Das Kapital im Schmuddelsandwich zwischen Prüderie und Pornographie

Das Kapital im Schmuddelsandwich zwischen Prüderie und Pornographie
Vor wenigen Wochen wurde mir ein Bild zugespielt, das die Kanzlerin (in sehr jungen Jahren) zusammen mit zwei weiteren jungen Schönheiten nackt an irgendeinem Badestrand, vermutlich an der Ostsee, zeigt. Zunächst wollte ich annehmen, dass das etwas Besonderes sei. Wer sieht schon die Kanzlerin nackt? Doch verwies mich ein Freund auf einen Presseartikel, unter dem Titel: Die nackte Wahrheit über die Kanzlerin, wo genau dieses Bild besprochen wurde. Dieser Artikel führte mich weg von der Frage „gibt es eine nackte Kanzlerin“ hin zu der Frage: Warum will diese Kanzlerin ihre Nacktheit nicht mehr eingestehen? Also hin zu einer zumindest amüsanteren Version von „Des Kaisers neue Kleider“.

Warum erhalten wir keinen Kommentar von unserer Kanzlerin? Nun die Brisanz liegt wahrscheinlich jenseits der zu verdeckenden Körperteile, also zwischen den fehlenden Zeilen. In dem vormals sozialistischen Teil Deutschlands war Nacktsein keine Schande, und schon gar nicht ein Ausdruck von wenig bekleidet sein. Es ging bei der FKK-Kultur jenseits von Mauer und Stacheldraht weniger um Körperkult – gleich um welches Geschlecht –, als um eine Kampfansage an die bürgerliche Doppelmoral. Viktorianische Prüderie auf der einen und spätkapitalistische Pornographie auf der anderen Seite bilden nämlich das „Sandwich“ in das sich das Kapital da so allmählich hinein geschmuddelt hat. Die diversen Skandale in jüngster Zeit, von pädophilen Künstlern, Lehrern und Priestern bis hin zu gewissen öffentlichen Personen, denen die Präferenz von Huren gar nicht mehr erst vom Gesicht abgelesen werden muss, belegen das zuhauf.
Gerade die letzten Beispiele zeigen aber auch die Doppelmoral der Kritik an ihrer eigenen bürgerlichen Schmuddelgesellschaft. „Der Jude“ eignet sich besonders für die „Abrechnung“ mit der gewöhnlich verleugneten schmuddeligen Seite des Kapitals.

Nicht von ungefähr ist das Thema Sexualität im Sozialismus immer schon ein Dauerbrenner gewesen. Missverstanden oft, benutzt außerdem (wer wüsste nicht von dem Pornogeschäft mit und ohne Stasi rings um die Leipziger Messen?!), auf jeden Fall aber unterschätzt. Schon die 68er haben es uns klar machen wollen: Die sexuelle Befreiung ist ohne soziale Befreiung nicht denkbar und vice versa.
Und genau um dieses vice versa geht es. Auch und gerade bei einer Frau Merkel.

Der Schmuddelsozialismus einer DDR ist natürlich von einem Schmuddelkapitalismus, wie wir ihn kennen, nicht zu unterscheiden. Doch vom Standpunkt der Theorie des Marxismus aus betrachtet gibt es Pornographie, also die schmuddelige Version von Nacktheit und Sexualität, nur dort, wo das Geschäft mit dieser Nacktheit und Sexualität blüht, wo es also einen Markt gibt. Geschäft qua „Körperkult“.

Mit dieser Thematik möchte sich natürlich jene den DDR-Sozialismus so wunderbar überlebt habenden und nunmehr „mächtigsten Frau“ (so mal betitelt in einer bürgerlichen Zeitung) der kapitalistischen Welt nicht (mehr) konfrontiert sehen. Daher leugnet sie besser nicht, was offenkundig ist, schweigt aber wie gewöhnlich zu den Dingen, zu denen andere dann was zu sagen haben.

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In Aktuelles, Arbeit und Kapital veröffentlicht | 10 Antworten