Kapitalismus: Sozialismus oder Barbarei

Kapitalismus: Sozialismus oder Barbarei
So wie Engels diese Beziehung darstellt, ist sie nicht zu bemängeln. Der Klassenkampf ist der Motor der gesellschaftlichen Entwicklung, ab dem Moment, in dem Klassen in die Geschichte eingetreten sind, und damit auch die Geschichte recht eigentlich. Falsch wird es nur, wenn man diesen Klassenkampf zum Naturgesetz überhöht, so falsch, wie die bürgerlichen Ökonomen ihre Gesellschaft im Übrigen überhaupt begreifen, als die natürlichste nämlich.

Marx und Engels sind keine Ökonomen gewesen, sondern wissenschaftliche Sozialisten, und das ist ein bisschen mehr. Evolutionisten sind sie nur in dem Sinne, als sie die Darwinsche Herleitung der Natur und deren Gesetze selbstredend begrüßten, denn dies war die bis dahin beste Untermauerung des Materialismus (gegenüber dem Idealismus), nicht aber die dahinter stehende bürgerliche Klassenideologie. Spätestens beim Sozialdarwinismus hörte der Spaß dann auch auf. Dass sich sowohl Natur als auch Gesellschaft in einer Hinsicht weiterentwickeln, dürfte unbestreitbar sein: nämlich in Richtung Komplexität. Und ohne Darwin keine Machtergreifung des Kapitals über die Natur (und über den Menschen in dieser Natur). Und ohne Marx keine Option der Befreiung des Menschen (zunächst der Arbeit) aus dieser Ohnmacht, denn auch keine Befreiung von der Macht der Natur. Denn diese hat das Kapital nur angefangen, wird sie aber nicht zu Ende führen. Und wenn doch, dann zu einem schrecklichen. Denn die gesellschaftliche Theorie, die dieser Befreiung zugrunde liegen muss, ist die des dialektischen und historischen Materialismus, nicht die eines Idealismus, eines Positivismus, eines Obskurantismus, eines Eklektizismus, eines Agnostizismus….

Hier liegt also der Bezugspunkt zu Darwin, recht eigentlich ein negativer, denn die Dialektik ist eine verneinende, eine Darwin auch überwindende. – Mit Darwin gegen Darwin. So könnte es eines Tages lauten!

Die gesellschaftliche Entwicklung ist allerdings in einem höheren Maße komplexer als jede Naturentwicklung, durch das Eingreifen des Menschen nämlich (allerdings auch die „Natur“ wird eine solche nicht mehr sein, durch eben dieses Eingreifen). Hier noch von dem Evolutionisten Marx (oder Engels) zu sprechen, ist bestenfalls eine schlechte Anekdote auf schlechten Stammtischen. Die gesellschaftliche Entwicklung führt durch den Klassenkampf, u.U. über Kriege und natürlich über Revolutionen. – Wo gibt es in der Natur vergleichbares? Marx und Engels waren Revolutionäre!

Deterministen waren Marx und Engels auch nicht, denn sie erklärten nur die allgemeinen Entwicklungsgesetze, und die allgemeinen Gründe hierfür, aber sie waren keine Propheten. So ist die Entwicklung des Kapitalismus in Richtung Sozialismus wohl ein „Entwicklungsgesetz“ – etwas mehr als eine Tendenz, denn sie entspringt den im Kapital angelegten Widersprüchen. Das Kapital selbst schafft seine Totengräber, ja selbst gewisse gesellschaftliche Entwicklungen, die dem Sozialismus vorhergehen. Schauen wir uns doch nur im Moment die Krise an. Verstaatlichungen sind natürlich kein Sozialismus. Aber, und das befürchten die Konservativen, wie die Liberalen, zu Recht, sie gehen dem Sozialismus voraus (sie entspringen fremden Ordnungsbegriffen), sind Belege für eine objektiv sozialistische Entwicklungstendenz, und dies aus purer Not. Mitnichten muss das aber ein positives Ergebnis haben. All dies könnte auch zur Barbarei führen, eben aus den gleichen Gründen. – Nur eines wird sicher sein: Ein Ende des Kapitalismus!

Denn der Kapitalismus ist so wenig eine natürliche Gesellschaft wie eine unbegrenzt existierende.

Die Menschen bestimmen im Wesentlichen ihre Geschichte selbst, wenn auch dies eben auf allgemein vorgegebenen Bahnen. – Bahnen die aber ihr Eingreifen erfordern!

Diese Bahnen sind mitnichten von rein ökonomischer Natur. Der Mensch ist nicht der Sklave seiner Ökonomie. Er ist nicht einmal der Sklave all seiner politischen, ökonomischen, kulturellen „Sphären“ (der Matrix einer Gesellschaft). Er ist der Demiurg (Begriff von Marx) jeder neuen Gesellschaft, nicht ihr Objekt. Indem er diese Gesellschaft schafft, schafft er sich selbst als gesellschaftliches Subjekt. Entwicklung ist auf all diesen Sphären – relativ unabhängig von einander – und daher ist sie im höchsten Maße widersprüchlich und somit ergebnisoffen.

Aus diesem Grund ist die revolutionäre Theorie der entscheidende Hebel. Eine Theorie, die von der Waffe der Kritik zur Kritik der Waffen voranschreitet. Voraussetzung ist, dass die Theorie die Massen ergreift, die so zum Bewusstsein ihrer selbst gelangen.

Geschieht dies nicht, ist die Barbarei uns sicherer als der Sozialismus.

Ende der Geschichte – nicht d a s Ende
@Birke: Was Sie und auch andere hier vom Sozialismus halten, kann mir eigentlich egal sein, nicht egal aber ist mir, dass Sie und auch andere ständig Marx verleumden (nicht wegen der „Diktatur“, das ist geschenkt, denn was ist eine Revolution, wenn nicht die u n b e d i n g t e und ungeteilte Diktatur einer Klasse über eine andere! – War die Französische Revolution vielleicht etwas anderes?). Es stört mich, dass hier Marx als Determinist bezeichnet wird; ich dachte, ich hätte das klar gestellt.

Noch einmal: „Das Ende der Geschichte“ wäre mit dem Kommunismus erreicht, das heißt aber nicht, dass das das Ende überhaupt sei. Es ist das Ende der „geschichtlichen Epoche“ (im Kommunistischen Manifest sprechen Marx und Engels auch von der „Vorgeschichte“). Der Kommunismus als klassenlose Gesellschaft ist das Ende der Klassengesellschaft, mehr ist da nicht zu Ende. Und was danach kommt, lässt sich aus heutiger Sicht wohl nicht näher bestimmen. Klassen wohl nicht mehr! – Wäre anzunehmen – jedenfalls. – Ein ganz großer Anfang wäre das aber auf jeden Fall mal.

Mit dieser Aussage wird nur klargestellt, dass auch Klassen nur ein historisches Produkt sind, deren Ende naht, und zwar mit dem Kapitalismus zum ersten Mal – nach vielleicht 5000 Jahren – definitiv.

Eingefleischten Kapitalisten mag das als Determinismus erscheinen. Sollen sie es glauben, denn ihr Ende ist damit ja tatsächlich „terminiert“. – Ich würde sagen: von jetzt an vielleicht nicht mehr als 50 bis 100 Jahre. Dann dürfte der Spuk vorbei sein (das deckt sich in etwa auch mit der Zeitrechnung bzgl. der Klimakatastrophe; und die gegenwärtige Krise bringt da noch einmal eine Verzögerung rein – will heißen: verschärft auch die Klimakatastrophe, und u.U. erfährt damit das alles eine Beschleunigung – durch die Resonanzen – , hängt vom Subjekt ab, ob sich das noch länger im Kreis rumführen lässt, am Nasenring, in seinen Konsumwelten).

Das Zeitalter der Genies haben wir hinter uns
@Kalupner: „Nicht wahr ist und deshalb überflüssig ist, dass die Theorie die Massen ergreifen muss“. Genauso habe ich mir das gedacht. Und die Massendemonstrationen gegen G20 in England haben natürlich auch keine Bedeutung. Es ist zum Totlachen. Leute wie Sie, glauben, dass die Massen manipulierbare Objekte sind, genau wie die Finanzjongleure das im Übrigen glauben.

Das mit dem Fall der Mauer, war aus meiner Sicht keine Revolution, sondern die Vollendung einer Konterrevolution. Aber selbst dafür waren die Massen erforderlich. Was hätte der Westen denn gemacht, wenn die Bevölkerung in der DDR mehr angst vor den Waffen der Volksarmee gehabt hätte als Hoffnung auf eine westliche Zukunft? Keine Frage, das System wäre früher oder später zusammen gebrochen, nur auf welche Weise, das entscheiden die Massen. – So war es eine Konterrevolution, keine Revolution. Denn sie hatten keine angst, aber nicht weil sie nichts mehr zu verlieren hatten – und die Revolution nicht fürchteten -, sondern weil sie glaubten, der Westen stünde auf ihrer Seite, und würde ernsthaft das Regime bekämpfen. Aber sie wurden betrogen, selbst um den Status des Heldendaseins. Was sie nicht wussten, war, dass es dazu gar nicht kommen wird. Sie wurden Teil einer konterrevolutionären Bewegung, in die im Übrigen genau die Kräfte involviert waren, gegen die sie meinten, eine Revolution zu machen. Die Nomenklatura wurde geschont, die Kleinen wurden „gehängt“. So war das Spiel. Die Sache war abgesprochen. Mit der Nomenklatura, mit den Geheimdiensten, zwischen Ost und West, etc., p.p.. Die übelsten reaktionären Kräfte Westdeutschlands (die Strauß-Connection, und mit dieser die europäische Waffenindustrie, – Stichwort: Leunaaffäre, zum Beispiel) waren die Drahtzieher. Und auch aus diesem Grunde, scheitert der Kapitalismus gegenwärtig – nämlich an seiner eigenen Konterrevolution. (Das ist die Ironie an der Geschichte, denn das Kapital begreift die Wirkung seiner eigenen Massenbewegung nicht). Und mit ihm die Linke, die das verschläft, und dafür die entsprechende Theorie nicht hat. Das ist ein Drama. Und eine Chance. Nämlich das zu begreifen, dieses Komplott. Und vor allem zu begreifen, dass die Massen entscheidend sind, und nicht die Drahtzieher. – Jedenfalls für eine Revolution. Und ich bin überzeugt, dass die Massen, gerade aus der ehemaligen DDR, inzwischen was dazu gelernt haben, auch und vor allem über diesen angeblichen Gegensatz von westlichem Kapitalismus und östlichem Kommunismus. – Den gab es schon lange nicht mehr!

Gründe dafür liegen vor allem im Versagen der revolutionären Theorie, in der Unfähigkeit der politischen Führer diese Theorie stimmig zu halten und in den Massen zu verankern. In ihrer Missachtung der Dialektik. In ihrer Missachtung der Massen. Zu viele Missbräuche auch und gerade mit dieser Theorie. Zu viele Manöver mit den vorgeblich willfährigen Massen. – In Ost wie in West. Einen korrupten Kapitalismus kann es/muss es geben, aber mitnichten einen korrupten Kommunismus.

Und ein ganz wichtiger Punkt: Weltanschauung hat heute kaum noch einer (gleiches gilt für eine Religion), dafür aber verlangt die Zeit nach richtigen Theorien. Denn das ist auch eine wissenschaftliche, eine theoretische Krise des Kapitals. An dieser scheitern alle, die die Paradigmen der bürgerlichen Wissenschaft nicht zu überwinden wissen. Historischer und dialektischer Materialismus statt diverse Spielarten eines historischen Relativismus – das ist die philosophische Front, seit Lenins Streitschrift gegen Mach, gegen den Empiriokritizismus („Materialismus und Empiriokritizismus“ – 1909). Diese Krise dauert nun schon seit Einstein und auch die politische Krise geht damit einher. Es ist eine allumfassende Krise des warenproduzierenden Systems (und nicht nur eines Teils hiervon, von wegen „Kapitalstockmaximierer“…).

Die darauf aufbauende Klassengesellschaft ist es, die obsolet ist, schon lange.

In einem Punkt nähern Sie sich der Wahrheit vielleicht an, um diese sogleich wieder zu verlassen – mit ihren „klitzekleinen Veränderungen“. Diese spielen sich in den Massen ab, in deren Bewusstsein, und die bringen die Dominosteine in Bewegung. Es sind, wenn sie so wollen, die massenhaften Neuronenblitze, die unser Zeitalter bestimmen, ja in diesen durch „Hamburger“ aufgeweichten Gehirnen der Masse. Das ist das Paradox, ein solches aber nur dem, der nicht begreift, dass es die Massenbewegung ist und nicht die individuelle Geistesbewegung. – Die Interaktion, die Resonanzen in jener geistig (noch mehr als material) hochverdichteten gesellschaftlichen Realität.

Die Chaostheorie hat im Bereich der historischen und sozialen Wissenschaften als physikalische Theorie nichts zu suchen, es sei denn als ein ganz allgemeines Vorbild für die Dialektik. Hier wirkt sie aber in einer Massenbewegung von Subjekten und nicht in der Masse von blind agierenden Elementarteilchen. Das Bewusstsein, dasjenige, das die Lücke schließt, zwischen Objekt und Subjekt, das ist es, das die Bewegung initiiert, und die Geschichte zum Abschluss bringt. Und das kann nur als ein Massenbewusstsein verstanden werden. Das Zeitalter der Genies haben wir hinter uns. Wen wundert’s, dass ein Einstein vermutlich das letzte war.

faz.net: Darwin, Marx und andere Evolutionisten (eingestellter Blog „chaos as usual“)

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  • Von Beleg für eine historische Niederlage der Arbeiter am 1. Dezember 2009 um 21:41 Uhr veröffentlicht

    […] im Sterben liegenden Klassengesellschaft, aber wirklich nicht die eines Sozialismus, der sich die Befreiung der Arbeit auf die Fahnen geschrieben hat, nicht ein paar Feiertage mehr, doch wäre der Sozialismus mit dem […]

  • Von Die Mitverantwortung des Westens für das Selbstbild der DDR am 6. November 2010 um 19:29 Uhr veröffentlicht

    […] gebar, beerdigt wurde. Somit wurde diese Aufarbeitung selbst zu einem wichtigen Moment des neu aufflammenden Klassenkampfes und prägte damit auch das Gesicht beider deutscher Staaten. Im Westen spielte man das […]

  • Von Haben wir die Schwelle zur Barbarei schon überschritten? am 26. Januar 2014 um 21:05 Uhr veröffentlicht

    […] Snowden für uns etwa so was wie ein Gladiator im Circus Maximus? Dann hätten wir die Schwelle zur Barbarei schon […]

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