab da zum Beispiel noch den Hemingway, auch so ein patriarchalisches Urvieh. Seine Masche war, das Beste zu zerstören, um das, was […]

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