Lauter alte Hüte

Lauter alte Hüte
Man muss Hacedeca recht geben, ein kapitalistischer Staat mit solchen Befugnissen (einem solchen Blankoscheck) wäre in der Konsequenz ein totalitärer. Was den Sozialismus angeht, erübrigt sich eine solche Prämisse, denn dieser ist nicht nur anders organisiert, er handelt auch nach anderen Ordnungsprinzipien (der Schutz des Privateigentums des Bürgers steht ehe nicht auf seiner Agenda).
Und auch Tarantoga muss man recht geben: es ist genau so. Also diskutieren wir hier in Form einer Alibidebatte!?
Und selbstredend stell ich mir wie Nullblicker die Frage: wäre denn eine nicht „vollbeschäftigte Gesellschaft“ nicht die bessere?
Im Kapitalismus! – eindeutig Nein! Denn das bedeutet Armut, Abhängigkeit…
Im Sozialismus! – im Prinzip Ja, wenn der technische Standard dem entsprechend wäre! Ich denke, und da denke ich mal weit in den Kommunismus hinein: Genau dies ist ehe das ultimative Ziel einer klassenlosen Gesellschaft. Zunächst Abschaffung der Klassen, der Klassenausbeutung, dann Reduzierung der Arbeit auf das gesellschaftlich notwendige Maß. Ein sog. Grundeinkommen könnte ich mir als eine Übergangslösung im Sozialismus in Richtung Kommunismus vorstellen, in der Phase, noch vor der Abschaffung des Geldes, bei Resten von „Marktwirtschaft“ (niemals im Kapitalismus, das wäre nur geschönte Sozialhilfe), und zwar auf hohem technischen Niveau (der Kapitalismus wäre global gesehen nur noch eine Minderheitenveranstaltung, wenn überhaupt eine solche).
Ach ja: Was mir bei all diesen „Klassikern“ so einfällt: lauter alte Hüte, oder?
Der älteste Hut wäre dann wohl „die Vollbeschäftigung“. Nicht nur Phrasen für das Volk, sondern auch eine Aporie im System der bürgerlichen Ökonomie. Denn: Produktivitätssteigerung = immer Entlassungsproduktivität. Nehmen wir dann noch Marxens Analyse der Zusammensetzung des Kapitals in einer entwickelten kapitalistischen Gesellschaft, dazu den „tendenziellen Fall der Profitrate“, und wir haben ein für das Kapital nicht zu lösendes Problem.
Merke: Jede kapitalistische Krise kommt genau hieraus. Überproduktionskrise (da am Bedarf/am Markt vorbei produziert) und zugleich Unterkonsumtionskrise, da die Massenarbeitslosigkeit den inneren Markt stetig schrumpfen lässt).
Die herrschende Ökonomie bezeichnet daher ihre 4 Ziele, nämlich hoher Beschäftigungsstand, Preisniveaustabilität, außenwirtschaftliches Gleichgewicht und angemessenes und stetiges Wirtschaftswachstum nicht zu Unrecht als „magisches Viereck“).
Es sind genau die Bedingungen, die eine kapitalistische Wirtschaft zusammen nie erfüllen wird, nicht mal ansatzweise.
So gilt für Deutschland im besonderen Maße:
Hoher Beschäftigungsstand und Wirtschaftswachstum – Fehlanzeige
Außenwirtschaftliches Gleichgewicht und Preisniveaustabilität – Fehlanzeige
Der Exportweltmeister leistet sich seinen Wohlstand auf Kosten der Massen im In- und Ausland, damit sind für die Massen die Waren im Inland zu teuer, im Ausland wohl relativ billig, dafür stimmt aber das außenwirtschaftliche Gleichgewicht mit diesen nicht mehr (den Preisdruck erleben die Massen im Ausland durch deren negativen Handels- wie Leistungsbilanz). So haben wir eine verdeckte (eine geleugnete) Inflation – seit Jahrzehnten – für die Konsumgüter im inneren Markt, damit wir preiswert exportieren können. Das bedingt wiederum einen ständigen Druck auf das Währungssystem, was wiederum durch zu hohe Zinsen gestützt wird. Dass wir nun, in der Krise, gezwungen sein sollen, niedrige Zinsen zu haben, wollen die Banken ja nicht wirklich wahrhaben, somit bleiben die Zinsen und damit weiterhin die Preise der Massenkonsumgüter relativ hoch. Last not Least ergibt all das eine ständig wachsende Massenarbeitslosigkeit, da die Produkte für den Weltmarkt – unter diesem Preisdruck – in Billiglohnländern produziert werden müssen. Das wiederum verschärft die Bedingungen auf dem inneren Markt, usw. usf.
Ich brauch wohl nicht zu erwähnen, dass das nicht gerade die besten Bedingungen für eine handfeste Wirtschaftskrise sind. Und genau dies ist auch der Grund für Deutschlands ungebrochene Aggressivität. Wer unter solchen Bedingungen Exportweltmeister bleiben will, also dauerhaft die Massen auf dem Weltmarkt für den eigenen Luxus bluten sehen will, ist nicht gerade ein Softie.
Hab ich was vergessen?

„Zwei Schritte zurück“
@Strobl: Demokratisch-totalitär: zunächst einmal sind für mich diese Herrschaftsformen nicht durch eine chinesische Mauer getrennt. Allerdings, und so habe ich das verstanden: wenn ein kapitalistischer Staat über die „Gelddruckmaschine“ direkten Zugriff auf das Einkommen und Vermögen seiner Bürger erhielte – bisher liegen da mehr oder weniger die Finanzbehörden noch dazwischen (Stichwort: Gewaltenteilung!) -, dürfte wohl die letzte Schamgrenze bürgerlicher Legalität (und vor allem auch bürgerlichen Selbstverständnisses) gefallen sein. Aber selbstredend passiert genau solches in dieser Krise (es wird nur noch nicht zugegeben, und insofern scheint mir Ihre Frage berechtigt: Ist das noch Demokratie?), insofern ginge das auch über den Umweg GBs. Bin nur gespannt, wann wir so etwas wie Zwangsanleihen (Kriegskredite!) aufgenötigt bekommen!? Vielleicht dann, wenn der Bürger das System der (freiwilligen) Anleihen (staatlich organisierter Raub) mal durchschaut hat? Robert Kurz, den ich, wie Sie wohl schon wissen, nur unter Vorbehalt zitiere, hat da kürzlich eine treffende Formulierung zu gebracht: „Kriegswirtschaft ohne Krieg“ sei das. Nicht so verkehrt, wie ich denke. Und das führt uns zu…
Alibidebatte: In der Tat: auch hier scheinen mir die Grenzen fließend.
Vollbeschäftigung: „Asymmetrie“, welch eine schöne Umschreibung, besser gesagt Verniedlichung. Als wenn es die Arbeit interessiere, wie viel Kapital das Kapital besitzt, wo es doch ausschließlich um die Frage geht, was es mit dem Kapital macht, also welche Macht es damit besitzt. Nicht die Quantität der Klassenbeziehung zählt, sondern die Qualität. Und es geht um den Unterschied eines Beschäftigten zu einem „Transferleistungsbezieher“, letzterer ist wesentlich gehemmt am Klassenkampfgeschehen aktiv Teil zu haben. Jede Art von Transferleistung, die das Subjekt politisch entwertet (ökonomisch entmachtet), ist im Kapitalismus mehr als bedenklich. Warum sind die Ärmsten der Armen, die Sozialhilfeempfänger, die in aller Regel politisch Inaktivsten? Ihre Abhängigkeit vom Kapital ist total. Ihr Bewusstsein ist dementsprechend. Sie sind völlig entmündigt. Materiell wie geistig. Und zwar nicht nur wegen der Bedingungen der Transferleistungen, sondern allein wegen der Tatsache einer solchen. Im Kapitalismus zählt der Mensch nur als Arbeitskraft (richtiger: als solidarisch agierende Arbeitskraft, als eine die sich organisieren kann) oder als Kapitalbesitzer; das ist nicht nur eine Frage der psychologischen Sinngebung im individuellen Sinne, sondern referiert vor allem auf den Faktor Macht oder Ohnmacht.
Aufgeklärten Absolutismus: Den hatten wir schon. Nun stünde ein unaufgeklärter Absolutismus an, finden Sie nicht auch? Und daher ist die Perspektive Kommunismus, nämlich als ein mehr an Freiheit hoch aktuell. Ein solcher Kommunismus muss natürlich völlig überholt werden. Die Grundlagen sind von Marx wohl schon geschaffen, aber die reichen wahrlich nicht mehr aus. Die Demokratiebewegung als Antipode zu einem solchen Absolutismus, muss Teil der kommunistischen Bewegung werden, dann haben beide eine Chance – Demokratie wie Kommunismus.
Wir haben da wohl „2 Schritte zurück“ getan, wo wir einen nach vorne gegangen waren (vgl. Lenin: Ein Schritt vor, zwei Schritte zurück).
Meine Ausführungen zum „Magischen Viereck“, ich nehme an, die meinten Sie. Schön, dass Sie als Ökonom diese (wenigstens) positiv bewerten, ich bin nur ein halber oder gar nur ein viertel Ökonom. Und ich hoffe, dass Sie daran erkennen, wie lernfähig ein Marxist sein kann.

Tretmühle bis ins Rentenalter
@Strobl: Es gibt vermutlich viele Argumente, warum „Arbeitsunwillige“ unterstützt werden sollen/müssen. Das klassische, wäre das des Sozialstaats, welcher keinen seiner Bürger verhungern lässt, nicht die im Knast, nicht die auf der Straße, und auch nicht die, die sich der „Verwertungsgesellschaft“ auf ganz individuelle Weise widersetzen. Dieses Argument sollte man noch ergänzen, um das der Friedenserhaltung. Ein Argument, dass jahrzehntelange dazu ausreichte, Sozialhilfe auch an „Arbeitsunwillige“ auszuzahlen, manchmal bis auf das „Lebensnotwendige gekürzt“, aber niemals darunter. Bis zu Hartz IV, da kam der Paradigmenwechsel. Seit dieser Zeit, nimmt man es in Kauf, dass größere Teile der Massen nicht nur völlig verelenden, sondern auch entsprechend radikalisieren. Man scheint es in Kauf zu nehmen, dass die Kehrseite der Medaille eine entsprechend höhere Kriminalitätsrate ist!
All dies waren bisher Standardargumente dieser bürgerlichen Gesellschaft selbst, einer Gesellschaft, die sich vielleicht bewusst gar nicht auf jenen sozialdarwinistischen Standpunkt stellte (obwohl sie ihre Neigungen dazu schwer unterdrückte) – und auf den Sie offenbar hier rekurrieren -: wer nicht arbeitet, der soll auch nicht essen. (Im Sozialismus wurde dieses Argument auch verwendet, allerdings, gab es da auch ein Recht auf Arbeit, Leute, die die Arbeit unter diesen Bedingungen verweigerten, wurden als Klassenfeinde angesehen! Darüber kann und soll man diskutieren, aber man kann nicht beides vergleichen.)
In der kapitalistischen Gesellschaft gibt es nicht nur kein Recht auf Arbeit, also nicht mal ein Recht auf Verwertung seiner Arbeitskraft, seines Warendaseins, sondern nur eine Pflicht dazu, und das ist einer der Pferdefüße. Diese „Arbeitspflicht“, die übrigens in früheren Jahren brachial (Arbeitshäuser etc.) durchgesetzt wurde, und die einhergeht mit zum großen Teil menschenunwürdigen Arbeitsbedingungen (ich weiß wovon ich rede, ich kenne die Fabrikarbeit!) und eigentlich Chancenlosigkeit auf jemals bessere, überfordert eine nicht unerhebliche Zahl von Menschen. Diese Überforderung steht im direkten Verhältnis zur Zumutung des Kapitals, des Kapitalismus schlechthin, also auch zu einer nicht begriffenen Zumutung. – Nicht jeder muss sich dessen bewusst sein, was er da ablehnt, ja all zu oft, sind es gerade die „Unbewussten“/Unterbewussten, die sich auf solche Weise zur Wehr setzen. Nicht ungefähr sind viele Menschen auch seelisch krank, die als Arbeitsverweigerer gelten. – Die Grenzen zwischen „Arbeitsunfähigkeit“ und „Arbeitsunwilligkeit“ sind hier also fließend. Letzteres ist wohl ein wichtiges Indiz für die Menschenunverträglichkeit dieses Systems überhaupt. Über den benthamschen, und solchermaßen affirmativen Ansatz eines solchen bürgerlichen Radikalismus in dieser Frage, wie Sie ihn hier vortragen, möchte ich mich an dieser Stelle nicht weiter auslassen.
Allein wichtig ist für mich, dass aus der Perspektive der Klasse, also der Klasseninteressen des Proletariats, der Schutz auch solcher Individuen definitiv angesagt ist. Er ist letztlich Selbstschutz, denn es kann jeden treffen. Wer kann von sich behaupten, dass er diese Tretmühle bis ins Rentenalter aushält? Im Übrigen eignet sich der marxsche Begriff des „Lumpenproletariats“ für eine solch affirmative Arbeitsethik keineswegs – falls Sie darauf kommen sollten. Marx stellte die Klassenverhältnisse und Klassendifferenzierungen (u. U. auch innerhalb von Klassen) aus Sicht eines wissenschaftlichen Betrachters dar, der damit feststellte, dass die bürgerliche Gesellschaft an ihren eigenen, inneren Widersprüchen zugrunde gehen wird. Partei nahm er nur für das Proletariat. Auch ist das „Lumpenproletariat“ nicht per se identisch mit „Arbeitsverweigerern“, wobei natürlich auch hier fließende Grenzen möglich sind. Das Lumpenproletariat ist außerdem eine Schicht, die von ihren Klassenbeziehungen her eher dem Kapital als dem Proletariat zugerechnet werden muss, es dient dem Kapital all zu oft mehr als Lumpen als als Proletarier. In jeder Revolution, oder auch Konterrevolution, spielen sie nicht selten die Provokateure der Konterrevolution. Die Motive zur Arbeitsverweigerung scheinen mir aber komplexer. Man sollte sich also hüten vor jeglichen Vereinfachungen.

Vom bedingungslosen Grundeinkommen und von der Apologie der Substanz des Geistes
@pjk: Ihre „abstrakte“ (aloa5) Herleitung einer „bedingungslosen Grundsicherung“ halte ich für gekonnt, wenn sie auch erst in einer Phase des Sozialismus im fortschrittlichen Sinne Relevanz fände. Es wird im Allgemeinen vollkommen übersehen, dass die Kapitalisten, die im Sozialismus zu enteignen seien, selbst Enteigner sind (Kommunistisches Manifest: Die Expropriateurs werden expropriiert“). Das heißt, die ganze Gesellschaft des Kapitals ruht nicht nur auf der Ausbeutung von aktueller Lohnarbeit, abstrakter Arbeit, sondern auf Schichten von geistiger wie körperlicher Ausbeutung, die letztlich bis in die Anfänge der menschlichen Gesellschaft zurück reichen.
Im Kapitalismus scheitert ein „bedingungsloses Grundeigentum“ nicht nur an der Klassenborniertheit der Herrschenden (also an quasi ideologischen Schranken, und wie wir sehen auch an jener bürgerlichen „Arbeitsethik, welche ja dem Arsenal der bürgerlichen Ideologie entnommen ist), sondern vor allem an der Notwendigkeit den „Wert zu verwerten“. Eine Gesellschaft, die keine Bedürfnisse zu befriedigen, sondern ausschließlich Gewinnmaximierungsinteressen sucht (Verwertungsinteressen von Werten), kann per definitionem nicht größere Teile oder gar den überwiegenden Teil der Gesellschaft „bedingungslos“ alimentieren. In jedem Wesen steckt die Verwertungsmöglichkeit-/notwendigkeit (als Ware Arbeitskraft zunächst erkennbar), und sei es dann in dem Wesen als ein konkretes solches. Wir erleben das gegenwärtig an psychisch Kranken. Auch wenn dies bestritten wird, sind sie doch auch Opfer von medizinischen Experimenten (ähnliches bei Gefängnisinsassen). Diese Menschen können sich dagegen nicht wehren – sie haben keine erkennbare Alternative, oder keine Angehörigen und/oder keine Rechte. Und genau dies passiert in aller nächster Zukunft mit all jenen Menschen, die als Arbeitskraft obsolet sein werden. Jetzt schon ist die Entstehung eines Marktes an Körperteilen, deren sich die Opfer aus „eigenem Willen“ entledigen, Nieren aus Spanien und sonstwoher für reiche Bedürftige, ein deutliches Indiz. Aber das ist noch eine recht primitive Form des Menschen(organ)handels. Die höheren Formen wird man nicht mehr erkennen. Die Bedürfnisse der biotechnologischen Industrie sind dahingehend längst formuliert, und auch die Neurophysiologie wird ihr Scherflein dazu beitragen (und auch mal vorausgesetzt, dass die damit verbandelte Kybernetik ihr Stadium einer Pseudowissenschaft noch überwindet).
Und letztlich benötigt das Kapital in seiner postmodernen Gesellschaftsformation recht bald nur noch (überwiegend) den Genpool der Massen, und weniger die Massen (als „Arbeitskraft“). Auch wenn es wohl so sein wird, dass der reaktionäre Charakter solcher Interessen und denen damit verbundenen Wissenschaften echte Erfolge noch eine Weile erschweren, so sind die aufgestellten Verwertungsparameter (zum Beispiel in der Gesundheitsindustrie, der Lebensmittelindustrie) nicht zu umgehende Meilensteine, die das Kapital wohl stolpernd und irrend, dann aber doch aus dem Weg räumen wird. – Und gerade für diesen Prozess benötigt es die Geisteskraft des ganzen Planeten – jetzt schon. Man könnte auch sagen: Alle Kräfte des Subjekts werden mobilisiert um es als solches zu überwinden. Es findet ein gnadenloser Wettbewerb um die Geistesarbeiter dieser Welt statt, den letzten, die als solche, nämlich Arbeiter, es irgendwann noch geben wird, allerdings noch in den Formen der klassischen Lohnarbeit, und daher zum Teil wenig produktiv. Denn man beutet mit Vorliebe die aus, die man billig erworben aber nicht teuer und somit selber ausgebildet hat. Das ist ein nicht unerhebliches Hindernis für das Kapital und somit eine wertvolle Chance für den Klassenkampf der Lohnarbeit.
Es wird dann darum gehen, auch das intellektuelle Potential auf eine solche Weise auszubeuten, wie es nicht erkennbar sein wird, wie dies geschieht. Die Ausbeutung des Menschen durch den Menschen bedarf recht bald keines Subjekts mehr. Das mag in den Ohren des einen oder anderen wie Science Fiktion klingen, aber wer Jeremy Rifkins „Das biotechnische Zeitalter“ gelesen hat, weiß wie nahe wir dran sind, und dass die Welt wie in Matrix doch eine denkbare sein wird.
Die Grundfrage im Kapitalismus – soweit es einer dann noch sein wird – wird dann lauten: Findet hier noch eine Verwertung des Wertes, also die Verwertung von abstrakten Kategorien statt? Ich meine, dass uns das Kapital demnächst die Synthese von Arbeitsgesellschaft und Sklavenhaltergesellschaft präsentieren wird. Die Verwertung des Werts – auch und besonders die der Ware Arbeitskraft – findet weiterhin statt, denn die Entwicklung einer solchen Gesellschaft kennt eigentlich keine Grenzen. Mag sein, dass dann die letzten echten Proleten nur noch Dienstleister (die Geistesarbeiter dünken sich ja doch noch weit von entfernt von – vom Status des „Arbeiter“) sein werden, neben einem Heer von Robotern oder anderen Mensch-Maschinen, Maschinenmenschen und an Maschinen/Labore angeschlossenen Wesen.
Nicht so sehr die physische, wie wohl mehr die Geisteskraft des Menschen ist letztlich der „Stoff“ aus dem die kapitalistischen Träume sind. Ein Stoff, der bekanntlich nur ein metaphorischer ist. Man sucht das Genmaterial für die Geisteskapazität des einen wie des anderen. Mal die Richtigkeit einer solchen Vorstellung nicht in Frage gestellt, bedeutet das, dass man nach noch subtileren Formen der Ausbeutung des Menschen durch den Menschen sucht, nämlich indem seine geistige „Substanz“ zu isolieren sucht (relativ isoliert von seiner körperlichen also – im Genpool zum Beispiel). Letztlich ist es diese geistige Kraft, die als Energie, dem System zugeführt wird, und, und darin wäre Matrix erschreckend real, von den Subjekten als solches nicht zu erkennen wäre.
Auch wenn es immer deutlicher wird, dass die bekannte Form von Ausbeutung ihrem Ende entgegen geht – die Lohnarbeit -, geht die Ausbeutung als solche damit nicht zu Ende. Natürlich wäre es dem Kapital recht, solche (Nicht-)Wesen/Nichtsubjekte mit einer Art Grundsicherung zu versehen, Wesen, deren Energie anderweitig, als durch die krude Form von Lohnarbeit abgeschöpft werden kann und muss.
In der gegenwärtig diskutierten Form der Grundsicherung,ist ein solches Szenarium natürlich noch nicht erkennbar, aber es steckt schon drin, weil die Entwicklung des Kapitals die Richtung vorgeben wird, nicht der Wunsch des einen oder anderen Vertretern des Kapitals. Eine Grundsicherung wäre somit alles andere als sozialer Fortschritt, es wäre das Testfeld für ein wie oben beschriebenes Spektakel. Es wäre die ideale Form, innerhalb derer die Menschen ihrer Rechte beraubt werden könnten, ohne dass sie sich dessen all zu schnell bewusst werden könnten.
In diesem Sinne hat Aloa 5 recht, auch wenn er vermutlich diese Perspektive gar nicht im Auge hat. Grundsicherung wird die „Bedingungen“ nur verschleiern, nicht obsolet werden lassen.
Anders im Sozialismus, wo die Grundbedingungen für die Ausbeutung, die Verwertung des Werts, das Privateigentum an den Produktionsmitteln, der Markt, also die Klassengesellschaf, aufzuheben sein werden.
Auch Schlegels Ausführungen sind interessant, ich verweise hier noch einmal auf Slawoj Zizeks „Parallaxe“, also auf den notwendig „blinden Fleck“ in unserer Erkenntnis. Auf die „Lücken“, die letztlich das einzige sind, was ist (im ontologischen wie im nicht ontologischen Sinne). Sie sind im Prinzip auch genau die Schranke, die das Kapital im Moment (auch wegen der Ablehnung der Dialektik) noch nicht zu überwinden weiß. Ihre ontologisch orientierte Wissenschaft kann sich mit dem Phänomen der Nichtontologie von Geist und Erkenntnis nicht so richtig anfreunden. (Siehe Rolf Singer und seine geradezu hysterische Apologie einer Substanz des Geistes. – Diese Apologie spricht Bände, rekurriert sie doch auf den Anspruch des Kapitals eine solche Substanz zwecks Verwertung zu finden!)
Spannender Diskurs!

Ontologie auf dem Bauch
Lese da gerade aus der Laudatio des Frank Schirrmacher anlässlich der Verleihung des Ludwig-Börne-Preises an ihn. So zitiert ihn die Frankfurter Neue Presse (08.06.09, Kultur) gleich mit ihrer Überschrift wie folgt: „Der Rohstoff der Zukunft sind unsere Gehirne“. Ich finde, dass das zu gut passt, zu dem was ich gestern geschrieben habe („Vom bedingungslosen Grundeinkommen und von der Apologie der Substanz des Geistes“), als dass ich das Ihnen vorhalten könnte. Ob Frank Schirrmacher irgendeinen kritischen Ansatz hierzu verfolgt, entzieht sich meiner Kenntnis, ich befürchte eher nicht, denn der Begriff „Rohstoff“ assoziiert doch all zu sehr zu dem der „Substanz“. Nun schreibt er nicht „Geist“, sondern „Gehirne“, was zumindest ihn uns als Materialisten vorstellen lässt. Das menschliche Gehirn aber als Rohstoff darzustellen, offenbart doch einen affirmativen politischen Charakter, einen solchen, der die Ausbeutung des Menschen, also die Ausbeutung dieses Rohstoffes durch das Kapital, im Zweifel eben doch nicht kritisch betrachten wird können.
Die technische Innovation, die da hinter stehen mag, ist als Technik vielleicht nicht das eigentliche Problem – natürlich kann eine Wissenschaft, die sich auf solche Höhen zu schwingen vermag, auch für den Menschen nützliche Ergebnisse hervorbringen -, aber erstens tut sie das nicht, bzw. nicht im ausreichenden Maße, und zweitens, dadurch dass sie das Bestreben, menschliche Gehirne (wie zuvor den menschlichen Körper) bedingungslos auszubeuten, unterstützt, wird sie zum Problem, bzw. wird sie Teil des Problems (und nicht der Lösung, wie es so oft, ein gewisses, problematisches, Zitat kolportierend, heißt) und damit auch eine Wissenschaft, die sich dem unterordnet.
Jeder Intellektueller, der von diesen Dingen Kenntnis erhält, und sich nicht definitiv kritisch damit beschäftigt, beteiligt sich am ultimativen Verbrechen dieser Menschheit, welche diese nun ans an sich selbst verübt, wie bisher schon an subalternen Klassen, der Natur, wie an der wehrlosen tierischen Kreatur.
Wir überschreiten gerade die Grenze in Richtung einer Welt, die uns ein Zurück wohl kaum ermöglichen wird, und zwar gerade so wenig, wie dies uns schon der Mythos von der Vertreibung aus dem Paradies vor-gezeigt hat.
Wer weiß, ob dieser Mythos nicht eine jener genialen Überlegungen ist, die nicht Vergangenes verklären, sondern gewisse – dann aber erst tausende Jahre danach – reale Geschehnisse vor-deuten. Ein Mythos, der sozusagen in seiner Doppeldeutigkeit wie in seiner Doppelung, einmal als realer Mythos, ein andermal als retrospektiv genommener Rekurs hin zu einer irreal scheinenden, ja surreal daherkommenden Geschichtsentwicklung, erst Wahres hervor zu bringen vermag. Nicht wirklich Wahres im Sinne einer ontologischen Geschehnisverkettung – von der einen „Vertreibung“ zu der anderen womöglich -, sondern Wahres erst nach seiner Deutung – philosophisch Wahres -, denn ein, in seiner Metaphorik von irgendeinem wahren Geschehnis nicht mehr zu Überbietendes.
Ein Gleichnis auch, nämlich von einer Menschheit, die den Sprung aus der Barbarei nicht wirklich zu schaffen vermochte und daher erst noch die wahre Barbarei vor sich hat. Eine solche Menschheit dreht sich im Kreis, dreht sich natürlich auch um ihre Mythen, denn über diese hinaus zu kommen, vermocht sie nicht. Eine Ontologie, wohl als Spirale, aber nicht „nach oben“, sondern eine auf dem Bauch liegende.

faz.net/blogs/chaos/archive/2009/06/03/moegen-sie-abba

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  • Von Singers Präjudiz am 20. Dezember 2009 um 23:18 Uhr veröffentlicht

    […] nicht genügen. So setze ich noch einen drauf: Das Subjekt wird obsolet (siehe auch Jeremy Rifkin: Das Ende der Arbeit) und das Kapital versucht nicht nur die Verwertung des Werts im virtuellen Raum (den ersten Schritt […]

  • Von Die Produktivkräfte geraten in Widerspruch zu den Verkehrsformen am 11. Januar 2010 um 14:08 Uhr veröffentlicht

    […] – nämlich auch billigen – Arbeitskräften steigert nur dann die Profite (bei einem ansonsten tendenziellen Fall der Profitrate), wenn dieser nicht neue Arbeitsplätze […]

  • Von Die intelligente Lösung und die Grenzen des bürgerlich-demokratischen Staates am 24. Januar 2010 um 15:24 Uhr veröffentlicht

    […] des bürgerlich-demokratischen Staates @Schmidt: Ich verstehe und teile Ihren Ansatz, aber das „Lumpenproletariat“ das Marx und Engels gemeint haben, ist nicht Teil des (Industrie-)proletariats, sondern ward als „Bodensatz“ der […]

  • Von Wie das Finanzkapital sich neu erfindet am 27. Dezember 2011 um 13:24 Uhr veröffentlicht

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