Die Damönie der strukturellen Gewalt

Die Damönie der strukturellen Gewalt
Diese Analyse von Herrn Baum ist wohl mit Abstand das Klügste – und auf gewisse Weise auch das (positiv besehen) liberalste – was man aus dem Mund eines bürgerlichen Politikers zu diesem Thema überhaupt vernehmen kann; und zugleich ist sie in ihrer Schlussfolgerung so reaktionär wie die Pogromhetze einer BILD zum Beispiel, weil sie zu wissen glaubt, „dass“ (wenn) „bestimmte politische Forderungen einer Bevölkerungsgruppe über längere Zeit unerfüllt bleiben“, „das Radikalisierungspotenzial in einer Massenbewegung“ erhöht wird, was eben auch zum Terrorismus führen kann. Und damit wäre auch aus dem Munde eines Bourgeois zu dem Thema „unerfüllte Forderungen“ der „Massen“ schon alles gesagt, die man somit nur um ihre radikalisierenden Elemente betrügen will. Ein kluges Modell, schade nur, dass diese Bilderbuchdemokratie eben nur ein „Modell“ ist – und daher gehen solche Rezepte eben all zu oft ins Leere! Und da auch ein Herr Baum solches natürlich weiß, kann er sich gegenüber einem Terrorismus, den er ja solchermaßen so „verstanden zu haben“ vorgibt, wieder den Liberalen spielen. Und auch wen Jan Philipp Reemtsma aufgrund tragischer eigener Erlebnisse sicherlich ein „Spezialist“ in Sachen Gewalt sein wird, so kann er nicht mithalten, wenn es darum geht, potenzielle und solchermaßen eben strukturelle Gewalt schon im Gegenstand einer Analyse – wie sie hier von einem Herrn Baum zum Besten gegeben wird – zu begreifen. Er kann einen Dämon nicht erfassen, der nicht einfach im Hintergrund anonym die Fäden zieht – selbst Goethes Mephisto wäre da keine geeignete Gestalt zu – sondern der da eben solchermaßen gestaltlos, im System wirkend und ohne dabei Spuren hinterlassend, einfach nur präsent ist. Wie kann man eine strukturelle, ergo: gestaltlose Gewalt einer Entführung gegenüberstellen? Es wird wohl so sein, dass zu solchen Erkenntnissen die Opfer von Gewalt am seltensten gelangen können – wenn ja auch schon die „Täter“ sich einer solchen – nämlich der ihrigen – wohl kaum noch wirklich bewusst sein können, wo doch die besondere Heimtücke eben dieser strukturellen Gewalt gerade darin zu liegen scheint, dass es zwischen Tätern und Opfern keine all zu großen Unterschiede mehr geben kann – zumindest auf strukturellem Gebiet!

zeit.de/2007/12/Antwort-Reemtsma

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