Die Mitverantwortung des Westens für das Selbstbild der DDR

Die Mitverantwortung des Westens für das Selbstbild der DDR
Man muss sich doch im Klaren darüber sein, dass die hier wieder so geschmähte Linke das Thema nicht nur aus eigenem Anlass, war sie doch neben Juden und anderen unterdrückten „rassischen“, resp. religiösen, Minderheiten, das Hauptopfer im Innern, sondern vor allem auch deshalb geradezu privilegiert aufzuarbeiten hatte, weil sich das Bürgertum dieser Auseinandersetzung entzog. Nach dem Krieg gab es Momente eines klassenübergreifenden antifaschistischen Bündnisses, was aber schnell, vor allem dann im Namen des Kalten Krieges, also im Namen desselben Klassenkampfes, welcher den Faschismus gebar, beerdigt wurde. Somit wurde diese Aufarbeitung selbst zu einem wichtigen Moment des neu aufflammenden Klassenkampfes und prägte damit auch das Gesicht beider deutscher Staaten. Im Westen spielte man das Unschuldslamm, im Osten das ewige Opfer. Eine kritisch-selbstkritische Aufarbeitung wurde damit fast unmöglich. Der Bau eines „antifaschistischen Schutzwalls“ besiegelte diesen tragischen Prozess. Also selbst aus westlicher Sicht müsste doch eine erhebliche Mitverantwortung auch und gerade für das mehr als fragwürdige Selbstbild der DDR eingeräumt werden. Oder glaubt hier wirklich jemand, dass, wenn die Linke geschwiegen, das Bürgertum geredet hätte.

faz.net/Eine „Mumie“ berichtet: Das Amt und der Friedhof, 05.11.2010

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