Ein hehrer Wahn

Ein hehrer Wahn
Ist es doch gerade jene Festung, da an den Dardanellen, die das schafft, was es für uns sein soll: Teil des Gründungsmythos, dem des Abendlandes. Der „listenreiche Odysseus“, der antike Held, obsiegt dank der Überlegenheit des Wissens über religiösen Aberglauben. Noch sind sie anwesend, die Götter, und das Schicksal scheint dem Menschen unumgänglich, als Streit der Götter vorhergezeichnet, doch beim Tod einer Kassandra: nur ein Apollon scheint allmächtig.

Es ist dies der Sieg der Griechen über ihre anatolische Vorgeschichte, ja schon des einen Gottes, den der Sonne, über die vielen, des Patriarchats über das Mutterrecht, der Klugheit über die Vorsehung, der Strategie über blanke Heeresmacht und Fürstenglanz. Es ist der Beginn eines neuen Zeitalters: Die Barbarei trennt sich von der Vorgeschichte, die Geschichte vom Mythos.

Sie ist für uns Abendländer undenkbar, die Annahme, dass Ilios irgendwo weiter in der Ferne liegt, im Nebel eines asiatischen „Avalon“ gar, an der Schwarzmeerküste, an ihrem äußersten Osten.
Wir pfeifen auf die Geschichte, wenn der Mythos uns den Stachel löckt, den nach dem Wunsch der Geburt des Abendlandes, nämlich aus dem Kopfe eines antiken Helden, gleich der Athene, aus dem des Gottvater Zeus.
Ja, die List ist uns gegeben, und mit ihr diese, die uns selbst überlistet.

Bleibt der Mythos und weicht die Geschichte, dann kehrt sie zurück, in des Mutters Leib: die Frucht, die keine sein wollte.
Das Morgenland, es ist uns so fremd, wie die Rippe, aus der Adam einst Eva gebar. Kein Stück von uns, einfach nur ein Knochen, den wir zum Fremden gemacht.
Und da stehen wir nun, wir Helden, ursprungslos und zielverloren, mutterverachtend wie vatermordend. Das Abendland, ein schlechter Ersatz für der Mutter Leib, ein Hort des Wahns, der Kopf, aus dem das entstieg.

Wahres Menschentum
Lieber Adolar: Ich kann es nicht besser, und eigentlich gefällt es mir so. Und ich gestehe meine diesbezügliche Heimtücke: Ist doch die Rezeption nur dem verständlich, der meine Sicht der Dinge teilt. Aber das vielleicht zur besseren Klarheit:

So wie Abendland und Morgenland nicht geographisch geschieden werden können, ich referiere da auf Ernst Jüngers „Der gordische Knoten“ (siehe auch: „Hegel wäre an ihm wahnsinnig geworden“), so ist auch der Unterschied zwischen dem Migrant und dem „Autochthonen“ kein nationaler, gar „rassischer“, resp. also kein äußerlicher. Nehmen wir da zunächst mal das extreme Beispiel der USA. Wer möchte dort einen Migranten von einem „Einheimischen“ unterscheiden? Nennen Sie mir ein Kriterium, wonach das möglich sein sollte! Und nun zum scheinbar schwierigen Fall. In Deutschland leben mittlerweile 40 %, die in den letzten 50 Jahren zugewandert sind (wenn wir die unmittelbare Nachkriegszeit mitrechnen, werden es wohl noch mehr). Wie viele von diesen würden Sie als (mittlerweile) autochthon bezeichnen? Wo verläuft die Grenze? Dieser Prozess wird sich noch beschleunigen. Und wenn ich diese Frage in 10 Jahren stelle, wird man diese Frage wahrscheinlich gar nicht mehr verstehen. Ich sage es ganz offen: In dieser Hinsicht zumindest ist die von manchen bis in die Moderne hinein geschleppte Antike erledigt.

Was mir allerdings die Antike nicht verleidet. Ich liebe sie geradezu. Aber nicht aus dem Grund, der sich da vielleicht aufdrängt. Es ist nicht die Differenz, der Unterschied, ja die Klarheit vielleicht bzgl. der Dinge, das ganz und gar nicht. Sagte da nicht schon ein Sokrates, dass er nur wüsste, dass er nichts wisse? Nein, es ist die „Unschuld“, die ich da noch vorfinde, gleich dem Kinde, das noch nicht herangereift. Die Barbarei, das Morden, ja das Abschlachten in Kriegen wie um Troja, gleich ob Mythos oder nicht, das kommt mir wie das Kind vor, dass da genüsslich einen Regenwurm zerlegt. Es weiß ja nicht, was es da tut. Es testet quasi noch den Stoff, aus dem das Leben ist. Natürlich, in dem es diesen vernichtet.

Wer sich allerdings dieser Unschuld zu bedienen sucht, um eigene Schuld zu tarnen, heute, missbraucht die Antike. Ein Zurück gibt es nicht. Wir sind alle längst im Zeitalter der Schuld geboren. Soweit dies auch zur Behauptung „der Gnade einer späten Geburt“. Das Gegenteil ist der Fall. Wir können auch schuldig werden, als späte Geburt, wenn wir die Schuld der vorher Geborenen nicht sühnen, nicht bereit sind diese zu übernehmen.

Das unterscheidet uns von den Leuten in der Antike. Sie waren alle unschuldig, gleich ob Verbrecher oder Opfer. Sie waren die Kinder in der Menschheitsgeschichte.

Dies erkannt zu haben, unterscheidet hoffentlich den Abendländer vom ewigen „Morgenländer“, dem der sich von der Antike noch nicht gelöst. Das zumindest wäre mein Anspruch. Es ist lediglich ein kultureller Unterschied, vielleicht auch nur einer in der Bildung, aber einer, der nicht auf Kultusministerkonferenzen oder gar in Bologna auf der Tagesordnung steht. Diesen müssen wir uns selber aneignen. Den müssen wir lernen, am Beispiel der Antike, in ihrem möglichst umfassenden Verständnis, in ihrer Würdigung, in ihrer Kritik, im schließlich und endlich Erkennen dessen, worin wir Sokrates unbedingt weiter entwickelt haben müssten. Steht doch nicht mehr die Liebe zur Weisheit auf der Agenda, sondern die Liebe zum wahren Menschentum, zur unteilbaren, nicht mehr differenzierbaren Menschheit. In diesem Punkt sind wir aber alle noch Migranten, stehen wir an den Toren des „Abendlandes“ und fordern Einlass.
Das möchte ich gerne unseren Politikern sagen, besonders jenen, die sich da als Gralshüter verstehen, als „Torwächter“ des Abendlandes und gar nicht bemerken, dass sie der „Höllenhund“ geworden sind, der, der die Moderne in die Grube begleitet.

faz.net/blogs/antike/archive/2010/11/05/die-troia-abrechnung-ungekuerzt

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  • Von Wer nichts zu verbergen hat, ist ein Vollidiot am 15. November 2010 um 20:54 Uhr veröffentlicht

    […] Die Nach-Sarrazin-Epoche hat begonnen. Die Welt, zumindest in Deutschland, ist nicht mehr dieselbe. Wenn auch der Dünkel und die Dummheit sich immer noch die Hand reichen. […]

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