Zu viel des Alten
„Diese Dialektik zwischen Individuum und Umfeld, Prägung und eigener Perspektive wird sich wohl nie ganz auflösen lassen.“ Nun ja, das ist nun genau der Satz vom Widerspruch, der mich zum Widerspruch treibt.
Die Menschen machen die Verhältnisse, die sie wiederum selber „machen“. Das bedeutet, dass sie diese Verhältnisse nur in dem Rahmen gestalten, der ihnen vorgegeben ist. Das gilt auch für die, die den gewöhnlichen Rahmen zu übergreifen verstehen. Das Sein bestimmt das Bewusstsein. Selbst die tiefste oder weitest gehende Perspektive erarbeiten wir uns, indem wir uns entlang der uns umgebende und solchermaßen uns prägende Umgebung abarbeiten. Und selbst wenn wir dabei unsere Prägung überwinden, bleibt dies partiell. Die Prägung hat uns fest im Griff. Selbst die Methode der „Überwindung“ bleibt der Prägung treu.
Allgemein philosophisch ausgedrückt: Indem wir werden, bringen wir das Gewordene erst zum Vorschein. Die biologische Vielfalt, zu der das geistige Leben des Menschen letztlich zählt, scheint demselben Fraktale-Algorithmus zu folgen, wie unser ganzer physikalisch zu beobachtender Kosmos. Ewige Reproduktion-Selbstähnlichkeit. Die Rolle des Überschuss‘ dort wie hier, dort an Gravitationsfeldern, hier an Funktionen, für die Entstehung von neuem, für die Mutation, lässt sich vielleicht so beschreiben:
Das Neue folgt dem Alten solange, bis es das Alte über hat, zu viel des Alten.
faz.net/blogs/antike/archive/2012/11/18/mit-archilochos-wider-den-strom